Becks letzte Bücher (Lesetipps)

Auf der gleichnamigen Facebookseite fing ich – zusammen mit der Figur Robert Beck aus Becks letzter Sommer – vor Jahren an, Lieblingsromane zu empfehlen. Dies ist eine ständig aktualisierte Auswahl daraus, die neuesten Tipps jeweils unten. Es sind bewusst keine ausgefeilten Rezensionen, dafür hoffentlich auf den Punkt and from the heart.

 

 

DER REISENDE

Dieses Buch ist nicht einfach nur eine große Wiederentdeckung und sehr lesenswert, es ist in diesen Zeiten fast ein Muss.

Deutschland, 1938: Nach den Novemberpogromen muss der bisher angesehene jüdische Kaufmann Otto Silbermann sein jahrelang aufgebautes Geschäft zurücklassen und vor den Nazis fliehen. Es gelingt ihm, zumindest einen Teil seines Vermögens zu retten. Fortan trägt er es in einer Aktentasche mit sich herum und sucht verzweifelt einen Weg aus dem Land. Doch die Grenzen sind so gut wie geschlossen und sein Versuch, illegal nach Belgien zu gelangen, scheitert. Wo soll er nun hin? Seine nichtjüdische Frau ist zu ihrem Bruder gereist, beide trauen sich nicht, ihn aufzunehmen. In Hotels wird die Herkunft der Gäste kontrolliert, seine Wohnung ist längst überwacht, wer als Jude erkannt wird, dem droht die willkürliche Verhaftung. Von der ständigen Angst begleitet, denunziert oder aufgegriffen zu werden, reist Silbermann mit der Reichsbahn durch Deutschland; unentwegt hin und her, die Tasche mit dem Geld immer bei sich. Er begegnet verschiedensten Menschen, manche helfen ihm, andere stellen eine Enttäuschung oder gar Gefahr da. Währenddessen versucht sein in Frankreich lebender Sohn noch immer, eine Ausreisegenehmigung für ihn zu erwirken …

Als Ulrich Alexander Boschwitz Der Reisende schreibt, lebt er selbst bereits im Exil, in das er vor den Nazis geflohen ist. Es ist das Jahr 1938, er steht unter den Eindrücken und dem Schock der Pogrome, mit denen die systematische Verfolgung der Juden beginnt. Binnen weniger Wochen schreibt er einen fulminanten Roman, der 1939 in England erscheint, 1940 dann in Amerika. Im selben Jahr wird Boschwitz wie fast alle Deutschen, die nach England geflohen sind, interniert und später mit anderen Geflüchteten auf einem hoffnungslos überbelegten Schiff nach Australien gebracht.

Dort schreibt er unentwegt weiter und vertraut einem Mitgefangenen an, dass er fast mehr Angst um sein letztes Manuskript als um sein Leben habe. In einem Brief berichtet er seiner Mutter, dass er auch Der Reisende noch einmal gründlich überarbeitet und verbessert habe. Er könne sich vorstellen, dass das Buch in einem befreiten Deutschland Chancen habe, veröffentlicht zu werden.

Wenige Wochen später – es ist inwzischen 1942 und erste Gefangene kommen frei – besteigt er ein Passagierschiff zurück nach Europa, das nahe der Azoren von den Nazis abgeschossen wird. Boschwitz ist siebenundzwanzig, als er stirbt. Sein letztes Manuskript geht mit ihm unter, es ist das einzige Exemplar. Und auch eine Abschrift seiner Überarbeitungen an Der Reisende findet sich in den folgenden Jahren nicht.

Dass dieses Buch nach Jahrzehnten nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist, ist dem Herausgeber Peter Graf zu verdanken. Und dem Hinweis, den er bekam, dass sich das Originaltyposkript im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek befindet. Mit dem Einverständnis von Boschwitzs Familie lektorierte Graf diese Fassung – mit großem Erfolg. Der Roman liest sich hervorragend, man hat nie das Gefühl, nicht die beste Version in den Händen zu halten. Vor allem aber ist es Boschwitz‘ Geschichte selbst, die einen packt und nicht mehr loslässt. Seine genaue Zeichnung der Stimmung um 1938 ist zutiefst beunruhigend, und mit seinem fast filmischen Gespür für dichte Szenen, Tempo und Dialoge treibt den Leser atemlos durch die Handlung, bis man das Buch binnen kürzester Zeit beendet hat.

Es ist ein großer Verdienst von Peter Graf und dem Klett-Cotta Verlag, diesen Roman restauriert und in dieser Ausgabe zu veröffentlichen – und seinem Autor damit endlich den Ruhm zu gewähren, der ihm gebührt. Der Reisende ist aber nicht einfach nur ein starkes, absolut lesenswertes Buch – in Zeiten, in denen rechte Parteien zunehmend Stimmen gewinnen, ist er ein unerlässliches Stück Erinnerungskultur.


 

DIE ARTURO-BANDINI-TRILOGIE

Wer war John Fante?

Dass darauf nicht alle Literaturinteressierten sofort und entschieden antworten können, ist eine Sensation im negativen Sinne. Auch ich habe leider viele zu lange gebraucht, um diesen Autor zu entdecken. Die Antwort dagegen ist simpel: John Fante wurde 1909 in Denver, Colorado geboren, als Amerikaner italienischer Abstammung. Er starb 1983 in Los Angeles. Und dazwischen schrieb er einige Bücher und Drehbücher … Soweit die simplen Eckdaten. Vor allem aber ist er der Schöpfer seines dunklen Alter Egos Arturo Bandini, eines jungen Möchtegernschriftstellers aus ähnlich ärmlichen Verhältnissen. Talentiert und kühn, aber auch großmäulig und aufbrausend, ein kindischer und manchmal zutiefst abstoßender Pseudo-Macho gegenüber Frauen, dann wieder reuig, tief und gewitzt.

Fünf Bücher gibt es über diesen Arturo Bandini, drei davon sind in dieser Blumenbar-Edition enthalten. Alle genialisch übersetzt von Alex Capus, der sich diesem Job mit spürbarer Leidenschaft gewidmet hat. Denn das Drama um John Fante ist ja: kaum jemand hatte damals seine Romane gelesen. Erst zum Ende seines Lebens sorgte eine Aussage von Charles Bukowski („Fante war mein Gott“) dafür, dass er wiederentdeckt und neu herausgegeben wurde.

Aber wenn man sich überlegt, dass der junge Arturo Bandini in „Frag den Staub“ schon 1939 auf seine teils charmante, teils großmäulige und schlicht ironisch-witzige, nervenaufreibende Weise durch Los Angeles zieht, von schriftstellerischem Erfolg und Frauen träumt, in einem heruntergekommenen Zimmer haust, eine schwierige On-Off-Liebe zu einer mexikanischen Kellnerin pflegt – dann muss man eben feststellen, dass das ganze 13 Jahre vor seinem Bruder im Geiste an der Ostküste war – J.D. Salingers Holden Caulfield. Nur ohne vergleichbaren Pionier-Ruhm. Und das ist wirklich ein dunkler Fleck in der Literaturgeschichte.

In Warte auf den Fühling, Bandini, geht es hingegen um die Kindheit und Jugend von Arturo in Colorado, mit der überreligiösen Mutter und dem gehassten und zugleich innig geliebten Taugenichts-Vater, der zumindest manchmal als Maurer arbeitet. Dies ist auch der einzige „Bandini“, der nicht aus der Sicht von Arturo selbst geschrieben wurde.

Warten auf Wunder (Im Original: Dreams from Bunker Hill) erschien dann kurz vor John Fantes Tod 1982. Der Autor war da schon schwer zuckerkrank. Beide Beine mussten ihm amputiert werden, blind diktierte er das Buch seiner Frau. Es ist für mich zugleich der beste Arturo-Bandini, wobei Frag den Staub schon auch sehr gut ist.

Wie übrigens auch das nicht in dieser Edition enthaltene 1933 war ein schlimmes Jahr. Posthum erschien dann noch Der Weg nach Los Angeles, das zu Lebzeiten abgelehnt wurde und einen noch etwas unausgereifteren, jüngeren Fante zeigt, aber auch ein paar unvergessliche, irre Stellen bietet, die heute vermutlich kein Autor mehr so wagen würde. Überhaupt ist Arturo Bandini für den lebenslang glücklich verheirateten John Fante vermutlich das gewesen, was Slim Shady für Marshall Mathers alias Eminem ist. Nicht umsonst ist das alles hier bewusst provokant und überzeichnet, wird diese Figur stellenweise als Ekel und tragischer Idiot enttarnt, der nichts gebacken kriegt, seinen Vater verurteilt und hasst, ihm aber trotzdem nacheifert und teils unerträglich gegenüber Frauen ist, seinen unzähligen Chefs mit wütenden Tiraden kündigt und die Schuld stets bei anderen sucht – und nur ganz selten begreift, dass in Wahrheit nur er selbst für alles verwantwortlich ist. Und so darf man diesen Arturo Bandini getrost hassen, über ihn oder auch seine Ironie lachen, ihm fasziniert durch sein Leben folgen; manchmal sogar kurz gerührt, noch viel öfter über ihn den Kopf schüttelnd. Nur eines darf man fast nie: ihn ernst nehmen.

Ich wünschte, Fante hätte mehr Ruhm für seine Pionierarbeit an der Ich-Perspektive abbekommen, und ich bin dem Blumenbarverlag und Alex Capus dankbar, dass sie sich hierzulande intensiv bemühen, das zu ändern. Eines muss ich nämlich auch sagen: Mein Held beim Schreiben von Spinner war Holden Caulfield. Doch wie viel näher wäre mir damals bei der Schreibe und dem Phantasieren des schriftstellerischen Ruhms – allerdings auch nur da – dieser Arturo Bandini gewesen.


 

JENSEITS VON EDEN

Mit Sicherheit eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.

In Amerika ist der Nobelpreisträger John Steinbeck noch immer ein Gigant, hierzulande hört man gefühlt nicht mehr so oft von ihm. Da ich es immer auffällig fand, wie viele bewunderte Autoren von ihm schwärmen, beschloss ich, mir endlich mal sein Familienepos Jenseits von Eden vorzunehmen, berühmt geworden u.a. durch die Verfilmung mit James Dean. Es ist erschütternd gut.

1952 erschienen, hat der Roman nichts an Strahlkraft und Tempo eingebüßt. Manche Stellen sind so dicht und spannend geschildert, dass ich kurz verschnaufen musste. Auch Tage nach dem Lesen denke ich noch oft an die Geschichte der Familien Hamilton und Trask. An die ungleichen Brüder Aron und Cal, die beide um die Liebe ihres Vaters kämpfen und dieselbe Frau begehren. Daran, wie dem einen alles zufliegt, während der andere das Schlechte in sich zu tragen scheint, und ob es einen Ausweg aus diesem scheinbar vorgezeichneten, biblischen Schicksal gibt. Und an Samuel Hamilton, den Chinesen Lee und die bösartige Cathy Ames, drei der großartigsten Figuren, die mir je in einem Roman begegnet sind. Um sie herum erzählt das Buch über sechzig Jahre und mehrere Generationen hinweg die Geschichte vom Salinas Tal in Kalifornien und dem unaufhaltsamen Fortschritt Amerikas, der schließlich jäh im ersten Weltkrieg endet.

Lesegefühl: Es sind über siebenhundert Seiten, doch schnell merkt man, welche Meisterschaft und Ambition in diesem Buch stecken. Trifft man erstmal auf Adam Trask und seinen finsteren Bruder Charles, kann man nicht mehr aufhören, von da an entwickelt die Geschichte einen großen Sog und eine fast archaische Erzählkraft. Wenn man nicht besonders schnell liest, liegt das nur noch daran, dass das Buch so dicht ist, dass man es immer wieder weglegen und über manche Stellen nachdenken muss.

Ein paar kurze allgemeine Auslassungen von Steinbeck könnten für manchen Leser den Erzählfluss minimal stören oder befremdlich wirken, aber das fällt bei diesem Wahnsinnswerk überhaupt nicht ins Gewicht. Dass hier und dort feiner Humor aufblitzt, schafft zudem immer wieder Erleichterung, während die Geschichte unaufhaltsam auf die dramatischen Ereignisse am Ende zusteuert.

Fazit: Lesen. (Mehr gibt’s wirklich nicht zu sagen.)


  

 

WUNDERKIND / DIE BALLADE VOM TRAURIGEN CAFÉ

Eine Kollektion der wohl stärksten Kurzgeschichten, die man finden kann. Und eine ebenso gute Novelle.

Die amerikanische Autorin Carson McCullers ist mir von allen schreibenden Menschen vielleicht am nächsten. Gar nicht wegen des Aufbaus ihrer Romane und Geschichten, mehr durch die Art, mit der sie auf andere blickt. Ihre Empathie und Feinfühligkeit habe ich immer bewundert, und wenn ich mir eine Sache wünschen könnte, dann, dass ich noch viel früher auf sie gestoßen wäre.

Mit Wunderkind erhält man einen guten Einblick in ihr umfassendes Werk an Kurzgeschichten. Es ist eine Auswahl einiger besonderer Stories. Die titelgebende Geschichte etwa schrieb sie bereits mit sechzehn, schon da erkennt man ihr großes Talent. Und bereits in dieser Story schimmert auch die Melancholie durch, die McCullers Schreiben und leider auch Leben in den folgenden Jahrzehnten begleitet hat. Wahre Highlights sind Der verfolgte Junge und Wer hat den Wind gesehen?, aber auch Der Nomade und andere. Ich habe in den letzten Jahren vielleicht fünfzig, sechzig Kurzgeschichtenbände gelesen, aber eine solche – konstante – Meisterschaft in einer Anthologie ist mir nur ganz selten begegnet. Abgerundet wird die Auswahl mit einem hervorragenden Vorwort, das uns die Autorin noch mal näher bringt.

Die Ballade vom traurigen Café dagegen erzählt auf Novellenlänge die Geschichte von Miss Amelias Café. Inzwischen ist es längst geschlossen aufgrund der grotesken, tragischen Ereignisse am Ende, die Erzählung aber blickt zuvor zurück auf die Zeit seiner Blüte, als die Bewohner – darunter auch viele schräge Vögel – dort ein und aus gingen und der Ort in den tiefsten Südstaaten auf einmal pulsierte. Auch hier findet sich alles, was McCullers Schreiben ausmacht – und dazu diesmal auch ein ordentlicher Schuss Humor.

Fazit: Ich kann diese Autorin nur allen Menschen ans Herz legen. Es gab keine zweite wie sie, und dass sie ihrem tragischen Leben solche Geschichten abgerungen hat, ist ein großes Glück für die Literatur.


 

SCHLOSS AUS GLAS

Das Buch, das mich letztes Jahr vielleicht am meisten berührt hat, ist Jeannette Walls’ 2005 veröffentlichte Autobiographie Schloss aus Glas. Allein der Einstieg ist atemberaubend: Die Autorin sitzt im Taxi, auf dem Weg zu einer Cocktailparty in Manhattan. Sie trägt ein teures Kleid, lebt mit ihrem Mann in der Park Avenue. Das Taxi hält an einer Ampel, sie sieht aus dem Fenster und entdeckt zufällig am Straßenrand eine Obdachlose, die im Müll wühlt …

Ihre Mutter.

Mit dieser Szene beginnt das Buch und stößt gleichzeitig eine Tür zur Vergangenheit auf, denn fortan erzählt Walls, unter welch abenteuerlichen Umständen sie mit ihren Geschwistern aufwuchs. Da wäre der Vater, ein ehemaliger Air Force-Mitarbeiter, handwerklich geschickt und klug, ein begnadeter und von seinen Kindern vergötterter Geschichtenerzähler. Sein Ziel: Endlich mit einer selbstkonstruierten Maschine auf Gold stoßen, um dann das „Schloss aus Glas“ zu bauen. Die fertigen Architekturpläne hat er immer dabei. Nach und nach entpuppt er sich jedoch als zwar genialischer, aber auch etwas zwielichtiger Gaukler (ich habe die Verfilmung nicht gesehen, aber Woody Harrelson dürfte die absolut perfekte Wahl gewesen sein). Die Mutter dagegen ist eine exzentrische Künstlerin, schreibend, malend, dichtend, kreativ, aber auch zäh, egoistisch und hart – und oft in ihrer eigenen Welt.

Ständig zieht die Familie um, mal, weil sie kein Geld für die Miete haben, mal, weil der Vater einen Job in Aussicht hat. Anfangs erleben es die Kinder als Abenteuer. Sie leben in der Wüste, in schrottigen Siedlungen, sie lernen Gewalt kennen, aber sie haben auch einander – und bald werden sie ja endlich im Schloss aus Glas wohnen. Doch die Lage wird prekärer, die Behausungen ärmlicher, und der geliebte Vater verfällt zunehmend dem Alkohol …

Was mir an diesem Buch sehr gefiel, war der Tonfall. Lakonisch, humorvoll, ehrlich, warmherzig, und vor allem: nie mitleidig oder anklagend wird hier eine unvergessliche Geschichte erzählt. Ist man erst mal mit den Figuren vertraut, kann man kaum noch aufhören zu lesen. Ein mittreißendes, bewegendes, lebenskluges Buch. Hier traf eine ungewöhnliche Biographie auf eine ungewöhnlich begabte, großartige Autorin – ein Glücksfall für alle Leser.


 

WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB

Nur wegen dieses einen Satzes? Nur wegen dieses einen Satzes!

Während Kazuo Ishiguros neuestes Buch Der begrabene Riese noch ungelesen auf dem Nachttisch liegt, erstmal ein Blick zurück. Was vom Tage übrig blieb (Im Original: The Remains of the Day) erschien 1989 und brachte seinem Autor den renommierten Booker Prize und Weltruhm ein, die Verfilmung wurde zudem für acht Oscars nominiert. Ein faszinierendes Werk, vor allem, weil die eigentliche Geschichte kunstvoll am Leser vorbeigeschmuggelt wird und sich erst am Schluss enthüllt. Und dann kommt er, dieser eine Satz, für den das ganze Buch geschrieben wurde und den man nicht mehr vergessen kann.

England, 1956: Butler Stevens ist nicht mehr der Jüngste, er hat sein ganzes Leben aufopferungsvoll für den inzwischen verstorbenen Lord Darlington gearbeitet. Nun hat er nicht nur einen neuen Schlossherrn, er selbst braucht auch neues Personal. Da erinnert er sich an Miss Kenton, eine ehemalige Bedienstete, deren Arbeitskompetenz er stets geschätzt hat. Er reist mit dem Wagen nach Südengland, um sie zu überreden, wieder nach Darlington Hall zurückzukehren. Unterwegs versenkt er sich in seine Erinnerungen an das harte, verdienstvolle Leben eines Butlers. Was es heißt, seine Würde und Contenance zu bewahren, loyal zu sein und sein ganzes Leben in den Dienst seines Herrn zu stellen. Aber was, wenn dieser nicht so edel war, wie immer gedacht? So empfing Lord Darlington vor dem Krieg führende europäische Politiker, offiziell im Zuge der „Appeasement-Politik“, um Hitlers Krieg noch zu verhindern. Doch war die Sache damals wirklich so eindeutig?

Je mehr Stevens darüber nachdenkt, und je weiter er sich von Darlington Hall entfernt, desto mehr stellt sich die Frage, was mit ihm selbst ist. Und mit dem Rest, der ihm vom Tage noch geblieben ist …

Lesegefühl: Ganz ehrlich, ich habe damals wirklich gebraucht, um reinzukommen. Böswillig kann man den Anfang auch langweilig nennen, aber so war es gar nicht. Ich musste mich vielmehr erst an das spezielle Erzähltempo gewöhnen, und an Stevens Ausdrucksweise, die sehr durchdacht und gewählt ist, durchzogen von der Selbsttäuschung eines Butlers. Je weiter ich aber las, desto spannender wurde die Geschichte, bis eben zu ihrem Ende. Die letzten Seiten entfalteten eine Wirkung, die selbst jetzt – Jahre nach dem Lesen – noch anhält. Wie genial Ishiguro das komponiert hat! Er benutzt dabei nur feinstes Werkzeug, fordert zunächst die Geduld des Lesers und zahlt sie am Ende doppelt zurück. Ein Meister der kaum wahrnehmbaren, aber umso wirkungsvolleren Frequenzen, der subtilen Zwischentöne. Auch seine anderen Romane wie das unvergessliche Alles, was wir geben mussten (siehe weiter unten) und Als wir Waisen waren haben diese besondere Stimmung, die mich manchmal an geliebte Hayao Miyazaki-Filme erinnert – kombiniert mit der Erzählkunst britischer Autoren. Ich habe irgendwo mal gelesen: „Ishiguro schreibt das schönste Englisch“. Obwohl ich die Bücher auf Deutsch gelesen habe, würde ich sofort unterschreiben, weshalb man die kongenialen Übersetzungen von Bernhard Robben nicht genug loben kann.

Fazit: Ein Geniestreich. Punkt. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt und findet ein großes Leseglück.


 

 

BEALE STREET BLUES / VON DIESER WELT

Eines vorneweg: Es war mir nicht möglich, mich zwischen diesen beiden Romanen des wiederentdeckten amerikanischen Schriftstellers James Baldwin zu entscheiden. Beide las ich letztes Jahr schnell hintereinander, und beide sind derart gut, aber auch verschieden, dass ich sie hier nun einfach zusammen empfehlen möchte.

James Baldwin war in Amerika eine Ikone als Vorkämpfer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Befreundet mit Martin Luther King, bekannt für seine Romane und seine klugen, oft um die Ecke denkenden Essays. Gleichzeitig blieb er lange auch ein Außenseiter. Nicht nur wegen seiner Homosexualität, auch wegen seines Werdegangs. So zog er – als er mit seinem Debütroman nicht weiterkam – von Harlem Anfang der 1950er Jahre nach Europa, um weit entfernt von zu Hause endlich seine eigene Stimme als Autor zu finden. Sein Durchbruchsbuch Von dieser Welt (Im Original: Go Tell It on the Mountain) entstand deshalb in Paris – aber vor allem auch weit oben in einem Bergdorf in der Schweiz.

Es ist die wirklich furiose Geschichte eines einzigen Tages in den 1930er Jahren, und es ist zugleich auch stark autobiographisch gefärbt. Man blickt dem jungen John Grimes über die Schulter, der mit der Entscheidung ringt, sich von seiner Familie zu lösen und nicht wie sein Vater Prediger zu werden, obwohl alle es von ihm erwarten. Und so gibt es viele religiöse Verweise und Predigten, das Buch macht da keine Kompromisse. Aber noch mehr ist es eine unglaublich packende, dichte Erzählung, mit der man tief in den damaligen Rassismus und die Nöte eines schwarzen Jungen eintaucht, der seinen eigenen Weg gehen will. Ziemlich unvergesslich.

In Beale Street Blues (Original: If Beale Street Could Talk) stehen dagegen Tish und Fonny im Mittelpunkt. Beide kennen sich seit Kindertagen, sind verliebt, malen sich unter schwierigen Bedingungen die gemeinsame Zukunft in New York aus. Als Tish schwanger wird und sie vielleicht endlich eine Wohnung kriegen, scheint das Glück für einen Moment nahe – bis Fonny von einem rachsüchtigen weißen Polizisten fälschlicherweise der Vergewaltigung beschuldigt wird und ins Gefängnis kommt. Es gäbe die Chance, ihn herauszuholen und seine Unschuld zu bewiesen, aber das verstörte Opfer ist inzwischen in ihre Heimat Puerto Rica geflohen. Und es scheint schwierig, sie noch mal zu einer Aussage bewegen zu können …

Auch diesen Roman von Baldwin liest man atemlos. Es scheint verrückt, dass er schon vor 46 Jahren erschienen ist, derart frisch und rasant wird die Geschichte erzählt, derart aktuell sind die Systemkritik, die hinter den Zeilen steckt, und leider auch der noch immer alltägliche Rassismus. Auch hier muss man – wie schon bei Von dieser Welt – sehr die Übersetzerin Miriam Mandelkow loben. Immer wieder blitzen beim Lesen auch Wärme und Humor auf, und so wird man sofort in die Geschichte von Tish und Fonny hineingezogen. (Sehr gelungen ist übrigens auch die Oscar-nominierte Adaption, die unter dem Originaltitel If Beale Street Could Talk in den Kinos kam).

Fazit: es sind zwei großartige Romane. Vielleicht ist Beale Street Blues der bessere Einstieg, aber einen tieferen Blick in das Werk und das Leben von James Baldwin erfährt man durch Von dieser Welt. Beide Bücher kann ich sehr empfehlen, und ich garantiere: sie sind nicht nur stark, sie lesen sich auch verblüffend modern und wirken trotz ihres Alters nicht ansatzweise angestaubt. Gerade diese Tatsache dürfte einer der vielen Gründe für die weltweite Renaissance dieses Autors sein.


 

DAS ALSO IST MEIN LEBEN

Eines der besten Jugendbücher überhaupt. Punkt.

Hier haben wir mal den umgedrehten Fall: Der Film brachte mich aufs Buch. Und nicht irgendeine Verfilmung, denn The Perks of Being a Wallflower von 2012 ist ein wahres Kleinod. So genial adaptiert, als hätte der Autor der Vorlage selbst das Drehbuch geschrieben und Regie geführt – und genau das hat Stephen Chbosky auch getan. Nachdem sein Roman bereits im Jahr 1999 erschien, ließ er sich viele Jahre Zeit, arbeitete in Hollywood und verfilmte schließlich sein eigenes Buch auf die bestmögliche Weise. Ein potenzieller Lieblingsfilm mit einem der schönsten Schlussmonologe des Coming-of-Age-Genres.

Aber auch das Buch ist auf seine Weise wundervoll. Es erzählt ein Jahr im Leben des sechzehnjährigen Außenseiters Charlie, der zu Beginn frisch auf die High School kommt. Er schließt zum ersten Mal Freundschaften – mit der hinreißenden Sam und dem lustigen Patrick –, verliebt sich, macht Erfahrungen mit Drogen, aber auch mit Zurückweisungen und Rückschlägen. Nicht wissend, dass die wahre Prüfung auf ihn erst am Ende des Jahres warten wird.

Lesegefühl: Der Roman ist aufgebaut in Briefen, die Charlie an einen Unbekannten schreibt. In diesen Briefen erzählt er, was ihn gerade beschäftigt oder zuletzt vorgefallen ist. Das ist so gut und authentisch gemacht, dass man mit dem Lesen kaum aufhören kann, auch wenn manchmal fast nichts passiert. Aber was so fesselt, sind die Empathie, die Beobachtungsgabe und die Aufrichtigkeit, mit der diese Geschichte geschrieben ist. Charlie ist kein sarkastischer Sprücheklopfer, sondern sensibel, verletzlich und mit einem Herz aus Gold. Während die – wunderbaren! – Jugendbücher von John Green oft die anderen Figuren oder vor allem die Story in den Vordergrund rücken, sind es bei Das also ist mein Leben eher der Protagonist und sein Innenleben, die faszinieren. Und doch ist es erstaunlich, wie viel Charlie in seinem ersten High School Jahr am Ende erlebt hat.

Fazit: Wer irgendwo ein 16jähriges Wesen in der Nähe hat oder sich selbst noch mal in diese Zeit zurückversetzen möchte – dies ist das ideale Buch für beides.


 

DAS ATTENTAT

Wie schon bei Tschick weiter unten habe ich auch diesen Roman zum zweiten Mal gelesen, und auch hier hat das Buch nichts an Kraft eingebüßt. In Das Attentat von 1982 geht es um die Tragödie im Leben des zwölfjährigen Anton Steenwijk aus Harleem. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wird seine gesamte Familie von den Nazis getötet, ihr Haus niedergebrannt. Ein blinder Racheakt für die Ermordung des niederländischen Nationalsozialisten Fake Ploeg – dessen Leiche irgendjemand bewusst vor das Haus der Steenwijks gelegt haben musste.

Das Buch schildert im Folgenden in fünf Episoden, wie dieses Trauma Antons Leben prägen wird. Als Kind. Als jungen Erwachsenen. Als Familienvater. Und am Ende als älteren Mann, der durchaus noch mal Überraschendes über jene verhängnisvolle Nacht erfährt. Und so wandeln sich für Anton auch die Bedeutung des Attentats und dessen mögliche Motive im Laufe der Jahre immer wieder.

Lesegefühl: Der Niederländer Harry Mulisch – bekannt auch für das großartige Die Entdeckung des Himmels – schafft in diesem Buch das Kunststück, sich einem ungeheuer schwierigen und komplexen Thema zu nähern, ohne dabei das Gewicht auf den Leser abzuwälzen. Vielmehr erhält der Roman seine Schwere, wenn man später darüber nachdenkt. Eine nicht genug zu würdigende Leistung.

Und so hätte Mulisch für das historisch tiefenscharfe Attentat und dessen überragende Komposition eigentlich zwingend den Nobelpreis kriegen müssen. Denn auch heute liest sich dieses schlanke, nicht mal zweihundert Seiten umfassende Buch geschliffen, psychologisch und immer wieder überaus spannend.

Fazit: So etwas nennt man ein zeitloses Meisterwerk.


 

WAS ICH SONST NOCH VERPASST HABE

Große Geschichten aus dem Leben einer faszinierenden Frau.

Lucia Berlin ist Mitglied im Club der zu Lebzeiten verkannten AutorInnen, und wenn man Was ich sonst noch verpasst habe liest, mag man es kaum glauben. Die Geschichten sind derart reich und lebensweise – und einfach nur phantastisch geschrieben. Und sie haben davon profitiert, dass die Autorin wusste, was es heißt, zu leiden – und wie man dennoch dem Leben in einem täglichen Kampf das Glück abtrotzt.

Lucia Berlin hatte drei Ehen, vier Kinder, sie hatte unzählige Jobs wie als Telefonistin, Krankenpflegerin, Arzthelferin und Lehrerin. Sie begleitete ihre krebskranke Schwester in Mexiko in den Tod, war selbst wiederum drogensüchtig und alkoholabhängig, musste durch eine Erkrankung als Jugendliche lange ein Korsett tragen und hatte später große Atemprobleme. Doch sie gab nie auf. Und so sucht man Selbstmitleid in diesem Buch vergeblich, vielmehr berührt vor allem ihr Blick auf das Wesen von anderen. Nie wird von oben herab auf Schwache geschaut, sondern immer mitfühlend. Nichts Menschliches war ihr fremd, und das spürt man. Nach Hause finden und Trauern heißen etwa ganz starke Geschichten, aber von denen gibt es in diesem Buch so einige.

Was ich sonst noch verpasst habe ist somit kein deprimierendes Werk, sondern das genaue Gegenteil. Es besingt das Leben, ohne den Schmerz zu ignorieren. Es ist wundervoll geschrieben und am Ende bleibt nichts als Bewunderung für diese Autorin und Frau.


 

ABBITTE

Dieses Ende …

In Abbitte erzählt uns Ian McEwan zunächst die Geschichte eines heißen Sommers im Jahre 1935. Wir lernen die wohlhabende Familie Tallis kennen, die ein großes Gut auf dem Land hat. Aber auch den Sohn der Zugehfrau, den sympathischen Robbie Turner. Als sich zwischen ihm und der anfangs hochnäsigen Cecilia Tallis eine aufregende Liebe entspinnt, geraten die Dinge ins Wanken. Und das liegt vor allem an der kleinen Schwester von Cecilia, Briony. Ihre falsche Androhung droht das Glück der beiden Liebenden zu zerstören. Die Frage ist nur: Kann man so einen Fehler je wiedergutmachen?

Da beginnt der Zweite Weltkrieg …

Lesegefühl: Geschickt baut McEwan seinen mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman auf. Sorgfältig legt er im ersten Teil die Saat, die dann in den beiden weiteren Teilen geerntet wird. Das Buch wird nach dem ruhigen, zugegeben nicht immer flotten Beginn derart spannend, dass man die letzten dreihundert Seiten am Stück liest und es manchmal kaum auszuhalten ist. Bis hin zu einem Ende, das ich nie, nie mehr vergessen werde.

Herausragend ist dabei der sprachliche Stil McEwans, der auch immer wieder Humor aufblitzen lässt, auf fast jeder Seite eine glänzende Formulierung hat und meisterhaft aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Wie Briony etwa als 13jähriges, eifersüchtiges und selbstbezogenes Mädchen denkt und später als reuige Erwachsene ist große Literatur. Und eine der besten, hinreißenden Sexszenen in der Literatur hat Abbitte auch noch (muss man ja auch mal loben dürfen).

Fazit: Ein Roman, an dessen Ende man mit hohem Blutverlust und zahlreichen Wunden dasitzt, aufgewühlt, tief bewegt, geschockt und überwältigt. Ein Roman also, bei dem man etwas FÜHLT, und an den ich nun, eine Woche nach dem Lesen, noch immer oft denke. Grausam und konsequent ist diese Geschichte über Moral und Unschuld in der Schuld, aber auch großartig, berührend und perfekt konstruiert.


 

DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER VON KAVALIER & CLAY

Frage: Kann man ein Buch empfehlen, das achthundert Seiten hat und sich manchmal in zu detaillierten Beschreibungen verliert, so dass seltenerweise eine Seite auch mal langweilig ist? Antwort: Hell, yes!

Michael Chabon ist einer meiner persönlichen Favoriten. Es fing an mit Die Geheimnisse von Pittsburgh, setzte sich fort mit dem – genial verfilmten – Wonder Boys, es folgten Kurzgeschichten, weitere Romane und seine Drehbucharbeit an Spider-Man 2, der ihm seine schönsten Dialogzeilen verdankt – während Doctor Octopus durch khn zum T.S. Eliot-Leser wurde. Chabons Meisterstück ist aber Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay.

Es sind die späten Dreißigerjahre in New York. Die Weltausstellung setzt kühne Zukunfsträume frei, während die Nazis in Europa ihren Krieg heraufbeschwören. Gleichzeitig ist es auch die Pionierstimmung der ersten Comics. Nach dem Erfolg des damals neuen Superman wollen alle Zeitungen und Verlage solche Helden haben. Je schneller, desto besser. Der junge Sam Clay und sein aus Prag nach Brooklyn geflohener, jüdischer Cousin Josef Kavalier mischen da nur zu gern mit. Bis in die Nacht hocken sie mit begabten Nerd-Freunden zusammen, rauchen, diskutieren bei Kaffee und Sandwiches und denken sich schließlich ihren eigenen Helden aus – den Eskapisten, der auf seinem ersten Cover Hitler einen satten Kinnhaken verpasst. Ihr Comic wird ein Erfolg, sie könnten das Leben genießen – wäre da nicht die Familie von Josef (nun Joe), die noch immer in Prag festsitzt und deren Leben nach Kriegsausbruch in großer Gefahr ist …

Lesegefühl: Michael Chabon ist der Meister der verspielten Sprache. Mal ist vielleicht ein Schnörkel zu viel, aber was macht das schon, wenn derart viele Treffer dabei sind. Das Buch ist warmherzig, komisch und brillant geschrieben und voller Szenen, die man mit großer Freude liest, die einen vielleicht sogar glücklich machen. Man spürt die Pionierstimmung der ersten Comics, die Druckerschwärze und Tusche an den Händen und die Hoffnungen und Ängste im Kopf, das atemberaubende New York Ende der Dreißiger als Spielwiese. Trotz der dunklen Themen und Geschehnisse (und der “nur” noch guten zweiten Hälfte im Vergleich zur sensationellen ersten) hat mich ein Buch selten mit einem so schönen Gefühl verabschiedet wie dieses hier am Schluss.

Fazit: Das Werk wurde völlig zu Recht mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.


 

WER DIE NACHTIGALL STÖRT …

Es gibt Romane, von denen hört man immer wieder und weiß dabei instinktiv, dass man sie eines Tages lesen wird. Nur eben nicht, wann genau. Harper Lee’s Weltbestseller, im Original To Kill a Mockingbird, war bei mir so ein Fall. Schon als Jugendlicher wollte ich diese Geschichte lesen, dann als junger Erwachsener, aber irgendwie kam es nie dazu. Bis mir vor kurzem erneut mehrere Freunde gleichzeitig davon vorschwärmten, als hätten sie das gemeinsam verabredet. Also gut, endlich das Buch aus dem Stapel ungelesener Romane befreit – und schon nach wenigen Seiten tief beglückt worden.

Dieser Roman ist so, so gut, und das in jeder Hinsicht. Er ist wunderbar erzählt, aber er hat auch stets das Herz am rechten Fleck. Die Figuren werden nie gebrochen, nie verraten, sie bleiben bis zum Schluss die, die man mag und liebt. Die vorlaute, junge Scout, die uns die Geschichte erzählt. Ihr mutiger älterer Bruder Jem. Und ihr Vater, der aufrichtige und gerechte Anwalt Atticus Finch, der es im Amerika der Dreißiger Jahre wagt, in Alabama einen Schwarzen zu verteidigen, der angeblich eine Weiße vergewaltigt hat. Er wird dafür in der ganzen Stadt angefeindet, aber er bleibt seinem Gewissen treu, auch, als es zum Prozess kommt – und darüber hinaus.

Eine weitere sehr sympathische Figur ist der Ausreißer und Geschichtenerzähler Dill, hinter dem sich wohl tatsächlich niemand anderes als der junge Truman Capote verbirgt – ein Kindheits- und Jugendfreund der Autorin. Da es von Harper Lee bis vor kurzem nur ein Buch gab und beide Schriftsteller sich gegenseitig oft bei der Arbeit unterstützten, entstanden deshalb sogar Gerüchte, Capote habe im Prinzip allein die „Nachtigall“ geschrieben. Doch je intensiver man im Netz danach recherchiert, desto sicherer stellt sich das Ganze als Mythos heraus. Das Buch ist von Harper Lee – von der inzwischen ein weiterer Roman gefunden wurde und in Bälde veröffentlicht wird. Mehr als fünfzig Jahre nach Erscheinen ihres Debüts.

Lesegefühl: Schon nach wenigen Kapiteln entsteht diese sehnsüchtig-heimelige Stimmung, wie es sie fast nur in älteren amerikanischen Geschichten gibt. Ein Hauch von Stand By Me und Tom Sawyer umweht den ersten Teil, der von heißen Kindheitssommern in Alabama erzählt. Man fiebert mit den jungen Protagonisten mit, bei ihren Abenteuern oder ihrer Angst vor dem unheimlichen Nachbar Boo Radley, der seit Jahren nicht mehr aus dem Haus kam, und fühlt sich dabei an die eigene Kindheit erinnert. Als es dann im zweiten Teil zum Prozess kommt, kann man das Buch im Prinzip nicht mehr weglegen und liest atemlos.

Fazit: Es gibt schon einen Grund, wieso diese Geschichte von so vielen Menschen auf der Welt seit vielen Jahrzehnten geliebt wird. Ein wunderbarer Roman über Kindheit, Moral und Rassismus – und darüber, was es bedeutet, ein anständiger Mensch zu sein.


 

DIE KUNST DES FELDSPIELS

Ein herrliches Buch. Über Baseball. Kein Witz.

Chad Harbachs Debüt trägt auf dem Rücken euphorische Zitate von John Irving und Jonathan Franzen, und man versteht nach dem Lesen sofort, wieso. Erzählt wird die Geschichte von Henry, einem jungen Baseballtalent, das dabei ist, auf dem College einen Rekord für die meisten Spiele ohne Fehler hinzulegen. Ebenfalls wichtig sein Mitspieler und Kapitän Mike Schwartz, sein schwuler Zimmernachbar Owen, der Rektor des Campus und seine Tochter Pella. Schließlich passiert das Undenkbare: die Scouts der besten Profiteams sitzen schon auf der Tribüne, als Henry zum ersten Mal einen Fehler macht – und die Leben der fünf Figuren sich danach auf atemberaubende Weise miteinander vermischen. Bis nichts mehr ist, wie es war – und eine von ihnen gleich zweimal beerdigt wird …

Die Kunst des Feldspiels von Chad Harbach ist ein umwerfender, universeller Roman, aber auch amerikanisch durch und durch. Eine Ode an den Zweifel und das, was Menschen ausmacht. Das Verrückte ist nur, dass es hier um Baseball geht. Ein derart öder Sport, wenn man ihn live im Stadion anschaut, aber ein Quell toller Filme (Moneyball, Feld der Träume, Eine Klasse für sich) und nun auch Bücher. In anderen Worten: Das Sportthema sollte niemanden abschrecken, der Roman ist auch für absolute Nichtkenner der Materie interessant. Baseball wird auch hier vielmehr nur als Vehikel für eine Geschichte benutzt, die das Leben aus allen Blickwinkeln auslotet. Die fünf Hauptcharaktere sind dazu liebevoll und glänzend gezeichnet, und einige weise, schöne Sätze leuchten richtig aus dem Text heraus.

Lesegefühl: Durch die Campussituation ein bisschen wie eine Mischung aus einem zauberlosen Harry Potter und den besten Sportfilmen der Welt. Man hängt an den bald geliebten Figuren, fiebert beim Showdown am Ende mit, ist amüsiert und bewegt. Einziges Manko die vielleicht ersten fünfzig, sechzig Seiten, mit denen man etwas fremdeln kann. Aber bei einem sechshundert Seiten Roman fällt das nicht ins Gewicht, und spätestens nach dem ersten Drittel nimmt das Buch dann ohnehin derart Fahrt auf, das man fast schon süchtig umblättert. Wir reden hier also von vierhundert Seiten reinstem Lesespaß.

Fazit: ein magisches Debüt, ein ganz klares Lieblingsbuch.


 

DAS EWIGE LEBEN

Jetzt ist schon wieder was passiert.

