Coruscant, we have a problem …

Hallo, mein Name ist Adrian Brooks, Sie kennen mich vielleicht aus der Kurzgeschichte Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen. Wie Sie dann wissen, gibt es dort eine Zeitlinie, in der ich selbst Star Wars erfunden habe. Tja, guter Witz. Denn das war leider nur die Short Story irgendeines Autors, der offenbar zu viele Filme schaut. In dieser Welt dagegen jobbe ich nach einigen beruflichen Fiaskos und gescheiterten Drehbüchern weiter als Pizzajunge (möchte aber bald in den administrativen Bereich aufsteigen, das hat mir der Filialleiter vor zwei Jahren versprochen). Ansonsten wohne ich mit Mitte dreißig wieder bei meinen Eltern in San Francisco (habe gerade die Garage ausgebaut und hier unten mein hübsches kleines Reich) und bin Autor von giftigen Kolumnen für Filmzeitungen, von denen Sie unter Umständen aber noch nie gehört haben. Tagsüber. Nachts schreibe ich Artikel zu George Lucas und Star Wars. Meist sind das kurze Dinger, aber diesmal wollte ich doch etwas weiter ausholen. Ich hab mich sogar zusammengerissen und mal auf meine sogenannte „Sprache“ geachtet. Weniger Flüche also, versprochen. Denn das hier ist eine verdammte Trennungsgeschichte. Es geht um nicht weniger als die Gründe, wieso meine unverbrüchliche Kindheitsliebe zu Star Wars in den letzten Jahren erlosch. Und warum ich die handwerklich besser gemachten Disney-Sequels trotzdem noch viel schlimmer finde als die enttäuschenden Prequels.

Aber vor allem auch, wie man diese zwei Trilogien mit nur wenigen Entscheidungen auch ganz anders hätte erzählen können.

Denn vieles, was ich über Filmemachen zu wissen glaube, habe ich durch schlechte Star Wars-Filmen gelernt; Stichwort „preaching by negative example“. Ich möchte allerdings vorher noch eine Sache – … „Was, Mom? … Nein, ich hab keinen Hunger. Und ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst hier unten anklopfen, Herrgott noch mal!“ Unglaublich, nie hat man seine Ruhe …. – ‘Tschuldigung. Also, ich möchte vorher eine Sache klarstellen: Das Star Wars-Universum ist groß, und es ist deshalb Platz für Millionen von verschiedenen Meinungen. Dies hier ist nur meine, und es ist zudem eine bescheidene. Bin ich etwa so tief in diesem Franchise „drin“, dass ich mir irgendwelche X-Wing-Buchreihen und Klonkrieg-Cartoonserien reinziehe oder mich in Kinoschlangen als Ewok oder so verkleide? Nein. Schaue ich mir die Hauptfilme an und mache mir ein paar Gedanken darüber? Das schon.

Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Sie mit den Filmen was anfangen können, dass Sie zum Beispiel wissen, was die „Prequels“ sind (siehe Liste am Ende des Artikels). Denn sonst schlafen Sie hier binnen weniger Minuten ein, das garantiere ich Ihnen. Sehr empfehlen kann ich Ihnen auch die Videos, die ich im Text unterstrichen verlinkt habe. Lassen Sie sich bitte nicht täuschen, wenn manche erst mal komisch wirken, etwa der makabre Irre von Redletter-Media: Da lernt man wirklich was über die Essenz von Filmemachen und Figurenzeichnung, ernsthaft. Ging zumindest mir so.

Aber nun genug geredet, das Ding hier wird eh lang genug. Wenn sie also schon seit längerem Schlafprobleme haben oder ein Star Wars-Fan mit zu viel Zeit sind und zudem keine Spoiler fürchten – dann wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen:

 

PROLOG: EINE (OFT ENTTÄUSCHTE) NEUE HOFFNUNG

„Mit dreizehn ging ich ins Kino – danach war mein Leben nicht mehr das Gleiche …“ Okay, das ist reichlich übertrieben, aber ich weiß noch, wie meine Freunde mich in Das Imperium schlägt zurück schleppten. Star Wars war damals gerade zwanzig Jahre alt geworden, und zum Jubiläum 1997 liefen die alten Klassiker noch mal in restaurierter Fassung im Kino. Den ersten Teil (nun im Kanon der vierte) hatte ich allerdings verpasst, überhaupt wusste ich damals fast nichts über dieses Universum. Es schien irgendeinen Luke Skywalker zu geben, dazu Lichtschwerter, okay, und auch Darth Vaders asthmatisches Röcheln war mir bekannt. Viel mehr aber nicht. Ohne große Erwartungen ging ich also in die Vorstellung – und wurde überwältigt von dem, was ich sah. Und als Darth Vader schließlich Luke den Arm abschlug und ihm danach sein berühmtes „Nein … ich bin dein Vater“ entgegenschleuderte, da riss es mich in meinem Sitz herum.

Was! Für! Eine! Geschichte!

Auf dem Rückweg löcherte ich meine Freunde mit Fragen, sog binnen kürzester Zeit die Backstory und Familiengeschichte der Skywalkers auf, schaute auf einer alten VHS-Kassette noch schnell den ersten Teil nach – und war bereit, als Wochen später das große Finale im Kino lief: Episode VI: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Auch dieser Film packte mich, und ich erinnere mich, wie begeistert und zufrieden ich danach den Saal verließ. So musste ein Star Wars-Film sein, und waren nicht sogar schon drei komplett neue Teile angekündigt?

Was für herrliche Aussichten …

Hätte man mir damals, im Frühjahr des Jahres 1997 gesagt: „Setz dich mal kurz, mein junger Freund, ich muss dir etwas mitteilen – nie wieder wirst du nach dem Schauen eines Star Wars-Films so glücklich aus dem Kino kommen wie jetzt gerade. Nicht bei den Prequels, und schon gar nicht bei den Fortsetzungen von Disney. Nie. In den nächsten 24 Jahren wirst du dich stattdessen fast nur noch ärgern, bis deine Gefühle schließlich komplett abstumpfen!“ – Ich hätte es nicht geglaubt. Und wenn doch, wenn ich damals tatsächlich auch nur ansatzweise geahnt hätte, welche Enttäuschungen mir diese Reihe, in die ich so frisch verliebt war, noch zufügen sollte, dann hätte ich ungefähr so reagiert wie in diesem Video:

 

Nur, wie kam es eigentlich dazu? Wie wurde aus meiner kindlichen Liebe zu diesem Filmuniversum erst Enttäuschung und Frust (einfach zu erklären) – und am Ende sogar Gleichgültigkeit (schwieriger zu erklären)?

Es wäre zu simpel, alles auf die Prequels zu schieben, den vor rund zwanzig Jahren erschienenen Episoden I, II und III. Aber ich muss mit ihnen anfangen. Ich weiß, dass es Leute gibt, die sie im Licht der enttäuschenden Disney-Fortsetzungen verklären und nun nachträglich als verkannte Meisterwerke hinstellen. Und ich weiß, dass es Menschen gibt, die diese Filme immer schon geliebt haben, auch in meinem Umfeld – fair enough. Ich selbst gehöre allerdings nicht dazu. Und offenbar auch nicht George Lucas‘ Exfrau Marcia, die für ihn einst den Urfilm Eine neue Hoffnung geschnitten hatte (und dadurch erst rettete) – und die nach dem Schauen von Episode I vor Enttäuschung in Tränen ausbrach.

Und so kommen wir nicht drum herum, hier kurz auf ein paar Dinge zu schimpfen. Auf George Lucas’ kreative Alleingänge etwa (früher musste er sich gegen Studios durchsetzen und wurde von befreundeten Partnern wie Gary Kurtz oder seiner Frau kritisch hinterfrag. Zudem schrieb er zu Das Imperium schlägt zurück und Die Rückkehr der Jedi-Ritter weder das Drehbuch, noch führte er dort Regie – nun war er eine Art Gott, der alles allein machte). Auf sein fahrig-überladenes Storytelling und die oft hölzern und blass gezeichneten neuen Helden. Auf übertrieben kindische Figuren wie Jar Jar „Du se stecken in großes Kacka“ Binks – parallel montiert zu stinklangweiligen Erwachsenen-Diskussionen über irgendwelche Handelsbarrieren. Auf einen Overkill an Greenscreen und unausgereiftem CGI, was die Filme heute wie schlecht gealterte Computerspiele wirken lässt. Auf den Verrat am würdigen alten Yoda, der nie von seiner Kraft lebte, nun aber ebenfalls pflichtschuldig zum Lichtschwertduell antreten musste und dabei wie ein zugekokster Flummi herumsprang. Auf die vielleicht schlimmsten Liebesdialoge der letzten zwanzig Jahre und eine Beziehung, die nie durch nachfühlbare Szenen bewiesen wurde – so dass die Beteiligten sie immer wieder selbst durch Aussprechen ihrer Gefühle behaupten mussten (was im Übrigen auch für die Freundschaft zwischen Anakin und Obi-Wan gilt). Auf die letztlich nur acht Minuten, die es dauerte, bis aus dem guten Jedi Anakin Skywalker der kaltblütig Kinder-mordende Darth Vader wurde.

Und so weiter …

Mit den Prequels lernte ich, dass Star Wars für mich das Äquivalent zu einem einst ruhmreichen Fußballverein ist, dessen letzte Erfolge man in der Kindheit halb mitbekam – bevor man als Erwachsener nur noch frustriert den qualitativen Abstieg mitverfolgen konnte. Doch Fan bleibt Fan: leidensfähig, trotzig, kindisch und stets von naiver, flüchtiger Hoffnung verführbar. Und so ließ ich mich auch gern mit jeder weiteren Episode erneut enttäuschen. Redete mir nach dem Kinobesuch ein, dass das eben Gesehene doch eigentlich ganz gut war – bevor ich dann innerlich zusammenbrach und mir eingestand, dass ich die Filme schlimm fand.

“Du se stecken in große Drehbuchprobleme!”

Dabei ist es ein Jammer, denn die Prequels boten neben der grandiosen Musik von John Williams so viele starke Einzelszenen und Ideen. Und die Geschichte selbst hatte alles, um die erste Trilogie zumindest aus Fansicht zu übertrumpfen. Ein im Kern potentiell düsteres Shakespeare-Drama, in dem fast nur die Negativismen siegen. Wir sehen den Untergang der Republik und der Jedi. Den Aufstieg des Imperators und der Sith. Den Fall von Anakin Skywalker, der sich vom unschuldigen Jungen zum vielleicht ikonischsten Bösewicht der jüngeren Popkultur entwickelt. Die tragische Liebesgeschichte zu Amidala und die zerbrochene Freundschaft zu Obi-Wan … Auf dem Papier konnte das eigentlich nicht in dieser Weise scheitern. Man hätte es halt nur erzählen – und vor allem zeigen müssen.