Inzwischen gibt es acht Bücher und vier Filme über den Privatdetektiv und derangierten Frauenhelden Simon Brenner. Während er auf der Leinwand perfekt von Josef Hader verkörpert wird (Highlight: Der Knochenmann), leben die Romane vor allem von der genialen Schreibweise von Wolf Haas. Sein eigenwilliger Stil wurde oft nachgeahmt, aber von keinem auch nur ansatzweise erreicht. Auch ich habe mich dabei erwischt, wie ich diesen ausgefeilten Ton in E-Mails aufgegriffen habe, einfach, weil es so einen Spaß gemacht hat. Und selbst hier in dieser Rezension fang ich schon wieder damit an, ja, was glaubst du.

Du musst wissen: der Wahnsinn begann ja bereits 1996 mit dem ersten Band – Die Auferstehung der Toten – und endete 2003 mit dem sechsten und letzten Teil Das ewige Leben. Denn jetzt pass auf, was ich dir sage: dieses Buch bildete den perfekten Abschluss der Geschichte um den Brenner, und dazu noch ein Ende, mein lieber Schwan. So gut, dass man die Reihe höchstens mit einem der allerbesten ersten Sätze aller Zeiten weiterführen durfte. Und jetzt aber der Haas. Der führt die Reihe wirklich mit einem der allerbesten ersten Sätze aller Zeiten weiter, genial Hilfsausdruck. Aber dann wieder die Leser. Motzen manchmal trotzdem und sagen: alles schön und gut, aber Das ewige Leben war so ein wunderbares Ende, das darf man nicht weiterführen, tolle erste Sätze hin, Der Brenner und der liebe Gott her. Aber das muss jeder selbst entscheiden, finde ich, mir persönlich hat jedes einzelne Buch gut gefallen.

Lesegefühl: Hat man sich einmal an den speziellen Ton gewöhnt, verschlingt man einen Roman nach dem anderen. Aber nicht dass du glaubst, es geht nur um die Sprache. Im Gegenteil! Denn da täte ich den Krimiplots unrecht. Der Brenner stolpert nämlich von einem verrückten Fall in den nächsten. Aber auch von einer Affäre in die andere. Und jetzt muss ich sagen, das hat der Haas nicht nur sehr spannend geschrieben, sondern auch unterhaltsam. Weil verdammt lustig. Es soll sogar Autoren geben, die nennen deshalb eine ihrer Figuren, etwa den Toni in Vom Ende der Einsamkeit, einfach Brenner mit Nachnamen, quasi liebevolle Hommage. Aber da siehst du wieder einmal, so etwas fällt natürlich keinem auf.

Fazit: Du wirst sagen, der Verfasser dieser Zeilen ist verrückt geworden, und ich muss zugeben: ein bisschen. Aber nur, weil ich möchte, dass du neugierig wirst und mal einen Blick in diese geniale Reihe wirfst. Am besten fängst du mit Die Auferstehung der Toten vorne an, und dann eins nach dem anderen, bis du dich entscheiden musst. Hörst du mit DEM Schluss von Das ewige Leben auf dem absoluten Höhepunkt auf oder liest du wie alle Süchtigen weiter? Weil der Brenner natürlich die reinste Lesedroge, ob du es glaubst oder nicht.


 

EASTER PARADE

Das Schicksal zweier Schwestern, meisterhaft erzählt.

Der leider bei uns kaum erfolgreiche Richard Yates ist ein Autor, den ich in den letzten Jahren sehr zu schätzen gelernt habe. Nicht nur wegen Eine gute Schule, das weiter unten besprochen wird, sondern auch wegen dem superben Zeiten des Aufruhrs, das ich ebenfalls allen ans Herz legen kann. Erschütternder und zugleich kühler kann man eine auseinanderbrechende Ehe wohl kaum erzählen.

Ein weiterer Wurf von ihm ist Easter Parade aus dem Jahr 1976. Das Buch erzählt die Geschichte – und auch das Scheitern – der beiden Grimes-Schwestern Emily und Sarah. Beide wachsen in den 1930er Jahren auf und entwickeln sich völlig unterschiedlich. Sarah heiratet früh und gibt sich dem Familienleben hin, Emily dagegen bleibt ungebunden, hat zahllose Affären und sehnt sich nach Freiheit. Beide wirken mit ihren Lebensentwürfen zunächst glücklich, doch der Schein trügt.

Was mir an diesem Buch sehr gefiel, war die Ruhe und Stilsicherheit, mit der es erzählt ist. Yates lässt vieles unkommentiert, es ist, als würde er nur eine Kamera auf das Leben der beiden Schwestern draufhalten, auf die glücklichen Momente, aber auch auf die tragischen Ereignisse, von denen beide nicht verschont bleiben.

Für mich passt diese Geschichte wunderbar zwischen das sehr einfühlsame, potentielle Lieblingsbuch Stoner von John Williams auf der einen seite, und das männlich-kühle (und im Vergleich etwas schwächere, aber immer noch starke) Alles, was ist von James Salter auf der anderen. Quasi als Teil einer Trilogie über Amerika in jener Zeit. Alle drei Bücher eint zudem, dass sie einen speziellen, tiefen Blick auf das ganze Leben ihrer Protagonisten gewähren. Dieses hier ist beängstigend gut beobachtet.

Lesegefühl: Man kann das Buch wirklich von Anfang an kaum weglegen, die 300 Seiten sind schnell gelesen. Durch den präzisen, scharfen, knappen Stil des Erzählers gibt es so gut wie keine Längen, im Gegenteil, man wird zunehmend in das Schicksal der beiden Geschwister hineingezogen. Und noch Tage nach dem Lesen lässt es einen nicht kalt. Yates liefert mit Emily und Sarah zwei spannende Psychogramme, ich habe mich noch oft dabei ertappt, wie ich über das Leben der Schwestern nachgedacht habe. Und über die Mutter der beiden, eine exzentrische, tolle, tragische Figur.

Fazit: Ein großes Werk eines großen Autors, packend erzählt, aber auch schonungslos und ein wenig traurig. Doch gerade dadurch unvergesslich. Easter Parade ist auf seine Weise ein fast perfektes Buch.


 

ADAMS ERBE

Im Jahr 2011 erschien Astrid Rosenfelds erstes Buch bei Diogenes. Ich lebte damals in Barcelona, las es am Strand, mochte die gewitzte erste Hälfte, las dann nichtsahnend die emotionalere zweite Hälfte – und war schlicht überwältigt.

Erzählt wird auf mehreren Zeitebenen die Geschichte der Familie Cohen. In der Gegenwart folgen wir dem strauchelnden Boutiquebesitzer Edward Cohen, der immer wieder hört, wie sehr er doch seinem Großonkel Adam ähnelt – den er aber nie kennengelernt hat. Offenbar das schwarze Schaf der Familie, von dem er auch sonst nicht viel weiß. Das ändert sich, als er auf einmal Adams Vermächtnis in den Händen hält: ein Stapel Papier, der an eine gewisse Anna Guzlowksi adressiert ist.

Ab da erfahren wir nun von Adam selbst, wie er als jüdischer Junge in den 1930er Jahren in Nazi-Deutschland aufwuchs, ein Träumer. Bis er sich in Anna verliebt. Die Zeiten werden schnell gefährlicher, die Familie plant die Emigration nach England – da verschwindet Anna spurlos. Adam beschließt, sie zu suchen, und wenn er dabei sein Leben riskiert …

Wir lesen das alles genauso gespannt wie Edward. Die zweite Hälfte des Buchs ist derart gekonnt aufgebaut und aufwühlend, dass ich beim Lesen immer wieder Tränen in den Augen hatte. Die Sprache dagegen leicht, gewitzt, pointiert. Ein faszinierender Kontrast, der das Buch damals auch zurecht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises brachte. Aber ganz ehrlich: es ist noch so viel besser.

Es verdient alle LeserInnen der Welt.


 

TENDER BAR

Eine gute Bar ist nicht nur ein Ort, sondern eine Heimat.
Und in manchen Fällen ist sie sogar ein Vaterersatz.

Tender Bar von J. R. Moehringer ist eines dieser Bücher, bei denen ich immer wusste, dass ich sie eines Tages lesen würde, zu faszinierend ist allein schon das Thema. Der Autor, als Journalist Pulitzerpreisträger, war mir durch seine hervorragende Biographie von Andre Agassi bekannt, aber sein Hauptwerk ist eindeutig die Geschichte seines eigenen Lebens. Denn die ist richtig guter Stoff.

Das Buch zeichnet zunächst seine Jugend an der Seite seiner Mutter nach – und vor allem sein schwieriges Verhältnis zum charmanten, aber cholerischen und gewalttätigen Vater, der beim Radio arbeitet und nur „die Stimme“ genannt wird – aber so gut wie nie da ist. Schon früh spielt jedoch auch diese spezielle Bar in Long Island eine große Rolle, die mit ihren kunstvoll geschilderten Eigenarten und Ritualen eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf den jungen JR ausübt. Als Erwachsener kommt er schließlich fast täglich dort vorbei, auch noch als Yale-Student. Im testosterongetränkten „Publicans“, so der Name der Bar, wird alles verhandelt, egal ob Liebesprobleme, Diskussionen über Sport und Filme, politische Debatten, aber auch sehr Privates. Hier lernt JR von den vielen liebevoll geschilderten und meist männlichen Stammgästen Lektionen über das Leben und das Erwachsenwerden, hier findet er seinen eigenen Platz als junger Mann. Bis die Bar schließlich wie eine Droge für ihn wird, von der er zunehmend abhängig ist …

Lesegefühl: Anfangs habe ich persönlich ein wenig gebraucht, um reinzukommen, das aber auf immer hervorragendem Niveau. In der zweiten Hälfte, in der JR die Bar nicht mehr nur von außen wahrnimmt, sondern selbst Stammgast wird, nimmt das Tempo dann rasant zu. Eine unglaubliche Fülle von Anekdoten, Erzählungen und großartigen Figuren, von denen jeder einzelne ein Stück weit zum Vaterersatz für den jungen Autor wurde. Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Die Asche meiner Mutter und Naked von David Sedaris, denn immer wieder schimmert auch Moehringers Humor durch.

Fazit: Ein tolles Buch. Danach hat man unweigerlich die Lust, sich selbst so eine Stammkneipe zu suchen. Aber so schön wie in dieser Geschichte kann es eigentlich gar nicht werden.


 

EIN GANZES LEBEN

Dieser lebenskluge Roman wurde völlig zu Recht für den Man Booker Award nominiert. Für ein deutschsprachiges Werk eine ziemliche Sensation.

Das Eigenartige an so wahnsinnig erfolgreichen Büchern wie Ein ganzes Leben ist ja, dass man sie manchmal grundlos und blödsinnigerweise ignoriert – nur um sie Jahre später doch noch zu lesen und sich zu ärgern, dass man sich dieses Lesevergnügen so lange verwehrt hat. So ging es mir auch mit Robert Seethalers Roman. Immer drum herum geschlichen, aber erst jetzt gelesen – und sehr begeistert gewesen.

Andreas Egger kommt als vierjähriges Kind in ein Dorf im Tal, woher, weiß niemand so recht, aber ein Bauer nimmt ihn bei sich auf. Das Jahrhundert ist noch jung, da wächst er als Hilfsknecht heran. Er wird groß und kräftig, verliebt sich, hilft mit, die erste Bergbahn der Gegend zu bauen. Eine Pionierarbeit und gleichzeitig Vorbote der Moderne, die im Tal Einzug halten wird. Egger fristet ein karges, aber nicht unglückliches Dasein, doch er erlebt auch schlechte Zeiten, schließlich sogar den Krieg. Am Ende wird er als einsamer alter Mann auf ein langes Leben zurückblicken können, verwundert, wo die Zeit geblieben ist.

Lesegefühl: Dieser Andreas Egger ist ein stiller und genügsamer Charakter, und auch die Geschichte kommt auf den nicht mal zweihundert Seiten knapp und leise daher. Und doch weiß sie einen zu berühren, ist so zart wie wuchtig geschrieben, lässt einen nicht mehr los. Es sind dabei vor allem die ruhigen Momente, die am längsten nachwirken und die immer wieder dafür sorgen, dass man beim Lesen fast glücklich ist.

Fazit: Die Geschichte ist nicht ausschweifend, ebenso wenig nun auch das Schlusswort: Dieses kleine, tiefe Buch kann man wirklich jedem empfehlen.


 

STONER

Während der eine John Williams dafür gesorgt hat, dass man noch heute die Melodien von Star Wars und Indiana Jones vor sich her pfeift, hat der andere vier Romane geschrieben. Für einen gewann er den National Book Award, seinem Werk Stoner hingegen war kein großer Erfolg beschieden. Als das Buch 1965 erschien, wurden 2.000 Exemplare verkauft, danach versank es recht schnell in Vergessenheit. Was dann kam, gehört in die Kategorie: Wahre Klasse setzt sich durch.

2006 – zwölf Jahre nach John Williams‘ Tod – wurde Stoner neu aufgelegt und überraschend ein Publikums- und Welterfolg. Inzwischen gibt es sehr viele euphorische Rezensionen, ich selbst habe es mir jedoch vor allem geholt, weil es mir so ungewöhnlich oft empfohlen wurde. Ich wurde nicht enttäuscht. Dabei ist die Handlung recht simpel: Es geht schlicht um das Leben des auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Literaturprofessors William Stoner. Ein klassischer Jedermann. Aus einfachen Verhältnissen stammend, ist er der Erste aus seiner hart arbeitenden Farmer-Familie, der studieren darf. Er verliebt sich in die englische Sprache, wird promoviert, fängt an, als Dozent zu arbeiten. Sein Zuhause wird bald die Universität, er heiratet, wird Vater und fristet ein stilles, genügsames Dasein. Doch es sind gerade die kleinen Dinge, die in diesem Buch auf magische Weise groß werden. Man fiebert nicht mit einem strahlenden Helden mit, sondern mit einem liebenswürdigen, zurückhaltenden und vollkommen unspektakulären Menschen. Doch auch hier gibt es Leidenschaften, Eheprobleme, Zweifel, eine glänzend geschilderte Fehde mit einem Kollegen, es gibt den Krieg und den Tod, Niederlagen und geheime Träume. Jedes Wort ist wahr, so fühlt es sich zumindest an. Ein ganzes Leben in all seinem Glück und seiner Tragik auf nur 350 Seiten.

Lesegefühl: Das Buch entwickelt von Anfang an eine fast rätselhafte Spannung, der man sich nicht entziehen kann. Kein klassischer Page Turner, dessen Handlung einen mitreißt, es ist mehr diese dem Roman eigene, ruhige Kraft, die einen mehr und mehr in die Geschichte hinzieht. Die Sprache ist geschliffen, poetisch und klar. Abgesehen von einem winzigen Hänger nach dem Anfang kann man Stoner in einem Rutsch lesen. Manche Szenen sind so brillant und wahrhaftig geschrieben, dass ich das Buch weglegen musste, so sehr trafen sie mich. So sehr fieberte ich mit.

Fazit: Ich mach’s mal kurz: Stoner kann man jedem, wirklich jedem empfehlen, der Literatur liebt. Nahrung für Herz und Geist.


 

SCHNELL, DEIN LEBEN

Ein ganzes Leben auf nicht mal hundertsechzig Seiten, voller kostbarer Erinnerungen und Gedanken – und mit viel Stoff zum Nachdenken.

Zum ersten Mal hörte ich von Schnell, dein Leben, weil es auf der Shortlist der Lieblingsbücher der unabhängigen Buchhandlungen stand. Beim Cover dachte ich instinktiv an eine eher junge Liebesgeschichte. Was für ein Fehler das war, begriff ich, als mir jemand glücklicherweise diesen tief berührenden Roman schenkte.

Die Geschichte beginnt in Frankreich in den späten Vierzigern. Die junge Louise wächst in der Nähe der französischen Alpen auf. Die Schrecken der Kollaboration und des Zweiten Weltkriegs sind noch nicht vergessen. Während die französische Regierung wieder erste Beziehungen zu Deutschland knüpft, sind die Deutschen selbst vielen Franzosen noch still verhasst. Louise dagegen ist eher unbeschwert, sie genießt das Studentenleben in Lyon und trifft in einer Jazzkneipe auf viele Gleichaltrige, darunter den Franzosen Henri – und Johann aus Deutschland. Später zieht sie mit ihm in die BRD und gründet eine Familie. Erst scheint die Geschichte beider Länder keine Rolle für das deutsch-französische Ehepaar zu spielen, doch je älter sie werden, desto mehr spüren sie, dass die Vergangenheit schwerer auf ihrer Beziehung lastet als gedacht.

Lesegefühl: Sylvie Schenk ist Französin, legt aber schon lange in Deutschland – und schreibt auch meisterhaft auf Deutsch. Dazu so wunderbar leicht. Was mir schon an Das Attentat von Harry Mulisch gefiel, ist, dass das Gewicht des Themas hier nicht auf dem Leser lastet, sondern erst nach dem Lesen entsteht, wenn man über die Geschichte nachdenkt. Das Buch ist kurz, die Kapitel meist knapp und pointiert. Eine Lebensernte aus persönlichen Erinnerungen an Szenen, kleinen Anekdoten und Gesprächen. Von der Kindheit über die Studentenzeit, die Heirat, das Elternwerden bis hin zum Sterben der eigenen Eltern. Unglaublich empathisch und sensibel beobachtet. Ich dachte beim Lesen immer: „Okay, noch ein Kapitel, dann schlafe ich aber … Also gut, noch eines.“ Ich war an zwei Tagen fertig und betrübt, dass es schon vorbei war.

Fazit: Gründe, wieso dieses Buch (noch!) nicht ein riesiger Bestseller in Frankreich und Deutschland ist: Keine. Gründe, wieso diese Geschichte zu den Lieblingsbüchern der unabhängigen Buchhandlungen gehörte: Jede der 160 Seiten.


 

EIN LETZTER SOMMER

Eines meiner Lieblingsbücher. An der Schwelle zwischen klassischem Coming of Age und allergrößter Erwachsenenliteratur.

Als ich Steve Tesichs Ein letzter Sommer das erste Mal las, haute mich das Buch um. Ich konnte kaum begreifen, wie mir geschah. Es war eine dieser Geschichten, nach denen man jedenfalls nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann, schon gar nicht, wenn man selbst schreibt. Ich las es seither noch drei weitere Male, und jedes Mal lernte ich aufs Neue daraus. Umso tragischer, dass dieser Roman nicht bekannter ist – genau wie sein früh verstorbener Autor, der für sein hinreißendes Drehbuch zum Film “Breaking Away” immerhin den Oscar gewann.

In Summer Crossing (Originaltitel) von 1962 wird der Sommer des 18jährigen Daniel Price erzählt, der turbulenter nicht sein könnte. Die Freundschaft zu seinen langjährigen Schul- und Ringerfreunden Larry und Billy wirkt auf einmal brüchig, die aufregende erste Liebe zu Rachel bleibt unvorhersehbar. Und sein Vater stirbt, aber nicht ohne ihm vorher das Leben zur Hölle zu machen … Es wird der letzte große Jugendsommer seines Lebens sein, nach der Highschool und vor einer ungewissen Zukunft.

Lesegefühl: Das Buch ist phantastisch erzählt, es sitzt einfach alles. Es ist lakonisch, wo es lakonisch sein muss, trostlos, zuweilen hart und traurig, aber auch überschwänglich und tief. Steve Tesich hat ein verdammt großes Werk hinterlassen, als er mit nur dreiundfünfzig Jahren starb.

Fazit: Klare Top 10 von meiner Seite. Neben John Greens besten Werken und Das also ist mein Leben von Stephen Chbosky für mich auf dem Podest der Jugendbücher. Wobei es zugleich den Übergang in klassisch erwachsenere Literatur bildet, denn das behütende, warmherzige coming-of-age-Gefühl von Filmen wie Breakfast Club oder Stand By Me fehlt hier. Stattdessen sind es die letzten großen, schon angerauten Tage der Jugend, bevor man erwachsen wird und ins Leben hinaustreten muss.

Besser ist das vielleicht nie beschrieben worden.


 

DIE BRAUTPRINZESSIN

Das hier ist nicht weniger als das coolste und lustigste Märchen aller Zeiten.

Die Brautprinzessin von William Goldman ist eine so großartige, humorvolle und inspirierte Geschichte, dass sie einem kleinen Kind genauso viel Spaß bereitet wie einem Erwachsenen. Es ist ein Märchen, ja, aber erzählt mit den Mitteln unserer Zeit – und mit verdammt viel Witz, Ironie und einem doppelten Boden. Nicht umsonst schrieb Goldman so brillante Drehbücher wie Butch Cassidy and the Sundance Kid, für das er einen seiner beiden Oscars gewann. Auch für das Drehbuch zur wirklich gelungenen Verfilmung dieses Romans, Die Braut des Prinzen aus den Achtzigern, zeichnete er sich verantwortlich.

Doch das Meisterwerk ist noch immer die Vorlage. Ich habe dieses Buch als Kind und Jugendlicher mehrmals verschlungen (und geliebt) und nun nach Jahren zum ersten Mal selbst vorgelesen. Und ich war wirklich beeindruckt vom zeitlosen Verve und Witz dieser Geschichte, die alle Formeln altbekannter Märchen zusammenwirft und etwas Geniales, Eigenes daraus formt. Es geht um nicht weniger als die wahre Liebe, den Mann mit den sechs Fingern, scheußliche, winzige Prinzen und grausame Piraten, Schwertkämpfe, den besten Kuss aller Zeiten, schreckliche Folterkeller und überhaupt alles, was man in einer richtigen Abenteuergeschichte sucht. Vor allem aber unglaublich viel Humor, das kann ich nur noch mal betonen. Immer wieder muss man beim Lesen (und vor allem Vorlesen) lachen. Alles in allem ein Mix, der im Prinzip jeden anziehen dürfte, man beachte nur mal von wem die beiden Zitate unten im Klappentext sind.

Lesegefühl: Das Buch beginnt mit einer amüsanten, eher an Erwachsene gerichteten Rahmenhandlung, eine Geschichte in der Geschichte. Dann aber geht die eigentliche Erzählung los und nimmt noch mal merklich an Fahrt auf.

Fazit: Was für ein Buch. „Kult“ ist eine lächerliche Untertreibung. Die einen können es als ironische Satire auf alle Märchen lesen, die anderen als spannende, witzige Abenteuergeschichte. Was will man mehr?

“Ich bin dein Prinz und du musst mich heiraten”, sagte Humperdinck.
“Ich bin Eure Dienerin und lehne ab”, flüsterte Butterblume.
“Ich bin der Prinz, und du kannst nicht ablehnen.”
“Ich bin Eure sehr ergebene Dienerin, und ich habe eben abgelehnt.”
“Weigerung bedeutet Tod.”
“Dann tötet mich.”


 

SCHANDE

Mit diesem Roman legte der südafrikanische Nobelpreisträger J.M. Coetzee sein vielleicht bekanntestes Werk vor.

Davie Lurie, Literaturprofessor in mittleren Jahren, ist zweimal geschieden. Nach einer Affäre mit einer dazu von ihm genötigten jungen Studentin fällt er in Ungnade. Er verlässt Kapstadt und flüchtet auf das Land, um dort mit seiner Tochter Lucy neu anzufangen und eine Farm aufzu bauen. Doch dann werden beide Opfer eines brutalen Verbrechens, das nicht nur einen existenziellen Konflikt zwischen Vater und Tochter offenbart – sondern auch ein noch immer geteiltes Land zeigt, das seine Vergangenheit nicht so leicht überwinden kann wie erhofft.

Lesegefühl: Der Roman ist gleich in mehrfacher Hinsicht raffiniert geschrieben. Zum einen benutzt Coetzee ein unglaublich starkes ER, das sich im Laufe des Buchs wie ein ICH anfühlt. Es fällt fast nie der Name Davie Lurie, vielmehr heißt es: “Er dachte … Er ging … Er wollte …” Gleichzeitig seziert Coetzee geschickt seinen Protagonisten und lässt die LeserInnen tief in seine Abgründe blicken – aber auch in die Schwierigkeiten des noch immer gespaltenen Landes. Und das ohne je die Hautfarbe seiner verschiedenen Figuren zu benennen.

Schande ist dadurch ein vielschichtiges, stimmungsvolles, jedoch auch sehr düsteres Werk über die Entwicklung Südafrikas seit dem Ende der Apartheid und die Natur des Menschen. Man liest es schnell und es bleibt einem viel zurück. Eine verstörende und beunruhigende Parabel über das Scheitern eines Mannes und vielleicht des Menschen an sich.

Vielleicht kein Lieblingsbuch, dafür war es mir nicht nahe genug. Dennoch kann ich dieses großartige Werk sehr empfehlen.


 

DAS HOTEL NEW HAMPSHIRE

Dieses Buch brachte mich zum Schreiben.

Ich habe es schon ein paar Mal gesagt: ich weiß nicht, wo ich jetzt wäre und ob ich diese Zeilen überhaupt tippen würde, wenn ich mit fünfzehn nicht zufällig diesen Roman entdeckt hätte. Bis dahin kannte ich nur die deutschsprachige Literatur, die wir in der Schule lasen, oft sperrig und langatmig, nicht gerade rauschhafte Lesefeste für Teenager. Dann stieß ich auf Irvings Wunderwerk, und alles veränderte sich. Was für Figuren! Was für geniale Szenen! Was für irre komische Dialoge! Was für Abgründe! Welche Tragik!

Ich las das Buch seither wieder und wieder, und nie versiegt meine Freude daran. Das liegt natürlich vor allem an Franny, John und Frank, die das Herz der Geschichte bilden. Zusammen mit ihren Eltern und ihren kleinen Geschwistern leben sie in insgesamt drei Hotels. Das erste ist eine frühere Mädchenschule, das zweite steht in Wien und beherbergt auf anderen Stockwerken noch Anarchisten und Huren, das dritte ist dann wieder in Amerika, aber es wird ein spezielles sein.

Lesegefühl: Wie immer brauchen derart lange Geschichten ein wenig, um in Fahrt zu kommen. Aber sobald sich alles um John und seine Geschwister dreht, bin ich dem Roman stets aufs Neue verfallen. Mein Gott, liest sich das gut. Die Hotels mit ihren teils schrägen Bewohnern und Gästen, die hinreißende Franny, der exzentrische Frank, der gewichtestemmende Sportler und Erzähler John. Was liebe ich diese drei. An ihrer Seite übersteht man selbst die tragischsten Ereignisse, von denen das Buch einige hat. Und auch hier fällt auf, was für ein genialer Verkäufer Irving ist: er dreht den LeserInnen einfach alles an, selbst Bären und einen “Zwergenzirkus”. Man staunt und staunt bis zum Schluss.

Fazit: ein Leben ohne dieses Buch ist für mich nicht vorstellbar. Es zählt für mich zu den vier besten Romanen von John Irving.

Die weiteren drei wären in Kürze:

     

 

GARP UND WIE ER DIE WELT SAH
Dieser Roman über den Schriftsteller T. S. Garp und seine feministische Mutter brachte John Irving im Jahr 1978 den großen Durchbruch. The World according to Garp wurde mit Robin Williams verfilmt, unzählige Male übersetzt und von vielen Menschen auf der Welt geliebt. Und das zurecht: Ähnliche Zutaten wie bei Das Hotel New Hampshire lassen auch diesen Roman zu einem Lieblingsbuch werden: Tolle Figuren, ein ganzer Haufen von unvergesslichen Szenen, Humor, Tragik, ein mitreißender Erzähler. Was will man mehr?

GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG
Ein monumentales 850-Seiten-Werk über das Leben, das Recht auf Selbstbestimmung, Waisenkinder, eine schwierige Liebe, Erwachsenwerden, eine Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem illegal Abtreibungen durchführenden Arzt Dr. Larch und seinem verhinderten Nachfolger, dem ehemaligen Waisenjungen Homer Wells – und vieles mehr. Dieses Buch war sehr wichtig für mich als Heim- und Internatskind. Als Autor. Als Mensch. Als Leser. Und auch als Filmfan, denn die Verfilmung ist eine der gelungensten, die ich kenne, obwohl es mit Melony die vielleicht stärkste Figur im Buch weglässt und dazu auch gleich noch fünfzehn Jahre Handlung. Aber dieser Mut war richtig. Für das Drehbuch gewann Irving dann auch völlig zu Recht einen Oscar. Und wer immer sich damals bei der Übersetzung den deutschen Titel (im Original The Cider House Rules) ausgedacht hat, ist ein Genie.

OWEN MEANY
Eine sagenhafte Geschichte und eine ebenso sagenhafte Hauptfigur; eine Art amerikanischer Oskar Matzerath mit Fistelstimme, ein Messias in den Wirren des Vietnamkriegs. Ich las das Buch zweimal, dennoch bin ich mir bis heute nicht sicher: Ist dieses fulminante, in jeder Hinsicht unvergessliche Ende nun wirklich so passiert, oder hab ich mir diesen Wahnsinn nur eingebildet? Doch, ich glaube, es ist wirklich so passiert. WAS. FÜR. EIN. SCHLUSS. Als ich John Irving in Toronto zum Abendessen traf (einer der schönsten Sätze, die ich je schreiben durfte), verriet er, dass er ursprünglich ein anderes Ende in der Hinterhand gehabt hatte, falls sein irrer Schluss bei A Prayer for Owen Meany zu hanebüchen gewesen wäre – in diesem Moment schrien seine Frau und ich fast gleichzeitig: “Neeeeeeiiiinnnn … das Ende MUSSTE so sein.”


 

DER FÄNGER IM ROGGEN

Der Ewige. Der Unerreichbare.

Im Jahr 1951 erschien der einzige Roman von J.D. Salinger und ging als Sensation sofort in die Literaturgeschichte ein. Allein schon die Sprache: roh, unverfälscht und mit ungefähr tausend Flüchen- take that, America. Später noch mal traurige Bekanntheit durch Mark David Chapman, der Mörder John Lennons, der das Buch bei sich trug und sich mit seinem Protagonisten identifizierte. Heute ein Longseller und Kult, von jeder Generation aufs Neue gelesen. Und bei jedem aktuellen Roman, in dem eine halbwegs jugendliche Figur vorkommt, heißt es schnell “das Buch erinnert an den Fänger im Roggen”. Aber wirklich geschafft hat das niemand. Wieso?

Die Geschichte ist eigentlich simpel. Aus der Psychiatrie heraus berichtet uns der 16jährige Holden Caulfield von seinen drei wilden Tagen in New York bzw. diesem “Irrsinnskram, der mir so um letztes Weihnachten passiert ist“. Er ist nach einem Schulverweis abgehauen (nachts vor der Schule: “Macht’s gut, ihr Idioten!”) und stromert fortan durch die Stadt, rechnet mit der Gesellschaft ab, findet ständig etwas “corny” oder “phony” (affektiert und verlogen). Kaum jemand hält seinem gnadenlosen Blick stand. Seine Träume sind hell und wirr, die Gegenwart düster, er will Frauen, zögert aber in entscheidenden Momenten, trifft auf seine geliebte kleine Schwester und einen alten Lehrer und sucht ein Glück, das es nicht gibt und das er vermutlich auch gar nicht aushalten würde.

Lesegefühl: Dreimal las ich diesen Roman bisher. Das erste Mal mit zwanzig war ich einfach umgehauen von der Sprache und der großen Komik. Beim zweiten Mal fand ich manches etwas moralinsauer. Beim dritten Mal begriff ich, dass dieses Buch für junge AutorInnen das ist, was Wolken für kleine Kinder sind, wenn sie im Gras liegen und hochschauen. Sie wirken nahe, man kann fast die Hand nach ihnen ausstrecken – und begreift, dass sie in Wahrheit unerreichbar weit weg sind.

Kein Buch verdient deshalb den unfairen Vergleich mit dem Catcher in the Rye, aus dem simplen Grund, weil es keine Pose ist. Keine Kopie. Es ist das Original, der ewige Erste und beglaubigt durch Salingers Leben selbst. Wenn Holden davon spricht, einfach abhauen und im Wald leben zu wollen, um der verlogenen Gesellschaft zu entfliehen, dann wirkt das wie typische jugendliche Koketterie. Wie etwas, das man sich heute als Autor ausdenkt, um seine Figur schön rebellisch wirken zu lassen, eben wie den guten alten Holden Caulfield. Nur, was hat Salinger gemacht? Er hat nach dem Erfolg nie mehr etwas veröffentlicht (aber bis ans Lebensende geschrieben), ist WIRKLICH in die Wälder gezogen und in den folgenden fünfzig Jahren der Gesellschaft entlfohen. Und viel Glück den Journalisten, die sein Grundstück betraten und von ihm angeblich schon mal mit einer Waffe empfangen wurden: “Just go away!” Dieses Buch ist auf eine Weise wahr und moralisch, die man kaum aushalten kann, genauso wie Salingers Konsequenz unerreicht ist.

Fazit: Je länger man Romane und Geschichten liest, desto größer ragt dieses Buch vor einem auf – bis man irgendwann spürt: daran gibt es kein vorbei. Jeder muss es lesen. Der Fänger im Roggen hat die Literatur geprägt wie kaum ein Werk davor und danach.


 

KRIEG UND FRIEDEN

Der Leseberg hat: 2288 Seiten. Und wie sieht es von da oben aus?

In den 1860er Jahren erschien in einer russischen Zeitung die Geschichte 1805. Später folgten weitere Teile. Vielfach wurde das Werk über die Jahre noch mal umgeschrieben – gerade auch das Ende – bis Lew Tolstoi es schließlich unter dem inzwischen neuen Titel Krieg und Frieden als Ganzes veröffentlichte. Ein monumentales Epos, das damals unendlich progressiv war und dessen Bedeutung nicht nur für die Literatur noch immer immens ist. Doch wie liest sich das nun heute?

Nun, von der ersten Seite an rauscht man nur so durchs Buch. Am Ende ist man dann völlig überrascht, dass man es schon nach wenigen Tagen fertig gelesen hat …

Kleiner Scherz. Natürlich dauert es erst mal, bis man in diesen gewaltigen Roman hineingefunden hat. Er umreißt nicht nur viele Jahre, sondern auch mehrere Länder und diverse Familien, deren Stammbäume selbst noch mal sehr verästelt sind. Wobei sich letztlich alles nur um wenige und immer wiederkehrende Figuren dreht. Sobald man das erkennt, fliegt man übrigens tatsächlich durch die Zeilen.

Denn Tolstoi war ein begnadeter Erzähler und Beobachter, und in seinem epischen Historiengemälde fährt er im wahrsten Sinne schwere Geschütze auf. Er schildert die feudale russische Gesellschaft genauso wie den genialischen jungen und später vom Glück verlassenen Napoleon, dessen europäische Feldzüge er auf atemberaubende Weise zu schildern vermag. Auf diesem hohen analytischen, taktischen Niveau und mit zugleich solcher Rasanz war so etwas nie zuvor erzählt worden.

Doch der wahre Motor des Buchs sind seine unzähligen tollen Figuren, denen man auch über 2000 Seiten stets folgt. Zwischendurch haben die Liebschaften der Heldinnen und Helden fast soaphafte Züge, so dass man der noch unsicheren jungen Natascha zurufen möchte: „Nein, halt dich von Anatole fern …“ – derart leidet man mit. Eine meiner Lieblingsfiguren war auch der meisterhaft geschilderte Fürst Andrej, der im Laufe der Geschichte unzählige Wandlungen vollzieht. Aber ihn oder andere herauszupicken würde den vielen weiteren unvergesslichen Charakteren unrecht tun, die bis in die kleinsten „Nebenrollen“ glänzend geschildert sind. Und so muss ich ganz ehrlich sagen: so dramatisch und authentisch die Kriegsszenen der damaligen Zeit geschrieben sind; viel lieber mochte ich die Schilderung der Gesellschaft. Weshalb ich es kaum erwarten kann, bald auch Anna Karenina zu lesen.

Lesegefühl: nach einem etwas schleppenden Beginn erstaunlich gut. Natürlich hält man beim Aufstieg auf 2288 Seiten Höhe ab und an mal inne, um zu verschnaufen. Macht vielleicht auch mal ein paar Tage Pause. Aber Tolstoi ist ein derart guter Erzähler, dass er mit nur wenigen Strichen die Seele einer Figur erfassen kann. Und so ist man schnell wieder drin, egal, ob man das Buch mal eine Woche weggelegt hat oder ein Charakter hundert Seiten nicht vorkam.

Fazit: Noch immer absolute Weltliteratur. Als Gesellschaftsroman, als Historiengemälde, aber auch als philosophisches Werk. Anhand von Napoleons Einmarsch in Russland geht Tolstoi etwa der Frage nach, wer damals wirklich diesen Krieg gestartet hat. Der berühmte Feldherr, der den Befehl dazu gab? Oder doch vielmehr das französische Volk, das sich nur jemand gesucht hat, der seinen kollektiven Willen ausführt? Von dieser Überlegung aus spürt Tolstoi weiteren kriegsphilosophischen Themen nach, die heute – in beunruhigenden Zeiten des weltweit aufkommenden Rechtspopulismus und Nationalismus – etwas beängstigend Aktuelles haben. Und so besteht Krieg und Frieden jeden Test of time. Kein Buch, das man insgeheim nur lobt, weil man froh ist, einen Wälzer gelesen zu haben und damit prahlen will. Sondern weil es ein wirklich substanzielles Lesevergnügen war. Was auch an der sehr gelungenen Neuübersetzung von Barbara Conrad liegen dürfte


 

ROSABELS TAGTRAUM

Worum geht’s? Ganz einfach: Um einige Kurzgeschichten, so fein und tief, dass man sie mit Sicherheit nie mehr vergisst. Weltliteratur im Taschenformat.

Katherine Mansfield galt als eine Meisterin der short stories. Die Auswahl in diesem Buch zeigt, warum. Beinahe alle Geschichten eint dieser Augenblick, in dem das Glück plötzlich kippt oder einen ersten Riss bekommt, der sich vielleicht bald schon ausweitet – im Kopf des Lesers. Denn Mansfield schrieb ausgesprochen subtil, ihre Pointen sind sanfte kleine Schnitte, die erst nicht wehtun, über die man dann aber doch lange nachdenkt. Was für eine Beobachtungsgabe! Leider starb diese wunderbare Autorin mit nur 34 Jahren, ihre letzte Geschichte Der Kanarienvogel ist mit diesem Wissen umso berührender.

Lesegefühl: Tatsächlich ist die titelgebende erste Geschichte ein Irrläufer, denn so unspektakulär bleiben die stories danach nicht mehr. Sehr empfehlen kann ich neben dem Kanarienvogel noch Glück, Eine Gewürzgurke, Das Puppenhaus und Die Fliege. Immer im Mittelpunkt: Mansfields tolle, schnell vor den Augen des Lesers entstehende Figuren. Meist ist man bereits nach einer oder zwei Seiten mitten im Geschehen, die Spannung wird beständig hochgehalten. Die Sprache ist fein, klar und poetisch, das Buch wäre sehr flüssig zu lesen – wenn man nicht immer wieder innehalten und über einige großartige Beschreibungen nachdenken müsste. Hundert Jahre sind manche dieser Geschichten inzwischen alt, doch sie fühlen sich noch immer jung an – der Verdienst einer modernen, zeitlosen Erzählerin.

Fazit: Es ist jedes Mal ein kleines, pures Leseglück, diese Kurzgeschichten zu lesen. Wer sich für diese literarische Gattung interessiert, kommt an Mansfield nicht vorbei. Sie war die Meisterin des Großen im Kleinen.


 

EINE WIE ALASKA

Ungelogen: in den Stunden, in denen ich das Buch las, war ich wieder sechzehn.

Vor Ewigkeiten las ich in einem Interview, wie John Green über das Erwachsenwerden sprach. Seine Antworten fand ich so schön, dass ich unbedingt mal was von ihm lesen wollte. Den Anfang machte Das Schicksal ist ein mieser Verräter, siehe Kritik auf dieser Seite. Vor kurzem las ich dann auch Margos Spuren, das ich sogar noch besser fand. Ein wunderbarer Roman mit einer ganz eigenen Stimmung. Besonders gefiel mir, wie fein das Thema Tod in den Text hineingewoben war (anders als in der Verfilmung, wo es leider fehlt). Mehr ging jetzt aber wirklich nicht. Oder doch? Mir fiel ein, wie mir jemand vor Monaten von Eine wie Alaska erzählt und dabei sehr überzeugend gesagt hatte: „Lies es!“ Also gut.

Als altes Internatskind konnte ich mich mit der Hauptfigur, Miles Halter, sofort identifizieren. Du bist sechzehn und fährst ins Heim, erster Tag nach den Sommerferien. Du räumst deine Sachen in den Schrank, schleichst linkisch durch die Gänge, hörst von irgendwoher Mädchenstimmen und fragst dich, wie das Jahr wird – und mit was für einem Typen sie dich wohl aufs Zimmer gesteckt haben. Im Falle von Miles ist das ein kleiner, rauchender Sprücheklopfer, der sich aufgrund seiner strategischen Fähigkeiten beim Streicheplanen nur Colonel nennen lässt. Beide werden schnell Freunde. Weitere Figuren sind der rappende Japaner Takumi, eine Rumänin namens Lara – und Alaska Young, das bezauberndste, tollste, verwirrendste, sexieste, klügste, belesenste, depressivste, lustigste, naivste und launigste Mädchen der Welt. Eine Figur, in die man sich wirklich verlieben kann. Zumindest kann man gut verstehen, wieso es fast alle im Buch tun.

Lesegefühl: Es beginnt als klassische Coming-of-Age Geschichte. Miles ist neu an der Schule, ein „harmloser kleiner Scheißer“, er hat zu Hause nichts erlebt, und wird langsam in den Internatsalltag hineingesogen. Er macht Fehler und bewährt sich, fängt an zu rauchen, lernt für den Abschluss, zofft sich mit den Externen, verliebt sich in Alaska, träumt von Sex, sucht nach dem Sinn, wird allmählich erwachsen. Das könnte so verdammt langweilig sein, aber da John Green einen ihm eigenen Zauber hat, liest man immer schneller. Gewitzte Dialoge, authentische Gefühle, und auf jeder Seite eine gute Idee. So rauscht man durch die Geschichte, bis die Handlung dann endlich ihr eigentliches Thema erreicht.

Das Buch hat zwei Teile. „VORHER“ und „DANACH“, und die Abschnitte beginnen mit: „136 Tage vorher“, „89 Tage vorher“, „2 Tage vorher“, usw. Das gleiche mit Danach. Selbstverständlich verrate ich nicht, was das Ereignis ist, um das sich die Geschichte dreht. Aber ich möchte sagen, dass es sich sehr lohnt, es herauszufinden.

Echte Kritikpunkte gibt es nicht. Aber natürlich sollte man ein Faible für solche Jugendgeschichten haben. Und vielleicht werden manche bemängeln, dass in den bisherigen Green-Büchern oft dieselbe Figurenkonstellation auftaucht (schüchterner Ich-ErzählerIn, sprühender/unerreichbarer Typ bzw. Frau als Gegenpol) und Alaska vielleicht ein klassisches Manic-Pixie-Dreamgirl ist. Doch wen zur Hölle interessiert das, wenn einen Romane so berühren wie seine. John Green kann das Schöne und den Schmerz der Jugend auf eine Weise festhalten, die beinahe wehtut, weil sie so wahr ist. Figuren, die man als Freunde haben möchte. Geschichten, die man selbst erleben will. Eine Gabe, wie sie nur wenige haben. Zum Beispiel noch John Hughes in seinen Achtziger-Filmen, Wolfgang Herrndorf in Tschick, Klassiker wie Stand By Me oder auch Joss Whedon in seinen besten Serienmomenten.

Fazit: Für Bücher wie dieses müsste man ein neues Wort ins Lexikon schreiben:

LESEKUMMER, der

Ein dem Liebeskummer ähnlicher Zustand, der einen nach Beendigung eines Buchs überkommen kann. Weil man sich von der Geschichte und geliebten Charakteren trennen muss und auch noch Tage danach sehnsüchtig an das Erlebte denkt.

Beispielsatz: „Nach ‚Eine wie Alaska‘ hatte ich einen Lesekummer wie als Teenager nicht mehr. Als das Buch Schluss gemacht hat, war ich am Boden zerstört.“

(Nachtrag: Auch die Serie von HULU ist wirklich gut. Nicht nur, dass der Colonel dort mit einem hervorragenden dunkelhäutigen Schauspieler besetzt wurde, was viel mehr Sinn macht, als wie es im Buch offen zu lassen. Sondern auch, wie dort in den letzten Folgen mit dem Hauptthema des Buches umgegangen wurde, ist groß!)


 

FREIHEIT

Ohne Übertreibung einer der besten Romane der letzten Jahre. Ideal für den Spätherbst.

Neun Jahre brauchte Jonathan Franzen für Freiheit, doch es hat sich gelohnt: das Buch ist noch einmal ein ganze Ecke besser als sein ohnehin schon großartiger Welterfolg Die Korrekturen. Und auch diesmal sind es die Figuren, die alles überragen: Walter Berglund, treusorgender Vater und grüner Idealist, seine Frau Patty, eine auf den ersten Blick glückliche Hausfrau mit jedoch schwieriger Vergangenheit, die beiden Kinder (die brave Jessica und der zwielichtige Joey) und der beste Freund der Familie, der Punkmusiker und Frauenheld Richard Katz.

Das Buch begleitet diese Charaktere durch mehrere Jahrzehnte, blickt hinter ihre Fassaden, baut dabei immense Spannungsbögen und Konflikte auf. Man wird beim Lesen süchtig gemacht, will jedes einzelne Familiengeheimnis erfahren und unbedingt wissen, wie es mit den Figuren weitergeht. Nebenbei wird ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte erzählt, von den Vorläufern der Finanzkrise und dem zweiten Irakkrieg, von Umweltverbrechen und dem angekratzten Selbstwertgefühl der Weltmacht nach „9/11“. Die Familie Berglund ist in all das auf faszinierende Weise verstrickt. Der Wunsch nach der totalen, rücksichtslosen „Freiheit“ ist es schließlich, der die liberale Nation Amerika und ihre Bewohner immer näher an den Abgrund rückt.

Lesegefühl: Ist man erst mal im Buch, fällt es schwer, die Geschichte noch wegzulegen. Ganz ehrlich: an sich mag ich lieber etwas emotionalere Werke wie Abbitte und Alles, was wir geben mussten oder auch das überbordende Erzählen aus Das Hotel New Hampshire und Die Kunst des Feldspiels. Deshalb habe ich lange einen Bogen um dieses Buch gemacht, weil ich die Korrekturen zwar sehr gut fand, aber auch etwas unterkühlt, überintellektuell und stellenweise langweilig. All das ist jedoch in Freiheit verschwunden. Das Buch strahlt zum Schluss hin sogar eine versöhnliche Wärme aus, und jede einzelne Seite ist spannend. Keine Manierismen, kein zur Schau stellen von sprachlicher Brillanz. Einfach nur toll erzählt. Mal aus der Sicht von Walter, der zum Beispiel Mutmaßungen über seine Frau anstellt. Im nächsten Kapitel dann aus der Sicht seiner Frau, die diese Mutmaßungen bestätigt oder wiederlegt. Andere Kapitel blicken dem besten Freund über die Schulter oder schildern, was die Nachbarn denken. Man erhält so einen unglaublichen Einblick in die Charaktere, erkennt plötzlich, wieso manche Beziehungen nur scheitern können, obwohl niemand Schuld trägt. Jeder Erzählwinkel wirft dabei neue spannende Fragen auf, ehe am Schluss alles perfekt aufgelöst wird.

Fazit: Ein tiefes, schlaues, meisterhaft erzähltes Buch. Wer für die langen Winterabende noch etwas zu lesen sucht, dem kann ich Freiheit sehr empfehlen. Hier findet man die besten Figuren, die die Literatur derzeit zu bieten hat. Denn wie Franzen den Menschen beobachtet und schildert, in seinen Stärken und in seinen Fehlern, das ist einfach große Kunst.


 

STERBEN

„Für das Herz ist das Leben einfach: es schlägt, solange es kann.“

Einer der besten ersten Sätze eines Romans und der Beginn von Karl Ove Knausgårds schon jetzt legendärem Epos. Was für ein Getriebener muss man sein, wenn man sein komplettes Leben vor dem Leser ausbreitet? Wenn man nichts fiktionalisiert, sondern einfach nur brutal offen und detailliert seinen Alltag schildert, seine Kindheit und Jugend, seinen Konflikt mit dem Vater, seine Probleme als Ehemann, seine düstersten Gedanken, und dabei weiter geht als fast alle anderen Autoren zuvor? Und wie gut muss man schreiben können, damit das den Leser auch noch interessiert?

Sterben ist der erste von sechs Bänden. Der Originaltitel der Reihe, Min Kamp, wurde für die deutsche Ausgabe verständlicherweise geändert, wobei er allerdings in den ersten Büchern nicht mehr als eine provokative Anspielung war. Es geht hier zunächst schließlich nur um einen Kampf: den, den Karl Ove Knausgård täglich in seinem Leben ausfechtet, um Sinn, um Anerkennung und um seinen Platz als Mann, Vater und Autor. Die Bücher waren in Norwegen eine Sensation, später auch in den USA und nun bei uns. Der Proust der Gegenwart, heißt es. Kein Wunder, bei insgesamt 3600 Seiten. In Sterben erzählt Knausgård von seiner Jugend in einem norwegischen Kaff. Von ersten Beziehungen, Alkohol und immer wieder dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater. Doch erst später, als der Vater tot ist, kommen die wahren Gefühle hoch.

Lesegefühl: In Lieben, dem zweiten Band, sagt ein befreundeter Schriftsteller zu Knausgård: „Na, du hast gut reden. Du kannst auf zwanzig Seiten einen Toilettenbesuch so gestalten, dass die Leser leuchtende Augen bekommen. Was glaubst du eigentlich, wie viele das können?“ Das ist der Punkt. Obwohl die Romane keinen klassischen Spannungsbogen haben und es oft scheinbar „um nichts geht“, kann man nicht aufhören zu lesen. In Sterben gibt es gleich zwei solcher Stellen. Eine Silvesternacht in der Jugend, die so authentisch und pur erzählt ist, dass man nur so durch die zweihundert Seiten rast. Und später das gleiche noch mal: Als Karl Ove und sein Bruder Yngve den Vater beerdigen und das Haus, in dem er zuletzt dahinvegetiert ist, aufräumen. Zweihundert Seiten, die man ohne abzusetzen lesen kann – ein literarischer Rausch. Dazwischen knirscht es jedoch manchmal. Der Grat zwischen präziser Alltagsbeschreibung und banaler Aufzählung ist schmal, und so gibt es immer mal wieder ein paar langweilige Seiten. Doch der Lesespaß ist grundsätzlich hoch.

Das liegt nicht zuletzt an dem Gefühl, dass alles, was man liest, genau so passiert ist. Aber auch an der Sprachgewalt Knausgårds, und an seiner faszinierenden Offenheit. Er ist nur an der Wahrheit interessiert, völlig egal, wie unsympathisch er selbst dabei rüberkommt. Zum Beispiel, als er sein widersprüchliches Verhältnis Menschen gegenüber beschreibt: „Wenn ich mit anderen zusammen war, fühlte ich mich ihnen verbunden, die Nähe zu ihnen war unerhört, so sehr lebte ich mich in sie hinein. Ja, so sehr, dass mir ihr Wohlbefinden stets wichtiger war als meins.“ Ist er dann jedoch allein, gilt wiederum: „Von meinen zahlreichen Gefühlen für die Menschen, mit denen ich soeben mehrere Stunden verbracht hatte, war nichts mehr geblieben. Sie hätten allesamt verbrennen können, ohne dass ich das Geringste für sie empfunden hätte.“

Fazit: Knausgårds Bücher sind so radikal und glänzend geschrieben, so präzise in ihren Beschreibungen, so lebensecht und mutig, dass man auf jeden Fall mal reinlesen sollte. Es geht dabei gar nicht so sehr darum, ob man das alles mag: die sechs Bände sind einfach ein Experiment, wie es die Literatur lange nicht erlebt hat. Mir persönlich haben dabei seine Kindheits- und Jugenderinnerungen am besten gefallen. Es ist unglaublich, wie sehr man sich plötzlich in seine eigene Jugend zurückversetzt fühlt, wenn man das liest. Es sind die Momente, in denen die Bücher am literarischsten sind, am hellsten leuchten. Ein Grad an Authentizität, wie ihn zuletzt nur Boyhood im Kino erreicht hat. Auch dort geht es um nichts. Auch dort geht es um alles.


 

TSCHICK

Wie schon oben Das Attentat von Mulisch las ich auch diesen Roman kürzlich ein zweites Mal. Und wieder bleibt der Eindruck gleich: Tschick ist mit Sicherheit eines der besten deutschen Bücher der letzten Jahre.

Als Erstes fällt beim Re-Read auf, dass die Zeiten sich seit dem Erscheinen 2011 etwas geändert haben. Manche Begriffe würde man inzwischen vielleicht nicht mehr verwenden. Das aber nur eine Randnotiz angesichts der Tatsache, dass die Geschichte so viel Witz und Gefühl besitzt, und: so viel Lakonie. Man kann einfach nicht aufhören mit dem Lesen. Alles wirkt derart leicht erzählt, dass man sich fragt: wieso ist es dann nur so schwer, so ein Buch zu schreiben? Wieso scheitern so viele AutorInnen daran?

Herrndorf gab mal eine schöne Antwort: „Ich habe um 2004 herum die Bücher meiner Kindheit und Jugend wieder gelesen, Herr der Fliegen, Huckleberry Finn, Arthur Gordon Pym, Pik reist nach Amerika und so. Um herauszufinden, ob die wirklich so gut waren, wie ich sie in Erinnerung hatte, aber auch, um zu sehen, was ich mit zwölf eigentlich für ein Mensch war. Und dabei habe ich festgestellt, dass alle Lieblingsbücher drei Gemeinsamkeiten hatten: schnelle Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser. Ich habe überlegt, wie man diese drei Dinge in einem halbwegs realistischen Jugendroman unterbringen könnte. Mit dem Floß die Elbe runter schien mir lächerlich; in der Bundesrepublik des einundzwanzigsten Jahrhunderts als Ausreißer auf einem Schiff anheuern: Quark. Nur mit dem Auto fiel mir was ein. Zwei Jungs klauen ein Auto. Da fehlte zwar das Wasser, aber den Plot hatte ich in wenigen Minuten im Kopf zusammen.“

Es sind vielleicht gerade diese Reduzierung und Einfachheit, die den Roman so weit und so tief machen. Interessant der Vergleich zu anderen, von mir ebenfalls geliebten Coming of Age Büchern wie denen von John Green. Während dort sorgfältig und stetig Handlung und Charaktere aufgebaut werden – bis hin zu tiefen Einsichten in die Figuren oder Geständnissen und wichtigen Erkenntnissen am Ende, bleibt Tschick oft bewusst oberflächlich. Die Ausnahme ist der 14jährige Maik Klingenberg, ein Außenseiter, der uns die Geschichte erzählt. Über ihn erfahren wir viel. Seine Mutter dagegen ist vor allem eine gewitzte Alkoholikerin, der Vater ein eindimensionales Arschloch. Und auch über den titelgebenden Tschick, den neuen Schüler Andrej Tschichatschow, weiß man lange nur wenig. Nur, dass er eben aus einer sogenannten „Asi-Familie“ und Hochhaussiedlung kommt und oft betrunken im Unterricht erscheint. Muss reichen.

Und jetzt kommt die Magie des Romans: es reicht auch. Denn hier geht es darum, WIE das alles erzählt ist. Und vor allem um das Gefühl, vierzehn zu sein und das erste große Abenteuer seines Lebens zu bestreiten. Die unerreichbare Tatjana Cosic und Alltagsprobleme endlich mal hinter sich zu lassen. Und mit einem faszinierenden osteuropäischen oder russischen Weirdo in einem geklauten Lada durch das unergründliche Brandenburg zu cruisen. Endlich mal etwas zu erleben, nachts auf einem Feld zu liegen und über Aliens zu philosophieren oder auf dem Müllberg eine Ausreißerin kennenzulernen, sich ein bisschen in sie zu verlieben – und schon ist sie wieder weg, und die Fahrt steuert weiter ihrem spektakulären Ende entgegen.

Das alles ist grandios und auf den Punkt geschrieben, die zweite absolute Stärke des Romans. Jeder Satz sitzt, was oft wie hingeworfen wirkt, ist in Wahrheit Maßarbeit eines großartigen Autors. Und so war Tschick auch beim zweiten Lesen von vorne bis hinten ein riesiger Spaß. Darin liegt auch für mich der Erfolg des Romans: es gibt einfach nur wenige Bücher, die man so vorbehaltlos, so leidenschaftlich empfiehlt wie dieses herrliche Stück Literatur.

P.S. Und genauso schön ist übrigens das nach Herrndorfs Tod veröffentlichte Fragment Bilder deiner großen Liebe über die Ausreißerin Isa, die für kurze Zeit die Wege von Maik und Tschick kreuzte.


 

UNTER NULL

“Auf den Freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser.” So beginnt das Debüt von Bret Easton Ellis, der später mit American Psycho zu einem der berüchtigsten und größten Autoren seiner Zeit wurde.

Dieses Buch dagegen schrieb er mit zwanzig, es war seine sogenannte “Abschlussarbeit” in Creative Writing. Es ist die Geschichte von Clay und seinen Freunden in Los Angeles, die ein mondänes Leben zwischen Frauen, Sex und Drogen führen, alle gelangweilt, solariumsgebräunt und abgestumpft. Das alles zelebriert Ellis, hält der Trostlosigkeit aber auch den Spiegel vor.

Der Roman ist dabei geschickt aufgebaut. Es dauert, bis man begreift, dass fast alle Figuren ähnlich ausssehen. Gleichzeitig gibt es immer wieder kursive, in diesem Kontext fast schon grotesk anmutende romantische Rückblenden von Clay. Ein scharfer Kontrast und Widerspruch zur abgefuckten Gegenwart. Als Leser ist man konstant gefordert, sich das alles selbst zusammenzureimen, das Lesegefühl, das dabei entsteht, ist dadurch ungewohnt und spannend.

Ich musste nach diesem Kniff jedenfalls oft an zwei Ellis-Anekdoten denken. Bei der einen gab er auf dem Höhepunkt seines Ruhms diverse Interviews. Er traf zum Beispiel einen sensationsgeilen Reporter in einer Hotelsuite eines Wolkenkratzers. Noch verschlafen und mit zerzausten Haaren öffnete er im Bademantel. Der Reporter schaute sich neugierig um – und entdeckte im zerwühlten Bett zu seiner großen Freude auch noch einen nackten blonden Mann. Ellis dagegen trank ein absurdes Getränk wie Fanta und stellte sich offenbar noch drogenverkatert den Fragen. Der Reporter konnte sein Glück kaum fassen, tippte alles runter, es wurde gedruckt – und dann merkte er irgendwann, dass Ellis diese Show bei ALLEN Magazinen abzogen hatte: immer die Hotelsuite, immer der nackte blonde Mann, immer die Drogennacht und die Fanta … Ich las das alles irgendwo mal, und es ist einfach zu gut, um es hier nicht zu bringen, selbst wenn es nicht stimmt.

Denn die zweite Anekdote ist mit Sicherheit wahr: Als ich die Verfilmung von American Psycho sah, hinterließen einige Szenen einen eigenartigen Nachgeschmack. Und zwar waren es die Verhöre zwischen Detective Kimball (Willem Defoe) und dem von Christian Bale gespielten Killer Patrick Bateman. Irgendetwas stimmte da nicht. Später las ich, dass dahinter tatsächlich ein Plan steckte. Es gibt im Film drei Szenen zwischen den beiden, und Defoe sollte sie jeweils anders interpretieren. Die eine sollte er so spielen, als wäre er ganz überzeugt, dass Bateman der Mörder ist. Die nächste so, als wäre er absolut sicher, dass Bateman unschuldig ist. Und einmal sollte er es offensichtlich nicht wissen … Ich bin fast sicher, Ellis hat dieser Einfall gefallen.

Fazit: Zurück zu Unter Null – ein wirklich starkes, abgründiges kurzes Buch. Raffiniert und Kult.


     

 

GUTE FUßBALLBÜCHER

Nachdem weiter oben mit Die Kunst des Feldspiels schon Baseball gewürdigt wurde, hier nun endlich einige Bücher über Fußball. Dass gleich mehrere davon von Ronald Reng sind, ist übrigens nicht meine Schuld, sondern seine. Er hat einfach zu viele gute Sachen zu diesem Thema geschrieben. Wer also Angst vor Entzugserscheinungen nach der EM hat (Anm.: Text von 2016), sollte hier mal einen Blick riskieren.

SPIELTAGE
Wer ist Heinz Höher? Er war 1963 am ersten Spieltag der neugegründeten Bundesliga als Spieler dabei, trainierte später Teams wie Bochum und Nürnberg, war kurzfristig Manager, ehe seine Zeit im Rampenlicht auch aufgrund persönlicher Dramen endete und er zeitweise dem Alkoholismus verfiel. Dennoch schaffte er es, als eine Art privater Agent auch noch im gesetzten Alter einen talentierten Schützling in die erste Liga zu führen. Kurzum: Heinz Höher war nie so berühmt wie ein Beckenbauer, Netzer oder Matthäus, aber in fünfzig Jahren Elitefußball trotzdem immer dabei. Ronald Reng schildert anhand der Biographie dieses einen Mannes die packende Geschichte der Bundesliga und ihrer Professionalisierung, von den ersten romantischen Anfängen in den Sechziger Jahren bis hin zum kühlen und auf Profit ausgerichteten Medienprodukt der Jetztzeit. Von Pistolenschüssen beim Training, dem Wandel des Aktuellen Sportstudios, legendären Vereinspräsidenten, Gaunereien und Frauengeschichten genauso, wie von den tragischen wie glücklichen Momenten im Leben Heinz Höhers. Ein Mann, der schon mal nachts selbst einen Platz unter Wasser setzte, um ein Spiel ausfallen zu lassen, und auch sonst für jede Überraschung gut ist. Eine Abenteuergeschichte.

EINE SAISON MIT VERONA
Der Schriftsteller Tim Parks ist Engländer, lebt aber seit Jahrzehnten in Verona. Schnell empfand er Sympathie für den dortigen Verein Hellas, trotz seiner manchmal streitbaren Fans. Schließlich fasste er den Entschluss – zum Entsetzen seiner Frau –, nicht mehr nur die Heimspiele zu besuchen, sondern im Jahr 2001 eine komplette Saison mit Hellas Verona zu verbringen, mit den Ultras zu jedem Auswärtsspiel quer durch Italien zu fahren und darüber zu schreiben. Das allein wäre schon originell, denn Parks ist ein herausragender Beobachter, der einem schwungvoll die Eigenheiten des italienischen Fußballs näher bringt, von den Tifosi, den mafiösen Strukturen, dem Aufbau der Ultras und dem typischen Aberglauben bis hin zum „Calcio parlato“ (dem „gesprochenen Fußball“, also den unzähligen Diskussionen und Fernsehsendungen zu den immer gleichen Themen). Auch mag man sofort die einzelnen Charaktere der Ultras, mit denen Parks die Saison und oft ganze Nächte im Bus verbringt, und die von ihm ebenso liebenswert geschildert werden wie die hoffnungslos schlechte Mannschaft mitsamt ihrem Präsidenten und dem ständig vor dem Rauswurf stehenden Trainer. Das Buch funktioniert zudem auch als Reisereportage, denn Parks kommt im Laufe der Saison natürlich unweigerlich an fast alle Orte Italiens. Was sein Werk darüber hinaus jedoch so einzigartig macht, ist schlicht der Saisonverlauf. Hellas Verona kämpft von Beginn an gegen den Abstieg, und wie dramatisch es gegen Ende wird, hätte sich Parks vorher vermutlich nicht mal in seinen albernsten Träumen ausdenken können. Selbst als Nicht-Verona-Fan kann man irgendwann nicht anders, als mit diesen leidgeprüften und liebgewonnenen Ultras und der Mannschaft mitzufiebern. Ein Buch, das immer spannender wird, und in dem man alles über den italienischen Fußball und seine besondere Fanseele lernt.

EIN ALLZU KURZES LEBEN
Robert Enke war Kapitän von Hannover 96 und die Nummer 1 im Nationalteam, noch vor Manuel Neuer und René Adler. Er war bei Fans und Mitspielern beliebt, galt als sicherer Rückhalt und als ein liebenswürdiger, zuverlässiger Mensch. Man ging davon aus, dass er bei der WM 2010 im Tor stehen würde. Dann machte im November 2009 die für viele unfassbare Nachricht die Runde, dass er seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Was die Öffentlichkeit damals noch nicht wusste: Enke war vor seinem Freitod schwer depressiv gewesen. Ein allzu kurzes Leben ist seine Biographie, und doch noch viel mehr. Ronald Reng war mit Enke und seiner Frau befreundet, es war abgemacht, dass sie zusammen nach Enkes Karriere ein Buch schreiben würden. Nun musste Reng es ohne ihn tun. Anhand von Enkes Tagebucheinträgen und unzähligen Gesprächen mit Freunden, Verwandten und ehemaligen Mitspielern zeichnet er das Leben eines sympathischen Menschen nach, der schon früh als großes Torwarttalent von sich reden machte. Als Teenager bei Gladbach, später als Kapitän bei Benfica Lissabon ging sein Stern auf, ehe seine Karriere nach einer Degradierung bei Barcelona und einem missglückten Engagement in der Türkei fast vor dem Aus stand. Damals wurde er auch das erste Mal depressiv. Doch Enke kämpfte sich zurück, wurde Stammtorwart in der Bundesliga und machte mit außergewöhnlichen Leistungen auf sich aufmerksam. Als es fast schon zu spät schien, war er wieder zurück in der Weltklasse. Und auch den frühen Tod seiner Tochter schien er überwunden zu haben, so dass die Rückkehr seiner Depression für alle überraschend kam. Ein allzu kurzes Leben schildert frei von jedem Voyeurismus ein Menschenleben und eine Karriere, von den tragischen bis hin zu den vielen glücklichen Momenten, die es auch gab. Es bietet ungewohnt offene Einblicke in die Welt eines Profis, aber auch in die Krankheit Depression. Ein berührendes, menschliches, großes Buch, für Fußballfans, aber längst nicht nur.

THE DAMNED UNITED
Brian Clough ist in England eine Legende und Trainer des Jahrhunderts. In den Siebziger Jahren führte er Derby County in die erste Liga, wo sie schließlich noch vor dem Überteam Leeds United Meister wurden. Später vollbrachte Clough das gleiche Kunststück noch mal. Er übernahm Nottingham Forest in der 2. Liga, führte sie in die erste, wurde dort sofort Meister, gewann anschließend zweimal hintereinander die Championsleague, damals noch „Pokal der Landesmeister“ genannt. Eine einmalige Erfolgsgeschichte im Weltfußball. Und dazwischen? Dazwischen war Clough genau 44 Tage Coach bei Leeds United, als Nachfolger seines verhassten Dauerrivalen Don Revy, der statt ihm englischer Nationaltrainer geworden war. In diesen 44 Tagen schaffte es der exzentrische Clough, die seinem Vorgänger treu ergebene Mannschaft auf geradezu absurde Weise gegen sich aufzubringen, auch sonst unangenehm aufzufallen und nach wenigen Spielen folgerichtig gefeuert zu werden. David Peace hat diese Misserfolgsgeschichte zu einem großartigen Buch verwoben. Es gibt zwei Zeitebenen. Die eine zeichnet Cloughs Weg vom invaliden Spieler zum Erfolgstrainer bei Derby County nach. Die andere schonungslos seine 44 Tage bei Leeds aus der fiktiven Ich-Perspektive. Anfangs braucht man etwas, um reinzukommen, dann begreift man, wie genial diese Konstruktion ist, denn plötzlich versteht man, wieso Clough bei seinem neuen Verein einfach scheitern musste. Und am Ende des Romans berühren sich die beiden Zeitebenen schließlich. Ist Clough auf Ebene 1 gerade bei Leeds entlassen worden, wird er auf Ebene 2 soeben von Leeds hoffnungsvoll eingestellt … Ein böses, schlaues, irrwitziges Buch, auch toll verfilmt. Fiktiver O-Ton von Clough über Leeds: Hier hassen sie Flair. Zerren es raus auf die Straße und treten es in den Magen, töten und hängen es an der Laterne auf, damit es alle ver­spotten und sehen können.”

MROSKOS TALENTE
Gesucht ist folgender Mann: Er hat Edin Dzeko mitentdeckt, Dieter Hoeneß in dessen Büro angeschrien, war Jugendtrainer, später Scout, verstand sich prima mit Magath, wurde Meister mit Bayern und Wolfsburg, danach entlassen, war Spielervermittler, am Ende arbeitslos. Die Rede ist von Lars Mrosko aus Neukölln. Nie gehört? Das ist nachvollziehbar, denn Mrosko entstammt dem Kellergewölbe der Bundesliga. Einer von denen, die man nicht kennt, die den Fußball aber ausmachen und oft für wenig Geld Tag und Nacht im Einsatz sind, dafür meist auch ihre Familien vernachlässigen. Und warum? Weil sie diesen Sport lieben, die Anerkennung, die Freude, das Geräusch, wenn ein Ball ins Netz fliegt. Weil sie so nah wie möglich an ihren Traum herankommen möchten, im Profifußball zu arbeiten. Ronald Reng schildert in Mroskos Talente – das erstaunliche Leben eines Bundesligascouts eine eher unbekannte Seite dieses Sports, beleuchtet das Leben von Jugendtrainern, oft windigen Spielerberatern und eifrigen Talentspähern. Aber auch von Spielern, die es nie ganz nach oben schaffen werden, dennoch nicht aufgeben und trotzig durch unterklassige Ligen tingeln. Titelheld Lars Mrosko kommt aus eher schwierigen Berliner Verhältnissen, musste seine Spielerkarriere verletzungsbedingt aufgeben, war immer ein wenig gefährdet und schon früh in Ladendiebstähle verstrickt, hatte sein Herz aber stets am rechten Fleck – und ein verdammt gutes Auge für Talente. Atemlos verfolgt man seinen Lebensweg, seine kleinen Triumphe, seinen Aufstieg und sein Scheitern. Und vor allem seine Leidenschaft für den Fußball, der nicht mal all die Rückschläge etwas anhaben können.

FEVER PITCH
„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.” So beginnt der berühmte Roman von Nick Hornby, der sein Leben als Fan des FC Arsenal nachzeichnet. Das Buch ist nichts anderes als die Bibel unter den Fußballwerken, vermutlich kann man die gesamte Sportliteratur in ein Davor und ein Danach aufteilen. Davor war Fußball außerhalb der Arbeiterklasse kaum ein Thema, schon gar nicht für anspruchsvolle Bücher, hatte vielmehr den Mief von dunstigen, mit Wimpeln vollgestopften Eckkneipen. Man dachte sofort an halbleere und ramponierte Stadien mit Hooligans und rechten Fans, und der Begriff „Public Viewing“ war hierzulande nicht existent (und höchstens Menschen mit gutem Englisch als die Aufbewahrung von Leichen im offenen Sarg bekannt). Hornbys kluges Buch veränderte alles. Es machte Fußball salonfähig und gab ihm einen intellektuellen Touch. Plötzlich wurde auch in Buchhandlungen, Feuilletons und auf Dinnerpartys darüber diskutiert und es war en vogue, für einen Verein zu sein und zu Ligaspielen ins Stadion zu gehen. Natürlich war nicht Fever Pitch allein daran schuld, denn zeitgleich startete auch die Premier League in England, wurde der Fußball überhaupt professionalisiert. Doch Hornbys Buch ist das Aushängeschild dieser Entwicklung und auch der Startschuss für unzählige weitere Bücher über diesen Sport. Ein gewitztes Bekenntnis eines Fans, voll von liebevollen, amüsanten und spannenden Anekdoten, Vergleichen und Gedanken. Und mit einem aufregenden Finale, dass die ewige Frage beantworten sollte: Kann der heruntergekommene Verein Arsenal endlich die Dominanz von Liverpool brechen und mal wieder Meister werden? Was Hornbys High Fidelity für Beziehungen und Trennungen ist, ist sein Fever Pitch für Fußball. Ein noch immer vergnügliches Standardwerk.

DER TRAUMHÜTER
Die Geschichte dieses Buchs ist so wunderbar, tragisch und spannend, dass man kaum glauben kann, dass sie wirklich so stattgefunden hat. Lars Leese war einst ein Torwarttalent, doch er schaffte nie wirklich den Durchbruch und gab die Karriere schließlich auf. Mit 22 spielte er für die Sportfreunde Neitersen in der Kreisklasse Westerwald, nur noch zum Spaß. Doch durch ein paar glückliche Zufälle nahm alles eine andere Wendung, und wenige Jahre später stand er – ohne je ein Bundesligaspiel absolviert zu haben – plötzlich für den FC Barnsley in der Premier League im Tor und hielt seinen Kasten beim 1:0 gegen Liverpool mit unzähligen Paraden sauber. Und das auswärts vor 40.000 Fans an der berühmten Anfield Road. Doch schon kurz darauf verschwand er wieder in der Versenkung und war vereinslos. Von der Anonymität zur Erfüllung eines Jugendtraums und zurück – Ronald Reng erzählt anhand von vielen Gesprächen mit Beteiligten und natürlich Lars Leese selbst dieses unfassbare Fußballmärchen, voll von unzähligen kleinen Anekdoten. 2004 wurde Der Traumhüter als erstes ausländisches Buch überhaupt in England mit dem „Sportbuch des Jahres“-Award ausgezeichnet.

WIE DIE STEEPLE SINDERBY WANDERERS DEN POKAL HOLTEN
Dies ist ein Märchen, aber ein wahres – zumindest gefühlt … England, vor einigen Jahrzehnten: der ehemalige Fußballprofi und nun Grundschullehrer Alex Slingsby hat einen ambitionierten Plan: er möchte das heimische Fußballteam in die erste Runde des ruhmreichen englischen FA-Cups bringen. Denn für die Pokal-Ausscheidung kann sich jede Mannschaft des Landes bewerben, egal wie klein oder erfolglos. Sein Partner in Crime ist ein aus Ungarn geflüchteter Philosoph und Taktikfuchs, der revolutionäre Ideen über das Spiel ausbrütet. Mit ihrer Truppe von Außenseitern, zu der ein depressiver ehemaliger Stürmerstar, der Pfarrer und andere schräge, aber liebenswürdigen Gestalten aus dem Ort gehören, machen sie sich an die Arbeit und nutzen auch gern den fast schon verboten schiefen Platz für ihre Zwecke. Doch sie ahnen nicht, wohin sie dieser kleine Traum tatsächlich noch führen wird … Was für ein herrlicher Roman. Wie schon im ebenfalls geliebten Ein Monat auf dem Land schafft es J.L. Carr auch hier, ein großartiges englisches Biotop zu zeichnen, vermischt kunstvoll Witz mit leiser Melancholie – und schreibt mal eben eines der besten Fußballbücher aller Zeiten.


 

JESUS VON TEXAS

Eines der fiesesten und witzigsten Bücher, die ich je gelesen habe.

Es läuft nicht gut für Vernon. Genauser gesagt sogar: katastrophal. Sein bester Freund Jesus hat erst sechzehn Mitschüler erschossen und dann sich selbst. Ohne ihn einzuweihen. Die wütende Kleinstadt braucht einen Sündenbock. Schnell gibt es die Theorie, dass Jesus noch einen Komplizen hatte – und so konzentrieren sich alle Rachegelüste auf den unschuldigen Vernon. Blöd, dass auch danach ein paar Dinge richtig schlecht laufen und ihn dann noch ein Reporter linkt – und so zieht sich die Schlinge immer weiter zu, bis er nach Mexiko flüchtet. Dort beginnt jedoch erst die richtige, alptraumhafte Odyssee, die den Leser kopfschüttelnd zurücklässt.

Lesegefühl: Das alles klingt jetzt finster, in Wahrheit ist Jesus von Texas (Im Original: Vernon God Little) eine böse und irre komische Satire. So etwas Wildes, Gutes list man nur ganz selten. Das Buch gewann den Booker Prize und sollte für jeden, der mit diesen Themen etwas anfangen kann, ein riesiger Lesespaß sein. Was auch an DBC Pierres (eine Abkürzung für den nach Eskapaden reuigen Australier Dirty But Clean Peter) origineller, pointierter Schreibe liegt. Muss man natürlich mögen, aber wenn man es “mag”, “liebt” man es automatisch.

Fazit: Wer das nicht liest, ist selbst Schuld. Wirklich wahr.


 

DER DISTELFINK

Die dunkle Seite der Literatur.

Wenn man Donna Tartts 1022 Seiten langen Roman auf den Kopf stellt und schüttelt, sprühen genialische Funken auf und es fallen unzählige wunderbare Figuren heraus, dazu poetische Beschreibungen, großartige Dialoge, Ideen und Szenen und überraschende Wendungen.

Zehn Jahre hat die Autorin an diesem Buch geschrieben. Das merkt man. So virtuos und üppig ist schon lange nicht mehr erzählt worden, eine Geschichte wie ein ordinäres, reiches Mahl, voller kleiner Köstlichkeiten, dazu viel Alkohol. Es ist also keine Frage, dass man hiervon satt und berauscht wird. Staunend verfolgt man das turbulente Leben der Hauptfigur Theo Decker. Zu Beginn als Mörder vorgestellt, springt man zurück in seine Kindheit. Erfährt, wie ein tragisches Ereignis sein Leben prägte. Man freut sich im Folgenden mit ihm, bangt noch viel öfter um ihn, kommt einfach nicht mehr los wie ein Junkie. Der Distelfink, das ist auch bester Stoff.

Lesegefühl: Die Sprache zieht einen sofort in die Geschichte, dennoch muss man sich natürlich erst einmal hineinarbeiten. Nach zweihundert Seiten ist man aber unfähig, den Roman noch wegzulegen.  Es ist ein dunkler Glanz, der einen hier blendet. Die Charaktere sind alle ambivalent, vieles spielt sich im Schatten ab. Man blättert gespannt weiter, aber es ist oft eine beunruhigte Spannung. Ein nervöser Fiebertraum, denn es geht mitunter hart zu. In diesem Roman werden keine Gefangenen gemacht. Mit einer Ausnahme: Der Leser.

Ich persönlich fand die erste Hälfte genial (allein das fiebrige Las Vegas), die zweite gab dann ein bisschen ab, und wie schon bei Die geheime Geschichte von Donna Tarrt wartete am Schluss kein letzter großer Ton, sondern ein Fade Out. Aber das ist völlig in Ordnung, nachdem man zuvor derart unterhalten wurde.

Fazit: Der Distelfink, mit dem Pulitzer prämiert, ist ein außergewöhnliches Werk, in dem man tagelang schwelgen kann. Es geht um das Gute im Schlechten und das Schlechte im Guten und darum, ob die Schönheit der Kunst eine Seele retten kann. Aber eigentlich geht es um Verlust, um den Umgang mit Traumata. Eine literarische Achterbahnfahrt, wie man sie lange nicht mehr erlebt hat.


 

POPULÄRMUSIK AUS VITTULA

Die 1960er Jahre: Matti und sein bester Freund Niila leben in einem Kaff an der schwedisch-finnischen Grenze. Hier gibt es nichts außer ein paar kauzigen Einwohnern, strengen Gottesdiensten, langweiligen Schultagen und Familienfesten mit Trinkgelagen und prestigeträchtigen Saunawettbewerben. Dann aber hält der Rock’n’Roll Einzug in das kleine Tal – und alles ändert sich für die beiden Jugendlichen, die nun natürlich eine Band gründen wollen …

Der im Jahr 2000 erschienene Roman von Mikael Niemi wurde ein sensationeller kommerzieller Erfolg in Schweden, aber auch von der dortigen Kritik gefeiert. Mit seinen Jugenderinnerungen richtete Niemi endlich Licht auf einen der dunkelsten und vergessensten Winkel des Landes – und konnte dabei gleich eine ganze Fülle an spannenden Anekdoten und sonderbaren Charakteren aufbieten.

Lesegefühl: Schon die erste Szene dieses Buchs ist grandios und gibt den Takt vor. Der erwachsene Matti möchte die Asche seines einst besten Freundes Niila auf einem 5415 Meter hohen Berg in Nepal verstreuen. In seiner melancholischen Grundstimmung lässt er sich nach getaner Arbeit auf die Knie fallen und beschließt feierlich, eine tibetanische Gebetsplatte zu küssen. Und merkt zu seinem Entsetzen, dass er sofort mit den Lippen festgefroren ist. Es ist saukalt, der Tag geht bald vorüber, eine Nacht dort draußen wird er nicht überleben. Aber er kommt nicht weg … Natürlich wird an dieser Stelle nicht verraten, ob und wie Matti sich befreit hat. Dafür kann ich versprechen: derart skurril und oft spektakulär geht es auch im späteren Verlauf des Buches weiter.

Fazit: Populärmusik aus Vittula ist die Heimat origineller kleiner Geschichten und Figuren. Mehr episodisch denn als klassischer Roman erzählt Niemi mit leichter Hand von der Euphorie und auch dem Schmerz einer Jugend am Ende der Welt.


 

SCHIFFBRUCH MIT TIGER

Ein packender Abenteuerroman von philosophischem Rang.

Der Inder Piscine Molitor, genannt “Pi”, ist der Sohn eines Zoodirektors und weiß von Kindheit an, wie man mit Tieren umgeht. Als die Familie mitsamt ihren Tieren nach Kanada auswandert und das Schiff unterwegs untergeht, ist dieses Wissen für ihn überlebenswichtig. Denn auf dem verbliebenen Rettungsboot hat sich eine eigentümliche Gemeinschaft gebildet: ein Orang Utan, eine Tüpfelhyäne, ein Zebra und ein bengalischer Tiger mit dem Namen “Richard Parker”. Pi selbst – der bei dem Unglück seine ganze Familie verlor – hat sich auf ein Floß gerettet, das mit einem Tau an dem Boot befestigt ist. Am Ende bleiben nur noch er und der Tiger übrig, der eine auf dem Boot, der andere auf dem Floß. Beide um ihr Überleben kämpfend – und gegen die Einsamkeit.

Lesegefühl: Was nach diesen Zeilen nach einer völlig durchgeknallten Story klingt, entpuppt sich beim Lesen als überraschend geerdet und überaus faszinierend erzählt. Schiffbruch mit Tiger (Im Original: Life of Pi) ist nicht nur schlau, manchmal ein wenig grausam, dann wieder witzig und spannend, es ist auch eine klassische Abenteuergeschichte. Mancher stört sich vielleicht an den religiösen Fragen, diese werden jedoch durch einen fulminanten Schluss relativiert. Nach den letzten dreißig Seiten versteht man, wieso dieses Buch, diese Parabel, den renommierten Booker Prize gewann.

Wieso es wochenlang an der Spitze der Bestsellerlisten stand, weiß man dagegen schon die ganze Zeit: der Lesespaß ist enorm.


 

DIE SCHACHNOVELLE

Im Exil während des Zweiten Weltkriegs schrieb Stefan Zweig seinen nur gut hundert Seiten umfassenden Klassiker, der auf einem Kreuzfahrtschiff spielt. Dort fährt auch der amtierende Schachweltmeister Mirko Czentovic mit. Ein aus einfachen Verhältnissen stammender Waisenfjunge, der scheinbar ohne intellektuelle Fähigkeiten die komplette Schachelite düpiert – aber sie auch erzürnt, weil er für Geld gegen Amateure spielt. Natürlich gewinnt er auch an Bord mühelos gegen seine gut betuchten Gegner. Bis er auf einen Fremden trifft, einen emigrierten Dr. B.; der ihm zur Verblüffung aller Paroli bietet – und später seine tragische Geschichte offenbart, die ihm das ermöglichte.