 

TEIL I: DIE PREQUELS – ADRIAN BROOKS CUT

Eines vorab: Ich finde, dass die Prequels – legt man die Fanbrille weg -, auch inhaltlich gravierende Probleme haben, die weit über die offensichtlichen Schwächen der Filme hinausgehen und die im ersten Moment nicht mal auffallen. George Lucas’ Ankündigung in den 1990er-Jahren, nun auch die Vorgeschichte der Saga zu erzählen, euphorisierte schließlich Millionen Anhänger auf der ganzen Welt, so dass sich manche Fragen gar nicht erst stellten. Ist man jedoch ehrlich, dann ist etwa Anakins Absturz – vom niedlichen Kind und jungen Posterhelden der ersten zweieinhalb Episoden zum kaltblütigen Mörder am Ende – kaum gut zu begründen, vielleicht in dieser bisherigen Figurenkonstellation nicht mal sinnvoll. Wieso sollte man so etwas im Rahmen einer popkulturell ikonischen, gerade auch von Kindern geliebten Reihe überhaupt so explizit zeigen? Natürlich wollten viele Fans damals sehen, wie das alles geschah, ich als Jugendlicher ebenfalls. Aber im Nachhinein fehlte mir die künstlerische Notwendigkeit, ebenso der philosophische Überbau der Trilogie (dazu später mehr).

Doch auch erzählerisch haben die Prequels einige Fans enttäuscht – und bieten gerade dadurch spannende Möglichkeiten für andere Handlungsverläufe. Ein Beispiel: Ich finde, wenn man schon die bisherige Story schildert, dann hätte Anakin bereits am Ende des zweiten Teils zumindest teilweise auf die Dunkle Seite wechseln müssen. Oder etwas getan haben müssen, dass unumkehrbar ist und als Twist und Cliffhänger bereits die Weichen für den dritten Teil gesetzt hätte. Überhaupt hätte man wohl vieles am Plot und den Figuren ändern müssen, um das Potenzial der Filme wirklich auszuschöpfen. Solche tieferen Einschnitte wären dann aber etwas völlig Neues geworden, und darum geht es mir hier nicht (es ist zudem auch schon teilweise versucht worden, etwa hier).

Stattdessen würde ich gern ein anderes Experiment wagen, viel simpler. Nicht die revolutionäre Lösung der Probleme, sondern ein neuer Cut. Wir würden also bei den bisherigen Figuren und groben Handlungsverläufen bleiben – abgesehen von vielleicht besserer, handgemachter Action und der Verbannung von Jar Jar ins filmische Outer Rim – und nur bei drei Punkten die erzählerische Herangehensweise ändern:

Erstens: Es wäre nicht immer nur mit Worten behauptet worden, dass Anakin Skywalker und Padmé Amidala sich so stark lieben. Sondern wir hätten die langsame Annäherung durch verschiedene Szenen glaubwürdig erzählt bekommen. Hätten dieses verbotene Paar dann vielleicht insgeheim angefeuert – und mit ihnen über drei Filme hinweg mitgelitten.

Zweitens: Das gleiche hätte für Anakins Freundschaft zu Obi-Wan Kenobi gegolten. Es hätte etwa im ersten Teil – wie von George Lucas sogar ursprünglich angedacht – (fast) keinen Qui-Gon Jinn gegeben. Stattdessen hätte Obi-Wan den ersten Film allein geschultert und die ganze Zeit selbst mit Anakin verbracht. Wäre ihm aber auch sonst näher gewesen, denn:

Drittens: Anakin wäre im ersten Teil kein kleines Kind gewesen, sondern bereits ein Jugendlicher – was die Gefahr noch nachvollziehbarer gemacht hätte, ihn zum Jedi auszubilden. Letzteres hätte sogar zwei Vorteile gehabt: Obi-Wan wäre in diesem Fall mehr eine Art älterer Bruder gewesen – der aber wegen des nun nicht mehr so großen Altersunterschied vielleicht noch mit seiner Rolle als Mentor ringt. Und man hätte bei Anakin nun einen Schauspieler für alle drei Filme nehmen können. Wir hätten immer nur diesen in der berühmten Rolle erlebt und ihn aufwachsen sehen, von zu Beginn des Drehs vielleicht vierzehn bis zu am Ende der Reihe zwanzig, ein bisschen wie in Boyhood.

Ausgehend davon, dass die Handlung, spektakuläre Action und Ereignisse also gleichgeblieben wären – jedoch weniger überladen und von fähigen Leuten überarbeitet und besser erzählt -, hätte sich im Charakterfach durch diese drei Punkte folgendes verändert (Dialogsätze und Szenen sind mal rough runtergetippt, müsste man alles natürlich polieren):

 

Episode I:

Die erste Episode hatte bisher keinen klaren Protagonisten, das würde sich nun direkt ändern. Es wäre nichts anderes als das Coming-of-Age von Obi-Wan Kenobi – vom zweifelnden Anfänger zum gereiften Helden. Wir hätten gleich zu Beginn des Films erlebt, wie er eine heikle Situation auf Coruscant übersteht, vielleicht durch seinen klugen Instinkt in letzter Sekunde ein Attentat auf einen Senator verhindert, das früh Rätsel aufgibt. Stecken die Sith dahinter?

Wir hätten auch gesehen, wie der noch sehr jung wirkende Obi-Wan im Tempel meditiert und trainiert, wie es sich anfühlt, in dieser Gemeinschaft zu leben und aufzuwachsen. Dies ist sein großer Tag, denn er wird endlich zum Jedi ernannt. Ist das nicht zu früh, denkt er selbst insgeheim? Im Training übt er verschiedene Schwerttechniken, geheimnisvolle Rituale, denen wir nun erstmals beiwohnen. Am Ende kämpft er auch gegen seinen scheidenden Meister Qui-Gon. Kleine Enttäuschung: Obi-Wan ist nicht schlecht im Lichtschwertduell, verliert aber jedes Mal. Doch Qui-Gon muntert ihn auf, als er hadert. Er schneidet ihm höchstselbst den Padawan-Zopf ab und sagt ihm, dass er an ihn glaube und dass mehr in ihm stecke als er selbst ahne. Dass er durch die Macht sogar spüre, dass sein ehemaliger Schüler zu etwas Großem bestimmt sei. „Ich habe das Gefühl, dass die Geschicke der Galaxis noch eng mit dir verbunden sein werden.” Obi-Wan freut sich über diesen unerwartet starken Zuspruch. Umso wichtiger, da er schon kurz nach seiner Ernennung zum Jedi auf seine erste Einzel-Mission nach Naboo geschickt wird. Ein Moment des Vertrauens in ihn, Yoda etwa war nicht restlos überzeugt: „Beweisen der junge Obi-Wan sich erst noch muss!”

Und beweisen will er sich.

Wir hätten Kenobi nun auf seiner Reise begleitet. Gesehen, wie er erst noch unbeholfen und schüchtern wirkt, auch etwas steif mit seinem gewählten Jedi-Vokabular – aber immer empathisch. Wir hätten mit ihm die Galaxis kennengelernt, den Respekt, den die Jedi damals noch genießen, und zugleich den Argwohn, etwa in Form von verächtlichen Blicken und Sprüchen. Obi-Wan hätte sich an seine neue, verantwortungsvollere Rolle erst gewöhnen müssen. Aber wir hätten auch erkannt, wie er allmählich in diese Position hineinwächst, ob bei Konflikten und diplomatischen Gesprächen mit Politikern. Oder auch, als er in Naboo bei einer spektakulären Actionszene auf Prinzessin Padmé Amidala trifft, die offenbar in großer Gefahr ist – und das Ziel der Separatisten, die sich mit der Republik anlegen. Er und die selbstbewusste jugendliche Politikerin, die sich von einem „Greenhorn” wie ihm keine Befehle für ihre Sicherheit und Evakuierung erteilen lassen will, hätten dabei direkt eine spannende Chemie gehabt und wären mehrmals aneinandergeraten. Hitzige Wortgefechte, niemand gibt nach.

Im Gegensatz zu den bisherigen Prequels würde sich der Film nun auch für Padmés Charakter mehr Zeit nehmen, sie würde durch verschiedenste Szenen viel stärker gezeichnet werden. Wir würden stets wissen, wie sie denkt, fühlt, will. Und wie schwierig es ist, schon als sechzehnjährige Prinzessin die Hoffnung des Planeten zu sein oder mit den widerspenstigen Gungans zu verhandeln. Anders als mit dem alten Qui-Gon Jinn würde sie aber bald einen echten Draht zum jungen Obi-Wan finden.

Denn beide erkennen irgendwann – trotz ihrer ständigen Diskussionen -, dass sie im Grunde in einer ähnlichen Lage sind. Padmé ist nervös, da sie schon sehr jung für ihr ganzes Volk verantwortlich und nun mit dem Leben bedroht ist, sie kompensiert es durch Sturheit und Entschlossenheit. Doch darunter blitzen auch schon der Mut und die Zähigkeit von Leia auf. Und auch Obi-Wan wirkt etwas zu verbissen. Denn er will den Rat und Qui-Gon auf seiner ersten Mission auf keinen Fall enttäuschen, die Prinzessin um jeden Preis beschützen und herausfinden, was in Naboo eigentlich vor sich geht.

Unterwegs im Hyperraum, als die Verfolger abgeschüttelt sind, sprechen er und Amidala sich schließlich aus. Beide haben in jungen Jahren Verantwortung übernommen und wissen, dass man dafür immer einen Preis zahlt. Aber gerade deshalb verstehen sie eben auch, wie der/die andere fühlt, und realisieren endgültig: Keine „Erwachsenen” haben hier das Sagen, sondern sie beide als Youngster. In diesem Gespräch blitzen abseits des Protokolls endlich ihre wahren Persönlichkeiten auf und wir erleben schöne, kurze Momente zwischen beiden, die zeigen: die werden vielleicht sogar mal richtig gute Freunde.

Der kleine Unterschied: Bei der Originaltrilogie gab es echte Sets, echte Modelle und viele handgemachte Effekte, hing an fast jeder Szene das Gewicht der Realität. Bei den Prequels spielten die Schauspieler:innen die meiste Zeit in sterilen grünen Kulissen. Man ging damals bei den Computereffekten all-in, obwohl sie längst noch nicht ausgereift waren. Star Wars brachte die CGI-Technik dadurch entschieden voran – aber vielleicht auch auf Kosten von Star Wars.

Wie bisher würden Amidala und Obi-Wan auf der Flucht auf dem Planeten Tatooine stranden – und dort auf den Sklavenjungen Anakin Skywalker treffen. Da wir keinen Qui-Gon dabei haben, nutzen wir die gewonnene Screentime, um stattdessen zu zeigen, wie sich unsere drei zukünftigen Hauptfiguren nach und nach kennenlernen. Durch die Augen von Kenobi etwa hätten wir gesehen, dass Anakin von Anfang an ein gutmütiger, aber mit allen Abwassern gewaschener Tatooine-Teenager gewesen wäre. Kurz vor oder nach dem Stimmbruch. Ein Draufgänger und notfalls bei Hunger auch ein Dieb, immer ein Spruch auf den Lippen, aber das Herz eindeutig an der richtigen Stelle. Ein Sklave, der von der Ferne träumt, für seine Freunde alles tut und vor Begeisterung manchmal etwas übermütig wird. Mädchen gegenüber in Wahrheit noch sehr unsicher ist und an seiner Mutter hängt. Mehr, als noch gut für ihn sein wird.