Über das Spiel zu den unmeschlichen Schrecken des Nationalsozialismus – davon erzählt Zweigs Buch, das letzte vor seinem Freitod. Man liest es gespannt und wahnsinnig schnell – vergessen kann man es danach nie mehr. Ich kenne niemanden, auf den dieser kleine Roman nicht großen und nachhaltigen Eindruck gemacht hätte.

Ich mache es mal so kurz wie das Buch: Die Schachnovelle ist auch heute eine relevante, verrückte und zugleich tragische Geschichte, mit großem Können und Spannung auf den Punkt gebracht. Unbedingte Empfehlung an alle, die sie noch nicht kennen.


 

KRABAT

Ein magisches Meisterwerk. Nichts weniger.

Krabat von Otfried Preußler ist ein mehrfach prämiertes, fürs Kino verfilmtes und von vielen geliebtes Buch, und trotzdem ist es irgendwie unterschätzt. Dabei ist es nahezu vollkommen. Auf nur gut 280 Seiten (je nach Ausgabe) wird eine epische Geschichte erzählt, so dicht, dass man das Gefühl hat, mehrere Bücher in einem zu lesen. Bereits nach wenigen Seiten ist man mitten im Geschehen, sieht dem vierzehnjährigen Waisenjungen und Müllerlehrling Krabat zu, wie er erwachsen wird, das Zaubern lernt, Freunde gewinnt und wieder verliert und so nach und nach dem finsteren Geheimnis der Mühle auf die Spur kommt, von der es für ihn bald kein Entrinnen mehr gibt.

Zu behaupten, Krabat sei ein Kinderbuch, ist ähnlich bescheuert wie das gleiche über Harry Potter zu zu sagen. Beide Werke eint, dass der Tod eine große Rolle spielt. Doch während Rowlings sieben Bücher eine reichhaltige Welt eröffnen, in der man wochenlang versinken kann, ist Krabat mehr eine spannende Lagerfeuererzählung. Ideal zum Vorlesen. Mit unvergesslichen Bildern und unzähligen fabelhaften Ideen und Anekdoten. Noch oft denke ich an das Leben der zwölf Jungen auf dieser Mühle, an ihre harte Arbeit, wie sie als Raben auf der Stange in die dunklen Künste eingewiesen werden, an ihre Feste, ihr Gelächter, ihre Streitereien und an ihre Ängste. Denn sie alle wissen, was auf sie zukommen könnte…

Lesegefühl: Es gibt wirklich wenige Bücher, die so hervorragend komponiert sind, es so gut verstehen, Spannung aufzubauen und jede einzelne Seite zu nutzen. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Wer wissen will, welche Wirkung dieses Buch hat, der liest am besten die ersten fünf Seiten jemandem vor, der diese Geschichte noch nicht kennt. Sofort will man wissen, wie es weitergeht. Der Sog, den Krabat entfacht, ist beinahe unheimlich. Unheimlich, wie die Geheimnisse der Mühle am Koselbruch. Alles spielt sich an diesem verwunschenen Ort ab, ein genial gewähltes Setting. Besonders beeindruckend ist jedoch, wie sich in der Erzählung gleich mehrere Kreise schließen. Der Schüler wird zum Meister, selten hat man das so gelungen erlebt wie hier.

Fazit: Wer sich für magische Erzählungen begeistert, kommt an Krabat nicht vorbei. Ein kurzes Buch, das sich im Kopf des Lesers jedoch immer mehr ausdehnt. Ich habe es mehrmals gelesen und dabei jedes Mal mehr zu schätzen gelernt, was für ein Wahnsinnswerk Preußler hier hinterlassen hat. Es leuchtet dunkel, steckt voller unvergesslicher kleiner Geschichten und ist unglaublich spannend.


 

IRGENDWANN WIRD ES GUT

I Know It’s Going to Happen for You Someday, wie dieses Buch im Original heißt, ist für mich Joey Goebels bisher bestes Werk – was bei der immens hohen Qualität der vorherigen Werke wirklich etwas heißt. Offiziell sind es Short Stories, aber eigentlich ist es eher ein Roman, bestehend aus einzelnen Geschichten, die alle im amerikanischen Kaff Moberly spielen und lose miteinander zusammenhängen.

So schön wurde lange nicht mehr über die Einsamkeit verlorener Menschen in einer Kleinstadt geschrieben, vielleicht seit Carson McCullers nicht mehr. Joey schlägt mit diesem Buch einen völlig neuen Ton an, immer noch witzig, aber auch feinfühlig, berührend. Das Ende der letzten Geschichte werde ich nie mehr vergessen, weil es letztlich auch einen Autor beschreibt, der trotz aller Schwierigkeiten einfach nicht aufgibt und so viel mehr Glück verdient hätte.

Denn wieso immer noch niemand aus der genialen Idee zu Vincent einen Film gemacht hat? Keine Ahnung. Wieso es keine Netflix- oder HBO-Serie zu Ich gegen Osborne gibt, bei der jede Folge eine Schulstunde ist? Keine Ahnung. Wieso Joeys Bücher schon seit Jahren nur noch in der deutschen Übersetzung bei Diogenes erscheinen, weil dieser brillante Autor keinen amerikanischen Verlag mehr hat und einfach keinen neuen findet? Keine Ahnung. Wieso das deutsche Feuilleton diverse amerikanische Experten und Intellektuelle zu Trump befragt, aber niemand auf die Idee kommt, den in Kentucky geborenen und dort lebenden, immer schon bissig-politischen Autor Joey Goebel zu diesen Themen zu befragen? Keine Ahnung.

Dabei hat er bereits 2008 mit Heartland und seinem Redneck-Protagonisten Blue Gene einen fast prophetischen politischen Roman über Amerika geschrieben. Doch während ein Buch wie das gute, aber vor allem von seinem Vorwort getragene Hillbilly Elegy von JD Vance hier rauf und runter gelobt und besprochen wird, kommt niemand auf die Idee, den von Trump-Wählern umgebenen Joey Goebel als wichtige junge amerikanische Stimme zu erkennen.

All diese Fragen kann keiner richtig beantworten, außer mit: Pech. Und je länger das so ist, und je länger Joey so wunderbare Bücher wie Irgendwann wird es gut schreibt, desto lauter sollte man rufen: LEST DIESEN GROßARTIGEN AUTOR!


 

LOLITA

Kann man dieses Buch guten Gewissens empfehlen? Nein, kann man natürlich nicht. Lässt man das gute Gewissen jedoch weg, muss man es eigentlich jedem ans Herz legen.

Was Vladimir Nabokov hier in Lolita auffährt, ist auch mehr als fünfzig Jahre nach Erscheinen unglaublich und skandalös. Krank, pervers und abstoßend auf der einen Seite. Doch andererseits ist da der kühne Plot, dieses Spielerische, Ironische, diese sprachliche Brillanz von Nabokov, der drei Sprachen (Französisch, Englisch und Russisch) perfekt beherrschte und aus einem derart reichen Bestand an Worten und Beschreibungen schöpfen konnte, dass beinahe alle seiner Schriftstellerkollegen dahinter zurückblieben. Nicht zu vergessen: Sein Humor, der überall aufblitzt. Dazu kommt, dass der Erzähler Humbert Humbert mit großer Selbstironie auf der Anklagebank sitzt (und den Leser auch immer wieder als „Geschworene“ anredet, die er um Vergebung bittet). Nur so kann man dieses Buch letztendlich ertragen und – je nach Empfinden – sogar mögen. Ich kann diese Geschichte also mit schlechtestem Gewissen jedem empfehlen, der sich für einen modernen Klassiker interessiert und Spaß an Sprache und großen Ideen hat.

Lesegefühl: Die erste Hälfte des Romans liest man in einem Rutsch, ein phänomenaler Wurf, dann stottert der Motor etwas, man wird jedoch mit einem grotesken, surrealen und grandiosen Ende entschädigt, und dazwischen mit einigen Beschreibungen, die so unvergesslich tief und stark sind, dass sie vieles rechtfertigen. Zudem ist der Roman trotz seines schweren Themas und vielen melancholischen Momenten erstaunlich leichtfüßig und lustig. Nur Nabokov konnte so schreiben. (Natürlich sind daher auch seine anderen Romane wie Ada und Pnin und seine hervorragenden Memoiren Sprich, Erinnerung sehr zu empfehlen.)

Fazit: Auf den ersten Blick ist Lolita, dieser einstige und immer noch Skandalroman, pädophil und wahrhaft schauerlich (allerdings nie pornographisch), im Kern jedoch hinreißend geschrieben und schlau. Große Literatur, die keinen kalt lässt, die niemand vergisst, wie immer man das Buch schlussendlich auch findet.


 

ZÄRTLICH IST DIE NACHT

Sein vielleicht schönstes Werk.

Der arme F. Scott Fitzgerald. Nachdem seinem großen Gatsby schon kein großer Erfolg beschieden war, legte er alles, was er hatte, in das Nachfolgewerk Zärtlich ist die Nacht (Im Original: Tender is the night). All den Schmerz, den Alkoholismus, das oft inhaltsleere Leben der Upperclass, die schwierige Beziehung zu seiner Frau Zelda, die mehrere Nervenzusammenbrüche erlitt. All die gescheiterten Hoffnungen und die immer noch währenden Träume von Ruhm und Anerkennung. Neun Jahre schrieb er an dieser Geschichte. Und als Ergebnis wurde auch dieses Buch ein Misserfolg, sowohl bei den Lesern als auch bei den Kritikern und im Verkauf. Wenige Jahre danach starb Fitzgerald, mit vierundvierzig, und wohl im Glauben, als Schriftsteller nicht genug gewürdigt worden zu sein. (Damit schafft er es in der Bestenliste der zu Lebzeiten verkannten Autoren in die Top Ten, irgendwo zwischen Franz Kafka und Philip K. Dick.)

Ich muss sagen, dass die Geschichte mich unendlich berührt hat. Es ist ein tiefes Werk über den verblassenden Glanz der Vergangenheit und eine große Liebe, die zum Scheitern verurteilt ist. Auch das Geld spielt wie so oft bei Fitzgerald eine Rolle, nur diesmal ist es noch geschickter und feiner in die Geschichte verwoben als sonst. Das Buch hat zudem eine solche Leuchtkraft, dass es einen auch noch nach Wochen beschäftigt. Ein scharfsinniges, melancholisches Portrait einer anderen Zeit, gespickt mit wunderbaren Dialogen und Beschreibungen. Und vor allem mit großartigen Figuren. Natürlich kann man spekulieren, wie sehr das Ehepaar Diver aus dem Roman das Ehepaar Fitzgerald widerspiegelt, aber das ist egal. Wichtig ist, dass einen diese Charaktere bewegen. Und das tun sie. Auch noch lange nach dem Lesen.

Lesegefühl: Jetzt kommt der Haken. Man muss sich leider etwas in den Roman hineinarbeiten. Wie schon bei Abbitte von Ian McEwan besteht das Buch aus drei Teilen, und auch hier muss der Leser im ersten Teil investieren, wird dafür aber in Teil zwei und drei reich belohnt. Angeleitet von Fitzgeralds einmaliger, schwelgerischer Sprache kann man irgendwann nicht mehr aufhören zu lesen und versinkt in einer meisterhaft erzählten Geschichte über das Zugrundegehen einer Liebe.

Fazit: Was soll man sagen? Ein toller Rroman, vielleicht noch tiefer und schöner als Der große Gatsby. Beide muss man einfach lesen. Auf jeden Autor, der solche Bücher schreibt, wartet ewiger Ruhm, nur manchmal eben ein wenig zu spät.


     

 

(KEINE) LIEBLINGSBÜCHER

Hier folgen einige Romane, die alle etwas Besonderes haben und die ich ursprünglich mal empfehlen wollte. Wieso ich das nach dem Lesen nur eingeschränkt oder gar nicht kann, steht hier:

EIN WENIG LEBEN
Selten hat mich ein Buch so beschäftigt wie dieses. In Yanagiharas Epos geht es vordergründig um vier New Yorker College-Freunde, meist aus dem Künstlermilieu, und wie sie in den folgenden Jahrzehnten gemeinsam ihr Leben bestreiten, Erfolge feiern, aber auch von Rückschlägen getroffen werden. Gefühlt eine inspirierende Penthouse-Party im Greenwich Village. Aber in Wahrheit geht es nur um die Folterbank, die im Keller dieses Hauses errichtet wurde, und auf der einzig einer der Freunde liegt: der tragische Jude St. Francis. Immer wieder kehren wir zu den Leiden seines Lebens zurück, zu seiner schrecklichen, alptraumhaften Kindheit in einer Art Kloster, seinem Missbrauch, seinen körperlichen Versehrtheiten, seinen späteren Leiden. Ab und zu darf man als Leser dann wieder hoch aufs Penthouse, kriegt hundert bis zweihundert Seiten eine Verschnaufpause, aber man spürt, bald geht es wieder in den Keller zu Judes gemarteter Seele … Das alles ist jedoch derart gut geschrieben, dass man sich kaum dagegen wehren kann. Vielmehr wirkt die Geschichte so einfühlsam, dass man seine Verteidigung Schicht um Schicht freilegt, sich der Autorin anvertraut, hofft – und dann sticht sie wieder brutal zu, lässt einen beim Lesen aber gerade noch so am Leben, gibt einem sogar aufs Neue Hoffnung, nur um dann wieder zuzustechen. Und so läuft es wieder und wieder und wieder. Und hier liegt für mich das Problem des Buches. Während ein tragischer, heftiger Film wie Manchester By The Sea ebenfalls um ein schreckliches Ereignis kreist, benutzt er das Gute, das es auch gibt, um das alles auszubalancieren. Bei Ein wenig Leben dagegen hatte ich immer das Gefühl, das Gute wird letztlich nur dazu benutzt, um die Tragik und den Schmerz noch zu vergrößern. Und anders als bei Manchester By The Sea wird das Grauen hier auch nicht am Stück und dadurch “aufrichtig” abgehandelt, sondern wie erwähnt in einer Art Salami-Taktik mit teils an Soaps erinnernden Cliffhangern. Man hat zum Beispiel 150 Seiten wahres Elend über Jude erfahren, hängt beim Lesen in den Seilen, ist aber bereit, jetzt wirklich dem Schrecken ins Auge zu sehen. Das alles endet dann aber salopp mit in etwa: “Doch richtig schlimm wurde es erst, als er zu Bruder Lukas ging …” – nur geht es dann nicht dort weiter, sondern erst hunderte Seiten später. Diese Auswalzung des Leids hat etwas fast Pornöses und wird gegen Ende fast schon plump. Gleichzeitig ist das alles so gut erzählt, so phantastisch geschrieben, dass man – fast gegen seinen Willen – wie ein Elendsjunkie süchtig weiterliest. Und so kann ich das Buch niemandem guten Gewissens empfehlen, es hat mich unfassbar runtergezogen, ich würde sogar sagen, ich habe es wegen seiner kühlen Berechnung und Leidmaximierung gehasst wie kaum einen Roman zuvor. Aber es hat mich – das sieht man ja auch hier – sehr beschäftigt und bot eine außergewönliche Lese-Erfahrung. Und das kann wiederum nur große Literatur.

DIE EINSAMKEIT DER PRIMZAHLEN
Erstmal: Das ist vielleicht – auch mit Blick auf die Geschichte, die ihn unterstreicht – einer der besten Romantitel aller Zeiten. Der Titel ist so gut, er ist wie die Melodie aus Bittersweet Symphony von The Verve – ein sicherer Hit. Und dann noch die ersten zwei Kapitel, die schildern, wie ein einziger Tag in der Kindheit das Leben von Mattia und Alice für immer veränderte. Jahre später lernen sie sich kennen, vertrauen einander sogar ihre Einsamkeit an – doch wie Primzahlen können sie sich auch im weiteren Verlauf ihres Lebens nie ganz nahe kommen. Das alles klingt nach einem guten Buch – und das ist es auch. Nur: mir hat irgendetwas gefehlt. Es fühlte sich manchmal ähnlich kühl an wie die Gedanken des Mathematikers Mattia. Aber es ist mir all die Jahre in Erinnerung geblieben. Ich kann Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano also auf jeden Fall empfehlen, nur eben nicht auf die Weise, wie ich es mit einem Buch wie Abbitte machen würde.

KARTE UND GEBIET
Eigentlich ein hervorragender Künstlerroman, mit glänzenden Ideen und Bildern und vielen Stellen, die einen berühren oder zum Nachdenken verleiten. Aber das ist auch das Problem, denn während der Lektüre hat man vom Autor eine Art misanthropisches Gift injiziert bekommen, das teuflisch wirkt und einen die Frage stellen lässt, ob nicht einfach die ganze menschliche Existenz sinnlos ist. Aufgrund des schlechten, bedrückenden Gefühls nach dem Lesen kann ich dieses süffig geschriebene und gut komponierte Buch von Michel Houellebecq nicht allen empfehlen. Denn während Schande von Coetzee eher intelligente Fragen aufwirft und dadurch verstört, fühlt sich Karte und Gebiet mehr wie eine generelle Abrechnung mit der Nestwärme und geselligen Gemeinschaft der Menschen an.

DIE FINKLER FRAGE
Howard Jacobson gewann für seinen oft angenehm grotesken Roman 2011 den Booker Prize, für mich die wichtigste literarische Auszeichnung. Sofort las ich das Buch mit großer Begeisterung, leider ebbte sie irgendwann ab, da sich ab einem gewissen Punkt alles nur noch wiederholt. Es ist stellenweise einfach langweilig, zäh und es passiert oft seitenlang nichts. Seinfeld etwa war damals die Show, in der es um NICHTS ging, und sie war brillant, schlau und sehr komisch. Die Finkler Frage ist das leider nicht durchgängig. Es gibt aber immer wieder gute Schilderungen, was es heißt, ein Finkler zu sein, auch die Atmosphäre des Buchs ist einzigartig. Und der völlig absurde Schluss, der den insgeheimen Wunsch des Lesers, am Ende für sein Durchhaltevermögen mit einer Pointe belohnt zu werden, geradezu torpediert, ist fast schon wieder genial. Aber eben nur fast.

LÜGEN ÜBER MEINEN VATER
Die ersten zweihundert Seiten ist John Burnsides Roman ein sprachlich gewaltiges Meisterwerk, in der ein Sohn mit seinem beinahe alttestamentarisch grausamen Vater abrechnet. Nach der Hälfte wollte ich in die Welt hinausschreien, wie großartig dieses Buch ist. Leider wird es danach etwas lahm, es geht oft nur noch um die Drogenprobleme des Sohnes, und die eigentliche Geschichte gerät in den Hintergrund. Dennoch ein Buch, aus dem man sehr viel ziehen kann.

AUSTERLITZ
Gerade im Ausland gilt W.G. Sebald als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, und so las ich mit großer Vorfreude seinen Roman Austerlitz. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits sticht die eigentümliche, meisterhafte Sprache heraus, mit der Sebald Bilder erzeugt, die einen nicht mehr loslassen. Auch die bewusste Langsamkeit, die einen fordert und prüft, ragt unter der Masse heraus. Andererseits bezahlte ich diese feingewobenen Stimmungen mit teils großer Langeweile, ehe die eigentliche Geschichte in Gang kam. Mehrmals wollte ich Narr beim Lesen abbrechen. Vieles beschäftigt mich nun jedoch noch immer, und man kann dieses Buch auch jedem ans Herz legen, der sich für Sprache und dichtgesponnene, tiefe Schilderungen begeistert. Es ist das Gegenteil von Unterhaltung, und das zeichnet dieses Buch auch aus. Allen, die an einer mitreißend erzählten Geschichte interessiert sind, ist dagegen eher abzuraten. Und wenn man fies ist, könnte man sagen: Das, was Sartre in den Siebzigern für die intellektuellen Studenten war, die gern mit einem gut sichtbaren Werk von ihm am Cafétisch saßen, ist Sebald für heutige Intellektuelle in Brooklyn und Paris. Was aber nichts an seiner Qualität ändert.

HERZ DER FINSTERNIS
Auf diese Erzählung von 1899 hatte ich mich wirklich gefreut. Nicht nur, weil sie dem Film Apocalypse Now als Vorlage diente. Sondern auch wegen allem, was ich darüber gehört hatte  – bis hin zum großartigen Titel (Original: Heart of Darkness). Tatsächlich empfand ich Joseph Conrads berühmte, in Teilen selbst erlebte Geschichte dann aber als kleine Enttäuschung. Natürlich hat die alptraumhafte Reise des Flusskapitäns Marlow durch den Kongo einige manische und spannende Stellen; eine unvergessliche, düstere Stimmung. Ebenso ist die Idee des korrumpierten, vermeintlich “überlegenen” Moral- und Kulturmenschen, der seinen Glauben verliert und im Imperialismus schnell zum gefallenen, bösartigen Menschentier werden kann, zeitlos aktuell. Aber richtige Begeisterung kam bei mir dennoch nicht auf – und auch die ewige Suche nach Kurtz gestaltete sich eher zäh. Das Treffen selbst war dann auch nur flüchtig. Und so habe ich die Faszination, die viele LeserInnen vor mir in dieser Erzählung entdeckt haben, am Ende genauso wenig gefunden wie Marlow das, was er sich bei Kurtz erhofft hatte.

Wie bei allen Büchern in dieser Liste liegt der Fehler aber vielleicht auch bei mir.


 

PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS

Arthur Dent hat ein Problem. Sein Haus soll abgerissen werden, um Platz für eine neue Umgehungsstraße zu machen. Für Beschwerden ist es nun zu spät, die Pläne für den Bau lagen schließlich seit längerer Zeit in einem Büro in der Stadt aus. Gleichzeitig hat aber auch die Erde ein Problem. Sie soll gesprengt werden, um Platz für eine neue interstellare Hyperraum-Expressroute zu machen. Für Beschwerden ist es nun zu spät, denn die Pläne für den Bau lagen schließlich seit längerer Zeit in einem Büro in Alpha Centauri aus … Immerhin hat Arthur Glück: kurz vor der Zerstörung gibt sich sein bester Freund Ford Prefect als interstellarer Reisender aus Beteigeuze zu erkennen. Und während die Erde also in die Luft fliegt, reisen beide als Anhalter durch den Weltraum.

So beginnt Douglas Adams‘ berühmtes Sci-Fi-Abenteuer. Ich habe das Buch in meiner Jugend mehrmals gelesen und nun nach vielen Jahren noch mal über die Feiertage. Und ich war begeistert, wie gut sich die Geschichte gehalten hat. Auf beinahe jeder Seite gibt es eine Wahnsinnsidee: Den unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive, einen depressiven Roboter, den Babelfisch, einen verrückten galaktischen Präsidenten mit zwei Köpfen, die schlechteste Gedichtkunst des Weltalls, einen Pottwal mit existenzialistischen Problemen oder einen Planetenbauer, der auch an der Erde mitarbeitete und einen Designerpreis für Norwegen bekam. Und schließlich gibt es im Buch sogar die Antwort auf die größte aller Fragen: auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Lesegefühl: Man kann die zweihundert Seiten wahnsinnig schnell lesen. Vielleicht ist das Buch anfangs etwas speziell, mit all seinen irrwitzigen Gedanken, Dialogen und Einfällen. Aber: „KEINE PANIK!“ Hat man sich erstmal daran gewöhnt, liest man den Rest in einem Rutsch. Die Geschichte ist auf eine einzigartige Art geschrieben, und manchmal gibt es Szenen und Ideen, die so intelligent sind, dass man innehalten und sich vor dem Autor verneigen muss. Nicht auszudenken, was Adams noch alles in die Welt gesetzt hätte, wäre er nicht schon mit Ende vierzig an einem Herzinfarkt im Fitnessstudio gestorben.

Fazit: Was für ein Werk. Es liest sich, als würde Adams mit einer kindlichen Begeisterung auf den Hirnen von Sci-Fi-Visionären wie Isaac Asamov und Philip K. Dick Xylophon spielen. Leider muss man an dieser Stelle aber auch die Verfilmung erwähnen, die der Buchvorlage trotz guter Schauspieler extrem geschadet hat. Nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie mittelmäßig und ganz nett ist. Und das Buch ist alles, nur nicht das. Es ist großartig, visionär, kühn, verspielt, lustig, manchmal auch ein bisschen nervig, bahnbrechend, schlau, hintersinnig, rauschhaft, stellenweise genial. Schlichtweg etwas, was jeder, der sich für britischen Humor und ein bisschen Physik interessiert, einmal gelesen haben muss. Und auch alle anderen, die wissen wollen, wieso man als interstellarer Anhalter ein Handtuch braucht, wer in Wahrheit die intelligenteste Lebensform auf der Erde war oder wieso „42“ die vielleicht wichtigste aller Zahlen ist.


 

DER GANG VOR DIE HUNDE

Wie liest sich eine Mischung aus Bret Easton Ellis und Emil und die Detektive?

Im Jahr 1931 erschien Erich Kästners Großstadtroman Fabian – Die Geschichte eines Moralisten. Ein ausschweifendes Werk über das Berlin seiner Zeit, das den politischen und moralischen Verfall der Weimarer Republik porträtierte. Auch aufgrund seiner angeblichen pornographischen Inhalte galt das Buch später unter den Nazis als entartet und wurde verbrannt. Dabei war das nur die gekürzte Fassung. Das Original sollte laut Kästner eigentlich Der Gang vor die Hunde heißen, doch sein Verlag hatte Angst vor einem Skandal. Er verpasste dem Werk den braveren Titel Fabian und schnitt zudem auch einige freizügige und bissige Stellen raus. Nun aber erschien im Schweizer Atrium Verlag das Buch endlich so, wie es bereits damals gedacht war. Zum Glück für die Leser.

Man folgt dem Kriegsveteranen und Werbetexter Jakob Fabian durch eine wilde, nie schlafende Stadt, rauscht mit ihm durch Erotikclubs und Unterweltkneipen, spürt das politische Endspiel, das auf den Straßen Berlins ausgetragen wird, erlebt zwischen Künstlerateliers und Kneipen Liebe und den Tod – und die Bitterkeit eines jungen Mannes, der in all dem Trubel unterzugehen droht.

Lesegefühl: Die Geschichte hat gut dreihundert Seiten, ist pointiert erzählt und flott geschrieben. Man kann sich sofort vorstellen, wie skandalös manche Beschreibungen 1931 gewirkt haben müssen. Kästner nimmt kein Blatt vor den Mund, manchmal spürt man aber auch den Erzähler aus Pünktchen und Anton und Emil und die Detektive – was den Lesespaß nur erhöht.

Fazit: Der Gang vor die Hunde ist ein frischrestaurierter Klassiker, den man in einem Rutsch lesen kann, der aber auch immer wieder ein paar Wirkungstreffer erzielt und mit einer fast sensationell fiesen Pointe endet. Es ist zudem faszinierend und beunruhigend, wie aktuell manche Beschreibungen der politischen Endzeitstimmung wieder wirken. Auf die nächsten Goldenen Zwanzigerjahre.


 

SO WÜST UND SCHÖN SAH ICH NOCH KEINEN TAG

Eine klassische Tragödie als Jugendbuch.

Es ist gute Tradition an der Irving School (eine Art Internat), dass die Schüler der Abschlussklasse ihren Nachfolgern im Zimmer einen „Schatz“ hinterlassen. Das kann eine Flasche Bourbon sein, ein leerer Pizzakarton, angeblich sogar mal ein Haustier. Duncan hingegen hat keine großen Erwartungen. Er bekommt das Zimmer ganz außen, in das kaum Licht fällt, und sein Vorgänger war ausgerechnet Tim – ein Albino und daher im Internat eher ein Außenseiter. Sein Schatz: Ein paar selbstbesprochene CDs, die die offenbar dramatischen Ereignisse des letzten Schuljahres noch einmal in ein anderes Licht rücken. Tim erzählt dabei vor allem die heimliche Liebesgeschichte zwischen ihm und Vanessa, die jedoch mit dem aufbrausenden Patrick zusammen war, und das Ganze scheint auch kein gutes Ende zu nehmen …

Lesegefühl: Man ist ziemlich schnell drin, und sofort wird klar, wie genial diese Konstruktion ist. Ähnlich wie Duncan, der eine CD nach der anderen hört und sein eigenes Leben darüber vernachlässigt, kann man es auch als Leser kaum erwarten, wieder in die Erzählungen von Tim einzutauchen. Vor allem gegen Ende empfand ich die Schilderungen als wahnsinnig spannend und blätterte ungeduldig um, da immer mehr zu spüren war, dass die Handlung auf eine klassische Tragödie zulaufen wird.

Der Clou: Alle Schüler der Abschlussklasse sind in diesem Thema sehr bewandert, müssen sie doch als Jahresaufgabe selbst einen Tragödienaufsatz schreiben. (Das Buch heißt deshalb im Original auch The Tragedy Paper, der deutsche Titel wiederum ist aus einem Shakespeare-Stück). Fasziniert haben mich vor allem die Figur des Tim, der pointiert die Geschichte erzählt und ungewollt eine Katastrophe heraufbeschwört, wie auch die liebevolle Schilderung des Internats.

Fazit: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag besticht vor allem mit Spannung, einer großartigen Erzählkonstruktion und einem wahrhaft tragischen Helden.


 

DER GROßE GATSBY

Der womöglich beste Schluss aller Romane.

Im Jahr 1925 erschien Fitzgeralds Werk um den Wertpapierhändler Nick Carraway, der auf seine Bekanntschaft mit Jay Gatsby zurückblickt: eine Zeit lang sein Nachbar. Und was für einer. Abend für Abend gibt der New Yorker Geschäftsmann die besten Partys, die halbe Stadt geht bei ihm ein und aus, amüsiert sich bei Jazz und Swing und genießt mit Drinks in der Hand das unbeschwerte Leben der Zwanzigerjahre. Über den etwas zwielichtig wirkenden Reichtum und die Vergangenheit des Gastgebers weiß man dagegen weniger. Bald aber wird klar, dass diese Feste ein lockender Sirenengesang für die schöne Daisy sein sollen, die an der gegenüberliegenden Seeseite wohnt und offenbar einst seine große Liebe war. Jede Nacht blickt Gatsby sehnsüchtig auf das grüne Licht ihres Anwesens. Doch kann man die Vergangenheit einfach so zurückholen?

Nur gut 20.000 Exemplare verkaufte der einstige Shooting Star Fitzgerald von diesem Roman (der zwischendurch auch kurz den sensationell schlimmen Titel Zwischen Aschehaufen und Millionären hatte). Dazu gab es vernichtende bis allenfalls verhaltende Kritiken. Um zu überleben, musste er also weiter die verhassten Drehbücher und Kurzgeschichten schreiben. Die damalige Zeit konnte mit seinem Werk nichts anfangen. Francis Scott Key Fitzgerald galt bald als gescheiterter Autor und hatte vor seinem Tod das sichere Gefühl, danach in Vergessenheit zu geraten. Ein Irrwitz der Literaturgeschichte, wie wir heute wissen. Wobei fast noch unverständlicher ist, dass auch das nachfolgende, epischere Zärtlich ist die Nacht keinen Anklang fand (siehe oben).

Lesegefühl: Die Handlung ist schnell erzählt, und nach seinem Flop haderte Fitzgerald selbst damit, dass es im Roman keine starke Frauenfigur gäbe. Das wird letztlich auch Gatsby zum Verhängnis, der in Daisy etwas sieht, was sie zumindest innerhalb der Buchseiten nicht ist. Doch viel wichtiger als der Plot sind in diesem Roman das Gefühl für eine goldene, bald untergehende Zeit und die Sprache. Jede einzelne Seite ist wie ein Glas köstlicher Bourbon oder ein wohltemperierter Drink. Die Sätze sind derart kunstvoll und auch knapp hundert Jahre später in ihrer Schönheit und Perfektion unerreicht. Vielleicht hat man es damit schwer bei seinen Zeitgenossen, man überlege sich, jemand würde heute so schamlos „schön“ schreiben. Der Blick zurück dagegen ist nicht nur gnädiger, sondern auch klarer. Weshalb dieses Werk über den Lauf der Zeit, den widersprüchlichen amerikanischen Traum und den Alptraum von Reichtum stets zurecht in den Hitlisten der besten Romane aller Zeiten auftaucht.

Fazit: Fitzgeralds große Erzählung über die „Roaring Twenties“ vor der Wirtschaftskrise sollte jeder mal gelesen haben. Und der vielleicht beste Schluss der Literatur? Der geht in der mir persönlich liebsten Übersetzung so:

„Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die rauschende Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Sie ist uns gestern entschlüpft, doch was tut’s? Morgen schon eilen wir rascher, strecken weiter die Arme, und einen schönen Tages … So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“


 

DIE TAUGENICHTSE

Im Jahr 1950 emigrierte der in Trinidad geborene Autor Samuel Selvon nach London – wie viele aus seiner Heimat hoffte er, im Nebel Englands nach dem Krieg ein besseres Leben zu führen. Er wohnte in einem Immigrantenheim, später im Keller eines Hauses in Notting Hill, schrieb Kurzgeschichten, Artikel und schließlich im Jahr 1956 sein Werk Die Taugenichtse (Original: The Lonely Londoners). Und wurde so zum gewitzten Chronisten seiner Zeit.

In episodischen Stories und Anekdoten folgen wir dem Alltag der Immigranten Moses, Big City, Five-past-Twelve und ihren Freunden. Wie sie in Fabriken schuften, zerknirscht ihre nun nachkommende Familie vom Bahnhof abholen müssen (inklusive dem „Tanty“ aus Kingston, das man doch nicht zurücklassen konnte), weil zu Hause offenbar alle glauben, dass das Leben in London zuckerleicht ist und man doch sicher einfach so Wohnungen findet. Aber auch, wie sie sich verlieben, zusammen in wilden Tanzlokalen abhängen, dem pulsierenden Beat der Großstadt nachspüren und Freiheit empfinden – zumindest an diesem einen Abend mit ein bisschen Geld in der Tasche und einem Date.

Lesegefühl: Erst 2017 erschien die – superbe – Übersetzung von Miriam Mandelkow. Dass das keine leichte Aufgabe war, merkt man beim Lesen. Und gleichzeitig auch, dass sie stets die richtigen Worte für die flotte Schreibe und den kreolischen Singsang des Originals gefunden hat. Man ist schnell drinnen in der Geschichte und folgt den Figuren durch ihren Alltag und ihre Träume, zwischen Fernweh in der Heimat und Heimweh in der Ferne. Mal konfrontiert mit Rassismus, mal skeptisch der Zukunft entgegenblickend. Aber alle sind sie Überlebenskünstler: „Wir wollen klarkommen, nicht mal vorankommen.“

Fazit: ein „mächtig gutes“, flottes, auch einfühlsames Buch. Liebenswerte Charaktere, manche wie aus einem Tarantino- oder Guy Ritchie-Film, dazu viele gute Anekdoten und Stories. Ein wirklich lesenswerter Einblick in den Alltag der ersten Londoner Immigranten aus der Karibik.


 

FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY

Ein fast perfekter Roman.

Bis vor kurzem hatte ich den berühmten Film Breakfast at Tiffany’s noch nicht gesehen, hauptsächlich, weil ich das berühmte Buch von Truman Capote noch nicht gelesen hatte. Aber wie viel hatte ich schon über beides gehört. Die Geschichte eines jungen Schriftstellers von der Upper East Side, der sich in seine neunzehnjährige Nachbarin verliebt: Die exzentrische Holly Golightly, die kein Geld hat, sich von einem Verehrer zum nächsten schlawinert und die, wenn es ihr schlecht geht und sie das „rote Grausen“ heimsucht, zum Trost eine Filiale der Juwelierkette Tiffany besucht. Um es kurz zu machen: Dieser Plot zog mich jetzt nicht unbedingt sofort an, andererseits war ich schon vor einigen Jahren begeistert von Capotes Novelle Die Grasharfe gewesen. Und ich war es auch jetzt.

Allein die erste Seite; da schwingt bereits dieses unwiderstehliche Gefühl mit, diese Präzision und Leichtigkeit, mit der fortan die ganze Geschichte erzählt wird. Capote war ein Perfektionist, und das merkt man in all seinen frühen Büchern, sogar beim postum eher gegen seinen Willen veröffentlichten Erstling Sommerdiebe. Hier nun fühlte sich jeder Satz richtig an, als wäre kein anderer möglich gewesen, und häufig blitzt auch Humor zwischen den Zeilen auf. Wie immer gilt in solchen Fällen: toll übersetzt.

Lesegefühl: Ich kenne kritische Stimmen, aber ich bin nur so durch das Buch geflogen, es hat ja auch nur 128 Seiten. Ich war fasziniert von der Erzählung, die auch einen völlig anderen, konsequenteren Schluss hat als die Verfilmung. Das Ende ist einfach genial und passt perfekt zu dieser klug komponierten Geschichte. Getragen wird das Buch aber von Holly Golightly. Eine nie zu fassende, umwerfend schöne und vor Ideen sprudelnde Frau, aber auch eine abgründige, manchmal ungerechte und schwierige Seele. Und somit ungefähr zehn Nummern zu groß für ihren armen Nachbarn, den Schriftsteller.

Fazit: Siehe oben, der erste Satz.


 

DAS SCHICKSAL IST EIN MIESER VERRÄTER

Folgende Szene habe ich etwa fünf oder sechs Mal erlebt: Man redet mit Jugendlichen darüber, welche Bücher sie mögen, und irgendwann fällt der Name John Green. Sofort sieht man leuchtende Augen und hört, dass man ihn unbedingt lesen muss. Leider gibt es dann jedoch Menschen, die Bücher meiden, die zu erfolgreich sind. Eine unerklärliche Abneigung gegenüber dem Massengeschmack. So kam es dazu, dass Das Schicksal ist ein mieser Verräter (Im Original: The Fault in our Stars) – ein weltweiter Bestseller und gerade verfilmt – jahrelang bei mir im Regal rumstand, ohne dass ich es gelesen hätte. Was für eine riesige Dummheit, denn das Buch ist einfach wunderbar.

Gut, vielleicht war es auch die Handlung, die mich abgeschreckt hat: Die 16jährige Hazel hat Krebs, unklar, wie lange sie noch zu leben hat. Sie verliebt sich in den 17jährigen Augustus, der ebenfalls mal Krebs hatte und inzwischen nur noch ein Bein. Man stelle sich einen deutschen Fernsehfilm mit dieser Ausgangslage vor: Großer Gott. Was John Green dagegen daraus gemacht hat, ist ein kleines Wunder. Die beiden Hauptfiguren sind so authentisch, wunderbar und lebendig, wie man es selten erlebt. Man leidet mit, lacht aber auch mit ihnen. Denn eine der herausragenden Stärken des Buchs ist sein Humor. Und die geschliffenen Dialoge, die einen immer wieder zum Lächeln bringen. Gleichzeitig besticht die Geschichte durch ihre poetischen Beobachtungen. Hier gibt es keinen Kitsch und keine schnulzigen Momente. Was für eine Leistung.

Lesegefühl: Endlich muss man nicht erst „reinkommen“, man wird mit aller Macht hineingezogen. Schon ab Seite 1. (Ähnlich wie bei Nick Hornbys High Fidelity, das mit einer schnellen Top 5 der schmerzhaftesten Trennungen beginnt.) Das Buch liest man wirklich in einem Zug runter, gern auch ohne Pause. In diesen fünf, sechs Stunden wird man zu Herzen gerührt (die Tränenquote müsste ungefähr bei 82,4 % aller Leser liegen) und zum Lachen gebracht, und es besteht kein Zweifel, dass man die beiden grandiosen, bewundernswerten Hauptfiguren nie mehr vergessen wird. Punkt.

Fazit: Das Schicksal ist ein mieser Verräter hat mir in seiner Kategorie genauso gut gefallen wie Superhero von Anthony McCarten. Und mit Kategorie meine ich nicht Bücher über krebskranke Jugendliche – sondern tolle, authentische Romane.


 

 

HIGH FIDELITY / ABOUT A BOY

Wie muss sich Nick Hornby Mitte/Ende der Neunziger Jahre gefühlt haben, als er für eine Zeit lang Gott war? Erst erschien mit Fever Pitch DAS Buch über Fußball. Später mit About a Boy DER Roman über im Geiste kindgebliebene, bindungsgestörte Männer. Und dazwischen mit High Fidelity DIE große Bibel für alle Trennungen und traurigen Liebeslieder.

Der 35jährige Robert Fleming führt einen eher schlechtlaufenden Plattenladen und lebt seit jeher in Top 5 Listen. Die besten Songs, die besten Alben – und die fünf schlimmsten Trennungen. Die Inspiration dafür kommt von Laura, die ihn gerade wegen seiner Antriebs- und Orientierungslosigkeit verlassen hat. “Leider” schafft sie es trotzdem – ganz knapp – nicht auf die Liste der fiesesten Fünf – die Rob nun eine nach der anderen aufsucht, um zu erfahren, wieso es so oft schiefging. Und ohne zu ahnen, dass Laura vielleicht doch die heimliche Nummer 1 ist …

In About a Boy dagegen geht es um den nicht minder orientierungslosen, bindungsunfähigen Will Freeman. Er lebt von den Tantiemen seines verstorbenen Vaters, der einmal ein erfolgreiches Weihnachtslied geschrieben hat, driftet verantwortungs- und sorglos dahin und datet mit Vorbliebe alleinerziehende, nur kurze Abenteuer suchende Mütter. Schließlich aber trifft er auf den schrägen Schüler Marcus, dessen Mutter einen Selbstmordversuch hinter sich hat und der mit ihm Zeit verbringen will. Will versucht sich rauszumogeln, aber Marcus weiß leider etwas, womit er ihn erpressen kann – der Beginn einer seltsamen, natürlich großartigen Freundschaft …

Lesegefühl: Wie bei all seinen frühen Romanen fliegt man nur so durch die gewitzten und pointierten Geschichten. Hornby war damals ein 1-Mann-Genre, unzählige AutorInnen haben später versucht, diesen Stil nachzuahmen, aber kaum jemand hat es geschafft. Ich las diese Bücher zum ersten Mal als Internatsschüler. Einmal erzählte mir ein Erzieher, wie er durch den Flur ging, in die Zimmer schaute und in meinem etwas entdeckte, was er nur ganz selten gesehen habe: ein Schüler, der ein Buch las und dabei lachte. Das war ich, und das Buch war von Nick Hornby.

Fazit: Diese Bücher sind Kult und bestehen den Test of Time immer noch spielend.


 

EIN MONAT AUF DEM LAND

Mein bisheriges Leseglück des Jahres.

Im Jahr 1980 erschien J.L. Carr’s Ein Monat auf dem Land und wurde sofort für den Booker Prize nominiert, später auch verfilmt. Leider dauerte es mehr als 25 Jahre, bis die Geschichte nun auch auf Deutsch erschien, dem Dumont-Verlag sei Dank.

Es ist der Sommer 1920, als der schlampig gekleidete Tom Birkin im englischen Kaff Oxgodby aufschlägt. Er soll in der Kirche ein mittelalterliches Wandgemälde restaurieren und freiliegen. Der Sonderling aus London fällt in dem braven Dorf sofort auf, nicht nur durch seinen zu großen, geflickten Mantel, sondern auch durch sein Stottern und sein Gesichtszucken – ein nervliches Leiden, das er offenbar seinen Erfahrungen im 1. Weltkrieg verdankt. Doch der Sommer auf dem Land meint es gut mit ihm, und mit jeder Woche, die vergeht, blüht Birkin weiter auf. Und dann ist da ja noch Alice Keach, die junge Frau des Pfarrers…

Lesegefühl: Das Buch hat nur gut hundertfünfzig Seiten. Die Geschichte tänzelt leichtfüßig und elegant vor dem Leser her, ist nie ganz zu erwischen, doch am Schluss holt sie aus und trifft einen umso mehr. Sehr angenehm sind der Humor zwischen den Zeilen und die subtile Art, mit der die Liebesgeschichte erzählt wird. Schicht um Schicht trägt Tom Birkin vom mittelalterlichen Gemälde ab, und je mehr er davon freilegt, desto mehr wird auch von ihm selbst sichtbar.

Fazit: Wegen solchen Büchern schreibt man, wegen solchen Büchern liest man. Ein zeitloses Werk, leise und besonders.


 

IN LOVE

Alfred Hayes‘ kleines Meisterwerk In Love erschien bereits 1953, wurde nun wiederentdeckt und in einer wirklich schönen Ausgabe neu herausgebracht. Zum Glück. Das Buch beginnt mit einer Szene in einer Hotelbar. ER, ein namenloser vierzigjähriger Mann, nicht unerfolgreich, erzählt von seiner Liebesgeschichte mit IHR, einer ebenfalls namenlosen, jungen Frau. Erst schien es nur eine angenehme Affäre zu sein, doch als sie von einem Fremden ein unmoralisches Angebot erhielt, nahmen die Dinge ihren Lauf…

Was eine klassische Hollywood-Schmonzette hätte werden können, wird hier eine elegante kleine Geschichte über verpasste Chancen und das Wesen der Liebe, geschildert mit dem kühlen Blick eines Richard Yates oder James Salter. Und immer wieder schimmert die Frage durch: War es nicht vielleicht doch der große Lebensfehler, sie gehen zu lassen?

Lesegefühl: Das Buch hat nur 144 Seiten, man schwelgt in der kunstvollen Sprache und gleitet nur so durch diese kluge Geschichte, die ihren Charme auch aus dem rauchigen, bluesigen New York der 50er Jahre bezieht.

Fazit: In Love ist ein literarischer Gourmethappen. Vom schönen Cover, das wohl nicht zufällig an Edward Hopper erinnert, bis hin zur erlesenen Sprache. Ideal für das „kleine Lesevergnügen zwischendurch“. (Der letzte Satz ist fürchterlich, aber er trifft es nun mal genau.)


 

TAGE OHNE ENDE

Kann ein Ire eines der wichtigsten Bücher über amerikanische Geschichte schreiben? Die Antwort erhält man mit Tage ohne Ende von Sebastian Barry, und sie lautet eindeutig: ja.

Der Roman begleitet die beiden Teenager Thomas McNulty und John Cole, die im 19. Jahrhundert in Amerika um ihr Überleben kämpfen. Und dieser Kampf wird ihr ganzes Leben dauern, denn es ist eine harte Zeit, in der ein Menschenleben nicht viel zählt – in einem noch immer jungen, riesigen Land, das erst im Entstehen begriffen ist und sich mühsam seine eigenen Regeln gibt.

Thomas McNulty floh vor dem Großen Hunger aus Irland und schlug sich bis nach Missouri furch, seine gesamte Familie starb in der Heimat. John Cole hat ebenfalls niemanden, der sich um ihn kümmert. Die beiden Teenager klammern sich in der Not aneinander, verdingen sich mit ihren Jungengesichtern als geschminkte Tanzmädchen in einem Salon. Später schließen sie sich für den »miesesten Lohn aller miesesten Löhne« der Armee an und sind fortan in diverse Scharmützel und schließlich den Bürgerkrieg involviert. Doch das ist erst der Anfang ihrer Odyssee.

Lesegefühl: Ich muss bei diesem wirklich hervorragenden Roman eines zugeben: ich kam nur langsam hinein. Im Nachhinein weiß ich nicht, was der Grund dafür war. Aber selbst um Seite fünfzig herum tat ich mich manchmal noch schwer. Dabei ist gerade die – toll von Hans-Christian Oeser übersetzte – Sprache eine wirkliche Stärke des Romans. Thomas McNulty erzählt uns diese unwahrscheinliche Geschichte in dem saloppen, manchmal auch witzigen Ton eines damaligen Jugendlichen bzw. Anfang-Zwanzigjährigen, der einfach schon zu viel in seinem Leben gesehen hat, um noch groß über die Dinge zu richten oder sich zu fürchten. Er wurde fast ermordet, hat in den Kriegen selbst getötet und weiß eigentlich nur eine Sache sicher: dass er diesen John Cole liebt. Und genauso lakonisch, wie die brutale Zeit geschildert wird, ist auch diese ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt, ebenso die spätere Beziehung zu ihrer “Adoptivtochter” Winona. Am Schluss wird das Buch dann jedoch derart spannend, dass ich es nicht mehr weglegen konnte. Zu viel möchte ich hier nicht verraten.

Sehr interessant fand ich bei der Lektüre, wie viel mir nebenbei über die damalige Zeit bewusst wurde. Ich verurteile die losen Waffengesetze in Amerika zutiefst, aber ich frage mich nun zumindest nicht mehr, wie es dazu kommen konnte. Der Roman und die gewalttätige Zeit damals – ein ewiges Recht des Stärkeren ohne einen Staat, der die Menschen in der Weite des Landes beschützen konnte – haben es mir erklärt.

Ein wirklich starkes, auch sehr humanistisches Buch.


 

DAS DRITTE LICHT

Ein stilles Glück.

Die 1980er Jahre in Irland: An einem heißen Sommertag liefert ein Vater seine kleine Tochter bei entfernten Verwandten auf einer Farm im tiefsten Wexford ab. Seine Frau ist schon wieder schwanger, das Geld für Essen ist längst knapp, Zeit für sein Kind hat er eh keine. Das Mädchen dagegen lernt bei seiner Pflegefamilie, was es heißt, auf behütete und fast zärtliche Art zusammenzuwohnen. Doch es liegt auch ein spürbare Melancholie über der neuen Familie und diesen unbeschwerten Tagen.

Das dritte Licht von Claire Keegan ist eine berührende Novelle über einen Sommer und die Welt eines Kindes. Von der Thematik her dem  Roman Frankie von Carson McCullers nicht ganz unähnlich. Doch Keegans Buch wird weniger von der Protagonistin getragen (Frankie ist wirklich eine unglaubliche Romanfigur), sondern von der feinen Sprache und der großen Erzählkunst. Es geschieht nicht einmal viel, aber wenn man Das dritte Licht liest, diese gerade einmal 96 Seiten, dann ist es, als würde man sich eine unglaublich präzise und schöne Erinnerung an einen Sommer in Irland einpflanzen.

Melancholisch, still und tief.


  

 

HUNGER / VICTORIA

Empfehlung nur mit dem nötigen “Beipackzettel”.

Wenn wir über Hunger von 1890 sprechen, dann über eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur. Wir sprechen aber auch über seinen Autor. Knut Hamsun war als norwegischer Nobelpreisträger (für Segen der Erde) einer der besten Schriftsteller seiner Zeit – ein Vorbild von Hemingway, Kafka, Joyce oder Proust. Er war allerdings später auch ein unverbesserlicher Nazi. Einer, der selbst mit über neunzig und nach Ende des Zweiten Weltkriegs keine Einsicht zeigte und dessen Äußerungen einen sprachlos zurücklassen.

Es fällt also schwer, dieses in einem anderen, früheren Leben geschriebene Buch ohne diese Hintergedanken zu lesen. Aber das muss man ja auch nicht. Hunger stellt vielmehr die Frage, wie jemand, der in jungen Jahren solch feinfühlige Meisterwerke geschrieben hat, später derart fehlgeleitet sein konnte. Zwischen diesen beiden Polen tut sich ein Abgrund dessen auf, was ein Mensch sein kann.

Im Roman folgen wir einem namenlosen jungen Mann durch Kristinia, das heutige Oslo. Scheinbar optimistisch erzählt er – ein begnadeter Fabulierer – uns anfangs von seinem Verfall und seiner kurzfristig prekären Lage. Bald wird diese jedoch schlimmer, auf eine geradezu existenzielle Weise, bis er an Hunger und Armut, aber auch an Einsamkeit fast stirbt. Die Geschichte steckt voller skurriler, teils unvergesslicher Szenen (irrer Satz zwischendrin: “Ich würde jetzt herzlich gern sterben …”), so dass man sie so schnell nicht mehr vergisst. Eigentlich nie mehr.

Victoria dagegen schildert die unmögliche Liebesgeschichte zweier Menschen, die aus unterschiedlichen Schichten stammen. Hier mache ich es ebenso kurz wie das schmale Buch selbst: Diese Geschichte ist zart und dennoch heftig, sie zeigt Hamsuns ganze Meisterschaft mit nur wenigen Strichen eine Stimmung und Wucht zu kreieren, die einen am Schluss zutiefst aufgewühlt zurücklassen.

Fazit: Diese zwei Hamsun-Bücher bieten eine absolut außergewöhnliche Leseerfahrung, sie machen deutlich, wieso er damals als einer der besten Autoren der Welt galt. Und wieso es umso unverständlicher ist, was später aus ihm wurde.


 

ALLES, WAS IST

Wer Easter Parade von Yates und Stoner von Williams liebt, sollte mal einen Blick auf dieses Buch riskieren. Ein ganzes Leben, erzählt in vielen kleinen Geschichten. Ruhig, weise und treffsicher.

James Salter ließ sich Zeit. Sehr viel Zeit. Am Ende waren es 33 Jahre, bis er wieder einen Roman veröffentlichte. 1979 erschien die teils atemberaubend spannende Geschichte In der Wand, die sich um die Erlebnisse des Bergsteigers Rand drehte. Nun, mit fast neunzig Jahren, hat Salter nachgelegt und zieht in seinem Alterswerk Alles, was ist Bilanz.

Diesmal ist die Hauptfigur Philip Bowman, ein ehemaliger Soldat, der sich nach dem Krieg in der New Yorker Literaturszene als Lektor einen Namen macht. Er heiratet, lässt sich scheiden, zieht ins chauvinistisch angehauchte Manhattan, feiert Partys, reist nach Europa, wird betrogen, schließt Freundschaften, hat Affären. Menschen treten in sein Leben und verschwinden wieder, und so vergehen die Jahrzehnte. Nicht alles gelingt, und doch gibt es immer wieder diese guten kleinen Momente, die einem im Gedächtnis bleiben, und die schlussendlich, wenn man alt ist und zurückblickt, das Leben ausmachen.

Und auf diese kleinen Momente konzentriert sich das Buch. Zumindest oberflächlich. So ist Philip Bowman auf den ersten Blick zwar ein Mann, der das Leben genießen kann. Aber irgendwo tief in ihm scheinen ihm die Dinge dennoch zu entgleiten, bzw. gar nicht erst richtig zu ihm durchzudringen. Warum? Haben ihn die Erlebnisse im Krieg so gemacht? Diese Frage stellt der Roman eher nebenbei, aber sie wirkt nach.

Lesegefühl: Das Buch ist nicht so dramatisch wie das ebenfalls sehr empfehlenswerte In der Wand, doch gerade in den stilleren Momenten zeigt sich die Meisterschaft Salters. Auf die packende Schilderung des Kriegs zu Beginn folgt im restlichen Verlauf des Romans ein eher gelassenes Erzähltempo – eine Metapher, da ja auch bei Bowman die prägenden Erlebnisse als Soldat viel zu früh kamen und nun für immer hinter ihm liegen, während er sein ganzes Leben noch vor sich hat. Und dennoch liest man gern weiter. Weil Salter mit wenigen Sätzen den Kern einer Figur beschreiben kann, und weil es einfach Spaß macht, in dieses New Yorker Leben einzutauchen und Bowman durch die Jahrzehnte zu begleiten. Das alles ist vielleicht weniger emotional und stringent als bei John Williams‘ Stoner, und – kleine Warnung – auch aus einer bewusst altmodisch-männlichen Sicht geschrieben, die heute manchmal ruckeln kann, aber dennoch ein Lesevergnügen. Salters pointierter und lakonischer Stil hat eben auch etwas Lässiges, im besten Fall gleitet man nur so durchs Buch.

Fazit: Alles, was ist trifft die leisen Töne des Lebens mit einer seltenen Genauigkeit. Eine stilsichere und angenehm zu lesende Geschichte, kühl wie ein Drink. Und am Ende steht die Frage: Was ist es, das von einem Leben bleibt?


 

DIE GLASGLOCKE

Kein Lieblingsbuch. Aber ein großes Werk.

„Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New York eigentlich wollte.“

Dies ist der erste Satz von Sylvia Plaths im Jahre 1963 erschienenem Buch Die Glasglocke (Original: The Bell Jar). Wir folgen der Protagonistin Esther Greenwood durch den Sommer 1953, als sie ein Volontariat bei einem New Yorker Modemagazin beginnt. Den hoffnungsvollen, schwunghaften ersten Monaten folgen jedoch eine schwere Depression, die schließlich in einem Suizidversuch und einer Behandlung in der Psychiatrie mündet …

Und so wird in diesem Klassiker nicht nur die schwierige, unterdrückte Rolle der Frau in den 1950er-Jahren verhandelt. Sondern auch, was es wirklich bedeutet, einer Krankheit wie Depression ausgesetzt zu sein; wenn man sich selbst in besseren Momenten wie unter einer allgegenwärtigen Glasglocke fühlt, gefangen in seinem „eigenen sauren Dunst“.

Lesegefühl: Der Beginn zieht einen mühelos in die Geschichte. Noch gibt es kaum Wolken am Himmel, ganz leicht fliegt man geradezu durch die glänzend erzählten frühen Geschehnisse des Romans. Dann aber verdüstern sich Plot und Protagonistin nach und nach. Das Buch ist dabei halbautobiographisch, arbeitete Plath in jenem Sommer `53 doch selbst bei einem Modemagazin und versuchte anschließend, sich das Leben zu nehmen. Zehn Jahre später (einen Monat nach Erscheinen ihres Buchs) tat sie es dann tatsächlich, weshalb der düstere zweite Teil des Werks beim Lesen fast physisch schmerzt. Umso mehr, da die Sprache stark und präzise ist und tiefe Einblicke in das Seelenleben von Esther erlaubt.

Fazit: ein Klassiker der Weltliteratur, beunruhigend und tief. Aber auch mit einer Warnung versehen (weshalb ich es beinahe schon bei den Büchern weiter unten platziert hätte, die ich eigentlich nicht guten Gewissens empfehlen kann): Dieser Roman kann gerade in der zweiten Hälfte extrem bedrückend sein und sollte nur von jemandem gelesen werden, der sich in guter geistiger Verfassung fühlt. Allen anderen ist abzuraten. Ganz ernsthaft.


 

GUTE SHORT STORIES – I

Neben den ausührlicheren Besprechungen zu etwa Katherine Mansfield, Alice Munro und Lucia Berlin hier weitere kurze Geschichten mit kurzen Empfehlungen. Diesmal mit: Jorge Luis Borges, F. Scott Fitzgerald, J.D. Salinger und Raymond Carver.

DAS ALEPH
Dies ist eines der berühmtesten Werke des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, Mitbegründer und Aushängeschild des Magischen Realismus. Und so sind auch die Erzählungen in diesem Band immer wieder phantastisch und surreal. Es geht unter anderem um die Troglodyten und was mit den Menschen passieren würde, sollten sie wirklich ewig leben können. Um einen geheimnisvollen Ort, der alle Orte der Welt vereint. Um eine verfluchte Münze, die man nie mehr vergessen kann und die einen in den Wahnsinn treibt. Um generelle philosophische Betrachtungen über Wahrheit und Fiktion … Ein kurzes, unendlich tiefes Buch, das seine Zeit braucht, da es nicht mehr ganz taufrisch ist und fast jede der Geschichten zum Nachdenken anregt. Aber vergessen wird man sie genauso wenig wie Borges die teuflische Münze.

DREI STUNDEN ZWISCHEN ZWEI FLÜGEN
Eine Sammlung einiger der stärksten Erzählungen aus der Feder von F. Scott Fitzgerald. Man findet hier das schwermütige Wiedersehen mit Babylon, das mitreißende Die Hochzeitsparty, das elegische Die letzte Schöne des Südens. Dieser hervorragend zusammengestellte Band zeigt die ganze Meisterschaft Fitzgeralds in der kurzen Form, und wieso er – als Romancier lange verkannt – zu Lebzeiten immerhin als hervorragender Short-Story-Autor galt. Hier fehlt eigentlich nur noch Der seltsame Fall des Benjamin Button. Abgerundet wird das Buch durch ein Vorwort von Daniel Kampa, das einen tieferen Einblick in das Leben und Werk des Autors gibt und mit vielen schönen Anekdoten aufwartet. Sehr zu empfehlen.

NEUN ERZÄHLUNGEN
Der Geschichte Uncle Wiggily in Connecticut verdanken wir den Hass von Salinger (und Holden Caulfield) auf Filme und generell Hollywood. Diese Story wurde Ende der 1940er unter dem bereits vielsagenden Titel My Foolish Heart fürs Kino adaptiert und als soaphafte Liebesgeschichte weichgespült. Dabei ist sie im Original eine eher schwermütige Reflexion einer Frau, die begreift, dass sie im Laufe der Jahre ihre einstige Lebensfreude verloren hat. Salinger nahm die Enttäuschung über diesen „schrecklichen Film“ jedenfalls zum Anlass, seitdem jede Art von Verfilmung seiner Werke zu verhindern – weshalb wir auch bis heute nie eine Adaption des Fänger im Roggen gesehen haben. In diesem neun Erzählungen umfassenden Band haben mir am besten „Der lachende Mann“ und „Für Esmé, in Liebe und Elend“ gefallen. Aber auch viele weitere Stories sind mir sehr in Erinnerung geblieben. Die Geschichten sind mal gewitzt, mal melancholisch und stets mit sehr viel Gefühl zwischen den Zeilen. Salinger konnte es einfach.

EINE WEITERE GUTE EINZELGESCHICHTE:
In diesem Fall Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden von Raymond Carver aus dem gleichnamigen Erzählband. Ich bin ehrlich gesagt enttäuscht gewesen von seinem bekanntesten Werk (sein erstes Short-Story Buch Würdest du bitte endlich still sein, bitte hat mir deutlich besser gefallen). Viel zu prätentiös wurde sein Stil – mitten in der Geschichte lakonisch und plötzlich zu enden -, hier auf die Spitze getrieben, um den größtmöglichen Effekt zu kriegen. Aber die Titelgeschichte über zwei Paare ist wirklich gut, hier ging einfach alles auf, vor allem die Dialoge sind herausragend.


 

WAS MAN VON HIER AUS SEHEN KANN

Woran erkennt man eigentlich ein besonderes Buch? Daran, dass es einem immer wieder begegnet? Daran, dass Freunde es nicht nur empfehlen, sondern mit leuchtenden Augen anpreisen? An seiner kunstvollen Sprache und liebgewonnenen Charakteren? Oder vielleicht doch an diesem speziellen Gefühl, das man schon nach wenigen Seiten spürt, ohne präzise den Grund dafür zu wissen: dass man hier beim Lesen einen kleinen Schatz heben wird.

So ging es mir bei Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann, das im Jahr 2017 zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gekürt wurde. Schon auf den ersten Seiten ahnt man, dass das kein gewöhnlicher Roman ist. Das liegt einerseits an der wirklich poetischen, nie prätentiösen Sprache. Und zugleich an den liebevoll geschilderten, eigentümlichen Figuren, die einem sehr schnell ans Herz wachsen. Gleichzeitig muss man jedoch auch von Anfang an um sie fürchten.

Denn immer, wenn die alte Selma von einem Okapi träumt, stirbt in den nächsten vierundzwanzig Stunden jemand aus dem Dorf. Was die BewohnerInnen natürlich jedes Mal in hellen Aufruhr versetzt … Später dann in Trauer. Und so ist es auch ein Buch über den Umgang mit Verlust und die Zeit, die einem bleibt. Diesen Fragen wird jedoch mit so viel Witz, Poesie und Wärme nachgegangen, dass es unmöglich ist, dabei nicht dieses kostbare Gefühl zu empfinden, das man vermutlich Leseglück nennt.

Ich hatte übrigens oft gehört, dass dieses Buch einen zum Weinen bringen kann. Noch auf der Hälfte hielt ich es für unwahrscheinlich, dass mir das auch passiert. Aber am Schluss erwischte es mich dann doch. Und ich glaube, so wird es fast jedem Menschen gehen, der sich mal mit dem Thema Verlust beschäftigen musste. Dringende Empfehlung, und zwar an so ziemlich alle, die sich für Literatur interessieren.


 

MADAME BOVARY

Im Jahr 1856 erschien der – auf einem wahren Fall beruhende – berühmte Roman des französischen Autors Gustave Flaubert in einer Zeitung. Prompt wurde er von der Zensurbehörde wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ angeklagt. Einer der Vorwürfe lautete unter anderem „Verherrlichung des Ehebruchs“. Nichtsdestotrotz erschien Madame Bovary bereits ein Jahr später auch in Buchform – und veränderte die Literatur für immer.

Ein unparteiischer Erzähler (bis dahin wurden solche Geschichten meistens aus der Ich-Perspektive erzählt), der aber dennoch nah das Innenleben der Figuren schildert und ihre Konflikte greifbar macht. Für damalige Verhältnisse kühne Schnitte und Erzählbögen, dazu tief und kunstvoll beschriebene Gefühle und wirklich lebendige Figuren, zwischen ihren Träumen, Leid und Frust – das Buch war bei Erscheinen eine Sensation. Und noch heute kennen viele die Geschichte der in ihrer Ehe gefangenen Emma Bovary, die schließlich ausbricht und einen hohen Preis dafür bezahlen wird.

Lesegefühl: Durch die tolle Übersetzung von Elisabeth Edl und Flauberts modernen, fast filmischen Ansatz liest man das Buch trotz seines Alters sehr flüssig. Damals war dieser Roman ein unbestritten herausragendes, revolutionäres Meisterwerk. Betrachtet man ihn dagegen nicht aus literaturgeschichtlichen Augen, sondern mit dem Blick von heute, ist er vielleicht „nur“ noch gut bis sehr gut. Inzwischen hat man eben auch ganz andere Romane zur Auswahl, die das Thema der unglücklichen Liebesgeschichte noch mal auf ein höheres Level gehoben haben. Etwa das von mir hier oft zitierte Abbitte von Ian McEwan bzw. Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro. Oder das ebenfalls weiter oben erwähnte Victoria des umstrittenen Knut Hamsun, der auf nur gut hundert Seiten noch mal eine ganz andere Wucht entfalten konnte. Aber das sind auch subjektive Eindrücke, und am Anfang all dieser Geschichten stand eben Madame Bovary, die das Genre des Romans in die Moderne führte.

Fazit: ein großer Klassiker, den man sich ruhig mal vornehmen kann. Bereuen wird man es auf keinen Fall. Durch diese 1856 errichtete Pforte ging anschließend fast die gesamte folgende Weltliteratur.


 

PANIKHERZ

Schon die erste Szene – wir sehen fassungslos dabei zu, wie sich Udo Lindenberg durch die strenge amerikanische Einreiseprozedur nuschelt und schlawinert – ist saukomisch und gibt den Takt für alles Weitere vor. Erzählt wird in diesem Buch jedoch vor allem das Leben des Autors Benjamin von Stuckrad-Barre als tragikomische Achterbahnfahrt – und zwar von ihm selbst. Mit streckenweise einer Offenheit und Ehrlichkeit, die es so selten gegeben hat.

Die Kindheit als großer Udo Lindenberg-Fan und Pastorensohn. Die Jugend im „Zonenrandgebiet“ Göttingen, als er von der unerreichbaren Architektentochter träumt und erste Texte schreibt. Die steile Karriere als Autor bei der „Harald Schmidt“-Show bis hin zum gefeierten Popliteraten. Aber auch die Abstürze, die Bulimie-Klinik und immer wieder die Drogenrückfälle …

Passend dazu ist die Erzählklammer ein Aufenthalt im Chateau Marmont in Los Angeles, in dem Lindsay Lohan und Courtney Love noch Schulden haben und James Belushi an Heroin starb. Von hier aus schildert uns Stuckrad-Barre sein wildes Leben, das oft genug auf der Kippe stand. Aber Gott sei Dank hatte er mit Udo Lindenberg einen eigenwilligen Schutzengel, dessen Hilfe und beruhigendes „Keine Panik“ ihn selbst größte Krisen überstehen ließen.

Lesegefühl: für mich ist es eindeutig Stuckrad-Barres bestes Buch. Geradezu lesesüchtig bin ich durch die rasante und oft sehr komische erste Hälfte gerauscht. Die Sätze sind pointiert und voller Sprachwitz. Bei den Drogeneskapaden wird das Buch dann zunehmend bedrückend und die Schallplatte bekommt einen Sprung – denn die Geschehnisse wiederholen sich fortan. Auf Entzugsklinik folgt eine stabile Phase, dann ein Rückfall und das Elend beginnt von Neuem – diesmal nur noch härter und deprimierender. Und dann noch mal und noch mal … Das alles ist jedoch sagenhaft ehrlich und mit einer großen Meisterschaft erzählt. Und mit Ironie. Während etwa John Burnside in Lügen über meinen Vater bei seinen Drogengeschichten immer zerfaserter wird, dürfte Panikherz ein zukünftiges Standwerk solcher Erfahrungsberichte werden. Alle, die so tief unten ankamen, konnten entweder nicht so gut schreiben – oder sind schlicht nicht mehr am Leben. Nach drei Vierteln gibt der Roman dann mit den Schilderungen des L.A.-Alltags vielleicht für manche LeserInnen etwas ab, aber da ist das Spiel längst gewonnen. Besonders gut gefallen hat mir auch: während Stuckrad-Barre bei seiner Sucht all-in geht, hält er sich mit intimeren Einblicken in sein Liebesleben komplett zurück. Wie ein erfahrener Spieler im Casino behält er so die eine Hälfte der Chips für sich – und spielt mit der anderen dafür volles Risiko.

Fazit: ein unvergesslicher Höllenritt durch ein pralles Leben, mit teils sensationellen Anekdoten (mein Favorit waren die Begegnungen mit Bret Easton Ellis und seinem nicht ernstgenommenen Freund in L.A.), aber auch starken Zwischenpassagen wie der Angst vor dem zwanzigjährigen Klassentreffen. Zugleich ist das Buch ein Who is Who der Neunzigerjahre und eine Ode an Udo Lindenberg, der als Stuckiman’s Beschützer zum zweiten Helden der Geschichte wird.

Kleine Anmerkung: ich habe das Buch damals gelesen, dann Jahre später noch mal als Hörbuch gehört (auf einer Fahrt durch Amerika, die natürlich im Chateau Marmont endete). Und ich empfehle sehr das Hörbuch. Denn Stuckrad-Barre liest hier selbst und kann nicht nur hervorragend Lindenberg nachmachen (danach hat man dringend das Bedürfnis, selbst im Udo-Slang zu reden), sondern auch andere Weggefährten wie Harald Schmidt und Helmut Dietl. Ein großer Spaß.


 

DAS PARFUM

„Im 18. Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden.“

So beginnt einer der größten und erfolgreichsten deutschen Romane überhaupt (über zwanzig Millionen verkaufte Exemplare weltweit, in fast fünfzig Sprachen übersetzt – dazu nach Erscheinen ganze neun Jahre am Stück auf der Spiegel-Bestsellerliste). Erzählt wird das Leben des berüchtigten französischen Parfumeurs Jean-Baptiste Grenouille. Ein Waisenjunge, der ohne Eigengeruch auf die Welt kommt – dafür aber den vielleicht besten Geruchssinn hat, den je ein Mensch besaß. Als er begreift, wie sehr unsere Stimmungen und Empfindungen von Düften und Gerüchen abhängig sind, beginnt er die Menschen mit seinen Kreationen zu manipulieren. Nach und nach verfeinert er sein Können. Schließlich möchte er das ultimative Parfüm herstellen – doch der Weg dazu wird ihn zwangsläufig über Leichen führen …

Patrick Süskind ist ein Phänomen. Mit der packenden Story des „Monsters“ Grenouille schrieb er sich tief in die Literaturgeschichte ein, reüssierte aber auch mit den kürzeren Erzählungen Die Taube und Die Geschichte vom Herrn Sommer, sein Ein-Mann-Werk Der Kontrabass war wiederum  das damals am meisten gespielte deutsche Theaterstück, und als wäre das nicht genug, schrieb er auch noch kongenial mit Helmut Dietl die legendären Serien Monaco Franze und Kir Royal. Gleichzeitig weiß man jedoch kaum etwas über den scheuen Autor. Seit einem Fernsehauftritt 1981 gab es bis auf drei Ausnahmen (darunter eine Schülerzeitung) keine Interviews mehr, er nahm keinerlei Preise an, auch neuere Fotos kursieren nicht.

Und schon sein berühmtestes Werk Das Parfüm musste ihm der Diogenesgründer und Verleger Daniel Keel der Legende nach abschwatzen. Süskind riet im Erscheinungsjahr 1985 angeblich noch zögerlich zu einer Auflage von fünftausend Stück, Keel dagegen rief schon nach dem Lesen: „Jetzt haben wir einen Weltbestseller“ – und so kam es auch. Ein Erfolg, der den bis dahin immer mal wieder strauchelnden Verlag auf einen Schlag gesundete und ihm ein ganz neues Renommee verlieh. Dabei wurde darauf bestanden, dass fast jede der achtundvierzig Übersetzungen das gleiche berühmte Cover hatte.

Lesegefühl: Liest man das Buch, wird ziemlich schnell klar, wieso es so erfolgreich war. Schon die erste Seite ist derart gelungen, süffig und reich an Ideen und Erzähllust, das man sofort weiterlesen möchte. Und rasant geht es auch danach weiter durch das verrückte Leben des Mörders und Außenseiters Grenouille, der schließlich beim letzten Parfum sein – in jeder Hinsicht fragwürdiges – Vorhaben in die Tat umsetzt. Das Ende ist dann wahrhaft unvergesslich.

Fazit: Hier kann man es kurz machen. Wer es noch nicht kennt – so eine abgründige, gute, ungewöhnliche Geschichte liest man nur ganz selten.


 

TYLL

In diesem fast makellosen, toll komponierten Buch wird uns in acht Episoden die Geschichte des Hofnarren Tyll Ulenspiegel erzählt. Daniel Kehlmann greift dabei auf Motive der Sage um Tyll Eulenspiegel auf, die er jedoch verfremdet und in die Zeit des 30jährigen Krieges versetzt hat.

Wie schon in Werken wie Ich und Kaminski und Die Vermessung der Welt besticht auch dieser Roman neben intellektueller Schärfe durch einen leichten Tonfall und eine punktgenaue, elegante Sprache. Und wenn man mit dem Lesen fertig ist, merkt man vielleicht, dass man nebenbei auch ein faszinierendes Porträt über die damalige Zeit bekommen hat, mit beachtlicher historischer Tiefe.

Die Geschichte folgt dem Jungen Tyll, der nach der Verurteilung seines Vaters, einem Müller und Magier, mit seiner Jugendfreundin Nele ausreißt und sich in den nächsten Jahrzehnten als Gaukler und Hofnarr verdingt. Gemeinsam treffen die beiden mächtige und prägende Personen ihrer Zeit, aber auch schon mal den sprechenden Esel Origines. Überhaupt ist sehr anschaulich geschildert, wie die Leute damals gedacht haben müssen, als die Menschheit zwar langsam anerkannte, dass sie nicht mehr das Zentrum des Universums war und nur um die Sonne kreiste, aber Magie noch immer ein wichtiges Alltagselement war, Drachen nicht unmöglich und Zaubersprüche etwas, das man auf dem Markt kaufen konnte. Genauso geschickt verwebt Kehlmann seinen Protagonisten mit dem Dreißigjährigen Krieg, dessen erratische Brutalität und Irrsinn immer wieder durchschimmern, wenn Tyll auf KönigInnen, Hochstapler und Geistliche trifft. Und wer könnte ein besserer Zeitzeuge sein, als ein stets etwas distanzierter Hofnarr, der die Wahrheit sagt?

Und doch ist da diesmal auch ein Hauch Melancholie spürbar, der sich durchs Buch zieht, bis hin zum subtilen und bewegenden Ende. An die Geschichte von Nele und Tyll musste ich danach noch oft denken, und deshalb ist dies vielleicht auch mein liebster Kehlmann – denn intelligent, ungemein lesbar und gewitzt ist er natürlich wie immer auch.


 

DER BEGRABENE RIESE

Das hier ist das vielleicht unterschätzteste Buch meines Lieblingsautors Ishiguro, und einiges hat er selbst zu diesem Ruf beigetragen. So meinte er einmal freimütig in einem Interview, dass seine Frau sehr unzufrieden mit dem Roman gewesen sei und er danach alles umschreiben musste. Am Ende dauerte die Arbeit daran dann auch verdächtige zehn Jahre. Nach dem Erscheinen hörte ich wiederum – neben gemischten Eindrücken von zwei Freunden – die Anekdote, wie eine Studentin Kazuo Ishiguro auf einem Universitätsdinner tatsächlich fragte, wieso The Buried Giant denn so ein schlechtes Buch geworden sei. Atemlose, peinliche Stille am Tisch – auf die Ishiguro angeblich etwas Höfliches antwortete, das allerdings selbst nicht ganz überzeugt klang.

Und so machte ich jahrelang einen Bogen um dieses Buch. Bis mir der oben erwähnte Daniel Kehlmann davon vorschwärmte und klagte, dass er niemanden dazu brächte, diesen Roman zu lesen, der doch aber ein Meisterwerk sei. Also gut, dachte ich – und wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil.

In Der begrabene Riese werden wir ins Britannien des sechsten Jahrhunderts versetzt, eine dunkle Zeit, über die auch die Geschichtsschreibung fast nichts weiß. Und in diese Lücke stößt Ishiguros Roman … Nach dem Krieg zwischen Angelsachsen und Briten ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice wiederum sind seit vielen Jahren ein Paar, werden in ihrem Dorf aber ausgegrenzt. Schließlich brechen sie auf, um ihren Sohn zu finden, den sie lange nicht mehr gesehen haben. Diese Reise ist jedoch gar nicht so leicht, denn über der ganzen Gegend liegt ein geheimnisvoller Nebel, der die Menschen alles vergessen lässt. So erinnert sich der alte Axl zwar bald, dass es vielleicht einen triftigen Grund dafür gab, den Kontakt zum Sohn verloren zu haben, weiß jedoch nicht mehr, welchen. Und basiert am Ende sogar auch der trügerische Frieden der Angelsachsen und Briten darauf, dass alle den Krieg und das sich angetane Leid inzwischen einfach vergessen haben? Auf ihrer Reise trifft das gebrechliche, aber tapfer weiterziehende Paar auf verschiedene Menschen wie den Ritter Gawain und den Krieger Wistan. Und bald ahnen sie, dass nicht nur das Gleichgewicht des Friedens vom Erinnern bedroht ist, sondern auch ihre eigene Beziehung.

Lesegefühl: ein Buch, in das man erst mal hineinfinden muss, aber man wird am Ende mehr als belohnt. Der begrabene Riese ist – und das mag beim Erscheinen viele verblüfft haben – mit seinen Märchen, Drachen und dunklen Mächten ein Fantasy-Roman. Die Reise von Beatrice und Axl liest sich wie eine Queste aus dem frühen Mittelalter. Und sie hat mich persönlich auch an eine Stimmung erinnert, die ich sonst nur aus – genialen – japanischen Videopielen wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild und vor allem dem visionären Shadow of the Colossus kannte. Gleichzeitig schimmert genauso wieder Ishiguros typisch britischer Erzählton durch; die Sprache ist leicht, präzise und vornehm. Je weiter man in diesen Roman vorstößt, desto schneller merkt man jedoch, dass er alles andere als nur Fantasy ist – sondern eine hochkomplexe Erzählung über den Segen des Vergessens und Verdrängung als Bedingung des Friedens. Aber auch das Recht auf Erinnerung, selbst wenn sie einen unglücklich machen sollte …

Gerade das Erinnern ist ja eines von Ishiguros liebsten Motiven, das hier einmal anders verwendet wird. Wobei ich mir beim Lesen manchmal dachte, dass es in unserer Zeit vielleicht andersherum ist: Dass gerade das Erinnern die Basis für den Frieden ist, zumindest im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts. Und so ließ mich dieser Roman noch lange nachdenken. Denn es sind nicht die eher archetypischen Figuren, die diese Geschichte herausragen lassen, auch nicht der klassische Plot. Es ist wie fast immer bei Ishiguro das Gefühl zwischen den Zeilen, die Melancholie, die auf allen Charakteren lastet. Und am Schluss erhalten wir die vielleicht schönste Metapher für den Tod, die ich vielleicht je gelesen habe.

Fazit: Kehlmann hat Recht, Ishiguros Frau hat Unrecht – dies ist ein Meisterwerk, das kein Ishiguro-Fan auslassen sollte.


 

VOM ENDE EINER GESCHICHTE

Wie sehr kann man seiner Erinnerung trauen?

Das fragt sich der gerade geschiedene, schon etwas ältere Tony Webster, der es sich in seinem Leben gemütlich eingerichtet hat – bis er den Brief seines Anwalts mit einer unvermuteten Erbschaft erhält. Auf einmal wirken Ereignisse aus seiner Vergangenheit anders, als er es jahrzehntelang angenommen hatte. Sein bester und früh verstorbener Jugendfreund Adrian zum Beispiel: waren die Dinge damals wirklich so, wie es immer schien? Das gleiche mit seiner damaligen Freundin, zur der die Beziehung nicht lange hielt … Adrian muss erkennen, dass die Dinge einst im England der Sechziger Jahre anders lagen, als es ihm seine Erinnerung bisher vorgab. Er versucht, Licht ins Dunkle zu bringen und ist bald gezwungen, sich sein Leben noch einmal zu erzählen.

Lesegefühl: von Anfang an merkt man, dass man es mit einem hintersinnigen, kühl komponierten Werk zu tun hat – und mit einem humorvollen, extrem intelligenten Autor. Mit sicherer Hand erzählt Julian Barnes seine mit dem Booker Prize ausgezeichnete Geschichte und führt seinen Tony Webster immer wieder aufs Glatteis.

Fazit: Hier muss man gar nicht viel sagen, da jedes Wort zu viel das Lesevergnügen schmälern würde. Ein fabelhafter Roman mit immer neuen Wendungen.


 

DER GESANG DER FLUSSKREBSE

Dieses Buch steht seit Ewigkeiten in den Bestsellerlisten, und wenn man es liest, denkt man schnell: zurecht. Erzählt wird auf zwei zeitlich versetzten Ebenen die Geschichte des sogenannten „Marschmädchens“ Aya.

Einmal erfahren wir, wie sie in einer verfallenen Hütte in den Sümpfen North Carolinas aufwächst und früh von allen verlassen wird: erst von ihrer Mutter, dann nach und nach von den Geschwistern, die ebenfalls ausreißen. Und am Ende auch noch von ihrem trinkenden, schlagenden Vater. Nur sie bleibt übrig, ein unschuldiges Kind, verspottet von den Menschen in der nächsten Siedlung, aber mit einigen wenigen Vertrauten, die ihr im Laufe der Jahre helfen. Sie wächst in der Wildnis auf, weiß bald alles über die Natur, lernt Lesen und Schreiben und entwickelt sich zu einer attraktiven jungen Frau.

Die zweite Ebene schildert einen Mordprozess einige Jahre später. Das Opfer war ein verheirateter Frauenheld aus dem Ort – der angeblich auch etwas mit dem Marschmädchen hatte. Und so wird die erwachsene Aya bald zu einer potentiellen Täterin, zumal sie durchaus ein Motiv besaß.

Diese beiden Ebenen werden beim Lesen geschickt ineinander verwoben, bis am Schluss alles auf einen Mordprozess hinausläuft. Der fesselt dann genauso wie die Schilderungen der jungen Aya zuvor, die sich nicht unterkriegen lässt und lernt, in der Natur zu überleben. Eine bis zum Schluss faszinierende, unergründliche Figur, bei der man immer rätselt, ob sie bei aller Sympathie nicht doch auch eine Mörderin sein könnte. Aber auch die Schilderungen der Marsch sind sehr eindrücklich und bleiben einem lange im Gedächtnis. Man spürt, wie sehr die Autorin Delia Owens diese Gegend kennt und liebt.