Wir hätten – von den besten Drehbuchautor*innen, die wir kriegen können – zwischen ihm und dem nun nur noch wenige Jahre älteren Obi-Wan starke Dialoge gesehen, und witzige, liebevoll geschilderte kleine Momente, Blicke und Gesten. Denn wir hätten ja nun nicht mehr nur Anakins Charakter und Geschichte erfahren, sondern auch Obi-Wans Charakter wäre durch den Kontrast noch einmal sichtbarer geworden. Wir hätten begriffen, dass es einsam machen muss, wenn man als Jedikind früh von seiner Familie getrennt wird und kaum Freunde hat – und dass Obi-Wan sich deshalb insgeheim freut, schon auf seiner ersten richtigen Mission mit Anakin jemanden zu finden, der ihn auch mal auf die Schippe nimmt, ihn aber auch braucht. Und natürlich hätte es auch Streitpotenzial für später gegeben, etwa wenn Anakin älter wird und in der Pubertät gegen den immer etwas besserwisserischen, regelkonformen „älteren Bruder“ rebelliert, weil er sich nichts mehr sagen lassen will. Weil er die Welt wirklich kennt und Obi-Wan nur die Theorie und seine Jedi-Regeln.

Da Anakin im neuen ersten Film schon vierzehn Jahre alt wäre, hätte man nun auch zeigen können, dass er sich sofort in die nur noch zwei Jahre ältere Amidala schockverliebt hätte. Er, der Straßenjunge, und sie, die elitäre Prinzessin. Wir hätten gesehen, wie er sich für seine Armut schämt und schnell sein Zimmer aufräumt, bevor sie kommt. Wir er, der doch sonst gern mal einen Spruch macht, beim gemeinsamen Essen bei seiner Mutter dann kein Wort mehr rausbringt und dummes Zeug stottert, dass ihm dann sichtbar peinlich ist. Wie er im Podrennen im entscheidenden Moment an sie denkt und doch noch gewinnt.

Dieser Sieg hätte auch sein Schicksal entschieden. Während er dadurch seine Freiheit erlangt, wird seine Mutter jedoch Sklavin bleiben. Er muss sie zurücklassen, das ist der Preis. Da Anakin kein Kind mehr ist, hätten wir nun einen schönen Wortwechsel mit ihr gesehen, der uns auch ein bisschen das Herz bricht. Weil wir seine selbstlose Liebe spüren, und dass er fast alles für sie aufgeben würde. Aber auch, weil seine Mutter längst ahnt, dass er sich ein wenig in Padmé verliebt hat und ihm ein paar Tipps gibt.

Später, vor dem nächtlichen Aufbruch, sehen wir dann tatsächlich auch ein erstes persönliches Gespräch zwischen Anakin und Amidala – die Schlüsselszene der beiden im Film. Er und Padmé sitzen auf dem Dach der ärmlichen Skywalker-Hütte und schauen auf die zwei Tatooine-Monde. Zwei Teenager, alterstechnisch nur von der Pubertät getrennt. Ihr erster naher Moment, in dem sie ihm etwas Privates erzählt und er sich ihr ebenfalls anvertraut; hin- und hergerissen zwischen der Vorfreude auf die Zukunft und allem, was er zurücklassen muss. Sie scheint ihn zu verstehen. Das Universum ist groß, er ist zum ersten Mal frei – und hat Machtfähigkeiten, die nicht durch irgendeine wahllose Midi-Chlorianer-Anzahl behauptet werden, sondern die uns zunehmend verblüffen. Denn „Show, don’t tell” gilt für Romane, aber natürlich noch mehr für Filme. Wir sehen Anakins Macht also in verschiedenen Beispielen und denken uns: „Wow, das konnte Luke so nicht, auch nicht Obi-Wan“ – Der ebenfalls nur staunend zusieht und bald die fixe Idee hat, dass dieser Junge der Auserwählte sein könnte.

Apropos: Ich bin nicht unbedingt ein Fan der Idee von George Lucas, dass es eine Prophezeiung gibt, denn was bedeutet „Der Auserwählte” am Ende? Dass Darth Vader den Imperator in den Reaktorschacht hinabwirft – and that’s it? Aber ich würde es mal lassen, um nicht zu viel zu verändern. Wichtige Änderung stattdessen: Während Anakin bisher eine Art Jesus-Backstory mit unbefleckter Empfängnis hatte, wäre es nun anders. Die Macht hat sich Anakin offenbar aus dem Nichts ausgesucht, denn seine liebevolle Mutter hat sie nicht, aber auch nicht sein Vater – der nicht wie bisher, nun ja, eben Gott oder so war, sondern eine real existierende Person.

Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Grundsätzlich fand ich es gut, dass Anakins Fall aus sich selbst heraus entstand, dass die Dunkle Seite ihm nicht durch etwa einen streitsüchtigen, jähzornigen, alkoholsüchtigen Vater schon vorgegeben war, denn was sollte uns das auch erzählen? Dass alle Kinder mit schwierigem Elternteil später potenziell Darth Vader werden? Das hätte man höchstens machen können, wenn Anakin noch einen Bruder gehabt hätte, der dann ganz anders geworden wäre. Trotzdem wäre ein Konflikt an dieser Stelle nicht schlecht. Anakins Vater könnte zum Beispiel ein interstellarer Händler namens Clieg Bannon sein, der auf einer Reise nach Tatooine etwas mit Anakins Mutter anfing und dann weiterfuhr, ohne etwas von seinem Kind zu wissen. Oder: Ohne seine eigentliche Familie dafür zu verlassen. Eine Wunde. Clieg Bannon starb dann früh bei einer Schießerei, eventuell mit Tusken, die ihn ausrauben wollten oder sich von ihm betrogen fühlten. Deshalb gibt es von Anfang an diese Lücke bei Anakin, der sich auch dadurch an Obi-Wan oder Palpatine hängen wird (und es passt zudem zur ewigen Väterthematik der Reihe, die später bei Luke oder bei den Sequels mit Ben Solo und Han aufgegriffen wurde).

Shmi Skywalker mit Anakin – bisher das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Hier vermisst man den Einfluss des philosophisch-theologisch bewanderten Produzenten Gary Kurtz, der auch schon bei der Ur-Trilogie dafür sorgte, dass die Macht sich nicht – wie mal von George Lucas geplant – aus einem Kristall speiste.

Trotz der neuen Szenen mit Anakin und Amidala wäre es weiterhin Obi-Wans Film. Wir hätten alles durch seine Augen betrachtet, etwa den rätselhaften Naboo-Konflikt und seine Suche nach dem wahren Motiv der Angriffe auf Padmé. Oder sein Ringen, ob er Anakin wirklich zum Jedi-Rat nach Coruscant mitnehmen soll, wo er doch selbst noch jung und unerfahren ist und nicht weiß, ob er das überhaupt darf. In der Mitte des Films – während im Hintergrund die nun eleganter erzählte Intrige von Palpatine im Senat anläuft – wäre er dann unerwartet zum ersten Mal auf Darth Maul getroffen. Allerdings hätte er keine Chance gehabt, wie schon nicht in den Duellen mit seinem Meister Qui-Gon zu Beginn des Films. Nur mit größter Not hätte er fliehen können und würde das Auftauchen des Sith dem Jedi-Rat melden, der Hilfe verspricht. Kenobi hätte danach an sich gezweifelt und das Gefühl gehabt, alle Erwartungen zu enttäuschen. Keine guten Aussichten also für das Finale …

In diesem würde der alberne Kampf von Jar Jar Binks und den Gungans gegen die Droidenarmee entfallen, die spektakuläre Weltraumschlacht wäre ebenfalls mehr ein spannender Nebenkriegsplatz. Die entscheidenden Orte dagegen sind einerseits der Palast, wo die Politiker von Naboo von Separatisten und ihrer Droidenarmee inzwischen gefangen gehalten werden und unter Folter ihre Kapitulation unterzeichnen sollen. Und zum anderen der von ihnen ebenfalls gekaperte Reaktorraum und Stützpunkt, von dem aus man mit einer Ionen-Kanone in den Weltraum feuern und das Schutzschild des gigantischen Separatistenschiffs zerstören kann, so dass es endlich angreifbar ist. Diese wichtige Waffe wird auch von Darth Maul bewacht, der darauf zählen kann, dass die beiden Jedi zu ihm kommen werden.

Denn: Vorhang auf für doch noch Qui-Gon Jinn – jetzt aber als klare Nebenrolle. Wir sahen ihn kurz am Anfang und zwischendurch als Hologramm, nun stößt er richtig dazu. Obi-Wans alter Meister wurde vom Jedi-Rat geschickt, seit klar ist, dass sie es tatsächlich mit einem gefährlichen Sith zu tun haben. Dieser neue Qui-Gon hat nur noch wenig Screenzeit, ist aber sofort ein charismatischer Anführer, ein Rebell, eine Legende. Immer ein Outlaw unter den Jedi, aber nun mal ihr bester Schwertkämpfer, der noch nie verlor. Ideal für diese Mission.

Wir sehen erneut: Obi-Wan vergöttert seinen alten Mentor und ist erleichtert, und auch wir mögen diesen Typen, der ungefähr tausendmal cooler ist als sein ehemaliger Padawan. Als er jedoch den ihn gutmütig grüßenden Anakin sieht, stutzt er und wirkt plötzlich verhalten. Später fragt Obi-Wan, was gewesen wäre. Qui-Gon murmelt, er glaube nicht, dass jemand in Anakins Alter zum Jedi ausgebildet werden sollte. Zudem wäre es nicht die immense Macht des Jungen, die ihn irritiert hätte, sondern eher das Aufflackern von etwas Dunklerem darunter. Er könne sich auch irren, aber er habe etwas gespürt. Obi-Wan sagt, er spüre da nichts. Nur, dass dieser Junge irgendwann die Macht ins Gleichgewicht bringen könnte und der Auserwählte sei.

Zum ersten Mal sehen wir Anakin in diesem Zwielicht. Er selbst bleibt auf Wunsch von Qui-Gon und Obi-Wan bei einem Raumschiff abseits der Stadt – zu jung, um mitzukämpfen. Er will es nicht wahrhaben. „Ihr braucht mich“, sagt er zu Amidala, die mit einem Trupp Soldaten die Politiker im Palast befreien will. „Was ist, wenn dir was passiert?“ Keine Chance. Auch, dass Qui-Gon ihn vorhin so komisch betrachtete, hat er mitbekommen. Dieser alte Jedi wirkt arrogant und herablassend auf ihn … sind die etwa alle so?