Fazit: Vielleicht kein absolutes Meisterwerk im Range eines Wer die Nachtigall stört …, aber auf jeden Fall ein wirklich tolles Buch. Coming of Age-Story, Liebesgeschichte und Gerichtsdrama zugleich.


  

 

VINCENT / ICH GEGEN OSBORNE

Weiter oben findet sich bereits Joes Goebels neuester Streich Irgendwann wird es gut. Aber genauso zu empfehlen sind diese frühen Werke von ihm, denn seine Stimme ragt unter der aller jungen AutorInnen heraus.

Vincent wartet gleich mal mit einer der originellsten Ideen auf, die ich je in einem Buch gelesen habe: Ein alter TV-Mogul liegt im Sterben. Sein Leben lang hat er nur mittelmäßige Unterhaltung für die Massen produziert – nun will er echte Kunst fördern und in den Mainstream bringen. Er gründet “New Renaissance”, eine Art Internat für junge Genies, die hier zu Künstlern erzogen werden und später die Serien, Songs und Filme schreiben sollen, die wir alle dann konsumieren. Jedes dieser jungen Genies bekommt einen Mentor zur Seite gestellt, der sich um seinen jungen Schützling kümmert und die Karriere antreiben soll. Doch die Mentoren haben noch eine zweite, geheime Aufgabe: sie sollen immer dafür sorgen, dass das Wunderkind unglücklich ist. Denn nur der unglückliche Künstler ist ein guter Künstler.

Vincent Spinetti ist dabei eines der talentiertesten Nachwuchsgenies auf dem Campus. Herausgelöst aus seiner Problemfamilie, ist sein Mentor Harlan bald sein engster Vertrauter. Vincent ahnt ja nicht, dass sein dunkler Schutzengel hinter seinem Rücken seine Freunde vertreibt, Mädchen verscheucht und sein Haustüt tötet. Und so bleibt er zwangsläufig allein. Der einzige, der all die Jahre treu an seiner Seite steht, ist ausgerechnet Harlan, der inzwischen bereut, aber nicht mehr aus seiner Rolle kann. Im Orginal heißt das Buch Torture the artist, und es ist ein großer Lesespaß, diese raffinierte, böse Satire zu lesen, diese Geschichte einer unmöglichen Freundschaft.

Bei Ich gegen Osborne ist die Ausgangslage ebenfalls fies: Der Außenseiter James kommt aus den Ferien – in denen sein Vater starb – an seine Schule, die Osborne High. Er freut sich, seine beste Freundin und geheime Liebe Chloe wiederzusehen, erfährt aber in der Gerüchteküche bald, dass sie etwas mit seinem ärgsten Rivalen hatte; dem Schönling Hamilton. Blind vor Wut entschließt sich James für einen radikalen Schritt. Er erpresst den Schulleiter, den anstehenden Ball abzusagen, der ohnehin nur eine Selbstbeweihräucherung der Beliebten ist. Schnell spricht sich dieser Skandal bis Pause herum, James wird von den Außenseitern gefeiert, von anderen dafür gehasst, auch Chloe stellt ihn wütend zur Rede. Denn so simpel, wie die Dinge scheinen, sind sie nicht, und in den folgenden Schulstunden spitzt sich der Konflikt immer weiter zu.

Ich gegen Osborne ist ein Roman, der nur an einem einzigen High School Tag spielt, jede Seite ungefähr eine Minute davon. Ein Ulysses für das neue, etwas abgefuckte Jahrtausend der Klingeltöne, Abschlussballpartys und Spring Breaks. Doch der Autor meistert dieses Format mit Bravour. Ich habe mich jedes Mal darauf gefreut, weiterlesen zu können. Eine wunderbare, in sich geschlossene Welt, die hier kreiert wurde, mit einem gelungenen roten Handlungsfaden. Aber auch mit nebensächlichen Gedanken und Dialogen, die jeder Schultag genauso braucht. Vor allem aber mit unzähligen liebevoll gestalteten Figuren. Jede Person, ob Lehrer, Direktor oder Schüler, hat ihre eigene, unverwechselbare Stimme, so dass der furiosen, bitteren Generalabrechnung der ewig wütenden Hauptfigur immer wieder die Grenzen aufgezeigt werden.

Lesegefefühl: Wie immer fliegt man Joey nur so durch die Zeilen. Wenn man amerikanische Popkultur oder Highschool-Stories mag, wird man diese beiden Romane ziemlich sicher lieben. Zu treffsicher sind die Pointen und der Witz. Beide frühen Romane sind vielleicht nicht ganz so berührend und literarisch wie Irgendwann wird es gut, haben aber auch ihre emotionalen Momente und machen vor allem: verdammt viel Spaß!

Fazit: Für mich war Joey Goebel immer ein besonderer Autor. Einer, dessen Art zu schreiben mir sehr nahe war, sowohl in den frühen Werken wie später bei seinem Wechsel in eine etwas gefühlvollerere, literarische Richtung. Ich hoffe, dass dieser besondere Schriftsteller – im Übrigen auch ein besonderer Mensch – die Massen an LeserInnen findet, die er verdient. Und das sind sehr, sehr viele.


 

DIE KORREKTUREN

Ein großer Familienroman.

Enid Lambert ist wild entschlossen, ihre Familie an Weihnachten noch mal um sich zu scharen. Ihren inzwischen dösigen Mann Alfred, und die drei Kinder Denise, Grady und Chip, die allerdings gerade auf ihre eigene Weise straucheln. Mit großer sprachlicher Könnerschaft und einem analytischen Blick auf Gegenwart, Gesellschaft und Politik zeichnet Franzen sein Porträt Amerikas zu Beginn des neuen Jahrtausends.

Lesegefühl: natürlich braucht man bei solch einem Wälzer ein wenig, bis man sich das Buch zurechtgelegt hat. Auch funkeln manche sprachlich aufpolierte Seiten so sehr, dass es zuweilen fast den Lesefluss stocken lässt. Aber das passiert nur selten, viel öfter ist man gefesselt. Die Geschichte blickt allen fünf Mitgliedern der Lambert-Familie über die Schulter und gibt nach und nach preis, auf welch unterschiedliche Art diese toll gezeichneten Charaktere scheitern und wie alles miteinander zusammenhängt. Ein großes Vergnügen mit gesellschaftlicher und politischer Tiefe.

Fazit: National Book Award für ein herausragenden Werk, dem noch das oben erwähnte, superbe Freiheit folgte. Das hat mir persönlich sogar noch einen Tick besser gefallen, da etwas “wärmer” – aber auch Die Korrekturen sind einfach wahnsinnig gut und sehr zu empfehlen.


 

DIE ASCHE MEINER MUTTER

Drei Bücher schrieb der irisch-amerikanische Schriftsteller Frank McCourt über sein turbulentes Leben. Dies hier war sein erstes und zugleich sein großer Durchbruch als Autor, nachdem er erst mal mehrere Jahrzehnte (!) nur als Lehrer in New York gearbeitet hatte (Tag und Nacht und auch im Sommer). Zuvor aber entkam er einer denkbar harten, anekdotenreichen Kindheit und Jugend in Irland – und um die geht es in Die Asche meiner Mutter (Original: Angela’s Ashes).

Die 1930er: Die McCourts sind gerade von New York nach Limerick gezogen, die alte irische Heimat. Hier versprechen sie sich ein besseres Leben, doch stattdessen erwarten sie Armut und Not. Sie leben in einer Art Slumbehausung, können ihr Essen oft nur stehlen, und im Winter ist es bitterlich kalt, da meist das Geld zum Heizen fehlt. Hier, wo die katholische Kirche das Sagen hat, wächst Frank McCourt auf, macht seine ersten Erfahrungen, hungert und träumt wider alle Chancen von einem besseren Leben in Amerika.

Eines Tages vielleicht …

Lesegefühl: Irland hat vermutlich viele solcher Familiengeschichten nach der Großen Depression hervorgebracht. Die Ausnahme bei dieser ist jedoch Frank McCourts einzigartiger Erzählstil. All dem Leid begegnet er mit der Unschuld und den leuchtenden Augen und Träumen eines Kindes. Er ist ein derart guter Storyteller, dass man süchtig weiterblättert. Wie liebevoll und menschlich sind die Figuren gezeichnet, wie viel feiner Witz steckt in den meisten Passagen, so dass die Geschichte nie in Selbstmitleid abdriftet. Alle drei Bücher von ihm sind voller Anekdoten wie etwa die des strengen Lehrers, der jede Stunde ganz langsam einen Apfel schält und vor der Klasse isst. Alle Kinder schauen begierig auf die Schale, denn der Beste von ihnen wird sie am Ende der Stunde vom Lehrer bekommen … eine echte, süße Apfelschale!

Auf solche Genüsse musste der Schüler McCourt mangels Leistungen leider verzichten, dafür steckte in ihm ein begnadeter Autor. Und das, obwohl er erst mit sechsundsechzig Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte, der prompt den Pulitzerpreis erhielt. Auch die folgenden Bücher waren Bestseller. Manchmal äußerte er sein Bedauern, so spät zum Schreiben gekommen zu sein und es sich erst nach seiner Karriere als Lehrer getraut zu haben – und wenn man Die Asche meiner Mutter liest, versteht man, wo dieses angeknackste Selbstbewusstsein vermutlich herkommt. Doch was für ein Glück war es, dass er es im Ruhestand dann doch noch tat.

Fazit: Frank McCourts Bücher waren ein großer Gewinn für die Literatur. Und ich würde mal sagen: wie gern hätte man diesen sympathischen, weisen und demütigen Menschen auch als Lehrer gehabt.


  

 

SCHNEE AUF DEM KILIMANDSCHARO / DER ALTE MANN UND DAS MEER

Der „kurze“ Hemingway.

Ernest Hemingway war ein König seiner Zeit. Berühmt als Schriftsteller, Kriegsreporter und Nobelpreisträger, aber auch als markanter Typ mit Rauschebart und Frauenheld. Gern zeigte er sich mit dem Jagdgewehr, trank viel und zelebrierte diesen archaisch-chauvinistischen Lifestyle, war aber auch geplagt von Depressionen und nahm sich schließlich im Alter von einundsechzig Jahren das Leben. Damals galt er als einer der ganz Großen, berühmt für seine Romane wie Fiesta, sein wunderbares Paris, ein Fest fürs Leben und seine punktgenaue, schlichte und geschliffene Prosa.

Sein langjähriger, ebenfalls früh verstorbener Freund F. Scott Fitzgerald dagegen war damals allenfalls noch für seine Short Storys berühmt, seine späteren Romane dagegen allesamt gefloppt, selbst Der große Gatsby. Doch im Lauf der Jahrzehnte änderte sich unsere Wahrnehmung der beiden Autoren. Manchmal hat man  das Gefühl, Hemingway falle inzwischen mitsamt seinem Geschreibe über die Jagd aus der Zeit und setze hier und da ersten Rost an, während Fitzgeralds Ruf mit jedem Tag weiter erstarkt und er heute von Kritik und Lesern verehrt wird.

Dabei sind Hemingways kurze Geschichten noch immer bockstark. Die titelgebende Story Schnee auf dem Kilimandscharo etwa hat in ihrer rohen Wucht etwas Einzigartiges, Unvergessliches. Auf nur 40 Seiten wird fast alles gesagt über das Leben und den Tod, werden mit wenigen Worte tiefe Wunden beim Leser gerissen. Allein für diese Short Story lohnt sich das Buch schon.

Und auch sein berühmtestes Werk Der alte Mann und das Meer ist mit ihrer bewussten Schlichtheit als Parabel für das Leben – erst zieht man mutig und hoffnungsvoll aus, fängt sogar den Fisch, doch man wird ihn verlieren und am Ende mit leeren Händen dastehen – unverändert gut und prägnant. Hier ist kein Wort zu viel, schon gar kein Adjektiv. Das Leben wie die Sprache wurden auf das Wesentliche reduziert, das las sich vermutlich damals großartig, und das tut es noch immer.

Als Einstieg in das Werk dieses Autors sind beide Büchlein hervorragend geeignet.


 

DER STEPPENWOLF

Das Manifest zwischen zwei Kriegen.

Der von Schicksalsschlägen gebeutelte „Steppenwolf“ Harry Haller (ein mutmaßliches Alter Ego Hermann Hesses) streunt in den 1920ern durch eine größere Stadt. Er wird bald fünfzig und denkt an Selbstmord, hadert mit der Zukunft und der Gesellschaft – und ahnt die bevorstehende Apokalypse voraus.

Dann lernt er in einem Tanzlokal die Gelegenheitsprostituierte Hermine kennen, eine Seelenverwandte. Durch sie und die ausgeklügelten Erfahrungen, die er durch sie macht, beginnt er wieder zu hoffen. Schließlich begleitet er sie auch in ein „magisches Theater“ – ein Abend, die ihn in den Tiefen seiner Persönlichkeit verändern wird …

Hermann Hesse schrieb dieses 1927 veröffentlichte Buch, als er sich selbst in einer großen Krise befand und an Suizid dachte. In seinem Tagebuch notierte er: „Ich schmeiße alles hin, mein Leben, […] ich alternder Mann. Auf eure Welt anders zu reagieren als durch Krepieren oder durch den Steppenwolf wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.“ Geradezu faszinierend ist es, wenn man heute liest, wie der gebrochene Pazifist Harry Haller fast schon selbstverständlich von einem neuen Weltkrieg ausgeht – und das mitten in den Goldenen Zwanzigerjahren.

Lesegefühl: Das Buch ist verschachtelt und mindestens kühn aufgebaut. Es ist dadurch anfangs durchaus fordernd und sperrig, aber sobald Hermine auftaucht, kann man den Rest des Romans in einem Zug lesen – und folgt fasziniert dem Protagonisten und der Handlung. Am besten gefallen haben mir der Maskenball und das magische Theater am Schluss, an das ich in den Jahren danach noch oft gedacht habe.

Fazit: Bald hundert Jahre alt, ist der Steppenwolf noch immer ein wirklich starkes, dichtes, philosophisches Buch. Und so wird er auch durch diese Zwanzigerjahre streunen.


  

 

HERR LEHMANN / NEUE VAHR SÜD

Ersteres ein toller Großstadtroman. Letzteres eines der lustigsten Bücher, die ich kenne.

Im Jahr 2001 erschien das Romandebüt von Sven Regener, bis dahin vor allem bekannt als Frontmann der Band Element of Crime. Eine Millionen Leser amüsierten sich damals über die Geschichte von Frank, besser bekannt als „Herr Lehmann“. Ein etwas verlotterter Barkeeper einer Kreuzberger Kneipe, der sich unglücklich verliebt, gern die absurdesten Diskussionen führt und nebenbei die letzten Tage vor dem Mauerfall miterlebt.

Besonders schön war auch die Szene im Literarischen Quartett, in der Marcel Reich-Ranicki von seiner Leseerfahrung berichtete. Mit verärgerter, polternder Stimme trug er vor, dass er lange nicht habe begreifen wollen, wieso er denn nun ein aus seiner Sicht derart “triviales” Buch lesen solle – bis er zu seinem eigenen Schrecken etwas getan habe, was ihm unbegreiflich war: er habe beim Lesen plötzlich schallend gelacht. Und dann wieder … am Ende empfahl er den Roman rundheraus.

Im Jahr 2004 erschien dann das Prequel Neue Vahr Süd. Erneut geht es  um Frank Lehmann, allerdings ist dieser hier erst neunzehn. Wir folgen ihm durch seinen Alltag in einer Bremer Kaserne im Jahr 1980, in der er seinen Grundwehrdienst ableisten muss – denn leider hatte er verschlafen, den Kriegsdienst zu verweigern. Nun ist er gefangen in einem absurden BRD-Alltag zwischen enthusiastischen Fahnenjunkern und strengen Vorgesetzten. Immerhin kann er an den Wochenenden in seine WG, wo er unter anderem mit Punks und Studenten zusammenlebt. Und auch damals ist die tragische Liebe natürlich nicht fern …

Lesegefühl: Alles, was in Herr Lehmann schon großartig war, gibt es bei Neue Vahr Süd im Überfluss: Herrliche Diskussionen, ein tolles Gespür für schräge Typen und Milieus. Und unglaublich viel Komik und Sprachwitz. Ich erinnere mich, wie ich das Buch damals in einem Zugabteil las und bei mehreren Stellen so laut lachen musste, dass sich die Leute nach mir umdrehten.

Fazit: Die ersten beiden von inzwischen mehreren „Lehmanns“ (die anderen muss ich noch lesen) kann ich mit vollster Überzeugung empfehlen, wie auch die Verfilmung mit Christian Ulmen. Ein wirklich großer Spaß.


 

LUKE UND JON

Lukes Leben war schon mal leichter: seine Mutter starb, sein Vater strauchelt und trinkt zu viel, die neue Schule ist hart. Aber Selbstmitleid gibt es nicht. So denkt er über den Unfalltod seiner Mutter: „Wenn es wirklich so passiert ist, in einem Sekundenbruchteil, wie sie bei der Untersuchung behaupteten, dann war es gut. Es hätte nur einen Sekundenbruchteil sechzig Jahre später sein sollen, das ist alles.“

Auch der verlotterte Jon ist ein Außenseiter. Er lebt mit seinen greisenhaften Großeltern, die sich nicht um ihn kümmern können – und findet unverhofft Zuflucht bei Luke und seinem Dad, die noch immer selbst kaum zurechtkommen. Bleibt nur die Frage: kann dieses fragile Zuhause bestehen?

Lesegefühl: Luke und Jon von Robert Williams ist ein Kleinod. Wie bei Das dritte Licht von Claire Keegan ist auch dieses Buch zart und still und lebt vor allem von seinen Zwischentönen. Der Schreibstil ist klar und lakonisch, nie effektheischend, die Geschichte stets lebensnah und auf angenehme Weise melancholisch. Und wie die Figuren zusammenfinden, wie Luke zeichnet, Jon seltsame Bücher liest und beide Lukes Vater beim Bau eines riesigen Holzpferdes helfen, macht fast gücklich.

Fazit: Robert Williams Debütroman ist ein Jugendbuch im besten Sinne. Man liest es schnell und mit großer Freude – und danach ist es ziemlich unmöglich zu behaupten, dass dieses kleine Stück Literatur nicht verdammt schön und berührend war.


 

BUDDENBROOKS

Mal wieder eines dieser Bücher, über die vermutlich schon alles gesagt wurde. Die berühmte Geschichte von der Blüte und dem Verfall der Familie Buddenbrook aus Lübeck. Ein Generationenporträt vom altehrwürdigen Konsul Johann über die Kinder Thomas, Tony, Christian bis hin zum jungen Enkel Hanno. Mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, unzählige Male verfilmt, eines der Schwergewichte der deutschen Literatur. Nur, wie liest sich das alles heute, wenn man ganz, ganz ehrlich ist?

Antwort: Immer noch verdammt gut.

Das hat mich zugegeben selbst überrascht, denn mit diesem Buch hätte man mich als Jugendlichen jagen können. Und der Anfang tut sein Bestes, alle Befüchtungen zu bestätigen, heißen doch gleich zwei Figuren Johann Buddenbrook, laufen ohnehin unzählige andere Charaktere durchs Bild. Eine doch recht zähe Angelegenheit. Aber danach nimmt der Roman mit jedem Kapitel an Fahrt auf – und gibt über hunderte Seiten bis zum Schluss kaum noch ab. Die Hauptcharaktere sind glänzend geschildert. Der nach außen selbstsichere, innerlich zerrissene und sich vor seiner Schwäche fürchtende Thomas, sein sorgloserer und in Schieflage geratender Bruder Christian, die tragisch-lustige Tony mit ihren legendär gescheiterten Ehen (“Permaneder!” … “Grünlich!”). Natürlich rauscht man bei einem solch älteren Klassiker nicht nur durch die Zeilen, aber das alles ist dermaßen gewitzt und gut geschrieben, dass der Lesespaß an manchen Stellen nicht höher sein könnte.

Doch schon an guten Phasen der Familie hängt der angedrohte Untergang wie ein dunkles Gewicht. Man wartet darauf, sehnt ihn fast herbei, fürchtet sich davor. Der junge Thomas Mann schrieb sich in diesem Buch seine eigene Familiengeschichte von der Seele, er war beim Erscheinen 1901 erst Mitte zwanzig. Dieses Alter ist natürlich ein Wahnsinn, wie es ihn in der Literaturgeschichte nur selten gab, etwa bei der ebenfalls blutjungen Carson McCullers mit ihrem Das Herz ist ein einsamer Jäger.

Schön auch, wie damals der Fischer-Lektor das Buch beurteilte: “Es ist eine hervorragende Arbeit, redlich, positiv und reich.” Ja, so kann man es natürlich auch formulieren. Ich würde aber noch ergänzen: es ist ein wirklich großes Werk, das die letzten 119 Jahre alles in allem hervorragend überdauerte und noch immer dasteht wie ein Monolith.


 

GUTE SHORT STORIES – II

Kurze Geschichten, kurze Empfehlungen. Diesmal mit: Philip K. Dick, Jakob Arjouni, T.C. Boyle und Dorothy Parker.

TOTAL RECALL REVISITED
Der Amerikaner Philip K. Dick gehört zu den tragischen Autoren, die ihren wahren Ruhm zu Lebzeiten nicht mehr mitbekamen. Er erfuhr zwar noch, dass aus seiner Geschichte Träumen Androiden von elektrischen Schafen? der Film Blade Runner werden sollte. Aber dessen späteren Erfolg erlebte er dann ebenso wenig mit wie die Verfilmungen Total Recall, Paycheck, A Scanner Darkly, The Man in The High Castle und Minority Report. Heute gehen Dicks visionäre Stoffe für Millionen Dollar weg, damals hatte er oft mit Armut zu kämpfen. Dabei sind seine Stories inzwischen fast noch bedrohlicher, da ihre Verwirklichung spürbar näher gerückt ist. Geschichten wie Variante Zwei und Autofab sind unglaublich spannend und verstörend, genauso die Stories, die zu den berühmten Verfilmungen geführt haben. Abgerundet wird dieser tolle Einblick in das unermüdliche Schaffen des Autors durch ein Nachwort von Thomas von Steinaecker.

IDIOTEN. FÜNF MÄRCHEN
Der leider viel zu früh verstorbene Jakob Arjouni hat mich mit diesem Buch und seiner Prämisse sehr begeistert: fünf Geschichten über strauchelnde Menschen – manche von ihnen dabei derart offensichtlich selbst Schuld an ihrer Lage, dass man sie böswillig auch Idioten nennen könnte. Alle fünf treffen schließlich auf eine Fee, die ihnen ihren größten Wunsch erfüllen wird – allerdings nie so, wie man es wohl erwartet. Viel mehr möchte ich über dieses witzige und schlaue Werk nicht schreiben, außer, dass ich es sehr empfehlen kann. In anderen Worten: Kleines Buch, großes Lesevergnügen.

ALS ICH HEUTE MORGEN AUFWACHTE WAR ALLES WEG, WAS ICH MAL HATTE
T.C. Boyle ist vor allem bekannt für seine Romane, schreibt aber immer wieder auch Kurzgeschichten – und die in diesem Band sind fast durchweg alle gut. Chixculub etwa gehört zu den besten Short Stories, die ich je las, über zwei Eltern, die unsicher sind, ob ihr Kind einen Unfall überleben wird. Aber auch viele weitere Geschichten wie Moderne Liebe und Zähne und Klauen sind mir sehr im Gedächtnis geblieben. Mal lustig, mal intensiv, immer wieder auch skurril. Das alles ist dazu mit leichter Hand erzählt und souverän geschrieben.

EINE WEITERE GUTE EINZELGESCHICHTE
Dorothy Parker war berühmt für ihre Geschichten aus New York, in denen sie scharfzüngig und gewitzt über die Schönen und Reichen schrieb, aber auch über die Verlierer des amerikanischen Traums und die Menschen auf der Schattenseite. An der Schwelle zwischen diesen beiden Welten befindet sich Hazel Morse, ein einstiges junges Model mit reichen Liebhabern, die nun jedoch viele Jahre später darum kämpft, gesellschaftlich nicht abzurutschen und dem Alkohol zu verfallen. Sie ist die Starke Blondine (Im Original: Big Blonde, von 1929), und diese Geschichte hat mir in Parkers Erzählband auch am besten gefallen (während die restlichen Stories zwar süffig und angenehm zu lesen waren, aber auch nicht herausragend).


 

DIE GEHEIME GESCHICHTE
 
Der 20jährige Richard Papen aus Kalifornien, ein Altgriechisch-Student, bewirbt sich um einen Platz an einem College in Vermont beim berühmten Professor Morrow. Dessen Griechisch-Klasse wirkt am Campus jedoch seltsam isoliert und besteht auch nur aus sechs Mitgliedern. Fasziniert beobachtet Richard das mysteriöse Treiben der kleinen Gruppe, die ihn lange nicht aufnehmen will. Und bald merkt er, dass sie alle tatsächlich ein großes Geheimnis mit sich herumzutragen scheinen … Der Anfang einer wahrhaft abgründigen Geschichte.
 
Donna Tartts 1992 erschienener, gefeierter Debütroman zieht einen sofort in seinen Bann. Wie schon beim Distelfink folgt man fasziniert der von ihr ausgelegten Spur und den schillernden Figuren, die nach und nach ihre dunklen Seiten offenbaren.
 
Das Buch bleibt dabei konstant stark, ist auch sprachlich auf sehr hohem Niveau. Ist man erst mal drin, hat man die knapp sechshundert Seiten zügig durch. Zwar sucht man hier vergeblich nach einer prägnanten Schlussnote (dann wäre der Roman nun wirklich absolut genial gewesen), vielmehr ist hier der Weg das Ziel. Der aber ist großartig und abgründig und hinterlässt ein angenehm schauriges Gefühl nach dem Lesen.
 
Fazit: Faszinierend, dunkel, anziehend. Richard erzählt uns die “geheime” Geschichte, und er hat recht wenn er an einer Stelle sagt: „I suppose at one time in my life I might have had any number of stories, but now there is no other. This is the only story I will ever be able to tell.“

 

JUNGER MANN

Jetzt ist schon wieder was passiert? Ja, und zwar diesmal ein herrlicher Coming of Age-Roman.

Es sind die Siebzigerjahre in Österreich, und sofort fällt auf: der junge Mann, um den es in dieser Sommergeschichte gehen wird, hat gar keinen Namen. Aber jetzt pass auf, was ich dir sage: ein bisschen der Wolf Haas als Teenager ist er vielleicht schon, wird doch etwa auch mal sein Vater im Buch beiläufig „Herr Haas“ genannt. Der allerdings ist im „Irrenhaus“, wo er lernen soll, unfreundlicher zu den Menschen zu sein. Konfrontationstherapie nennt man das. Der 13jährige Junge dagegen hat drei ganz andere Probleme. Erstens: er ist eindeutig zu dick. Zweitens: denn er ist in die aufregende, zehn Jahre ältere Elsa verliebt. Drittens: die Elsa ist aber schon mit dem coolen jungen Lastwagenfahrer „Tscho“ zusammen, quasi verheiratet.

Da gibt es nur eins: der junge Ich-Erzähler muss endlich abnehmen, und zwar radikal. Da er an einer Tankstelle jobbt, weiß er zudem genau, wann der lässige Tscho mal wieder auf einer Tour in den Teheran ist und er die Elsa zu Hause besuchen kann. Mit jedem Kilo, das er in diesem Sommer verliert, scheint er ihr tatsächlich ein bisschen näherzukommen, richtig geflirtet wird in ihren Gesprächen ja schon von Anfang an, was glaubst denn du. Blöd nur, dass dann eines Tages der Tscho bei ihm auf der Matte steht und der junge Mann sich plötzlich mit seinem “Nebenbuhler” auf einer aufregenden Lastwagenfahrt nach Griechenland befindet …

Lesegefühl: “Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am interessantesten.” Mit solchen Sätzen lockt einen dieser herrliche Jugendsehnsuchtsroman in seine Geschichte und gibt einen erst nach dem schönen Schluss wieder frei. Zwischendrin heißt es wie immer bei Wolf Haas: die Sprache ist der Star. Dazu kommen: Phantastische Dialoge, sehr viel Witz und Jugendgefühl. Ich bin nur so durch dieses bewusst knapp gehaltene Buch gerast und hätte unendlich gern weitergelesen.

Fazit: Junger Mann macht einfach nur großen Spaß, von Anfang bis Ende. Und bei Wolf Haas ist der Fall sowieso klar: “Passt eh.”


 

DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY

Der Klassiker in neuem Gewand.

Zwischen 1890 und 1891 erschien der einzige Roman des Schriftstellers Oscar Wilde, dessen Prämisse vermutlich den meisten bekannt ist: Der wohlhabende, anfangs unverdorbene Dorian Gray gerät an den Hedonisten Lord Henry und den Künstler Basil Halward, der den jungen Schönling auch malt. Bald passiert das Wunder: Nicht Dorian altert, sondern nur sein Porträt, das fortan gut versteckt in Basils Anwesen hängt.

Ein Pakt mit dem Teufel …

Denn der anfangs gutmütige Dorian führt bald ein ausschweifendes, dandyhaftes Leben, ganz nach dem Geschmack von Lord Henry. Er wird grausam gegenüber Frauen und Freunden, wirkt über die Jahre äußerlich jedoch so unschuldig und unberührt wie am ersten Tag. Doch die Furcht, wie sein Abbild inzwischen wohl aussehen könnte, beginnt ihn irgendwann zu plagen, und er verliert das Gespür für die eigene Identität …

Lesegefühl: Das Buch beginnt langsam, wird aber aufgrund der interssanten Handlung schnell spannend – das Finale ist dann unvergesslich. Wilde war ein großartiger Stilist, es gibt viele Dialog-Pingpongs, Bonmots und pointierte Beschreibungen. Mal ist das toll zu lesen, mal etwas too much, denn natürlich lasten die Jahre auch auf diesem Klassiker. Aber die Story selbst ist einfach phantastisch aufgebaut, und die gelungene Übersetzung von Eike Schönfeld hat behutsam hier und da modernisiert, ohne den Charme der Vorlage anzutasten.

Fazit: eine zeitlose Geschichte und eine der großen Ideen, die die Literatur in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht hat. Die Prämisse ist schlicht genial und hat bis heute nichts von ihrer Wucht verloren.


     

 

THE FUTURE – DREI DYSTOPIEN

Das Lesen von Ian McEwans Maschinen wie ich brachte mich auf die Idee, noch mal in andere Zukunftsvisionen hineinzuschauen. Hier meine Top 3.

1984
George Orwell – von dem ja auch die nicht minder starke Parabel Farm der Tiere stammt – schrieb seinen Klassiker in den Jahren 1946-1948; die letzte Zahl umgedreht ergibt den Titel seiner damals kühnen Dystopie. Es ist ein schreckliches Szenario: Die gesamte Welt ist in nur noch drei Blöcke unterteilt, die sich in einem dauerhaften, möglicherweise aber erfundenen Krieg miteinander befinden. Hauptfigur ist Winston Smith aus England, das zum diktatorischen Block Ozeanien gehört. Herrscher ist der nie sichtbare, als ewig erfolgreich gepriesene „Big Brother“. Eine erratische Parteielite wirkt ebenfalls im Hintergrund und unterdrückt das Volk. Möglich wird diese totale Kontrolle durch die Gedankenpolizei und unzählige „Televisoren“, die man nicht abschalten kann und die jedes Zimmer überwachen und abhören. Aber auch „Neusprech“ ist ein probates Mittel des Regimes: durch eine veränderte Sprache wirken sie auf die Bevölkerung ein. „Unwissenheit ist Stärke“ lautet ein Slogan, „Der große Bruder beobachtet dich“, „Krieg ist Frieden“ und „Freiheit ist Sklaverei“ andere. Im Liebesministerium wird gefoltert, und das Ministerium für Wahrheit ist wiederum eine reine Propagandazentrale.

Hier arbeitet unser Winston, manipuliert täglich diverse Daten und Fakten, löscht redliche, aber regimekritische Menschen aus dem Bewusstsein der Geschichte, erfindet andere hinzu wie etwa  ausgedachte und linientreue Kriegshelden. Auch er weiß letztlich nicht, wie die Partei im Innern wirklich aufgebaut ist. Doch er spürt, dass er mit all dem nicht mehr einverstanden ist. Es gärt zunehmend in ihm, und als er sich verliebt, ist er bereit für die Revolution – ohne zu ahnen, was das für ihn und seine Freundin noch bedeuten wird …

Das Buch war damals fast schon irrwitzig prophetisch. Und wie als Gag ist England nun tatsächlich eines der Länder mit der flächendeckendsten Überwachung und den meisten Kamras im öffentlichen Raum geworden. Die Menschen dagegen brauchen gar keine Televisoren mehr, das erledigen wir selbst mit unseren Handys. Ich muss oft an den Whistleblower Edward Snowden denken, der die systematische Überwachung des amerikanischen Abhördienstes sichtbar machte und sagte: „Arguing that you don’t care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say.”

Es sind raue Zeiten, in denen wir leben. Aber es ist nichts im Vergleich zu einem Szenario, in dem eine Diktatur wie im Buch auf die digitalen Überwachungstechniken zurückgreifen könnte, die inzwischen möglich sind. Im chinesischen Staat nähert man sich mit seinen Kontrollen und Punktesystemen dieser Dystopie jedoch an. Und so ist Orwells Buch auch heute eine Pflichtlektüre jedes kritischen Geistes.

Nichtsdestotrotz fand ich es immer etwas unglaubwürdig, dass die komplette Welt in die totale Überwachung und Diktatur einschwenkt, dass es nicht Ecken gibt, die anders sind. Oft hat man historisch ein Ausbalancieren der Kräfte erlebt. Dem Komunismus stand der Kapitalismus gegenüber. Den Diktatoren Hitler, Mussolini und Stalin mit ihrer Propaganda die damals extrem freie Presse in Amerika. Dieses Austarieren fehlt hier komplett, deshalb ist das Buch natürlich noch trostloser, bis hin zum unerbittlichen Schluss. Aber eben auch ein Abgrund, in den wir alle hineinschauen sollten.

 

SCHÖNE NEUE WELT
Aldous Huxleys Version der Zukunft hat einen komplett anderen Ansatz: Nicht Unterdrückung, Krieg, Hunger und Kontrolle – sondern Glück, Auslastung und Zufriedenheit. In seinem schon 1932 erschienen Roman (Original: Brave New World) entwirft er ein Szenario, in dem die Menschen gar nicht mehr dazu kommen, sich zu beschweren. Der Tod wird entmythisiert, geradezu seltsam etwa, sich von jemandem noch zu verabschieden. Wieso auch, Menschen werden längst nach den Bedürfnissen der Gesellschaft in verschiedene Kasten gezüchtet und von Kindheit an indoktriniert. Es gibt die elitären Alphas, die tüchtigen Betas, aber auch die untenstehenden, geistig bewusst beschränkteren Epsilons, die niedere Arbeiten erledigen. Man hat als gezüchteter Mensch nicht mehr die klassische Familie, sondern geht in der Gesellschaft auf. Echte Kunst, Religion, Liebe, freies Denken und tiefe Emotionen gehören der Vergangenheit an, die schöne neue Welt heißt aber auch, dass es kein Scheitern mehr gibt. Jeder tut nur das, wozu er geboren wurde, der Rest ist Zerstreuung: Sport, Rauschmittel, das sogenannte Fühlkino und viel Sex. Promiskuität ist an der Tagesordnung, verdächtig ist es eher, sich ständig mit derselben Frau oder demselben Mann zu treffen. Auch die Droge Soma spielt eine Rolle: gibt es doch mal einen Aufstand, wird sie einfach über die Menge versprüht, die daraufhin in eine ausgelassene Orgie verfällt.

Aber was ist mit dem Recht darauf, unglücklich zu sein?

Diesen und anderen philosophischen Fragen spürt der Roman nach, den der Engländer Huxley nach einem Besuch in Amerika schrieb, das damals offenbar einen großen und verstörenden Eindruck auf ihn machte. Mir hat das Buch tatsächlich noch einen Tick besser gefallen als „1984“. Nicht nur war es weniger deprimierend in seiner Totalität, sondern es wirkte auf mich auch realistischer. Aber natürlich sollte man beide lesen, da sie sich wunderbar ergänzen und man das Gefühl hat: aus diesem Pool – erzwungenes Glück und Zerstreuung meets Überwachung und Unterdrückung – würde eine solche Dystopie vermutlich bestehen, sollte sie jemals kommen.

 

FAHRENHEIT 451
Ray Bradburys Roman ist der jüngste der drei, er erschien erst 1953. Ironischerweise wirkt er gleichzeitig bereits abgehängter als die anderen, geht es darin doch vor allem um das Verbrennen von Büchern (451 Grad Fahrenheit ist die Temperatur, bei der Buchseiten anfangen zu brennen). Diese sind nämlich verboten, wiegeln sie doch allzu oft zum Denken an. Und wer denkt, ist der Feind des totalitären Systems, das keine Aufstände und Revolutionen will. Die Strafen für heimliche Leser und entdeckte Buchverstecke sind tödlich. Doch so leicht lässt sich Literatur nicht aus der Welt schaffen, denn wir Menschen leben nun mal durch die Geschichten, die wir uns erzählen. In ihnen wohnt unser unabhängiger Geist, unser Gefühl – und die Hoffnung.

Hauptfigur des Romans ist Guy Montag, ein Feuerwehrmann, dessen Aufgabe es ist, verbotene Bücher zu verbrennen. Bisher war er ein pflichtschuldiger Diener des Systems, durch die 17jährige Clarrisse lernt er jedoch den Wert der Worte und die Schönheit der Kunst – und begehrt auf. Und angeblich gibt es im Wald eine Gruppe von Aufständischen, die ganze Romane auswendig gelernt haben, um sie vor dem Vergessen zu bewahren …

Was für eine tolle, poetische Idee, auch wenn sie in unserer digitalen Zeit natürlich fast anrührend veraltet wirkt. Trotzdem ein starker Roman, selbst wenn Orwells und Huxleys Dystopien für mich ein Ticken wuchtiger und tiefer anzusehen sind. Entwerfen sie doch noch mehr ganze Gesellschaften, während Bradbury sich in seinem deutlich schmaleren Roman eher auf die Idee der Bücher konzentriert.

Ein Wort übrigens noch zur Verfilmung von Truffaut, die damals sehr berühmt war und unter vielen Cineasten noch immer hohes Ansehen genießt. Während das Buch nach wie vor gut ist, wirkt die Adaption fürs Kino heute unfreiwillig komisch. Cartoonhafte Feuerwehrleute, die mit einem lustigen Spritzenwagen zu den Häusern fahren und Bücher verbrennen. Ein ideenloses Design der Zukunft (das visuell bahnbrechende 2001 von Kubrick erschien zur gleichen Zeit und spielt circa fünf Ligen darüber). Aber auch schlicht lieblose Drehbucharbeit (Montag versteckt später seine Bücher an genau den gleichen Stellen, die er zu Beginn seinen Schülern als mögliche, wahrscheinliche Verstecke präsentiert) und mangelnde Konsequenz (am Ende treffen sich Montag und Clarrisse wieder – aber nicht mal ein überraschendes Wort der Freude). Und während der Roman durchaus ein düsteres Szenario zeichnet, zwischen Krieg und marodierenden Jugendbanden, fehlt eine solch unterschwellige Spannung im Film völlig. Es ist mir daher schleierhaft, wie diese Adaption einen derart guten Ruf haben kann. Dann wirklich lieber das Buch.


 

TIGERMILCH

Das 2013 erschienene Tigermilch von Stefanie de Velasco ist eine Coming-of-Age-Geschichte der raueren Sorte (das titelgebende Getränk ist Müllermilch, Mariacron und Maracujasaft). Die 14jährigen Heldinnen Nini und Jameelah leben in der gleichen Berliner Siedlung und sind seit der Kindheit beste Freundinnen. Sie verdrehen spielerisch Worte und hauen sich derbe Sprüche um die Ohren, “üben” auf dem Kurfürstendamm mit Freiern für ihre Entjungferung und freuen sich vor allem auf die Freibadsaison. Nicht so gut: dass Jameelah mit ihrer Familie wegen eines Fehlers ihrer Mutter vielleicht nach Afghanistan abgeschoben wird. Ebenso schwierig: dass sie zufällig auf dem Spielplatz ein Verbrechen beobachten, dass den Schmelztiegel ihrer Siedlung bald überkochen lässt.

Dieses Buch ist von Anfang bis Ende ein wilder Ritt. Man liest atemlos über diesen vielleicht letzten Sommer der beiden ungleichen Freundinnen. Genauso toll ist auch die Sprache, die einen nur so durch die Geschichte peitscht. Kein anbiedernder Slang, sondern gefühlt echt, poetisch und mit einem unglaublich guten Rhythmus. Überhaupt ist ganze Buch wie ein Kübel Wasser ins Gesicht, es macht keine Gefangenen und lässt einen erst zur Ruhe kommen, wenn man fertig ist. Und während bei einem Buch wie Tschick gerade die Lakonie das Lesevergnügen ausmacht, liest sich De Velascos Roman wie ein härteres Remake für den Club mit diesmal richtigen Drogen.

Durch all das ist Tigermilch vielleicht kein All-Ager wie Herrndorfs Wunderwerk. Aber es ist auf seine eigene Weise genauso faszinierend und kunstvoll. Dort Huckleberry Finn-Charme – hier eher der rohe Geist aus Filmen wie Kids und Y Tu Mama Tambien. Mit zwei unvergesslichen, auf ihre Weise liebenswürdigen und extrem lebendigen Heldinnen – und einer unglaublich guten Schreibe.