Missmutig sieht er Amidala hinterher. Er hat Angst um sie. Ist sauer, dass man ihm nicht vertraut, und zudem noch immer aufgewühlt vom Abschied mit seiner Mutter. Das Warten allein im Raumschiff bringt ihn allmählich um, und schließlich hat er zum ersten Mal einen Wutanfall, der nicht zu seinem bisherigen Wesen zu passen scheint und auch nicht Jedi-like ist. Er schmeißt Dinge umher, ist sich sicher, dass Padmé etwas passieren wird. In einer Szene, die wir später in Episode III ähnlich, aber stärker erleben werden (und die dann seinen Fall auf die Dunkle Seite beschließen wird), schaut er zum fernen Palast und ringt mit sich. Dann greift er sich einen Blaster, setzt sich auf einen Gleiter und macht sich entgegen der Abmachung auf den Weg. Seine Wut gibt ihm Entschlossenheit und Kraft, mit irrster Geschwindigkeit rast er durch Naboos Straßen.

So vielleicht, nur in den engen Gassen der Stadt …

Die Situation im Weltraum dagegen ist unverändert: Der Schild der Separatisten muss durch die Ionen-Kanone vom Boden aus zerstört werden, die Feuerkraft der kleinen Naboo-Raumschiffe reicht nicht aus. Im zweigeteilten Finale erleben wir nun, wie der noch etwas grüne Obi-Wan und der mächtige Qui-Gon mit Darth Maul kämpfen, der letzteren jedoch töten kann. Als Obi-Wan seinen Mentor und Held sterben sieht, verliert er seine ewigen Zweifel und greift wie bisher mit dem Mut der Verzweiflung an  … // Und wir sehen, wie die Gruppe um Padmé bei der Erstürmung des Palasts zu scheitern droht. Sie gibt entschlossene Kommandos und hat einen klugen Plan, aber die Gegner scheinen ihn geahnt zu haben (oder gab es einen Verräter, der alles im Hintergrund inszenierte?) und sind in der Überzahl. Am Ende richtet einer seine Waffe auf sie …

In diesem Moment greift Anakin wütend und entschlossen ein. Anders als bisher ist er im Finale kein vorlautes Kind mehr im Cockpit, sondern ein verbissener jugendlicher Draufgänger auf den Straßen Naboos. Er wird verletzt, bewährt sich aber mit seinen noch unausgereiften Machtfähigkeiten und seinem Mut. Tatsächlich hilft er Amidalas Gruppe so entscheidend und merkt dabei gar nicht, wie beeindruckt sie ist. Seite an Seite stürmen sie voran durch den Palast. Als sie auf eine erneute Übermacht treffen, kommen auch die Gungans überraschend hinzu. Gemeinsam besiegen sie schließlich die feindliche Armee und befreien ihre Leute, die Kapitulation wird nicht unterzeichnet. In diesem letzten Kampf ist es nun Anakin, der von Amidala durch einen Schuss vor dem sicheren Tod gerettet wird und sie verblüfft und dankbar ansieht.

“Unser” einst unerfahrener, zweifelnder Obi-Wan dagegen tötet – vermeintlich – in einem mitreißenden Kampf durch einen Trick den überlegenen Darth Maul und aktiviert die Kanone im Reaktor gerade noch rechtzeitig. Im Weltall sehen wir, wie das große Schiff der Separatisten nun angegriffen werden kann und explodiert. Obi-Wan rennt erschöpft zum toten Qui-Gon und umarmt ihn. Sein alter Meister hatte ihm zurecht vertraut, er ist tatsächlich über sich hinausgewachsen. Zurück in Coruscant wird Kenobi vom Jedi-Rat ausdrücklich gelobt – und erhält sogar seinen ersten Padawan-Schüler, als einer der jüngsten Jedi in der Geschichte des Ordens.

Denn nach einer lebhaften Debatte darf der sich ebenfalls als Held bewährte Anakin zum Jedi ausgebildet werden. Zwar machen sich alle Sorgen, dass er viel zu alt ist, aber angesichts des beunruhigenden Auftauchens der Sith hatten gleich mehrere Meister dafür plädiert, dass sie ebenfalls in ihm den möglichen Auserwählten spüren, der die Macht ins Gleichgewicht bringen könne. Es wäre ein Risiko, aber diese Chance könnten sie unter den momentanen Umständen einfach nicht ungenutzt lassen. Es folgt eine Abstimmung. Nur hauchdünn wird er als Padawan akzeptiert, Yoda und Mace Windu etwa waren dagegen. Anakin – der genau mitbekommen hat, wer gegen ihn war – und Obi-Wan dagegen sehen sich lächelnd an, als das Ergebnis feststeht. Nun nicht mehr zwei unverhoffte Freunde, sondern Meister und Schüler. Was soll da schon schiefgehen?

 

Episode II:

Es ist schwer zu sagen, wie viel Zeit im alten Episode II insgesamt verging, aber ich würde mal sagen: zwei, maximal drei Monate. Bisher ging die Geschichte dort so, dass Anakin und Amidala sich zehn Jahre nicht sahen, dann zusammen diese paar Wochen verbringen – und am Ende steht schon die Heirat. Anakin ist auch dort sofort in sie verliebt, was allein schon deshalb schwierig wird, weil er im ersten Teil noch ein kleines Kind war und dadurch bisher deutlich jünger als sie war. Umso wichtiger also, wie er sich in der kurzen Zeit der Filmhandlung ihr gegenüber verhält und präsentiert, wenn sie ihn am Ende bereits heiraten soll.

Leider gibt es bisher jedoch kaum schöne Szenen zwischen beiden. Ein paar Mal ist Anakin offen und sensibel, er ist auch mutig und will sie beschützen. Aber wirklich beindruckend ist er nicht. Statt erstaunlich frühreif und empathisch zu wirken, meckert er in einem fort über Obi-Wan und wirkt dabei wie ein kleines, verzogenes Kind. Zudem unterbricht er sie immer wieder und wirft ihr ständig creepy Blicke zu (Padmé: “Please don’t look at me like that.” Anakin: “Why not?” Padmé: “Because it makes me feel uncomfortable.” Anakin: “Sorry my lady.” – gefolgt von diesem Blick). Doch damit nicht genug, erklärt er ihr gegenüber auch freimütig, mehr oder weniger ein Anhänger der Diktatur zu sein – vielleicht nicht ganz ideal, da Amidala im interstellaren Parship ja nicht „unpolitisch“ angekreuzt hat, sondern Senatorin ist. Am Unglaublichsten ist aber die Stelle mit den Sandleuten; den Tusken.

George Lucas litt bei der Arbeit an den Prequels nachweislich an Schreibblockaden und war unter dem Druck der Fertigstellung zeitweise wie gelähmt. Trotzdem gibt es in Episode II einen etwa zwanzigminütigen Block, der an der richtigen Stelle dieser Trilogie kommt: Wie Anakin den Tod seiner geliebten Mutter rächt und die Sandleute umbringt. Diese Szenen bilden die Mitte der Mitte von drei Filmen, von da an hätte es mit ihm bergab gehen und sein Fall auf die Dunkle Seite bereits beginnen müssen, um nicht im dritten Teil überstürzt aus dem Nichts zu kommen. Das Problem ist nur, dass diese schockierende Sequenz bisher ohne Konsequenz bleibt. Anakin veränderte sich durch das Massaker an den Tusken nicht wirklich, auch nicht die Menschen um ihn herum. Und als er Amidala in einem Teenagerhaften Ausraster beichtet, dass er sogar die unschuldigen Kinder abgeschlachtet hat, passiert danach: nichts …

Man kennt es vielleicht aus dem wirklichen Leben: beide daten erst maximal zwei Monate und sind in der Flirtphase, er bekennt sich nebenbei zum Faschismus und sagt: „Und dann schlachtete ich sie alle ab, auch die Frauen, die Kinder“, sie fährt ihm dafür verständnisvoll über den Arm und heiratet ihn kurz darauf …

Die Frage ist also, wenn man die Prequels schon nicht komplett umschreiben möchte: Was wäre, wenn man diese Sequenz und Anakins Tat zumindest mit echten Konsequenzen versieht, die im dritten Teil noch eine größere Rolle spielen?

In diesem Fall hätten wir unseren Anakin – also den Neuen, der im ersten Teil schon vierzehn war und nun siebzehn oder besser achtzehn ist –, am Anfang zum ersten Mal seit Ewigkeiten auf Padmé Amidala treffen lassen. Wir erinnern uns noch an die schöne Unterhaltung mit ihr auf dem Dach der Skywalkerhütte und sehen, dass seine Liebe seitdem nie erloschen ist, sondern ihn jetzt sogar heftiger denn je trifft. Für einen Jedi nie gut. Im neuen ersten Teil wirkten die zwei Jahre Altersunterschied noch viel, weil da die Pubertät zwischen ihnen stand. Jetzt ist er noch immer jünger, aber es fällt nicht mehr so ins Gewicht, denn durch sein turbulentes Leben wirkt er früh gereift, empfindsam, mutig und wie schon im ersten Teil nie um einen guten Spruch verlegen.

Auch dieser Film würde mit einem gescheiterten Attentat auf Amidala beginnen. Sie soll eine Rede im Senat halten – von der sie sich trotz der Gefahr nicht abbringen lässt. Es geht um die Frage, ob Palpatine mehr Macht bekommen und Imperator werden soll, und sie ist entschieden dagegen. Und wie gut diese Rede nun ist: Eine mitreißende Hymne über die gefährdete, geduldige Demokratie und eine brillante Abrechnung mit den Lügen und allzu einfachen Versprechungen des Faschismus und von autokratischen Herrschern. Sie erinnert dabei durch ihr Charisma, ihre Klugheit und ihr beherztes Auftreten an Leia. Ihr Plädoyer wäre jedoch auch deshalb so wichtig, weil die drei Filme den Fall von Anakin zeigen werden, der leider anfällig für genau solche populistische Verführungen ist und sich spätestens im dritten Teil radikalisiert. Da wir mit ihm als Hauptfigur also zwangsläufig vieles durch seine verdrehte Sicht sehen werden, haben die Prequels eine besondere Verantwortung. Denn natürlich wird das alles am Ende entlarvt und er auch buchstäblich zum mordenden Monster, genau wie der verstümmelte Imperator. Doch zugleich hängen beide als Popkultur-Ikonen in vielen Kinderzimmern, und ich finde, man hätte den Gefahren von Diktatur und faschistoiden Systemen deshalb auch verbal deutlich stärker entgegentreten können als bisher.

Padmé findet jedenfalls nun die richtigen Worte, kommt dadurch auch als Figur viel mehr heraus. Aber auch über ihr schwieriges Leben als Politikerin erfahren wir mehr; etwa durch Szenen aus ihrer Perspektive, wenn sie in der einsamen Leere ihres Anwesens sitzt und niemanden hat, dem sie vertrauen kann. Als sie Anakin das erste Mal wiedersieht, staunt sie darüber, wie erwachsen er wurde. Doch es ist nicht nur sein Aussehen, das sie beeindruckt, es ist vor allem sein Auftreten, das nichts mehr mit dem pubertierenden Teenager aus dem ersten Teil zu tun hat. Sie sind auf Augenhöhe.

Nach dem Attentatsversuch auf sie und einer gemeinsamen Mission mit Obi-Wan (die Suche nach dem Motiv und dem Attentäter) ist Anakin nun bis zu einer wichtigen Abstimmung als Jedi zu ihrem Schutz unterstellt. Hier könnte man einige Sets aus dem bisherigen Film behalten, etwa das nächtliche, aber noch heruntergekommenere, in echten Locations gefilmte Coruscant abseits der Hochglanz-Prachtstraßen. Oder die ebenfalls mit echten Sets gefilmte Mission von Obi-Wan, der auf die Klonarmee stößt. Entscheidend aber ist vor allem, dass sämtliche Szenen tiefer geschrieben sind.

Wenn Anakin auf Amidala trifft, lädt das den nicht gerade blinden Obi-Wan doch ein, darüber eine Bemerkung zu machen; etwa, ob das vom Jedi Rat wirklich eine so gescheite Idee ist, ausgerechnet die beiden zusammen zu bringen. Oder er zieht seinen ehemaligen Padawan schlicht ein wenig auf. Überhaupt hat sich die Dynamik zwischen ihm und seinem Schüler verändert. Anakin ist seit der Pubertät größer und durch die ihm offenbar mühelos zufliegenden Kräfte auch selbstbewusster geworden, vielleicht etwas zu sehr. Er begehrt auf, ist kein Kind mehr. Und überhaupt: So viel älter ist Obi-Wan doch gar nicht, auch nicht der begabte Auserwählte, trotzdem gibt er ihm als Meister ständig weiter den Ton vor – dabei kennt er das echte Leben nicht mal, sondern nur seine Jedi-Lehren …

Und genauso sieht Obi-Wan mit Argwohn, dass Anakin trotz erstaunlich reifen Momenten auch wie Ikarus immer ein wenig zu nah an die Sonne will. Er war kein normaler Podracer auf Tatooine, sondern nach eigenen Ausgaben der schnellste. Er reizt auch jetzt am Steuer oder im Kampf immer alles aus, genießt es, dass er als Jedi-Padawan geachtet und kein Sklavenjunge mehr ist. Anders als in den bisherigen Filmen ist er dabei allerdings nicht nervig, creepy oder kindisch, sondern eher ein charmant aufschneidender Draufgänger. Man lässt es ihm nun eher durchgehen, weil man nicht weiß, ob es ernst oder doch nur als Spaß gemeint ist. Irgendwann sagt er in seinem jugendlichen Übermut, dass er nicht irgendein Jedi-Meister werden wolle, sondern der mächtigste. „Du weißt schon, dass es nicht darum geht”, erwidert Obi-Wan. „Es geht um Demut, Ani, um Bescheidenheit, darum, der Galaxis zu dienen. Alles andere ist für einen Jedi gefährlich, mein noch sehr junger Padawan.” Anakin nickt, rollt aber innerlich mit den Augen. Es entsteht eine Art klassischer Bruderkonflikt zwischen dem Jüngeren, der eine neue Rolle will, und dem gar nicht so viel Älteren, der sie ihm verwehrt. Aber wir spüren trotz allem in vielen kleinen Momenten oder Gesprächen, wie sehr sie sich kennen und mögen.

Und vor allem zwischen Anakin und Padmé brauchen wir dringend Szenen, in denen sie sich glaubhaft nahekommen, in denen sie sich ohne es zu wollen auch in ihn verliebt. Und zwar aufgrund von nun gezeigten und neuen, stark geschriebenen Momenten und Dialogen, in denen sie (und wir mit ihr) Anakin als guten, gewitzten Menschen erlebt, der sich abseits von seiner frechen Art kümmert, an seinem „Bruder“ Obi-Wan hängt, für das Richtige kämpft und seine Mutter liebt. Seine wahre Arroganz und die weiterhin ab und zu auftretenden Aussetzer (wie nun schon im ersten Teil gesehen) hätte Anakin dagegen streng für sich behalten, die bekommen nur wir Zuschauenden mit – ganz wichtig. Denn er hätte ja viel zu große Angst, Padmé zu verlieren, jetzt, wo er vielleicht eine Chance hat und ihr nähergekommen ist.

Man stelle sich vor, all diese Szenen wären nicht am Computer und mit heute billig wirkendem, unausgereiften CGI entstanden, sondern mit echten Schauspieler*innen gedreht worden. Eine Kritik, die auch im “Pitch Meeting” zur Sprache kommt.

Seine Mutter hat Anakin jahrelang nicht mehr gesehen – so wollte es der Rat. Zu enge Bindungen sind für Jedi gefährlich, frei nach Yoda: Liebe führt zu Angst. Angst führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Und Hass, das ist die Dunkle Seite. Er hat es schweren Herzens akzeptiert, auch wenn er sie vermisst. Der Schutz der Politikerin Padmé Amidala ist jedenfalls seine erste große Prüfung als junger Jedi. Ein Privileg, er schwankt noch zwischen Übermut und Aufregung. „Du wirst das gut machen“, muntert Obi-Wan ihn noch auf, bevor er sich selbst auf seine Suche nach den Geheimnissen der Klonarmee macht – und sich ihre Wege bis zum Finale trennen.

Um Amidala bis zur Abstimmung auf Alderaan (soll Kanzler Palpatine im Kampf gegen die Separatisten mehr Rechte bekommen und eine Art Imperator werden?) zu schützen, reisen sie und Anakin als arme Leute getarnt in ramponierten Güterschiffen durch die Galaxis und tauchen unter. Und natürlich verstecken sie sich schlussendlich nicht auf ihrem Heimat- und Kitschplaneten Naboo, wo man sie erwarten könnte, sondern in einer anderen, dreckigeren und bisher ungesehenen Welt. Einer, in der Anakin auffällt, wie wenig die elitären Jedi hier bedeuten, wie entfremdet der Rat um Yoda ist.

Statt sich nun wie bisher auf einer malerischen Wiese mal eben als Fan der Diktatur zu outen, würde Anakin vielleicht zuerst Padmé fragen, wieso sie so vehement dagegen wäre, dass Palpatine diese Macht als Imperator erhalte. Sie würde es ihm erklären und fragen, wie er das sehe. Und er könnte antworten, dass er die Demokratie wichtig fände, aber man sich ausgiebige Diskussionen nicht immer leisten könne. Irritiert fragt sie, wie er das meine. Und er erzählt, dass es damals unter den Sklaven auf Tatooine oft rau zuging, viele Aufstände und Streits mit Toten gab. Ältere und Stärkere hätten den Jüngeren und Schwachen das Essen weggenommen – bis Jabba einen neuen, jungen Typen installiert habe namens Vader (um mal etwas zu wagen und den Namen nicht wie bisher komplett aus dem Nichts kommen zu lassen). Alle hätten diesen Vader gehasst, weil er harte Methoden gehabt habe. Nur er wäre damals der Einzige gewesen, der ihn zumindest ein wenig verstanden habe. Der gesehen habe, dass dieser neue Assistent in Wahrheit gerecht sein wollte, dass es unter ihm zu keinen Aufständen mehr gekommen wäre – und vor allem alle genug zu essen gehabt hätten. Es ist krudes Gerede, hier sehen wir ebenfalls schon seinen ideologischen Ansatz für Darth Vader, aber eben etwas subtiler. Amidala reagiert empört: „Tut mir leid, Ani, aber du bringst zwei Dinge zusammen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben”, sagt sie. „Und wenn man das zu Ende denkt, landet man bei einer Diktatur. Willst du das?” Er sieht ihren zweifelnden Blick und wiegelt sofort ab, das wäre falsch rübergekommen, er wolle ja auch nicht in einer Diktatur leben. Erzählt dann eine rührende Szene mit seiner Mutter, die ebenfalls Sklavin war. Und überhaupt, er sei stolz, ein Jedi zu werden, aber sie seien eben privilegiert und nicht das ganze Bild, verstünden vielleicht nicht alles. Nicht mal Obi-Wan, obwohl der für ihn wie ein Bruder sei.

Auf dieser neuen Welt sehen wir jedenfalls bitterarme Aliens und Menschen, denen niemand hilft, die aber das Beste daraus machen. Der unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsene Anakin fühlt sich erstaunlich heimisch und beeindruckt Amidala damit, wie gut er hier zurechtkommt und etwa nicht auf einen Hehler hereinfällt oder für sie eine besonders schöne Unterkunft organisiert. Unter diesen einfachen, herzlichen Leuten taut aber auch die sonst strenge Padmé immer mehr auf, lässt sich mitreißen. Ob in einer versifften Casino-Bar oder einer Totenfeier, in der die ganze Straße geschmückt ist und alle tanzen; sie kommen sich immer näher.

Doch nach einem besonders schönen Abend hat Anakin erstmals Träume von seiner Mutter. Sie ist in großer Gefahr, er spürt es. Er würde sie retten wollen, aber Obi-Wan sagt in einem Hologramm von unterwegs, dass sie als Jedi immer erst ihre gegenwärtige Aufgabe erfüllen müssten. Sie debattieren lebhaft. „Wieso konntest nicht du auf sie aufpassen?“, fragt Anakin, der durch seine Angst seine frühreife Fassade verliert und einen Moment kindlich und unbeherrscht wirkt. Obi-Wan beruhigt ihn. „Es ist das Richtige, Ani!“ Er sieht es ein, bleibt einen weiteren Tag und bringt Amidala wie abgemacht zur Abstimmung nach Alderaan. Danach reist er sofort nach Tatooine.

Zu spät.

Seine Mutter wurde von Sandleuten entführt. Als Anakin aufgewühlt in einer Cantina wissen will, wo, wird ihm ein Mann genannt, der es weiß. Aber statt ihm die Information zu geben, sagt der angetrunkene Typ nur: „Warte mal, bist du nicht der Bastard von Clieg Bannon?“ Er erzählt von Anakins Vater, Geschichten über seinen angeblich miesen Charakter. Unklar, ob es stimmt oder nur besoffenes Geschwätz ist, es ist auch nicht entscheidend. Wichtig ist, dass er verächtliche Sprüche über Bannon und seinen Sohn macht, statt zu sagen, wo sich das Lager der Sandleute befindet. Anakin bringt das zur Weißglut, und als noch ein Spruch kommt, legt sich in seinem Kopf ein Schalter um. Zum ersten Mal in seinem Leben würgt er – wie später als Darth Vader – jemanden mit der Macht, um an die Information zu kommen. Eine krasse Szene, so haben wir ihn noch nie erlebt. Auch er ist erschrocken über sich, hört schnell wieder auf. Dann sucht er seine Mutter. Doch er kommt zu spät, sie ist gerade gestorben, gefoltert und ermordet von den Sandleuten …

Alles bricht nun auf, seine Sicht verschwimmt. Er kann sich nicht mehr bremsen, dreht vollends durch, gerät zum ersten Mal wirklich auf die Dunkle Seite. Er fühlt sich stark wie nie zuvor und genießt es zu seinem Schrecken innerlich sogar. Tötet nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die Kinder – aber er erzählt es niemandem. Nicht Obi-Wan, nicht dem Rat, und schon gar nicht Padmé, die sich sonst sicher abwenden würde. Von seiner Tat wissen stattdessen nur WIR und sind geschockt, wie er schon kurz darauf wieder liebevoll/gutmütig bzw. nach dem Tod seiner Mutter traurig und aufgewühlt wirkt – und Amidala nichts ahnt. „Oh Nein“, hätten wir da vielleicht gedacht. „Hoffentlich geht das gut.“

Denn anders als bisher hat die Tat ernsthafte Konsequenzen. Anakin wirkt verdüstert, es fällt ihm schwerer, sich zu beherrschen. Vor anderen reißt er sich zusammen, aber wenn er allein ist, bricht es immer wieder durch. Er hat an die Dunkle Seite angedockt, und gerade in emotionalen Momenten und Kampfhandlungen hört und spürt er sie zunehmend, wie ein dunkles Rauschen und Flüstern in seinem Innern, das immer lauter wird. Obi-Wan ist weit weg und kriegt nichts mit, hätte aber zwischendurch gestutzt, als er – es gab diplomatische Unruhen – von dem Gemetzel an den Sandleuten auf Tatooine erfährt; nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und die Kinder. Was ihn besonders aufmerksam macht: es war laut Bericht kein Angriff mit Blastern, sondern einer anderen Waffe, und Anakin war dort, das weiß er. Doch er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sein langjähriger Freund so etwas tun würde.