 

ZWEI VON ZWEI

Im Jahr 1968 steht Italien vor einem Umbruch. Es gibt Demonstrationen, Studentenrevolten und unzählige Diskussionen, in welche Richtung das Land gehen soll, bis hin zu Utopien. Mittendrin die Schulfreunde Mario und Guido, beide sehr verschieden und an der Schwelle zum Erwachsenenleben. Auch ihre Wege scheinen offen wie die Zukunft ihrer Heimat.

Das Buch schildert im Folgenden, wie ihre zwei Leben verlaufen werden. Es gibt rauschhafte Momente, Zweifel und Rückschläge, nichts scheint auf Dauer sicher, nicht mal ihre Freundschaft. Aber die ist es auch, die beide retten kann.

Lesegefühl: Ich habe dieses Buch sprichwörtlich und buchstäblich in einem Zug gelesen. Nicht einmal habe ich wirklich abgesetzt. Nach den sechs Stunden Fahrt von Berlin nach München war ich durch und unendlich aufgewühlt. Die Geschichte ist derart klug und intensiv geschrieben. Mario und Guido sind zwei phantastische Figuren. Staunend sieht man ihren verschiedenen Lebenswegen zu, fiebert mit ihnen mit, fürchtet um sie. Mit großer Ironie und Einfühlungsvermögen erzählt De Carlo wie sie sich aus den Augen verlieren und wiederfinden, während das Land selbst seinen Weg finden muss.

Fazit: Zwei von Zwei ist ein wunderbarer, berührender und sehr schlauer Roman über eine ungleiche Freundschaft, und über das, was ein Leben ausmacht.


 

EINE GUTE SCHULE

Es scheint ein Merkmal besonderer AutorInnen zu sein, im Laufe ihres Lebens vergessen und dann nach dem Tod wiederentdeckt zu werden. Fitzgerald erhielt die Würdigung als großer Romancier erst Jahrzehnte nach seinem Tod, John Williams Welterfolg kam für ihn deutlich zu spät. Von John Fante, Philip K. Dick, Lucia Berlin und Herman Melville ganz zu schweigen. Leider gehört auch Richard Yates dieser Gruppe an, wurde er zum Ende seines Lebens doch kaum noch von der Masse wahrgenommen. Wie unrecht man ihm damit tat, zeigen seine großartigen Bücher wie Zeiten des Aufruhrs und „Easter Parade (weiter oben). Aber auch Eine gute Schule, das recht autobiographisch gefärbt ist.

Der fünfzehnjährige William Grove wurde als Stipendiat der Dorset Academy angenommen, eine Privatschule. Seine Eltern hoffen, dass es für ihn der Eintritt in die höheren Kreise ist, doch seine Klassenzugehörigkeit kann er den neuen Mitschülern nicht verbergen. Und die „gute“ Schule ist natürlich alles andere als das. Oft grausam und mit fiesen Ritualen wird ihm der Einstieg schwer gemacht. Doch im Laufe der Zeit lernt William, sich zu behaupten und endlich seine kleinen Nischen zu finden, in den er glücklich sein kann.

Lesegefühl: Es ist ein erstaunlich stilles Buch. Aber Yates schafft es, gerade mit den leisen Tönen Bilder und Gefühle heraufzubeschwören, die noch lange nachwirken. Eine gute Schule beschreibt ein längst vergessenes Amerika und eine unschuldige Generation Anfang der vierziger Jahre, auf die am Ende der Pubertät der Eintritt in den Zweiten Weltkrieg wartet. Doch zuvor steht eine Internatszeit an, die manchmal hart, und manchmal überraschend zärtlich daherkommt. Liebevoll und nostalgisch wird hier ein Schulkosmos geschildert, so präzise und anrührend, dass man die Geschichte nur ungern weglegt und stets wieder mit Freude danach greift.

Fazit: Eine kluge Studie des Scheiterns und der Unzulänglichkeiten, ein Roman über Nischenbewohner und Außenseiter, doch es ist nie deprimierend, im Gegenteil. Es ist ein leises, kleines Werk, das wohl jeder gern liest. Und wer auf dem Internat war, der wird es vielleicht sogar lieben.


 

DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W.

Ein DDR-Remix von Goethes Werther, featuring J.D. Salinger.

Zugegeben: ich war als Jugendlicher kein großer Fan der deutschen Prosa, die wir damals in der Schule lesen mussten. Natürlich beeindruckte mich etwa der Faust, auch wenn ich ihn mit achtzehn noch nicht ansatzweise verstand. Werke wie Iphigenie auf Tauris und Effi Briest dagegen versetzten mich trotz aller unbestrittener Verdienste als Teenager nicht gerade in Rauschzustände. Und so erwartete ich auch nicht viel, als mein damaliger Deutschlehrer mir einen Ausdruck aus Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. in die Hand drückte und sagte: „Lies mal laut vor.“ Ich tat es vor der Klasse und musste peinlicherweise die ganze Zeit beim Lesen lachen – so großartig und witzig war dieser kleine Text.

1972 erschien Plenzdorfs bekanntestes Werk in einer Zeitung, später auch als Buch, Bühnenstück und Film. Nacherzählt wird –  vage – die Geschichte von Goethes Werther (hier: Edgar Wibeau), der sich unglücklich in Charlotte (bzw. Charlie) verliebt, tragisch ums Leben kommt – und uns nun das Ganze als Toter berichtet. Wobei er zu seinem Schrecken zusehen muss, wie die Leute nach seinem Ableben immer wieder über ihn reden und ihn teilweise völlig falsch einschätzen. Gleichzeitig schildert der Roman aber auch den Alltag eines unangepassten DDR-Jugendlichen. Und das alles wiederum im schmissigen Tonfall von Holden Caulfield, dem berühmten Helden aus Salingers Fänger im Roggen.

Lesegefühl: Was muss dieses Buch in den frühen Siebzigern für eine Bombe gewesen sein. Edgar Wibeau ist von Beginn an ein Rebell, sieht sich als verkanntes Genie, schickt statt – wie in Goethes Roman – Briefen seinem besten Freund Willi Tonbänder mit Original-Aufnahmen von „Old Werther“, verliebt sich und kritisiert unterschwellig seinen Staat, in dem eher Anpassung und Konfirmation statt Individualität gewünscht sind. Wohl das Maximum dessen, was man in einem Land der Zensur schreiben konnte. Und so erschien das Buch zum Glück in einer Zeit, in der Schriftsteller in der DDR gerade wieder mehr Freiräume genossen und zumindest in Maßen Gesellschaftskritik üben durften.

Fazit: ein Hammer von einem Klassiker, dazu mit einer rotzfrechen Schreibe. Das Buch rettete mir als Jugendlichen den Glauben an deutsche Literatur.


 

… UND NOCH EIN KÜSSCHEN

Roald Dahl war … legendärer Autor der berühmten Kinderbücher wie Charlie und die Schokoladenfabrik, Matilda und Der fantastische Mr. Fox. Pilot der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg. Drehbuchautor von James Bonds Man lebt nur zweimal. Verfasser einiger sensationeller, tief schwarzhumoriger Short Stories. Und, wie ich nun beim Recherchieren für diese kleine Rezension erfahren habe, leider auch ein ziemlicher Antisemit.

Wie beim – allerdings ungleich krasseren – Fall von Knut Hamsun (siehe weiter unten) steht man kopfschüttelnd vor seinen Aussagen. Und wie bei ihm ist es auch bei Dahl keine leichte Entscheidung, ob man seine Geschichten trotz dieses Wissens empfehlen kann. Denn letztlich geht es ja auch um die Frage, wie sehr wir den Künstler von seinem Werk trennen können. Darf man die Musik eines mutmaßlichen pädophilen Kinderschänders im Radio spielen wie bei Michael Jackson? Darf man den Film eines Gewaltverbrechers oder Mörders aufführen oder die Werke von Roman Polanski, der des Missbrauchs angeklagt ist? Ich glaube, es geht vor allem um das nötige Bewusstsein. Denkt man etwa an Wes Andersons geniale Verfilmung von  The Fantastic Mr. Fox und was er aus Dahls Buchvorlage gemacht hat, wird einem klar, dass die Kunst den Menschen gehört, nicht mehr ihren Schöpfern. Man kann und soll beides nicht trennen, es zeigt vielmehr, was der Mensch auch ist und sein kann: er kann im extremsten Fall ein anrührendes Stück schreiben und gleichzeitig kalt jemanden niedermetzeln, und wir verstehen ja nur dann etwas von der Welt, wenn wir auch in solche Abgründe blicken. Man sollte viel lieber darüber nachdenken, wie jemand wie Dahl so verdammt gewitzt und gut schreiben und gleichzeitig so einen beschämenden und menschenunwürdigen Blödsinn reden konnte.

Denn gewitzt und gut schreiben konnte Dahl auf jeden Fall. Ich habe fast alle Kurzgeschichten von ihm gelesen und denke da natürlich sofort an die Stories des Schwerenöters „Uncle Oswald“ (etwa aus dem Kuschelmuschel). Fast noch besser fand ich jedoch die Fortsetzung von Küsschen, Küsschen, die da heißt: Und noch ein Küsschen. Ein ganzer Haufen schwarzhumoriger, makabrer Geschichten für Erwachsene. Manche bitterböse, andere einfach nur grotesk, viele komisch. So gut wie nie weiß man, wo nun die Pointe liegen könnte – und eine solche gibt es immer. Meine Highlights etwa waren Geschmack und Der rasende Foxley, aber auch die meisten anderen haben mir sehr gefallen. Es sind kunstvolle kleine Pralinen mit Gift.

Fazit: ein tolles Buch, Dahl ist als Meister der makabren, bissigen Short Stories unerreicht. Bei der oben gestellten Frage dagegen bleibe ich unsicher. Doch als erwachsene Menschen können wir alle selbst entscheiden, was wir lesen, und wie. Wissen sollte man nur beides: dass Dahl ein wirklich großartiger Autor war. Und eben auch, dass er mit bedenklichen Äußerungen von sich reden machte. Und da ich letzteres selbst erst später erfuhr und man es auch sonst nur selten liest (bei den Verfilmungen spielte es gar keine Rolle), fand ich es gut, es hier zu schreiben. Ich wollte es nicht unter den Tisch fallen lassen, sondern wie bei Hamsun die Frage stellen, wie aus derselben Quelle alles möglich ist: Kunst und Ignoranz und sogar Unmenschlichkeit.


  

 

DER FREMDE / DIE WÖRTER

Albert Camus und Jean-Paul Sartre waren erst Freunde, dann zerstritten, und auch als Denker standen sie nicht immer auf der gleichen Seite. Beide gewannen den Nobelpreis, wobei Sartre sich den Luxus gönnte, ihn nicht anzunehmen – unter anderem, um seine Freiheit zu wahren (Ob es ein böses Gerücht oder die Wahrheit ist, dass er Jahre später bei der Akademie anfragte, ob er die Summe nicht doch haben könne, sei dahingestellt … ) Von beiden möchte ich jedenfalls ein Lieblingsbuch vorstellen.

In Camus‘ Fall ist es Der Fremde (wobei noch andere starke Werke wie das in der jetzigen Krise wieder sehr populäre Die Pest oder Der erste Mensch zu nennen wären). Die Geschichte spielt im Algerien der 1930er Jahre, Hauptfigur ist der introvertierte Meersault, der einen Mord begangen hat. Von Beginn an zeigt er kaum Emotionen. Weder beim Tod seiner Mutter, noch später bei einer Affäre, seinem sinnlosen Verbrechen oder in der Zelle. Nur einmal wird er kurz wütend, gibt sich jedoch bald wieder seinem absurden Gleichmut hin, der auf die meisten Menschen verstörend wirkt, speziell auf die Geistlichen, die ihm Reue abverlangen wollen. Meersaults Denken reicht jedoch nie hinaus über das, was er hat und tut. Er ist zufrieden mit seinem Leben, er isst, er hat Sex, er schläft, er atmet. Mehr braucht er nicht, und auch der bevorstehende Tod kümmert ihn kaum. Und so ist er bis zum Schluss eine abstoßende und zugleich faszinierende Figur – und ein Aushängeschild des Existenzialismus in seiner reinsten Form. Das schmale Buch zu lesen geht schnell, es in seiner Tiefe zu erfassen dagegen kann dauern, manchmal sogar Jahre.

Die Wörter von Sartre ist ebenfalls kurz, aber eine anders gelagerte Lese-Herausforderung. Der Autor beschreibt darin, wie er aufwuchs, geschildert werden die ersten zehn Jahre des JPS sowie die Einschulung aufs Gymnasium. Und was er aus dieser kurzen Zeitspanne an philosophischen Fragen herausarbeitet, ist streckenweise sensationell. Besonders wichtig erscheint ihm, dass er ohne Vater aufwuchs. Hätte er einen gehabt, hätte er als Sohn ja in jedem Fall auf ihn reagieren müssen, ihm entweder nachgeeifert oder bewusst etwas anders getan. In die vaterlose Lücke dagegen konnte er seinem Gefühl nach als eigener Mensch hineinwachsen, viel freier, als es ihm sonst möglich gewesen wäre. Das Buch schildert jedoch auch die ersten Schreibversuche des noch kindlichen Sartre, der oft einsam ist und nur die Bücher als Gesellschaft hat. Und der über sein Leben und Denken erst bestimmen kann, sobald er die richtigen Worte dafür findet.

Und das tut diese Kurzbiographie, die phantastisch geschrieben und analysiert ist, aber auch ungeheuer verdichtet. Manche Stellen muss man mehrmals lesen, andere zwingen einen sogar zum Innehalten. Das kann mühsam sein, doch der Gewinn, wenn man genau liest, ist enorm. Dass Sartre am Schluss wieder sich selbst Schachmatt setzt und am Ende als Fazit nur übrig bleibt, dass nichts von ihm übrig bleibt – geschenkt. Denn bis dahin ist der Leser schon reich beschenkt worden.


 

KILL YOUR FRIENDS

Das American Psycho der Musikindustrie.

Es sind die Neunzigerjahre. Die Spice Girls besteigen gerade den Pop-Thron, die Musikindustrie quillt vor Geld über. Und Steven Stelfox ist A&R Manager seiner Plattenfirma (eine Art Scout). Er sucht die Hits aus und signt Künstler, hat aber im Grunde keine Ahnung von Musik. Ist auch egal, denn das haben die anderen nun wahrhaft auch nicht. Hauptsache, man kleistert die Songs der „Künstler“ in der Produktion mit dem üblichen Mist zu, dreht noch ein sündhaft teures Video in Rio oder New York und dann ab auf die Hitlisten damit oder ins Nirwana, egal. Hauptsache, man kann danach wieder koksen, vögeln und feiern. Doch dann kommt plötzlich dieser neue Mitarbeiter, der WIRKLICH arbeitet und alle anderen schlecht aussehen lässt, und nach dem ersten absurden Mord droht ein zweiter …

Der Autor John Niven arbeitete viele Jahre selbst als Manager beim Label PolyGram. In Interviews sagte er, es wäre gut gewesen, danach so lange mit seinem ersten Buch gewartet zu haben. Denn sonst wäre es sicher noch ein rührendes Melodram geworden. Erst später sei er frei genug gewesen, eine bitterböse Abrechnung zu schreiben. Und die ist Kill your friends nun wirklich.

Wie schon in seiner abgedreht guten Story Gott, bewahre (Jesus jammt gerade mit Jimi Hendrix im Himmel, dann muss er – Befehl von Gott – noch mal auf die Erde zurück, um die Menschheit zu retten. Wird für einen Spinner gehalten, nimmt dann an einer „American Idol“-Castingshow teil, um endlich die Leute zu erreichen) zieht Niven in seinem Durchbruchsroman alle Register.

Lesegefühl: Hier werden keine Gefangenen gemacht. Dafür ist der Roman nicht nur ultraböse und grundiert mit schwärzestem Humor, sondern auch irre komisch. Immer wieder muss man ungläubig lachen. Steven Stelfox ist ein derart rücksichtsloses Arschloch, dass er an einen astreinen Psychopathen wie Patrick Bateman erinnert. Und trotzdem ist das Lesevergnügen unglaublich hoch. Niven meinte mal, dass er gleich mehrere Manager von Plattenfirmen kenne, die stolz das Buch hätten und behaupteten, sie selbst wären dieser Steven Stelfox. Was dafür spricht, dass hier gar nicht so viel über die Abgründe der Musikindustrie erfunden wurde.

Fazit: Dieses Buch kann ich wirklich allen empfehlen, die Lust auf etwas Böses, Witziges haben. Die inzwischen erschienene Fortsetzung Kill ‘em all fällt dagegen leider etwas ab.


 

SUPERHERO

Donald Delpe ist: vierzehn. Comiczeichner. Sehnsuchtsvoll. In der Pubertät. Dürr und ständig mit Kopfhörern in den Ohren. Und leider auch: krebskrank. Es ist unklar, ob er die Krankheit besiegen kann oder nicht. Und das ist eine Katastrophe, denn er hat noch nie mit einem Mädchen geschlafen und auch sonst kaum Erfahrungen. Wenigstens kann er sich seinen Frust von der Seele zeichnen mit dem unbesiegbaren MiracleMan. Aber reicht das? Und was ist mit seiner Familie, die nicht weiß, wie sie mit dem störrischen Teenager umgehen soll? Und dann gibt es noch diesen nervigen Klinikpsychologen Adrian, der ihm helfen möchte. Wobei, vielleicht ist der gar nicht so übel, immerhin scheint er etwas von Frauen zu verstehen …

In Anthony McCartens von vielen Menschen innig geliebtem Roman geht es thematisch ziemlich zur Sache. Aber das heißt nicht, dass hier nicht auch gelacht wird. Vor allem aber ist man einfach gerührt von der Beziehung zwischen Donald und seiner Familie und dem bemühten Psychologen, der ihn vielleicht sogar besser versteht als alle anderen. Die Figuren sind einem nah, und damit auch alles, was ihnen fortan passieren wird.

Lesegefühl: Ein bisschen hab ich gebraucht, um mit dem Stakkato-artigen Stil des Anfangs zurechtzukommen. Gott sei Dank hab ich durchgehalten, denn danach hob das Buch richtig ab. Natürlich geht einem die Geschichte sehr zu Herzen, nimmt einen auch ordentlich mit. Aber ihre Emotionalität ist aufrichtig. Und sie ist genauso auch jugendlich und witzig.

Fazit: Nicht umsonst ein Lieblingsbuch von vielen. Ich habe es vor einigen Jahren gelesen, und es ist mir bis heute sehr in Erinnerung geblieben. Meine Tränen genauso wie mein Grinsen an manchen Stellen. Ein toller Roman.


 

PARADISO

Böse und witzig. Eine Lesedroge!

Alex Böhm will nach München, von wo aus es mit seiner Freundin Johanna in den Urlaub nach Portugal gehen soll. Doch seine Mitfahrgelegenheit lässt ihn sitzen. Also trampt er und landet schließlich an Autobahnraststätten, Kellergewölben in bayerischen Erotheken und in seinem alten Kaff Weiden in der Oberpfalz – in dem es gleich mehrere offene Rechnungen gibt.

Lesegefühl: Das hier ist ein echtes Kultbuch. Entweder man hasst es oder man liebt es, dazwischen gibt es nur wenig. Das für mich Geniale ist vor allem, WIE es aufgebaut und geschrieben ist. Der zu Beginn sympathische Alex erzählt uns die Geschichte, wir als Leser freunden uns mit ihm an – bis wir zu unserem Schrecken merken, dass wir es hier möglicherweise mit einem gerissenen Psychopathen zu tun haben, der für wirklich alles noch eine gutgelaunte, auch selbstkritische Rechtfertigung hat – während er uns mit in seine Abgründe nimmt.

Fazit: ein wirklich fieser, teils irre komischer Roman. Das Buch entwickelt einen solchen Sog, dass ich es noch in der Nacht um vier Uhr durchlesen musste, weil ich vorher einfach nicht ins Bett konnte.

Neun Jahre später erschien mit Wie ich fälschte, log und Gutes tat dann endlich der zweite Roman von Thomas Klupp, über einen fünfzehnjährigen Schüler, dreisten Notenfälscher und Taugenichts. Auch diese Geschichte war wieder von vorne bis hinten ein einziger Spaß. Es gibt in diesem Land wenige Autoren, die so gewitzt und pointiert schreiben können wie Klupp.


 

WEIßES RAUSCHEN

Ein beunruhigendes, prophetisches Werk und zugleich eine Abrechnung mit unserer Medien- und Konsumgesellschaft.

Im Jahr 1985 erschien mit White Noise der achte Roman des amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo. Hauptfigur ist der Dozent Jack Gladner, ein Spezialist für „Hitler“-Studien, beflissener Sammler und zum fünften Mal verheiratet. Im von seiner Patchwork-Familie dominierten Alltag geht es eintönig zu. Man geht shoppen, konsumiert, diskutiert über die Macht der Medien, während ständig der Fernseher läuft, und lebt in einer beschaulichen Kleinstadtsiedlung vor sich hin. Und doch ist da eine unterschwellige Spannung, die sich bei Jack und seiner Frau Babette durch eine übertriebene Angst vor dem Tod äußert. Ein mysteriöser Unfall in einer Chemiefabrik ändert schließlich alles und zerstört die scheinbare Idylle …

Lesegefühl: Das Buch besheht aus zwei doch sehr unterschiedlichen Hälften. Auf den recht gemächlichen, zuweilen sogar richtig schleppenden ersten Teil folgt der Chemieunfall. Danach spitzen sich die Ereignisse zu. Große Stärke des Romans ist die alles grundierende Ironie. Wenn der alternde, ängstliche Jack etwa nach dem Chemieunfall mit der giftigen Substanz in Berührung kommt, heißt es schnell, sie wäre tödlich für ihn. Allerdings kann ihm niemand sagen, wie rasch sein Tod denn nun kommen wird. Am Ende vermutlich in den nächsten Jahren – oder auch erst in dreißig oder vierzig. Also exakt die Lebenserwartung, die er sowieso gehabt hätte, nur dass ihn dieses Wissen nun plötzlich schockt und vor den Kopf stößt. Dieser feine Witz wird im Laufe des Romans wunderbar ausgespielt. Überhaupt hat mir die zweite Hälfte sehr gut gefallen, nicht nur wegen der teils absurden Ereignisse, sondern auch wegen der philosophischen Gedanken dahinter. Mit der Kritik an einer dem (Medien)-Konsum verfallenen Gesellschaft wirkt die Geschichte aus heutiger Sicht sogar geradezu prophetisch.

Fazit: Don DeLillos Roman gewann den National Book Award und galt damals als Meisterwerk. Mir war es lange zu unterkühlt, ein Problem, dass ich mit einer Reihe von stilistisch ähnlichen Werken hatte, ob Stadt aus Glas von Paul Auster oder den Büchern von David Foster Wallace. Man sollte also wissen, dass man sich hier mehr auf ein intellektuelles Vergnügen einlässt, denn auf einen Plot- und Figurengetriebenen, mitreißenden Roman. Weißes Rauschen blieb mir all die Jahre jedoch sehr im Gedächtnis wegen manch abgründiger Szenen, Dialogen und der hintersinnigen Ironie. Mit seinem philosophischen Unterbau wirkt es noch immer verblüffend aktuell, und auch in der Corona-Krise musste ich oft daran denken. Denn die Stimmung, die in diesem Buch geschildert wird – ein seltsamer Wartezustand zwischen einer angeblichen Apocalypse und dem Konsumalltag -, erinnert in Teilen verblüffend an die Gegenwart.


 

 

DIE ABENTEUER DES HUCKLEBERRY FINN

Das Schlüsselwerk der amerikanischen Literatur. (Sagt Hemingway.)

Im Jahr 1884 erschien der erfolgreichste Roman des in Hannibal, Missouri geborenen Samuel Longhorne Clemens, der sich nach einem Begriff aus der Nautik benannte: der Mark Twain. Schon zuvor wurde Die Abenteuer des Tom Sawyer veröffentlicht, aber die wahre Revolution war dann das Werk über dessen Außenseiter-Freund Huckleberry. Dieser reißt vor seinem trinkenden, prügelnden Vater aus. Fortan tut er sich mit dem Sklaven Jim zusammen, der ebenfalls geflohen ist, da ihn seine Besitzerin nach New Orleans verkaufen wollte … eine legendäre Reise in die Freiheit beginnt.

Dieses Buch war aus verschiedenen Gründen eine Sensation. Nicht nur, weil damit das Genre des Coming-of-Age-Romans eingeläutet wurde. So erleben wir nun alles aus der Perspektive von Huck selbst, der uns – wie später ein Holden Caulfield – auf charmante, jugendliche und überhaupt nicht zuverlässige Weise seine wilde Geschichte erzählt.

Revolutionär – und zugleich kontrovers – war und ist der Roman aber auch, weil er die Themen Rassismus und Sklaverei behandelte, dies aber immer nur aus den Augen von Huck. So bezeichnet er den geflohenen Sklaven Jim lange Zeit selbst mit dem N-Wort, ist er doch zu Beginn des Romans noch der Denke seiner Zeit verhaftet (die Geschichte spielt während der Sklaverei). Bis er im Laufe des Buchs dann Freundschaft mit Jim schließt und merkt, wie falsch seine frühere Perspektive war.

Heute wird lebhaft darüber diskutiert, das N-Wort gleich komplett aus dem Roman zu streichen, es gibt Ausgaben, in denen es stattdessen nur „Sklave“ heißt. Bei Erscheinen galt das Buch wiederum als humanistisch und progressiv. Jim ist eine tolle Figur, die man wie Huck schnell ins Herz schließt und ihr nur das Beste wünscht. Beide sind gleich, nämlich einfach Menschen auf der Flucht, auf der Suche nach ihrem Glück. Durch Jim wurde vielmehr die menschenunwürdige Sinnlosigkeit von Sklaverei spürbar gemacht, damals eine wichtige Leistung.

Lesegefühl: Die Odyssee von Huck und Jim ist eine vielfach zitierte und verfilmte Legende. Ein Roadmovie auf Wasser, mit teils spektakulären kleinen Geschichten oder schrägen Figuren wie dem Herzog und dem König, den beiden Gaunern und Hochstaplern (der eine sagt, er wäre eigentlich Herzog, habe dann jedoch fliehen müssen und alles verloren. Der andere übertrumpft ihn und behauptet, er sei in seiner Heimat sogar König gewesen). Überall findet man den schelmenhaften Humor von Twain.

Fazit: Hier schlägt das Herz der Freiheit, es ist noch immer ein großes, ein magisches Lesevergnügen.


 

GUTE SHORT STORIES – III

Kurze Geschichten, kurze Empfehlungen. Diesmal mit: Wolfgang Hildesheimer, W. Somerset Maugham, Richard Ford und Lorrie Moore.

LIEBLOSE LEGENDEN
Schon mal von Gottfried Theodor Pilz gehört? Unermüdlich war sein Schaffen für bzw. gegen die Kunst, gelang es ihm doch in seiner Lebensspanne, gleich mehrere Kunstwerke aktiv zu verhindern. Seinem umtriebigen Einsatz etwa verdanken wir nicht nur unsere heutige Unkenntnis über manche Horrorleistungen aus dem Amateurbereich, sondern auch, dass generell „die Zahl der Werke der Romantik nicht überhand nahm“. Es gelang ihm zudem, Turnvater Jahn von der Schriftstellerei abzubringen und zu Beethovens unproduktivster Phase beizutragen. Bei Mendelssohn und Schumann wiederum fand er Anklang mit seiner Theorie, dass „ein Komponist nicht mehr als vier Symphonien schrieben solle“ – und das war noch lange nicht das Ende der Bemühungen dieses verdienstvollen Kunstverhinderers … Oder was ist mit dem berühmten Frantisek Hrdla? Eine wahrhaft geniale Doppelbegabung nicht nur als weltweit gefeierter Pianist, sondern auch als Versicherungsvertreter (er wurde daher auch gleich mal in meiner Geschichte „Ping Pong“ gewürdigt, das fiel aber leider keinem auf) … Wolfgang Hildesheimers Lieblose Legenden wartet mit unzähligen erfundenen, skurrilen Charakteren auf, meist aus dem Bereich der Kultur, aber nicht nur. Es ist unglaublich, wie viele gute und gewitzte Ideen in diesem Erzählband stecken, etwa auch in dem Highlight „Das Atelierfest“. Nicht jeder Gedanke zündet bei einer solchen Menge, aber erstaunlich viele. Das alles funktioniert jedoch nur durch Hildesheimers meisterhafte und feingesponnene Sprache, die die nötige intellektuelle Fallhöhe für seine im Kern dann herrlich absurden Geschichten erzeugt. Ein Klassiker von 1952 und noch immer ein großes Werk.

REGEN
W. Somerset Maugham war einer der besten Kurzgeschichtenautoren seiner Zeit – und viele sehr gute davon finden sich in diesem klug zusammengestellten Band. Etwa die abgründige Titelgeschichte Regen über eine Gruppe Gestrandeter am Ende der Welt. Oder das superbe Der Büchersack über eine wirklich unvergessliche Liebesbeziehung. Aber die Stärke dieses Bandes ist es, dass auch alle anderen Stories mindestens gut sind, es gibt keinen einzigen Ausreißer nach unten. Das alles ist dazu leicht und präzise geschrieben, man ist sofort drin und wartet beim Lesen gespannt auf die Pointe – die immer kommt. Oder wie sagte Maugham einst selbst: „Ich habe es immer vorgezogen, meine Geschichten mit einem Punkt statt mit einem Gedankenstrich zu beenden.“

ROCK SPRINGS
In die karge, weite Landschaft Montanas lockt uns dieser Erzählband von Richard Ford. Erzählt werden Geschichten über verloren wirkende Jugendliche, Einsiedler, den schwierigen neuen Freund der Mutter, zerrüttete Ehen, Arbeitslose, Trinker, Versehre, Außenseiterinnen und Anti-Helden. Und doch ist das alles nicht nur verstörend oder deprimierend, sondern immer wieder auch angenehm lakonisch. Ford lässt beim Geschehen einfach eine Kamera mitlaufen, die Sprache ist klar. Das Reich und Kinder heißen etwa besonders starke Stories, aber eigentlich geht es in diesem Buch nicht um die Highlights, sondern mehr um das eindrückliche Gefühl, das beim Lesen zwischen all diesen Geschichten entsteht.

EINE WEITERE GUTE EINZELGESCHICHTE
Das tagebuchartig erzählte Amahl und die nächtlichen Besucher spielt kurz vor Weihnachten, als alle gemeinsam für eine Oper proben und die Heldin – vielleicht – durchdreht, wenn sie ihrem Exfreund eine Beziehung mit ihrem neuen Freund andichtet. Die Geschichte von Lorrie Moore ist kunstvoll verschachtelt und wirklich toll erzählt. Sie ragte für mich auch aus ihrem Buch Leben ist Glückssache heraus, obwohl ein, zwei andere Stories darin ebenfalls noch stark waren.


 

WILLKOMMEN AUF SKIOS

Eine britische Komödie auf einer griechischen Insel.

Auf der Ferieninsel Skios bereiten sich die Gäste einer amerikanischen Stiftung auf die Ankunft des ehrenwerten Dr. Norman Wilfried vor. Er ist der diesjährige Gastredner, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Szientometrie. Und welch angenehme Überraschung für die Veranstalter und speziell die junge Assistentin Nikki, dass dieser Dr. Norman Wilfried auch noch derart jung und gutaussehend ist. Endlich mal kein greisenhafter Gelehrter! Zur selben Zeit findet sich auf einem anderen Teil der Insel allerdings noch ein zweiter, kahler, alter und missmutiger Dr. Norman Wilfried ein – und eine herrliche Komödie beginnt.

Lesegefühl: Michael Frayn, in England berühmt für Romane wie auch Theaterstücke (etwa Kopenhagen über die Begegnung zwischen den Atomphysikern Niels Bohr und Werner Heisenberg, der die Bombe für die Nazis bauen sollte), ist ein Meister der Verwechslungen und Irrungen. Natürlich dauert es ein bisschen, bis man die tolle Konstruktion der Geschichte verinnerlicht hat. Dann aber lächelt man gefühlt bis zum Schluss und lacht vielleicht auch ein paarmal laut auf.

Das gleiche gilt übrigens für die Adaption seines Stücks Noises Off mit Michael Caine in der Hauptrolle. Für mich eine der besten Komödien aller Zeiten, selten habe ich auf einem derart hintersinnigen Niveau so gelacht wie dort. Das alles zündet nicht sofort, aber dann umso mehr. Unbedingt im Original anschauen.

Fazit: Michael Frayn wusste genau, was er hier tat. Leichthändig wird uns diese elegante kleine Geschichte erzählt, die ideal für den Urlaub ist. Nicht nur in Griechenland.


  

 

DAS HERZ IST EIN EINSAMER JÄGER / FRANKIE

Und das hat sie mit Anfang zwanzig geschrieben?

So dürften wohl viele Menschen gedacht haben, als sie erfuhren, dass Carson McCullers beim Erscheinen von Das Herz ist ein einsamer Jäger derart jung war. Dem Buch merkt man es nämlich in keinster Weise an. Mit unendlich viel Gefühl und Weisheit schildert sie ihre fünf Figuren, die rastlos und unverstanden durch einen kleinen Ort im Georgia der 1930er Jahre streifen. Der taubstumme Singer, das phantasievolle Mädchen Mick, der dunkelhäutige Arzt Copeland, der Marxist Blount und der Wirt Biff. Sie alle könnten unterschiedlicher nicht sein, doch was sie eint, ist ihre Einsamkeit – und das Café New York, in dem sich ihre Wege immer wieder kreuzen.

Das Buch sollte ursprünglich Der Stumme heißen, McCullers’ Verlag entschied dann die Änderung in den ikonischen neuen Titel – sie war einverstanden. Heute wirkt die Entscheidung ähnlich sinnvoll, wie John Irvings auch im Englischen starken Titel The Cider House Rules hierzulande in Gottes Werk & Teufels Beitrag umzubenennen. Natürlich spürt man bei McCullers’ berühmtestem Roman, dass er schon achtzig Jahre auf dem Buckel hat. Manche Stellen sind vielleicht etwas sperriger, zudem quillt die Geschichte vor Themen und Figuren fast über – aber das fällt nicht groß ins Gewicht. Zu empathisch und gut ist das alles geschrieben, zu faszinierend sind die Charaktere.

Im etwas reiferen, fokussierteren Frankie (Original: The Member of the Wedding) geht es wiederum um das titelgebende Mädchen, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Das klingt nach einer gewöhnlichen Geschichte – absolut außergewöhnlich ist dagegen, wie schillernd diese Frankie geschrieben ist. Selten habe ich eine Figur so klar vor mir gesehen, sie so sehr verstanden, für sie gehofft und um sie gefürchtet wie hier. Einer der vielleicht stärksten Charaktere, die ich je in einem Buch oder einer Geschichte las. Frankie kam mir sogar lebendiger und realer vor als einige Menschen, die ich im echten Leben kenne. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie könnte eine Wiedergängerin von McCullers selbst sein. Und manchmal erinnerte sie mich an Mick, meine Lieblingsfigur aus Das Herz ist ein einsamer Jäger.

Und so gehören diese beiden Romane für mich zusammen. Beide sind eine Antwort darauf, wieso Carson McCullers – die nach einem schwierigen, gesundheitlich leidgeprüften Leben viel zu früh starb – für mich eine der größten Autorinnen aller Zeiten ist.


 

VERBRECHEN UND STRAFE

(the novel formally known as Schuld und Sühne)

Fjodor Dostojewskis erster großer Roman erschien im Jahr 1866 und folgt seinem tragischen Antihelden durch dunkelste Gedanken und Gefühle – bis hin zu einer verwerflichen Tat, die sein Denken verändern wird.

St. Petersburg im 19. Jahrhundert: der arme, aber begabte Jurastudent Raskolnikow kapselt sich zunehmend von der Gesellschaft ab. Am Hungertuch leidend, denkt er sich schließlich in eine gefährliche Theorie hinein: den erlaubten Mord. Außergewöhnliche, starke Menschen wie etwa Napoleon – und insgeheim auch er selbst als verkanntes Genie – hätten hiermit nicht nur das Recht, sondern auch die moralische Pflicht, gewöhnliche Menschen für ihre Zwecke zu gebrauchen. Bis hin zum Mord, solange er diesen Zwecken dient.

Lange hadert Raskolnikow mit diesen teuflischen Gedanken, doch die eigene finanzielle Not und seine Angst vor der eigenen Schwäche lassen ihn schließlich bei einer fiesen alten Pfandleiherin zur Tat schreiten. Er tötet sie, aber auch ihre zufällig erschienene, geistig zurückgebliebene und unschuldige Schwester – und flieht, ohne das Geld überhaupt erbeutet zu haben. Das Verbrechen war gut geplant, doch bald ist ihm die Polizei auf der Spur und sein Nervenkostüm wird immer dünner – denn auf einmal plagt ihn doch das Gewissen. Nur: gibt es Erlösung für einen Mörder wie ihn?

Dostojewski verarbeitete in diesem Buch vieles aus seinem eigenen Leben. Er stand früher atheistischen, sozialrevolutionären Kreisen nahe, wurde verhaftet, zum Tode verurteilt und in ein sibirisches Genfangenlager gesteckt. Dort studierte er das Neue Testament und wandelte sich zum Christen. Aus diesem Gefühl heraus schrieb er später sein berühmtes Werk, das in Deutschland lange als Schuld und Sühne bekannt war. Der exaktere Titel ist jedoch tatsächlich Verbrechen und Strafe, der allerdings im Vergleich zum poetischeren russischen Original wieder etwas zu nüchtern klingt. Ganz übersetzen kann man es also nicht. Apropos: Ich las die sehr gute Übersetzung von Swetlana Geier.

Wie immer bei Dostojewski ist auch die Entstehungsgeschichte interessant, schrieb er das Buch doch mal wieder mit Spielschulden und hing in Baden fest. Um es überhaupt finanzieren zu können, warf er das in nur wenigen Wochen verfasste Der Spieler ein, das ebenfalls sehr zu empfehlen ist – hat es doch die besten Casinoszenen, die man so lesen kann.

Lesegefühl: Wie immer bei russischen Klassikern schnauft man ein bisschen durch am Anfang. Hier wird einem der Einstieg durch die abstoßende, zugleich faszinierende Figur des Raskolnikow jedoch vergleichsweise leicht gemacht. Gegen Ende wird der Roman dann unglaublich spannend.

Fazit: Eine substanzielle, starke, philosophische Geschichte, die dunkelste menschliche Fragen aufwirft. Trotzdem habe ich mich immer gefragt, wie das Buch wohl auf mich gewirkt hätte, wäre es mir bereits mit etwa siebzehn oder neunzehn in die Finger geraten. Als erwachsener Mensch kann man Raskolnikows Denken – das angeblich viele Leser zu düsteren Überlegungen „verführt“ haben soll – nicht mehr wirklich nachvollziehen. Man muss sich jedoch überlegen, wie bahnbrechend dieser Roman in einer Zeit war, in der es eben keine Serien wie Breaking Bad oder überhaupt Filme gab. Und auch davon abgesehen ist Verbrechen und Strafe noch immer ein großer Lesespaß und ein tiefer Roman, ich bin sehr froh, ihn vor einigen Jahren endlich nachgeholt zu haben. Aber wie beim Fänger im Roggen oder Hunger ist der ideale Leser vielleicht noch ein wenig jünger.


 

HIMMEL UND HÖLLE

Kurzgeschichten, die sich wie kleine Romane lesen.

2013 gewann die Kanadierin Alice Munro den Literatur-Nobelpreis. Ihre Meisterschaft besteht für mich darin, dass sie nicht einfach nur Kurzgeschichten schreibt, wie es oft heißt. Vielmehr hat sie einen literarischen Hybriden von oft sechzig bis sogar achtzig Seiten geschaffen. Manche Figuren erreichen dadurch eine Tiefe wie in einem dicken Roman, während andere Elemente wie Nebenfiguren oder Handlungen so flüchtig abgehandelt werden wie in einer Short Story. Zudem steigt sie oft an einem interessanten Punkt ein und lässt die Leser immer im Unklaren, wo sie wieder aufhören wird – und wie.

Besonders gefallen hat mir ihr Band Himmel und Hölle. Hier gibt es, vermehrt in der zweiten Hälfte, gleich einen Haufen außergewöhnlich guter Geschichten. Der Bär kletterte über den Berg etwa, über ein Paar, das sein Leben lang zusammen war – bis die Frau an Demenz erkrankt. Ihr liebender Mann bringt sie in ein Heim, über das sie Jahre vorher nur gelacht haben. Und muss nun zusehen, wie sie ihn nicht nur immer mehr vergisst, sondern dort auch mit einem Leidensgenossen anbandelt. Und das ist nur der Anfang einer unvergesslichen Erzählung … Aber auch Stories wie Eine schwimmende Brücke sind gewaltig und gut. Das liegt auch an Munros Sprache, die prägnant und scharf ist, aber auch immer wieder humorvoll.

Lesegefühl: insgeheim wäre ich bei den Büchern, die ich bisher von Alice Munro las, gern noch einen Hauch mehr mitgerissen worden. Aber das sind wirklich peanuts und mehr ein subjektives Gefühl. Wer mit der speziellen Länge der einzelnen Geschichten etwas anfangen kann, ist bei ihr in allerbesten Händen. Himmel und Hölle etwa las ich vor zwei Jahren, aber beim Schreiben dieser Zeilen waren mir einige starke Stories und Figuren sofort wieder vor Augen.

Fazit: Große Literatur, ein Grenzgänger zwischen Short Storys und Roman.