Am Ende des zweiten Teils dann, im Getöse um die (nicht billig computeranimierte, sondern mit echten Schauspielern gefilmte) gigantische Klonarmee, würden Anakin und Obi-Wan wieder zusammentreffen und gemeinsam versuchen, Kanzler Palpatine zu retten. Denn dieser wurde kurz vor der Abstimmung vom offenbar zurückgekehrten Darth Maul entführt – während parallel dazu eine gigantische Separatistenarmee den Planeten Alderaan angreift. Einmal mehr sehen wir, wie gut Obi-Wan und Anakin sich inzwischen verstehen. Hier der junge Hitzkopf, dort der besonnene, erfahrene Ältere, beide unterschiedlich begabt. Ob als Piloten oder mit den Lichtschwertern: Immer wieder helfen oder retten sie sich gegenseitig in entscheidenden Momenten.

Gab es je ein besseres Jedi-Duo?

Der alte (realistischer aussehende) Yoda sagte: „Ah! A great warrior. Wars not make one great” und setzte auf Weisheit, nicht auf Kraft. Die Szenen aus den Prequels mit dem nun plötzlich doch wild herumspringenden CGI-Yoda mit Lichtschwert würden daher nun entfallen, da sie für einen Überraschungseffekt im Kino die Würde und Integrität der Figur opferten.

Schließlich ein zweigeteiltes Finale: Die bisherige, schlimme Sequenz mit Anakin und Amidala in der Droidenfabrik findet nicht statt, ebenso das unübersichtliche, seelenlose CGI-Gewitter am Schluss. Stattdessen sehen wir zwar die Separatistenarmee gegen die von u.a. Padmé befehligte Klonarmee und die Jedi, im Weltraum und auf Alderaan. Aber immer in klaren, nachvollziehbaren, weil mit echten Schauspielern gefilmten Bildern. // Und in einem düsteren Moloch sehen wir Anakin und Obi-Wan auf den nahezu unbesiegbaren, noch stärkeren Darth Maul treffen, der auch hinter dem Angriff der Separatisten zu stecken scheint. Vor den Augen des gefesselten Palpatines liefern sie ihm einen spektakulären Kampf. Anakin ist noch vergleichsweise neu im Umgang mit dem Lichtschwert, das spürt man, nun ist Obi-Wan der schlauere, reifere. Wird aber dennoch wie bisher als Erster ausgeschaltet und ohnmächtig. Darth Maul will Rache, er scheint unaufhaltsam.

Jetzt heißt es also Anakin allein gegen ihn. Er ist trotz seiner Fähigkeiten unterlegen und verliert schnell eine Hand. Das war’s … Bis Palpatine sich einzumischen beginnt. Er erzählt, dass Darth Maul auch den Attentatsversuch auf Amidala ausführen ließ und sie als Nächstes umbringen würde, malt es in allen Farben aus. Diese Worte machen Anakin rasend vor Wut. Palpatine stachelt ihn weiter an, sehr zum Schrecken von Darth Maul, der zu ahnen beginnt, dass er nur ein Köder ist und dadurch zögert.

Am Ende würde Anakin sich erneut zu etwas Dunklem hinreißen lassen, um Darth Maul zu töten. Auf eine Weise, dass wir nur noch geschockt auf die Leinwand geschaut hätten. „Unser“ Anakin hat das gerade getan? Es ist eine verbotene Technik, die nur Sith zur Verfügung steht, er schlachtet seinen Gegner richtig ab, hört gar nicht mehr auf. Aber für seine Liebe und seinen besten Freund muss er es doch tun, denkt er. Er befreit den bewusstlosen Obi-Wan und den gefangenen Kanzler Palpatine (der ihn stolz lobt).

Auf Alderaan findet kurz darauf eine Siegesparade statt: Darth Maul ist endgültig tot, die Separatistenarmee wurde massiv geschwächt, dazu erhielt Palpatine nach dem Schock seiner Entführung und des Angriffs auf die Republik in der Abstammung mit überwältigender Mehrheit das Kriegsrecht – und ist nun Imperator. Auch Anakin wird gefeiert. Niemand weiß, wie er den übermächtigen Gegner besiegen konnte, aber er ist eben auch der Auserwählte. Ein siebzehn- oder achtzehnjähriger Held, der (fast) allein ahnt, dass in ihm etwas Dunkles lauert, das unwiederbringlich stärker wird. Und dass er deshalb immer gefährlicher wird, je besser als Jedi ausgebildet er wird. Aber soll er auf den neuen Ruhm verzichten, jetzt, wo er endlich etwas gilt?

Er versucht auf dem Festbankett Obi-Wan von all dem zu erzählen, auch von dem Massaker an den Sandleuten. Davon, dass er gut sein will und Angst hat, dass da etwas Finsteres in ihm ist, dem er nicht gewachsen ist. Doch er schafft es nicht, sich Obi-Wan anzuvertrauen. Er hat Angst, dann alles zu verlieren, Amidala, seinen Jedi-Status und seinen langjährigen besten Freund. Wieder ein Nichts zu sein, ein Straßenjunge und Sklave, nur der Bastard von jemandem wie Clieg Bannon. Diese Angst vor dem Verlust wird ihn auf seine Abgründe zutreiben …

Und so wirft er Obi-Wan am Ende nur einen Blick zu, in dem ganz viel liegt. Während alle weiterfeiern und er Amidala vielleicht an diesem Abend zum ersten Mal geküsst hat, sehen wir Anakin am Schluss, wie er wie der junge Michael Corleone allein abseits des Banketts steht und seine Freunde betrachtet. Unsicher. Was er nicht sieht: Palpatines Blick auf ihn. Wissend und lauernd, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

 

Episode III

Im dritten Teil, einige Jahre später – äußere Handlung erneut wie bisher; epische Weltraumschlachten im Klonkrieg, aber in dieser Zusammenfassung weniger im Fokus als die Charakter-Szenen und Emotionen – ist Anakin dann zweiundzwanzig. Gereift. Hat sich scheinbar wieder im Griff und im Klonkrieg als Held bewährt, a true Jedi Master. Ist heimlich mit Amidala zusammen und hat schon seit längerem keine dunklen Momente mehr gehabt. Ja, so zufrieden war er vielleicht noch nie. Er meditiert viel im Tempel, ringt um seine innere Mitte. Vielleicht konnte er alles doch in der Balance halten.

Bis er erfährt, dass sie schwanger ist.

Anakin: „You are so … beautiful”. Padmé: „It’s only because I’m so in love.” Anakin: „No. No, it’s because I’m so in love with you.” – Wird nicht leicht, die bisherigen Liebesdialoge zu toppen, aber man könnte es vielleicht trotzdem versuchen.

Im ersten Moment ist Anakin überglücklich. Also so richtig. Wir müssen fast lachen, als wir seine kindliche Freude sehen. Wer hätte das gedacht: Der ärmliche, linkische, schmächtige Junge aus dem ersten Teil, nun Jahre später erwachsen geworden, gestählt, mit Amidala zusammen und angehender Vater. Doch in der Nacht hat er Albträume von Padmés Tod. Es wird passieren, er weiß es. So, wie er es bei seiner Mutter wusste. Es muss aber viel fühlbarer sein als bisher, wir müssen Anakins Angst teilen und mit ihm nach einem Ausweg suchen. Es quält ihn immer mehr, und so erzählt er schließlich seinem Vertrauten davon. Und zwar zu unserem Schrecken nicht Obi-Wan, sondern Kanzler Palpatine.

Denn Palpatine sprach ihn auf die ermordeten Sandleute an. Er ist der Einzige, der die grausame Wahrheit kennt. Bot sich daraufhin als verständiger Berater an – worauf Anakin in seiner Erleichterung, nicht sofort an den Jedi-Rat verraten zu werden, auch einging. Zugleich übernimmt Palpatine eine Rolle, die der nun nicht mehr so viel ältere Obi-Wan beim besten Willen nicht ausfüllen kann: Die des väterlichen Mentors. Denn danach hat sich Anakin insgeheim immer gesehnt, doch der oft kühle, distanzierte Rat der Jedi konnte es ihm nie wirklich geben.

Und so zieht der Imperator den Jungen subtil und immer stärker auf die Dunkle Seite. Berät ihn, hört ihm zu. Erzählt ihm von Techniken, den Tod zu überwinden (wie in der guten Opernszene aus dem bisherigen Episode III). Sät aber daneben bewusst auch immer wieder Zweifel über die weltfremden Jedi, die keine Ahnung vom richtigen Leben haben und sich von den Menschen und ihren Nöten entfernt hätten. Zeichnet den Jediturm als Elfenbeinpalast einer abgehobenen elitären Gruppe. „Sie tun so, als dienten sie der Republik, aber in Wahrheit stellen sie sich selbst immer über sie, blockieren alles. Wir könnten schon längst Frieden haben.” Er habe zudem auch gehört, dass Obi-Wan Anakin fürchte und ihn nicht im Jedi-Rat wolle. Aber klar, der wäre auch einer von denen, begütert und sicher aufgewachsen. Würde nie verstehen, was es bedeutet, die eigene Mutter ermordet zu sehen. Und hätte es deshalb auch zugelassen, dass Anakin zu spät kam und sie nicht rechtzeitig retten konnte.

Anakin weiß, dass dieses Gerede so nicht stimmt, reagiert aber emotional, denn der Schmerz kommt hoch. Er erzählt Palpatine nun in der Oper, wie es damals wirklich war, als er seine Mutter rächte. Nicht auf jugendliche Weise in einem Ausraster (wie bisher gegenüber Amidala), sondern nun Jahre nach der Tat eher ruhig, vibrierend, auf eine fast schon schockierende Art. Wie die Dunkle Seite kurz von ihm Besitz ergriffen hatte, wie eine schwarze Kreatur in seinem Inneren. Wie seine Augen sich veränderten, sein Blick plötzlich gelb und flammend rot wurde.

„In dem Moment hätte ich alle getötet. Alle, die sich mir in den Weg gestellt hätten. Die Frauen, die Kinder, jeden“, sagt er und begreift erschrocken, dass es wahr ist. Es ist unheimlich, und allmählich beginnen auch wir als Zuschauer zu denken: sind wir bisher auf ihn reingefallen? Palpatine dagegen reagiert verständnisvoll: „Aber du hast dich auch mächtig gefühlt, nicht wahr? Endlich dein wirkliches, entfesseltes Selbst. Unbesiegbar und fähig, alle zu beschützen, die du liebst.“

Anakin nickt betreten.

Die Dynamik zwischen Palpatine und dem ohne Vater aufgewachsenen Anakin gehört zu den Stärken der bisherigen Prequels, deshalb könnte man sie sogar noch ein wenig ausbauen.

Am Ende deutet Palpatine an, dass Obi-Wan und Amidala nach ihren Senatssitzungen oft noch zusammentreffen. Muss nichts heißen, aber sie wirken schon sehr eng … Er tut, als wolle er auf etwas anderes hinaus, doch es ist auch nicht schön, das von einem anderen so zu hören. Anakin will das Gerede über Obi-Wan nicht glauben. Aber es gibt daraufhin einige zweideutige Momente, die für uns als Zuschauer*innen schmerzhaft sind. Denn natürlich wissen wir, dass Obi-Wan es so nicht meinte, wie es nun aber für Anakin rüberkommen musste.

Kurz darauf folgt eine Szene, in der beide im Krieg auf einem heruntergekommenen Planeten von Kindern umringt werden, die um Essen betteln, während Soldaten und Politiker nur auf sie herabsehen und einer eine verächtliche Bemerkung macht und höhnisch lacht. Anakin fühlt sich an seine Jugend als ärmlicher Sklavenjunge auf Tatooine erinnert und hofft, dass Obi-Wan etwas sagt, aber der steht nur stumm bei den Politikern, als wäre er einer von ihnen. Er hat es vielleicht gar nicht gehört, aber trotzdem …

Obi-Wan dagegen gefällt nicht, dass Anakin inzwischen so viel mit dem Imperator Palpatine herumhängt, der seine Machtbefugnisse anders als verabredet immer noch nicht zurückgegeben hat – und überhaupt seltsam auf ihn wirkt. Bei einer Diskussion über den Klonkrieg kommt es zwischen beiden fast zum Streit: Anakin plapperte mal wieder etwas von seinem neuen Mentor Palpatine nach. Obi-Wan schaut ihn irritiert an: dieser Vorschlag würde ja fast schon faschistisch klingen. Er redet nun leidenschaftlich auf seinen Freund ein, entlarvt das Gerede des Imperators – nicht zum ersten Mal – als gefährlich krudes, populistisches Zeug. In diesem Gespräch schwelen auch die tieferliegenden Konflikte zwischen beiden, aber bevor es zur Eskalation kommt, lenkt Anakin pflichtschuldig ein. Doch Obi-Wan – und wir mit ihm – macht sich danach zunehmend Sorgen, dass sich sein ehemaliger Schüler politisch radikalisieren könnte und bereits zu sehr von Palpatine indoktriniert ist.

Und genauso sehen wir zu Beginn des dritten Teils auch noch mal das Gute. Amidala, Obi-Wan und Anakin: ein Team, das wir nun von drei Filmen hintereinander kennen. Immer wieder kurze Gesten der jahrelang gewachsenen Zuneigung, die nicht mit Worten behaupten, sondern uns zeigen, wie gut sich diese Drei inzwischen verstehen. Vielleicht auch ein Moment, wie Obi-Wan und Anakin die erschöpfte Amidala nach einer Senatsdebatte vor dem Gebäude abpassen und auf einen Drink mitnehmen (und sie über das harte Business schimpft) oder wie sie gemeinsam nach einer erfolgreichen Schlacht in einer bizarren kleinen Coruscant-Bar feiern. Denn die Drei sind ja keine abstrakten Figuren, das sind wirkliche Menschen. Und dieser Abend zwischen dem ganzen politischen Getöse gehört nur ihnen.

Wir sehen ausgelassene Momente, sie lachen, ziehen sich gegenseitig mit Sprüchen auf und planen die Zukunft nach dem hoffentlich bald endenden Krieg. Schön für uns: Nicht nur Obi-Wan und Anakin sind eng, sondern wie von Palpatine erwähnt auch Obi-Wan und Padmé. Aber es ist offensichtlich harmlos und einfach nur eine tiefe Freundschaft. Zu dritt reden sie auch über alte Zeiten, wie sie sich einst kennenlernten. Immer beliebt: Anakins Sprüche über Obi-Wans steifes Jedi-Vokabular, das manchmal noch durchschimmert. Oder wie Anakin als Teenager sofort in Amidala verliebt war und am Tisch nur herumstotterte. Als sie von damals reden, erkennt sie aber auch, was er plötzlich denkt, und fragt, ob er gerade seine Mutter vermisse. Anakin senkt betreten den Kopf. Schade, dass sie ihn nicht als Held sehen durfte, sagt sie. Und Obi-Wan sagt: „Sie wäre so stolz auf dich gewesen, Ani!“ Anakin nickt ihm zu, berührt.

Hatten abseits von dieser Szene und diversen Filmplakaten bei den bisherigen Prequels leider nur wenig gemeinsame Zeit zu dritt: unsere Hauptfiguren.

Natürlich weiß Kenobi als „Freund der Familie“ um die verbotene Beziehung der beiden, kann aber dem Jedi Rat nichts sagen, weil er schon lange selbst zu tief drinhängt. Von der Schwangerschaft hingegen hat er keine Ahnung. Und so beobachtet er nur mit Sorge, wie impulsiv und fragil Anakin seit kurzem wieder geworden ist. Es folgt bei einer Schlacht im Klonkrieg eine irritierende Szene, in der sich Anakin unnötig grausam zeigt. Er fühlte sich dabei unbeobachtet, aber Obi-Wan hat es mitbekommen, und man kann es nicht anders sagen: sein Freund wirkte in dem Moment unheimlich, da flackerte etwas in seinem Blick auf …

Kenobi schaut daraufhin noch mal die alten Berichte zu den ermordeten Sandleuten an. Nein, es kann einfach nicht sein. Er ringt mit sich, doch als Yoda ihn zum Gespräch bittet, sagt er nichts. Jedi sind einsam, dürfen nichts fühlen, aber Anakin und Amidala sind die einzige Familie, die er je hatte, sie bedeuten ihm mehr als alles – und wir waren von Anfang an immer dabei.

Wir sehen weitere Alpträume von Anakin mit Padmés Tod, Weltraumschlachten und die dramatischen Ereignisse des Krieges. Schließlich die Verhaftung Palpatines, seine Enttarnung als Sith Meister Darth Sidious, und sein Ruf an Anakin, dass nur er allein ihm helfen könne, Amidala vor dem sicheren Ende zu retten. Eins zu Eins übernehmen könnte man da einiges aus dem bisherigen Film (nur auch hier wieder weniger CGI, mehr echte Sets): Die von den Klonarmeen teils heimtückisch getöteten Jedi, vor allem auch die starke Szene, in der Anakin im Abendlicht am Fenster steht und zu sphärischen Musikklängen begreift, dass er Mace Windu aufhalten muss, um Palpatine und dadurch auch Amidala zu retten. Dass er die Jedi verraten muss.

Aber für die Wandlung danach würde ich deutlich mehr Zeit veranschlagen. Mehr Ereignisse, Konfrontationen, schmerzhafte Momente. Ich finde wie gesagt, dass Anakin in einer idealen Trilogie bereits am Ende der zweiten Episode teilweise oder ganz auf die Dunkle Seite hätte wechseln müssen, zumindest aber in Palpatines Lager. Eine Art Doppelagent, der nur aus Liebe zu Obi-Wan und vor allem Padmé nicht sofort alles verrät, aber dessen Spiel dann irgendwann in Episode III scheitert und auffliegt. Lässt man Anakin dagegen erst nach der Hälfte des dritten Teils vom Helden zum Jedi-mordenden Sith werden, bleibt für solch eine krasse Wandlung einfach zu wenig Zeit. Bisher geschieht das alles in wenigen Minuten, es ist bildgewaltig, aber gehetzt und nicht plausibel. Denn wenn man schon so eine krasse Szene andeutet, wie den Mord Anakins an den unschuldigen Jedikindern, dann sollte sie zumindest viel besser aufgebaut und begründet sein. So aber kommt sie fast aus dem Nichts. Sie wird nicht durch den Film selbst begründet, sondern mehr durch unser Wissen, wer Anakin später sein wird. Es ist schließlich das eine, Mace Windus Arm abzuschlagen oder Palpatine zu retten, aber etwas anderes, zu einem derart kaltblütigen Mörder zu werden, der Darth Vader nun mal ist.

Behält man den bisherigen Aufbau dagegen wie bei unserem Experiment, dann könnte der Imperator (als eine Art kreative Erste-Hilfe-Idee) zumindest auf Anakins Vorahnung zu sprechen kommen, dass Amidala stirbt. „Was siehst du in diesem Traum, mein Sohn?” könnte er dann fragen, kurz nachdem Mace Windu gestorben ist und sie allein sind. Anakin würde stammeln, dass alles wie ein Nebel wäre, aber er würde darin jedes Mal etwas Vertrautes spüren, auch die Macht. Der Imperator würde begreifen und ihn nun lauernd ansehen: „Einen … Jedi?” Anakin erstarrt und sagt nichts. „Erforsche deine Gefühle, junger Skywalker … Du spürst, dass es wahr ist”, würde Palpatine sofort nachhaken, und Anakin würde erschrocken fühlen: Es ist wahr. Offenbar wird wirklich ein Jedi Amidala töten. Dieser Gedanke vergiftet ihn und treibt ihn in den Wahnsinn.

Der Imperator redet weiter beschwörend auf ihn ein: Er habe nichts anderes erwartet, die Jedi wären schon Schuld am Tod seiner Mutter gewesen, nun wäre Padmé dran. „Was soll ich tun?”, könnte Anakin erschöpft fragen, noch immer geschockt von seiner Tat gegenüber Mace Windu. „Ich tue alles, sie darf nicht sterben … Was soll ich machen?” Der Imperator würde ihn weiter indoktrinieren, dass die Jedi ihn selbst schon – wie gerade gesehen – toten wollten. Dass sie aber auch zwischen Anakin und allen stehen würden, die er liebe, und deshalb ausgeschaltet werden müssten. Anakin müsse sich aus diesem Grund der Dunklen Seite komplett hingeben, nur mit ihr im Bunde wäre er mächtig genug, Amidala zu retten, die Jedi aufzuhalten und der Galaxis Frieden zu bringen. Er solle es zulassen, es dürfe keine Grenzen mehr geben.