 

DER TRAFIKANT

Österreich, 1937: der siebzehnjährige Franz Huchel verlässt das behütete Zuhause bei seiner alleinerziehenden Mutter und bricht nach Wien auf, um dort in einer Trafik zu arbeiten; ein Zeitungs- und Tabakladen. Franz freundet sich mit dem idealistischen Besitzer an und merkt schnell, dass die Uhren in der großen Stadt anders laufen als zu Hause auf dem Land. Nicht nur, weil er sich in die abgebrühte und drei Jahre ältere Böhmin Anezka verliebt, die als tanzende Schönheit in einem Hinterhofkabarett arbeitet. Sondern auch, weil es die Zeit des Nationalsozialismus vor und nach dem Anschluss Österreichs ist. Wie gut, dass einer der Stammkunden der Trafik der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud ist, den man hier vielleicht um Rat fragen kann. Am besten auch gleich in Sachen Liebe …

Dieses Buch fängt ruhig an und schaltet dann einen Gang nach dem anderen hoch, parallel zu den sich zuspitzenden politischen Ereignissen. So wird die langjährige Feindschaft zwischen dem wehrhaften Trafikbesitzer und Menschenfreund Otto, zu dessen Kunden noch immer viele Juden zählen, und dem benachbarten Fleischhauer und Nazi Roßhuber plötzlich eine Frage auf Leben und Tod. Und schließlich geht es auch für Franz selbst darum, Farbe zu bekennen – und wie viel er für seine Ideale zu opfern bereit ist.

Lesegefühl: das alles ist bewusst schnörkellos und dadurch spannend und anschaulich erzählt. Wie Franz wird auch der Leser immer tiefer in die Geschichte hingezogen. In die von der Trafik – und in die eines ideologisch untergehenden Landes. Genauso faszinieren aber auch die gewitzt geschilderte Liebe zu Anezka und die Gespräche mit dem jüdischen Gelehrten Sigmund Freud, für den die Frauen genauso ein Rätsel bleiben wie für Franz. Und der selbst einer ungewissen Zukunft entgegenblickt.

Fazit: ein wirklich starker Roman. Ich habe ihn oft verschenkt, denn er ist nicht nur eine tolle Liebesgeschichte, sondern schildert auch eindringlich die Geschehnisse um Wien in den späten Dreißigern (manchmal musste ich beim Lesen an Veza Canettis damals geschriebenes, zu unrecht vergessenes Die Schildkröten denken, das ebenfalls diese Zeit aufgreift). Der poetische Schluss des Trafikanten ist mir noch Jahre nach dem Lesen lebhaft in Erinnerung. Robert Seethaler findet die Worte und Bilder, uns das Grauen jener Zeit fühlen zu lassen.


  

 

FLEISCH IST MEIN GEMÜSE / FLECKENTEUFEL

Aber unbedingt (!) als Hörbuch.

Im Jahr 2004 erschien bei Rowohlt der Roman Fleisch ist mein Gemüse des Musikers und Autors Heinz Strunk. Ich weiß noch, wie mir ein Mitspieler meiner damaligen Fußball-Kreisliga-Mannschaft das Buch empfahl. Wie ich dann etwas unentschlossen die ersten Seiten las – und irgendwann angesichts dieses trostlosen, aber zugleich grandios beschriebenen Dauerelends plötzlich lachen musste. Und dann wieder. Und dann wieder.

Erzählt wird die halbautobiographische Geschichte von Heinz “Heinzer” Strunk, der mit seiner psychisch kranken Mutter in einem “Zwergenhaus” in Hamburg-Harburg lebt. Er hat Akne Conglobata, geht allmählich dann doch auf die dreißig zu, zu Frauen besteht eher kein Kontakt und die Zukunfstaussichten sind auch nicht so klar – einfach mal die nächsten vierzig Jahre rumkriegen, das wär’s. In dieser Situation erhält er – ein geübter Klarinettespieler – das Angebot, bei der Tanzmuckenband Tiffany’s mitzumachen (“Nein, nicht DIE Tiffany’s, einfach nur: Tiffany’s”). Fortan spielt er mit der veritablen Versagertruppe auf Schützenfesten und Hochzeiten. Die erratischen Ansagen macht der glänzend geschilderte Bandleader “Gurki” gern selbst: “Und nicht vergessen: Swing Time is Good Time, and Good Time is Better Time … Und jetzt alle vor zur Sektbar, denn es ist noch Sekt da.” Auf diesen Dorffesten wollen die Leute natürlich am liebsten den Klassiker An der Nordseeeküste von Klaus und Klaus, aber auch die Songs von Truck Stop, Roland Kaiser, Roberto Blanco und Opus. Ein Soundtrack aus der Hölle …

Damals mochte ich den Roman sehr, ich empfahl ihn auch oft weiter. Und machte dennoch einen riesigen Fehler. Der wurde mir bewusst, als mir irgendjemand sagte: “Hast du dir eigentlich mal das Hörbuch angehört? Heinz Strunk liest es selbst in seiner Küche, ich glaube, der ist manchmal betrunken, er singt nämlich auch die ganzen Lieder.”

Häh? Ich hörte gleich hinein – und eine ganz neue Welt tat sich auf.

Das Hörbuch zu Fleisch ist mein Gemüse ist genauso tragikkomisch wie der Roman – aber noch mal um ein Vielfaches lustiger. Es ist einfach nur ein riesiger Spaß, wenn Strunk die teils bescheuerten Schlagertexte selbst singt. Aber vor allem hat er eine Zauberzunge. Er weiß genau, wie er die einzelnen Sätze betonen muss, um noch das letzte Quäntchen Witz aus ihnen herauszuklopfen. Ich hörte das Hörbuch etwa 2008 auf meinem Road Trip durch Amerika mit Freunden. Anfangs brauchten sie alle, um reinzukommen (“Können wir das nicht ausmachen?” – “Nein, vertraut mir, das wird genial.” – “Das hast du schon vor zehn Minuten gesagt.”) – am Ende lachten wir dann alle vier einmal so heftig, dass wir den Wagen irgendwo in Nebraska stoppen mussten. Wie viele Stellen wurden fortan Kult, wie oft zitierten wir Sätze des Hörbuchs und imitierten Strunks geniale Aussprache von Wörtern.

Und das war nur der Anfang. Denn Jahre später nahm Strunk auch seinen Roman Fleckenteufel auf. Diesen las ich dann gar nicht mehr gedruckt, ich kenne also nur sein Hörbuch. Und auch da geschah es, dass ich mit Freunden in der WG hockte und wir bei einer Stelle gegen Ende so heftig lachen mussten, dass ich kurz ernsthaft fürchtete, mein Kopf könne platzen.

In dieser Geschichte geht es um den 16jährigen Spätzünder Thorsten, der in die Ferien fährt. Nach Scharboitz. Auf eine christliche Jugendfreizeit … Die Woche zwischen den dumpfbackigen Patern, unerreichbaren Mädchen, cooleren und idiotischen Jungen und seltsamen Erwachsenen wurde einerseits als bewusst etwas eklige Antwort auf Charlotte Roches Feuchtgebiete geschrieben, ist aber vor allem erneut unglaublich gut beobachtet und meisterhaft erzählt. Die Szenen sind echt, tun manchmal weh, sind gleichzeitig aber auch brüllendkomisch.

Strunk hat einen speziellen Blick für verschrobene Figuren, für Außenseiter, sozial Schwache und Abgehängte. Er sieht all die Details, die kleinen Eigenheiten und Sehnsüchte, er ist ein Kenner dieses Milieus. Und er hat stets die passenden Worte für das Elend. Mal gewitzt, mal deprimierend. Diesen speziellen Blick kutlivierte er auch in seinem späteren Werk, ob nun in Das Teemännchen oder im prämierten Horrorroman Der Goldene Handschuh über den wahren Fall des Frauenmörders Fritz Honka. Auch dort habe ich von Menschen gehört, die das Buch einfach nur erschütternd fanden – und später auf der Lesung von Strunk zu ihrem Schrecken plötzlich lachen mussten.

Fazit: Strunks Stil ist nicht für jeden. Aber ich würde trotzdem kühn behaupten: etwas Lustigeres als stellenweise diese beiden von ihm gelsenen Hörbücher habe ich bei keinem deutschen Künstler je erlebt. Nicht bei Loriot, nicht bei Valentin, nicht bei Polt und allen anderen. In dieser Liga – nur mit einer völlig anderen Tonalität – spielen höchstens noch Monaco Franze und Kir Royal. Doch die Strunk’schen Bücher sind nicht nur komisch. Es ist auch eine große literarische Leistung, dem vermutlich echt erlebten Leid, der Depression und dem Frust derart furchtlos zu begegnen und dabei nie zu beschönigen oder in Sentimentalitäten zu verfallen. Und stattdessen der Tragik so viel Witz abzuringen, dass es andere Menschen zum Lachen bringt.

Ich weiß nicht, ob Heinz Strunk diese Zeilen jemals lesen wird. Aber wenn, will ich mich bedanken für seine alchemistische Leistung, Schmerz in humoristisches Gold und dadurch Trost zu verwandeln.


 

WIEDERSEHEN MIT BRIDESHEAD

Evelyn Waugh schrieb seinen wohl bekanntesten Roman Brideshead Revisited unter eher schwierigen Umständen: Als Soldat kämpfte er freiwillig für England im Zweiten Weltkrieg, obwohl er damals schon einer der bekanntesten Autoren seines Landes war. Er wurde verwundet und ließ sich 1944 für einige Monate beurlauben, um schnell seine Geschichte zu schreiben – wurde jedoch nicht fertig. Später wurden Korrekturfahnen mit Helikoptern in die Kriegsgebiete gebracht und abgeholt, bis der Roman 1945 endlich erscheinen konnte. Im Jahr 1960 kam dann jedoch eine neue, von Waugh mit mehr Zeit und Muße überarbeitete Version auf den Markt. Sie gilt allgemein als schöner und vollkommener – und liest sich tatsächlich auch heute noch wunderbar.

Im 2. Weltkrieg wird Hauptmann Charles Ryder mit seiner Truppe auf einem aristokratischen Landsitz einquartiert: Schloss Brideshead. Das Anwesen hat seine besten Zeiten sichtbar hinter sich – ist für Ryder jedoch ein unerwartetes Tor zur Vergangenheit. Denn hier verbrachte er vor vielen Jahren selbst unbeschwerte, sehnsuchtsvolle Jahre …

Das Buch strahlt eine tiefe Wehmut und Vergänglichkeit aus. Gerade die Studienzeit von Charles Ryder in Oxford und seine Freundschaft zu Sebastian Flyte und dessen in Brideshead lebender Familie gehört für viele Liebhaber dieses Werks zu den schönsten Stellen, die die Literatur hervorgebracht hat. Doch je länger Charles die Familie Flyte kennt, desto stärker spürt er auch die Brüche zwischen den einzelnen Mitgliedern. Lange geht das nicht mehr gut – und auch seiner einst innigen, beinahe homoerotischen Freundschaft zu Sebastian droht das Ende.

Lesegefühl: die erste Hälfte ist tatsächlich grandios. Das liegt an Waughs feinem Mix aus Ironie, glänzenden und sprachlich reichen Schilderungen, aber auch den gut konstruierten Szenen und Figuren. In der zweiten Hälfte mischt sich dann verstärkt die Religion ein, ein Lebensthema des zum Katholizismus konvertierten Waugh. Nichtsdestotrotz liest man auch da noch gespannt weiter und verzeiht ein paar zähere Momente gern. Abgerundet wird das Buch dann durch ein tolles Nachwort von Daniel Kampa (das ich aber nicht spoilern möchte, kleiner Tipp nur: der Tod des Autors war so makaber wie vieles in seinem Leben).

Denn dieser Evelyn Waugh war eine berüchtigte Figur, die überall aneckte und teils haarsträubende Aussagen von sich gab. Manche davon nur gespielt reaktionär, andere bitterernst. Als ihn zwei Reporter auf seinem Anwesen mit einem Interviewversuch bedrängten, überlegte Waugh danach tatsächlich, es zu verkaufen, da es jetzt „verseucht“ wäre. Legendär auch, wie er sich von Alkohol aufgedunsen und denkbar unfit als Offizier zur Armee meldete, dort aber tatsächlich mit unwahrscheinlichem Heldenmut von sich Reden machte – und gleichzeitig wegen seines unmöglichen, arroganten Umgangs von allen, wirklich allen Rekruten gehasst wurde. Zuvor heiratete er eine Frau, die ebenfalls Evelyn hieß, so dass er als He-Evelyn und sie als She-Evelyn bekannt war. Doch direkt nach der Hochzeit und einem schlechtverlaufenen Honeymoon kam es zur Trennung.

All das ertrug Waugh mit großer Selbstironie, bis hin zu seinem gescheiterten Selbstmordversuch im Alter von vierundzwanzig. Dem Vers von Euripides folgend („Das Meer schwemmt alle Kümmernisse fort“) beschloss er, sich im Wasser zu ertränken. Am Strand deponierte er seinen Abschiedsbrief, wurde dann im Wasser jedoch von gleich mehreren Quallen unablässig malträtiert, so dass er schnaubend sein Vorhaben aufgab: „Ich drehte um und schwamm zurück, zerriss den Zettel mit den prätentiösen klassischen Zeilen, übergab ihn dem Meer und erklomm den steilen Hügel, der zu all den vor mir liegenden Jahren führte.”

George Orwell dagegen schrieb über ihn: „Der Romancier Waugh ist so gut, wie ein Autor nur sein kann; sein Stil ist schnörkellos und präzise, seine Überzeugungen waren jedoch unvertretbar.“

Fazit: Ein Sehnsuchtsroman eines echten Exzentrikers. Noch immer leuchten viele Stellen, besonders in der ersten Hälfte.


 

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Eine tief berührende (Entstehungs)-Geschichte.

Der 13jährige Conor lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem Haus außerhalb der Stadt. Seit sie an Krebs erkrankt ist, wacht er jede Nacht um die gleiche Zeit aus einem Alptraum auf.  Denn um genau 00:07 verwandelt sich der Baum vor seinem Fenster in ein Monster, das im Garten steht und auf ihn wartet. Das Monster behauptet dabei auch noch, Conor selbst habe es gerufen. Es will dem Jungen im Laufe dieser Nächte drei Geschichten erzählen – danach sei Conor mit seiner eigenen Geschichte dran …

Wenn man den Buchtitel betrachtet fällt auf, dass hier gleich zwei Namen stehen. Die britisch-irische Schriftstellerin Siobhan Dowd ist die ursprüngliche Schöpferin von Sieben Minuten nach Mitternacht (Original: A Monster Calls) von 2011. Sie starb jedoch an Krebs, bevor sie das Buch fertigstellen konnte. Der Autor Patrick Ness übernahm ihre Idee und machte daraus ein bewegendes, inspirierendes und auch tröstliches Buch, das mit der Carnegie Medal ausgezeichnet und später auch fürs Kino verffilmt wurde.

Erwähnt seien zudem die gelungenen Illustrationen von Jim Kay, die dieses besondere kleine Werk abrunden.

Fazit: Sieben Minuten nach Mitternacht ist für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, und es ist überhaupt schwer vorstellbar, dass es Menschen auf diesem Planeten gibt, die von dieser Geschichte unberührt bleiben.


 

BALZAC UND DIE KLEINE CHINESICHE SCHNEIDERIN

Es gibt einige poetische Romane über die Macht der Bücher. Etwa Fahrenheit 451 von Ray Bradbury oder Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Eines meiner persönlichen Highlights ist auch dieses Werk von Dai Sijie, in dem der Autor größtenteils seine eigene Geschichte verarbeitete.

Die Handlung spielt 1971 in China, als westliche Romane unter Strafen wie Arbeitslager verboten sind und nur die Bücher des „großen Vorsitzenden“ Mao Zedong gelesen werden dürfen: Durch die von oben ausgerufene „Kulturrevolution“ werden der namenlose Ich-Erzähler und sein bester Freund Luo wie unzählige andere junge Städter aufs Land geschickt. In einem Dorf auf dem Berg des Phönix-des-Himmels sollen die beiden Jugendlichen – umgeben von „revolutionären Bauern“ – jahrelang umerzogen werden. Arbeit statt Bildung ist die Devise. Sie leben in einem Pfahlhaus am Rande der Siedlung, schuften in einer Miene und auf dem Feld. Da ihre Eltern als Staatsfeinde gelten, liegen ihre Chancen, je wieder aus diesem Nest nach Hause zurückkehren zu dürfen, bei drei zu tausend. In der Dunkelheit ihrer möglichen Zukunft gibt es jedoch zwei Lichtspalte. Der eine ist die schöne und charmante Tochter des Schneiders aus dem Nachbardorf, in die beide sich verlieben (der Erzähler heimlich, Luo heftig). Der zweite ein angeblicher Lederkoffer mit verbotenen westlichen Romanen von etwa Gogol, Dumas, Flaubert, Balzac und vielen weiteren Autoren. Doch dieser Koffer gehört einem anderen, ängstlichen Städter, der seinen Schatz nicht teilen will und misstrauisch versteckt …

Lesegefühl: Eine von vorn – schon die erste Szene mit der Ankunft der jungen Helden am Rande der Welt ist toll – bis hinten herrliche Geschichte. Ganz selten streift sie vielleicht den Kitsch, spielt den Ball aber immer auf die Linie. Ohnehin ist hier alles selbstironisch und immer wieder humorvoll geschrieben. Viele Anekdoten sind dabei unvergesslich, etwa die „Zahnbehandlung“ des fiesen Dorfvorstehers oder wie der Erzähler und sein bester Freund Filme in einer zwei Tage Fußmarsch entfernten Stadt anschauen „müssen“, um sie dann den Dorfbewohnern nachzuerzählen – die noch nie einen Film gesehen haben.

Das Buch spielt in einer Zeit, in der sich Maos Personenkult etablierte und gleichzeitig unter seiner Kulturrevolution mutmaßlich Millionen von Chinesen gefoltert oder getötet wurden – oder eben schlicht in entlegene Teile des Landes verbannt. Trotz des aussichtslos wirkenden Schicksals seiner Protagonisten verströmt der Roman aber immer auch eine unzerstörbare Zuversicht. Der Moment, wenn die beiden Jugendlichen – die in ihrem Leben nie ein richtiges Buch lesen durften -, durch einen Trick in Besitz des Koffers gelangen und von den Romanen umgehauen und berauscht werden, ist pures Leseglück. Doch die Kraft der Geschichten wird nicht nur sie für immer verändern, sondern auch die junge Tochter des Schneiders, die sich durch das Lesen der westlichen Bücher zunehmend emanzipiert …

Fazit: Eine potentielle Lieblingsgeschichte. Dieser 2000 erschienene Roman wurde nicht zu Unrecht ein Welterfolg – übrigens sehr zur Überraschung seines Autors. Der in Frankreich lebende Filmemacher Dai Sijie überlegte damals sogar, nach China zurückzukehren – bis er feststellte, dass sich sein chinesischer Verlag im Nachwort von ihm distanzierte. Ihm wurde dort in seinem eigenen Buch unterstellt, dass sein Leben im Ausland so teuer wäre, dass er China gegen Geld verunglimpfen müsse, um zu überleben. Und so blieb Sijie eben in Paris … Sehr empfehlen kann ich übrigens auch das von Edgar M. Böhlke gelesene Hörbuch.


 

DIE ENTDECKUNG DES HIMMELS

Der neben Das Attentat (siehe oben) zweite große Roman des niederländischen Meisters.

Was fährt Harry Mulisch in seinem 1992 veröffentlichten Werk nicht alles auf: ein genialer Plan von zwei Engeln, eine großartige Freundschaft über mehrere Jahrzehnte, tragische Liebesgeschichten, Tod und die Macht des Zufalls, das Versteck der zehn Gebote und ein Junge, der ein ganz und gar außergewöhnliches Schicksal vor sich haben wird … Zugleich ist der Roman aber auch ein Gesellschaftsbild der Niederlande nach dem Krieg, verhandelt und hinterfragt werden die Studentenrevolten, Kommunismus und Kapitalismus, traditionelle familiäre Strukturen und Rollenbilder. Und in der Figur des Max Delius verarbeitete Mulisch stellenweise auch noch seine eigene familiäre Geschichte als Sohn einer Jüdin und eines NS-Kollaborateurs.

Ein thematisch derart vielschichtiger 900-Seiten-Roman droht leicht zu scheitern – doch hier passiert das Gegenteil. Es ist ein wilder Ritt, der von Anfang an Spaß macht und einen immer wieder staunen lässt. Ich erinnere mich noch gut, wie ich Anfang zwanzig war und meine damalige Freundin mir ständig von diesem Buch vorschwärmte. Irgendwann las sie mir die gesamte Anfangssequenz – der Dialog der beiden Engel – vor, und da kapierte ich es endlich auch. Genauso gut: die Begegnung zwischen Max und Onno. Deren Kennenlernen und das Vertiefen ihrer Freundschaft macht auf den ersten hundert, zweihundert Seiten fast glücklich.

Lesegefühl: die gesamte erste Hälfte ist superb. Zwischendurch gibt der Roman dann vielleicht etwas ab und verliert an Spannkraft – das Ende und die finale Auflösung des von den Engeln zu Beginn  geschmiedeten Plans sind dann wieder genial. Abgefedert wird die thematische Schwere zudem von Mulischs Humor, der das Buch jedes Mal schnell wieder aus dunklen Ecken zieht. Beim grotesken Tod einer wichtigen Figur musste ich deshalb sogar in meinem Schock lachen.

Fazit: ein derart reichhaltiges Buffet hat man als Leser selten. Was für eine Ambition, was für eine erzählerische Chuzpe. Ein tolles Buch.


 

HAWAII

Riots in Heilbronn. Ein Hammer von einem Debüt.

Der 21jährige Kemal Arslan hat schon bessere Tage erlebt. Nach einem auch noch selbstverschuldeten Unfall ist die Karriere des Fußballers vorbei. Humpelnd kehrt er aus der Türkei, wo er spielte, in seine Heimat Heilbronn zurück. Genauer gesagt nach Hawaii – wie umgangssprachlich die eher abgerockte Siedlung genannt wird, in der er aufgewachsen ist. Hier möchte er, umgeben von alten Kumpels und Verwandten, zu sich kommen. Vielleicht wieder mit seiner alten Liebe Sina anbandeln – und endlich herausfinden, wo eigentlich sein Platz ist. Doch in der schwäbischen Stadt braut sich unter der Hitze der Hundstage etwas zusammen …

Was für ein stilsicheres und gut komponiertes Debüt. Cihan Acar erzählt seine Geschichte mit großem Gespür für Milieus und aktuelle Stimmungen – und mit viel Humor. Es gibt gleich eine ganze Fülle von verschrobenen, lebendigen Charakteren, die oft mit nur wenigen Sätzen in ihrem Wesen erfasst werden, so dass man sie direkt vor sich sieht. Fast beiläufig greift Acar auch den sich zuspitzenden Rechtspopulismus und Fremdenhass auf und zeigt, wohin das führen könnte. Es mehren sich die Aufmärsche von Nazis und ‘bürgerlichen’ HWA-Anhängern (“Heilbronn – wach – auf!”). Im brütenden Hochsommer wird die Stadt so zum Hexenkessel, denn lange sehen sich die Kankas, wiederum ein Zusammenschluss von kampfbereiten Migranten und Minderheiten, diese auf sie gerichtete Wut nicht mehr an. Und dann kursiert plötzlich ein verhängnisvolles YouTube-Video mit einem Mord …

Das klingt jetzt eher heftig, aber die Kunst von Acar ist es, diese aktuellen Themen differenziert zu erzählen. Das Buch ist vielmehr lakonisch und mit leichter Hand geschrieben, man kann es von Anfang bis Ende in einem Zug lesen. Die Geschichte bietet dabei nicht nur viel skurrilen Witz, sondern mit Kemal auch einen Helden, der wie der Dude aus Big Lebowski meist besonnen bleibt, während um ihn herum die Leute durchdrehen. Denn er selbst steht zwischen allen Fronten. Befreundet mit seiner alten Gang um Emre und Hakan genauso wie mit Paul, Sina und Rainer, überall und nirgendwo zu Hause zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Hawaii und seiner Ex, zwischen dem, was seine Eltern wollen und dem, was er selbst will. Und als es zum großen Showdown in der Stadt zwischen uniformierten Nazis und Kankas und deren jeweiligen Söldnern kommt, da läuft Kemal in einem Malcolm-X-Shirt und – um eine Beule zu kaschieren – einem an Karate Kid und Jimi Hendrix erinnernden bunten Tuch als Stirnband durch die brennenden Straßen.

Fazit: Starke Dialoge zwischen Schwäbisch und Slang, unzählige gute Einfälle, Gags und kleine Geschichten aus den verschiedenen Milieus. Aber auch die Gabe, aktuelle Themen differenziert und Figuren echt und widersprüchlich zu zeichnen. Ein rauschhafter Trip durch „Heilbronx“, der einen sofort in seinen Bann zieht.


 

ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN

Eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahrzehnte.

Kazuo Ishiguro gehört zu den besondersten Autoren der Gegenwart. Seine Romane sind oft nicht zu greifen, offenbaren sich erst nach und nach. Viel entscheidender als Figuren und Handlung scheinen ihm die Stimmungen zwischen den Zeilen zu sein, auch die Melancholie, die sich unmerklich wie eine zweite Haut auf den Leser legt.

In Alles, was wir geben mussten (Original: Never Let Me Go) wird vordergründig das Leben der drei Internatsschüler Kathy, Ruth und Tommy erzählt, die in der Einrichtung Hailsham aufwachsen. Erst mit der Zeit spüren wir, dass hier etwas nicht zu stimmen scheint. Es fallen Begriffe, die erst keinen Sinn machen, bis man allmählich begreift, welch verstörendes Schicksal allen Jugendlichen des Internats bevorstehen wird. Und es treibt einen die Frage um, was schlimmer ist: Ihre Zukunft oder dass sie nicht wagen, dagegen zu aufzubegehren …

Ishiguro ist ein Visionär. Er denkt sich tief in die Vergangenheit hinein, in diesem Fall auch in die Zukunft, und spürt dabei existenziellen philosophischen Fragen nach. Zugleich vertraut er auf ein klassisches Erzählhandwerk: Fast all seine Romane sind sehr gut lesbar und traditionell aufgebaut mit Anfang, Mittelteil, Ende, meistens sogar noch ein echter Twist. Dazu viele Andeutungen, die einen immer schneller weiterlesen lassen. Und doch ist das alles nicht plump. Wo ein ein Buch wie Ein wenig Leben eine blutige Folterbank aufbaut, reicht Ishiguro ein Skalpell, ein feiner Schnitt. Mit zärtlicher Strenge führt er die Figuren ihrem Schicksal zu.

Lesegefühl: der – endlich – Nobelpreisträger Ishiguro beherrscht die Kunst des unsichtbaren Erzählens, oft liest man eine scheinbar bedeutungslose Erinnerung oder Anekdote und weiß gar, wieso man auf einmal mitgenommen ist. Derart fein sind die Sprache und sein Vorgehen. Ich muss zugeben, wäre ich mit Anfang zwanzig nicht auf dieses Buch gestoßen, hätte ich Vom Ende der Einsamkeit vermutlich nie so früh geschrieben. Ishiguros Werk hat mir den Weg gewiesen und mir gezeigt, was Bücher zu leisten imstande sind, und dafür werde ich ihm für immer dankbar sein.

Fazit: Es gibt keine Garantie, dass man dieses Buch mag, ist es doch von einer schönen und zugleich unendlich tiefen Traurigkeit. Aber es wird einen nicht loslassen, und es ist angesichts der Themen, die hier schon 2006 verhandelt wurden, nicht nur visionär, sondern auch heute noch sehr relevant.


 

MÄDCHENMEUTE

Die fünfzehnjährige Charlotte Nowak hat die Wahl: Die Sommerferien bei ihrer Großmutter verbringen? Oder in einem leicht zwielichtig wirkenden Survivalcamp für „freche Mädchen“ im Wald, das mit dem Maskottchen „Pfiffi“ wirbt, dem pfiffigen Eichhörnchen? Fast zu ihrer Überraschung entschließt sie sich für letzteres und landet kurz darauf mit sieben anderen Mädchen in einer Barackensiedlung eines ehemaligen ostdeutschen Ferienlagers für Jungpioniere. Dort geht alles schief. Sie werden von mysteriösen Fremden eingesperrt, das Camp unter Wasser gesetzt. Als die Leiterin auch noch einen Nervenzusammenbruch erleidet und eine Teilnehmerin verschwindet, beschließen die übrigen Mädchen, zu fliehen. Mit einem unterwegs aus Käfigen befreiten Rudel Hunde verschanzen sie sich im tiefsten Wald im Erzgebirge. Dort errichten sie in einem verlassenen Mienentunnel ein Lager und lernen wochenlang in der Wildnis zu überleben – während zu Hause mit Polizei und Medien nach ihnen gesucht wird.

Um es kurz zu machen: das liest sich einfach nur phantastisch. Zwischendurch, wenn die Mädchen sich langsam anfreunden und im Wald herumhängen, Nachtwache halten und die Natur allmählich verstehen, hatte ich beinahe schon Sehnsucht nach dem Weiterlesen, so sehr spürt man die Freiheit ohne Eltern und das Gefühl, ein echtes Abenteuer zu erleben. Ob Mädchen oder Junge: wie gern hätte man so etwas mal mitgemacht. Aber auch die Charaktere sind phantastisch. Die unergründliche Anführerin Bea, die mit ihrer Familie in einem Zirkus lebende, gefühlt dem Mittelalter entsprungene Freigunda, die kleine Antonia, die witzige Rike, die schöne Anuschka, die bissige Yvette – und die Heldin Charly, die in diesem Sommer spürbar erwachsen wird. Immer mal wieder musste ich beim Lesen über die Dialoge und Schilderungen lachen.

Mädchenmeute ist jedoch auch eines dieser raren Bücher, bei denen man bei scheinbar hingeworfenen Sätzen oft innehält, weil sie so funkeln und weise sind. Die Schreibe von Kirsten Fuchs ist durchgehend toll und flott, aber auch feinfühlig und schlau. Hinten heraus geht es dann etwas mehr um die fast schon detektivische Grundgeschichte, die für manche LeserInnen vielleicht nicht ganz so ein Highlight sein könnte wie die vierhundert Seiten Wald zuvor – aber das alles ist immer noch gewitzt geschrieben und hält einige überraschenden Pointen bereit.

Fazit: Ausgezeichnet mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ist dies ein echtes Abenteuer- und Sehnsuchtsbuch für alle, die sich noch mal daran erinnern wollen, was genau so furchtbar daran war, fünfzehn zu sein – und was so großartig.


 

MASCHINEN WIE ICH

Eine Chronik der Zukunft erzählt in der Vergangenheit.

Es sind die 1980er-Jahre in England, als der Lebenskünstler Charlie von seiner Mutter eine größere Summe erbt – und das Geld nicht etwa in ein richtiges Haus steckt, sondern in einen der ersten Androiden, die auf den Markt kommen. Adam. Zusammen mit seiner Nachbarin und heimlichen Liebe Miranda gibt er die Persönlichkeit des täuschend echt aussehenden Robotermenschen ein – und ahnt bald, dass er sich da auf ein Experiment eingelassen hat, das sich kaum mehr kontrollieren lässt. Denn Adam ist ein unberechenbarer, eigenwilliger Charakter und lernt rasch dazu.

Der Beginn einer etwas anderen Dreiecks-Liebesgeschichte …

Wer das Buch nicht kennt, wird vermutlich bei der zweiten Zeile kurz gezuckt haben. Die Achtzigerjahre und Androiden? Genau, denn McEwan spielt hier eine alternative Zeitlinie aus. Eine, in der das Genie Alan Turing nicht viel zu früh von der prüden britischen Gesellschaft in den Selbstmord getrieben wurde (wegen seiner Homosexualität), sondern weiter an der künstlichen Intelligenz arbeiten konnte. Denn letztlich ist es ja immer die Frage, wie wichtig einzelne Personen für den Lauf der Geschichte und des Fortschritts waren. Die Welt ohne Einstein? Unsere Smartphones ohne Steve Jobs? Die Medizin ohne Alexander Flemings Durchbruch mit Penicillin und dadurch vielleicht unter anderem: Die Atomphysik ohne Otto Hahns verhängnisvolle Entdeckung? Natürlich hätten vermutlich viele diese Erfindungen und Entdeckungen trotzdem ihren Weg in unsere Gesellschaft gefunden; nur eben später.

In diesem Fall dagegen ist es dem Wirken von Turing und anderen zu verdanken, dass die Welt schon in den 1980ern mit Handys und Internet “gesegnet” ist – und mit der Frage zu kämpfen hat: was bedeutet androides Leben eigentlich für uns und unsere Zukunft? Ist es gleich viel wert? Ist es sogar überlegen oder nur anders? Ein Thema, das bei dem extrem scharfsinnigen und belesenen Beobachter McEwan in allerbesten Händen ist.

Lesegefühl: es gibt durchaus Menschen, die mit diesem Buch nichts anfangen konnten. Die verwirrt von der alternativen Zeitlinie waren, die sich an den vielen Fakten und Hintergründen störten. Mir hat das alles wirklich großartig gefallen. Man kann die Geschichte dadurch zwar nicht einfach runterlesen, obwohl sie durchaus schmissig ist – speziell die Ménage à trois zwischen Charlie, Adam und Miranda. Trotzdem ist man auch immer wieder dazu aufgefordert, mit wachem Verstand zu lesen, wenn es um die Entwicklung der KI, Computerbewusstsein und die Hintergründe der neuen Zeitachse geht. Denn auch im England der alternativen 80er geht es drunter und drüber.

Fazit: Ian McEwan ist ein Phänomen. Zwischen literarischen Meisterwerken wie Abbitte und Der Zementgarten wechselt er spielend leicht zu Komödien wie Solar oder nun aktuellen Gedankenexperimenten wie Machines like me (so der doppeldeutige Originaltitel). Seine Sprache ist klar und pointiert, die Geschichte hintersinnig. Ein erhellender Lesespaß für den Geist, mit einem smarten Schluss, der einen noch länger über die im Buch aufgeworfenen Fragen nachdenken lässt.


 

UNTERWEGS

Als Roman eher durchwachsen. Als fiebrige Jazzplatte grandios.

Im Jahr 1957 erschien mit On the Road, so der Originaltitel, der vielleicht wichtigste Text der Beat Generation. Jack Kerouac verarbeitete darin das Lebensgefühl seiner Generation, ein Manifest der Freiheit und jugendlichen Unabhängigkeit. Getrieben von unstillbarem Fernweh reist der Erzähler Sal Paradise allein und mit Freunden durch Amerika, trampt, fährt auf Güterzügen oder Greyhound-Bussen, mal an die Westküste und zurück, mal auch bis nach Mexiko. Immer auf der Suche nach Rausch, Frauen und Wahrheit. Sex, Drugs ’n’ Jazz lautet das Motto dieser Trips, und vor allem sein bester Kumpel Dean Moriarty ist das Herz der Clique. Ein fast schon manischer Weltenbummler, der immer etwas anzettelt oder ein Ding am Start hat – oft dabei auch seine Freundin, die schön-wilde Marylou. Doch jede Freiheit hat ihre Grenze, die Frage ist nur, wo die liegt.

Lesegefühl: Angeblich schrieb Kerouac die Urfassung seines berühmten Werks in nur drei Wochen. Wie verrückt hämmerte er in die Tasten, stundenlang, rauchend und getrieben, während seine Frau ab und zu kam, seine vollgeschwitzten T-Shirts wusch und ihm neue brachte. Schließlich war das Buch fertig, eine einzige riesige Papierrolle, die heute in einem Museum liegt.

Und genauso liest sich die Geschichte auch. Wer sie wie einen normalen Roman betrachtet, wird vielleicht enttäuscht ein. Sie ist packend, aber manchmal auch fahrig und sperrig, verfolgt keinen roten Faden. Ereignisse wiederholen sich, wieder Drogen hier, wieder New Orleans da, wieder Stress zwischen Dean und Marylou an der Westküste, wieder die alte Clique, nun etwas älter und alle in San Francisco. Das kann ermüdend sein. Deshalb ist es viel schöner, es wie eine wilde Jazz- oder Bebop-Improvisation zu lesen. Sich einfach mitreißen zu lassen von dem Gefühl und der Tatsache, dass hier weitgehend alles wahr ist, dass es aufrichtig empfunden und ohne Hintergedanken niedergeschrieben wurde. Und wie toll muss dieses Leben gewesen sein: morgens in New York aufzustehen, dann einen Anruf von Dean von der Westküste zu kriegen: „Komm schon, Sal, hier sind die besten Partys, alle warten auf dich …“ – und dann sitzt du Tage später auf einem Viehtransporter durch Iowa, Richtung Kalifornien. Du machst Pause, blickst auf das weite Land, isst Apfelkuchen in der Sonne – und hältst den Daumen raus. Und schließlich kommst du an, machst dir einen Drink, flirtest ein wenig, alle warten schon auf dich, auch deine Kumpels Old Bull Lee und Carlo Marx, im Hintergrund unzählige Diskussionen zwischen Beatniks und Intellektuellen über ALLES, laute Musik, Drogen, Marylou zieht sich auf die Tanzfläche, Dean schaut grinsend zu – und die Party beginnt von neuem.

Was mir dagegen etwas fehlte, war, richtig berührt zu werden. Der dann doch bewegende Schluss deutet an, was hier möglich gewesen wäre. Und so ist es vielleicht kein Buch, das man lieben oder mögen muss. Aber eines, das einem definitiv im Gedächtnis bleibt, weil es kaum ein zweites dieser Art gibt. Inzwischen erschien auch die ungekürzte Urfassung The Original Scroll (die in drei Wochen geschriebene Papierrolle ohne Überarbeitungen). Hier sind zudem alle Namen echt. Aus Sal Paradise wurde Jack Kerouac. Aus Carlo Marx hingegen der Dichter Allen Ginsberg (Howl). Aus Old Bull Lee der Autor William S. Burroughs (Naked Lunch). Und aus dem Herz der Gruppe, Dean Moriarty, wieder Neal Cassidy, der sie alle für zumindest ein paar Jahre zusammenhielt.

Fazit: Damals tat ich mich beim Lesen teils schwer, dachte insgeheim: und das soll jetzt dieses berühmte Werk sein? Heute bin ich froh. Denn noch immer denke ich an diese fiebrige Geschichte und den berühmten Spruch aus dem Roman: „Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die verrückt leben, verrückt reden, die alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern die brennen, brennen, brennen, wie römische Lichter in der Nacht.“


 

DIE 12 LEIDENSSTATIONEN NACH PASING

Eines der mit Abstand größten Lesevergnügen dieses Jahres!

Eine Spiegel-Besprechung brachte mich auf diesen Roman von Stefan Wimmer, dessen Cover schon die Richtung vorgibt – es erinnert an klassische 80s Teenager-Filme und vor allem an das Album Dare von The Human League. Und die Achtziger sind auch Programm ist diesem wahren Jugendsehnsuchtsroman.

München, 1985: Die sogenannte „Kajal-Clique“ treibt in der Nähe der S-Bahn-Station Pasing ihr Unwesen. Der fünfzehnjährige, reiche Anführer Roderick, der immer etwas hintendran wirkende, nur Bayerisch redende Deibel, der schöne, aber unsichere Meindorff – und natürlich der aus ärmeren Verhältnissen stammende Stevie, der Ich-Erzähler. Sie alle haben eine Vorliebe für schwarzen Kajal, düstere Klamotten und New Wave-Musik (außer Deibel, der im Verdacht steht, heimlich Peter Maffay zu hören). Zweiter gemeinsamer Nenner: Mädchen. Blöd nur, dass abseits der angeberischen Sprüche und Frotzeleien eher wenig läuft. Stattdessen muss die Kajal-Clique aufpassen, in der Schule nicht vollends abzurutschen und an den Nachmittagen nicht schon wieder von den Prolls um den Schläger Lothar aufgemischt zu werden, der immer wieder nach einem geeigneten „Leidenskandidaten“ sucht … Die einzige Hoffnung in diesem Sommer ist „Baby Love“, eine schöne Unbekannte, die Stevie immer wieder in Pasing sieht. Doch wie soll er ihr näherkommen?

Lesegefühl: Gott, ist das gut! Nach ungefähr fünfzig Seiten habe ich begriffen, was für eine Perle dieser Roman ist, ab da hatte ich bereits Trennungsängste und versucht, die folgenden zweihundert Seiten bewusst zu genießen. Der Roman hat mich immer wieder zum Lachen gebracht, steckt voller guter Ideen und nostalgischer Momente, ist auch großartig geschrieben. Und wäre es ein Film, hätte er zudem sehr gewitzte Abspannszenen. Vielleicht bin ich als jemand, der selbst gerade eine Sommergeschichte aus dem Jahr 1985 schreibt und ein Faible für solche Jugendstories hat, nicht ganz objektiv – aber auch alle, denen ich diesen Roman empfohlen hatte, waren begeistert.

Einzige Warnung: Die Geschichte steckt voll Zeitkolorit, und dazu gehört auch das Bayerisch, das Deibel und einige der glänzend geschilderten anderen Figuren sprechen. Ich glaube, es geht auch ohne Vorkenntnisse dieses Idioms, aber ich wollte es auf jeden Fall anmerken.

Fazit: Wenn das kein Kultbuch wird, weiß ich auch nicht. Es liest sich wie eine Mischung aus dem schönen Wer früher stirbt, ist länger tot und klassischen Teenagerfilmen von John Hughes aus den 80ern. Das ganze großartige Elend eines fünfzehnjährigen Jungen, der mit großer Klappe und noch größerer Unsicherheit von Mädchen träumt, der „Anne-Party“ entgegenfiebert, sich mit schlimmen LehrerInnen herumschlägt und Musik hört, ist hier meisterhaft und humorvoll eingefangen. Genauso die Freundschaft und das Gefrotzel der Clique, die einem schnell ans Herz wächst. Die 12 Leidensstationen nach Pasing ist für mich der Roman dieses Sommers, eindeutig.