Diese Wandlung könnte man auch audiovisuell verdeutlichen. Wir könnten etwa den Film in manchen Momenten aus Anakins Perspektive sehen, und wie durch seine nun starren, rotgelblichen Sith-Augen alles verzerrt und eingefärbt ist. Und das Rauschen der Dunklen Seite wiederum würde zu einem leisen schrillen Ton, den nun auch wir im Publikum vernehmen können. Wie bei der Szene aus Dark Knight, als der Joker eine Party crasht, würden wir den Schrillton immer lauter hören, als bekannte Jedi-Gesichter in den Raum platzen oder sich Anakin in den Weg stellen, die ihn und Palpatine verhaften wollen, an ihn appellieren oder ihn attackieren – und er sie wie in Trance niederstreckt.

Aber auch danach bräuchte es dringend noch weitere Szenen, Begegnungen, Konflikte, die Anakins Abrutschen zum mordenden Darth Vader zumindest etwas besser begründen, ehe dann viel später die Montage folgt, wie er begleitet von der Klonarmee zum Jedi-Tempel aufbricht. Getrieben von der Gewissheit, dass offenbar einer von ihnen Amidala töten wird, gibt er sich weiter der Dunklen Seite hin, die Musik und der Schrillton nun ohrenbetäubend, tosend. Bis er schließlich komplett den Verstand verloren hat, mit grellem, fratzenhaftem Gesicht durch den Tempel wütet – und wie bisher auch gegenüber den Younglings das Lichtschwert zückt. Er ist nicht mehr er selbst.

Und dann wäre irgendwann am Ende des Films die Szene gekommen, in der Obi-Wan sich zu seinem Entsetzen gegen den einstigen Freund wenden muss. In der er begreift, dass aus dem gutmütigen Jugendlichen des ersten Teils tatsächlich dieses Monster namens Darth Vader wurde. Kurz sehen wir wieder die Sicht aus Anakins inzwischen gelbrot gewordenen Augen, und wir erkennen schweren Herzens: die Transformation auf die Dunkle Seite ist komplett, da ist alles nur noch hassverzerrt. Und das bricht sich jetzt Bahn: Die Wut auf die Welt und auf Obi-Wan, dem er vorwirft, ihm einst die Mutter genommen zu haben (weil er ihn die Mission nicht abbrechen ließ) und ihm jetzt auch noch die Frau wegnehmen zu wollen.

Obi-Wan sagt, das sei lächerlich, Palpatine habe ihm offenbar komplett den Kopf verdreht. Die mit einem eigenen Schiff gekommene, hochschwangere Amidala, will schlichten. Sie erfährt nun aber zum ersten Mal die Wahrheit über Anakin. Dass er schon vor Jahren die Sandleute bestialisch getötet hatte, dass er nun Mace Windu umbrachte und sogar die Jedikinder ermordete. Sie kann es nicht fassen und wendet sich erschrocken erst mal von ihm ab. Aus Anakins Sicht der letzte, ultimative Verrat.

Obi-Wan – entsetzt, dass Padmé überhaupt an diesem gefährlichen Ort ist – will sie zu ihrem Raumschiff bringen, damit sie beim anschließenden Kampf nicht hier ist. Doch als Anakin die beiden zusammen weggehen sieht, reißt die letzte Saite in ihm. Vor Wut wirft er beide mit der Macht gegen eine Wand, damit sie das Schiff nicht erreichen. Obi-Wan steht danach mühsam auf – Padmé nicht.

Anakin realisiert fassungslos, was passiert ist: Er wollte ihr nichts Schlimmes antun, niemals, aber unbeabsichtigt hat er ihr das Genick gebrochen. Und so liegt die schwangere Amidala nun wie in der Prophezeiung im Sterben – getötet von ihrem eigenen, auf die Dunkle Seite gefallenen, rasenden Mann. Er selbst war der vertraute Jedi aus seinem Traum.

Es ist nun sekundenlang absolut still, während Obi-Wan und Anakin sich eine Weile stumm anstarren. Ein Blick, der das Gewicht von drei Filmen trägt. Für einen kurzen Moment scheint Anakin zu begreifen, was er getan hat, stutzt ein letztes Mal. Dann sieht er eine winzige Gesichtsrührung/Bewegung von Obi-Wan – und greift ihn schreiend an. In ihm nur noch Wut, Hass, die Dunkle Seite vollkommen entfesselt.

Obi-Wan hat eigentlich keine Chance. Er wurde im Laufe der Zeit ein guter, aber nie der allerbeste Schwertkämpfer, und viel zu mächtig ist Anakin inzwischen geworden; der Auserwählte, der nun auch noch mit der Dunklen Seite im Bund ist. Aber auch er selbst hat zwei Motive, seinen besten Freund zu töten. Nicht nur, weil Anakin die Jedikinder abschlachtete und eine gigantische Gefahr darstellt. Sondern Obi-Wan will zudem, auch wenn es gegen die Jedi-Lehre ist, Padmé rächen. Denn sie war vielleicht Anakins große Liebe, aber sie war eben auch Obi-Wans beste Freundin und über drei Filme hinweg seine langjährige Vertraute. Er entfesselt deshalb – wie einst beim furiosen ersten Duell gegen Darth Maul – ebenfalls die Wut in sich. Das hilft ihm, hier nicht sofort unterzugehen …

“It’s over Anakin, I have the high ground”, rief Obi-Wan bisher im entscheidenden Moment des Duells gegen seinen alten Freund. Nur: Hatte er nicht damals selbst Darth Maul besiegt, obwohl der ebenfalls den “High ground” hatte?

Parallel dazu kämpfen Palpatine und Yoda im Senat ihr letztes Gefecht. Jedoch ohne Lichtschwerter, das brauchen beide nun wirklich nicht, sondern nur mit ihren spektakulären geistigen Machtfähigkeiten. Und auch der Kampf Obi-Wan gegen Anakin wird anders als im bisherigen Episode III. Keine ständigen Szenenwechsel, sondern so atmosphärisch, düster, bedrohlich und die Emotionen der Schauspieler betonend wie der Kampf Luke gegen Vader am Ende von Das Imperium schlägt zurück. Nur schlimmer, weil es hier eben zwei „Brüder“ sind, die gegeneinander kämpfen, während Amidala tot auf dem Boden liegt.

Das Szenario ist dunkel, oft sehen wir nur die aufflackernden blauen Lichtschwerter und die Gesichter der beiden. Ein paar wild entschlossene, wütende Duelle, dann wieder Stille und Pausen. Wir spüren, dass Obi-Wan hier eigentlich wenig ausrichten kann. Nach seiner furiosen Anfangsattacke taucht er deshalb immer wieder ab und entzieht sich geschickt. Aber Anakin lauert wie später gegen seinen Sohn Luke stets irgendwo im Dunkeln. Zwischen den Duellen reden sie auch miteinander. Anakin weiß, dass er deutlich stärker ist, sagt höhnisch, Obi-Wan habe keine Chance, würde feige ausweichen, habe ihn immer nur aufgehalten. Er ist stärker, aber seine Wut macht ihn auch blind, unvorsichtig. Erst am Ende kommen sie zum Lavaabgrund, und es fällt die überraschende Entscheidung …

So, das mal fürs Erste. Hallo, aufwachen?! Bzw. Gratuliere Ihnen, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, ohne einzuschlafen. Dies war jedenfalls das erste kleine Experiment, und ich möchte noch mal betonen: Das alles ist wirklich nur mein persönliches Nerdgeschwurbel, ich habe die Weisheit nicht inhaliert. Vermutlich wäre die Trilogie auch mit diesen Erste-Hilfe-Änderungen kein Meisterwerk geworden, wenn auch die Charaktere vielleicht ein wenig tiefer gewesen wären (hoffe ich zumindest). Und idealerweise hätte man sowieso immer eine Gruppe aus mehreren Leuten gehabt, die gemeinsam ihre besten eigenen Ideen und vor allem die Pläne von George Lucas zu einer stimmigen Gesamtgeschichte kombiniert hätten. So, wie es einst beim Drehbuch zu Das Imperium schlägt zurück geschah.

Denn auch beim Versuch, mehr auf die Charaktere einzugehen, fehlt bei den Prequels schlicht das überraschende Element. Im Grunde weiß man von Anfang an, was passiert und auch grob, wie, so dass es keine ungeahnten Wendungen oder Twists gibt. Und wie gesagt, auch der Niedergang von Anakin ist mit dem bisherigen Aufbau wohl einfach zu schwach begründet. Erst sympathisch, dann plötzlich richtig böse, wegen … was genau eigentlich? Nur aufgrund der Prophezeiung von Amidalas Tod oder dem Verlust seiner Mutter? Nur wegen der Dunklen Seite, die als Joker für seine krasse Veränderung herhält? Vielleicht hätte seine Figur deshalb von Anfang an ganz anders geschrieben sein müssen, mehr innere Dämonen, dazu mindestens zehn Jahre älter, tiefer, edgier, tragischer, stärker nach Macht dürstender, eben Shakespeare-hafter. Nicht der Schüler, der scheitert, sondern etwa Obi-Wans gleichaltriger Freund. Oder vielleicht sogar sein Mentor, der dann fehlt.

Zudem vermisste ich eben auch immer den philosophischen Überbau. Ja, diese Trilogie über den Fall der Jedi und von Anakin Skywalker hat im Kern etwas von einem klassischen Theaterdrama, aber was soll das alles nun genau aussagen? Man könnte sogar noch einen Schritt zurücktreten und ketzerisch fragen: Mussten die Prequels, mal abseits von der gigantischen Vorfreude der Fans, eigentlich überhaupt sein oder hätte George Lucas stattdessen nicht auch ganz andere Star Wars-Geschichten erzählen können? In den Urfilmen war Darth Vader ein ikonischer Bösewicht, aber seine wirklich schlimmen Taten richteten sich zumeist gegen seine eigenen schablonenhaften Untergebenen, und sein Gesicht blieb ohnehin hinter einem unpersönlichen, comichaften Helm verschwunden. Für die Guten dagegen war er mehr eine ständige Bedrohung als ein gezeigter Killer, und so fiel es auch vergleichsweise leicht, sich über seine Abkehr vom Bösen im letzten Teil zu freuen; etwa über sein Auftauchen im Schlussbild, als lächelnder Machtgeist in der Gestalt des Anakin. Nun aber haben wir für immer deutlich düsterere Bilder dieses Charakters im Kopf, und das verändert auch die Statik dieser Filme. Anders gesagt: Es macht Sinn, wie in der Urtrilogie zu zeigen, wie das Imperium zerstört wird und die Rebellen triumphieren. Will man aber auch die Entstehung von solch einem schrecklichen Regime zeigen oder wie ein jahrelang auf Postern verewigter jugendlicher Held plötzlich fällt und Kinder tötet, kommt den Machern, wie ich finde, eine ganz andere Verantwortung zu. Zumal es potenzielle Familienfilme sind. Wo liegt da also die tiefere Bedeutung, die über diese drei Episoden hinausweist?

George Lucas versuchte es damals mit einer Analogie der Sith auf das Verhalten der amerikanischen Regierung während des Irak-Kriegs (bist du nicht für mich, bist du mein Feind). Aber das kam auch nur im dritten und letzten Teil und mehr aus dem Nichts, es wurde zuvor nicht vorbereitet. Und es ließ auch weiterhin vieles offen. Wieso stürzt Anakin in Wahrheit ab, was lässt sich daraus schließen und wieso ist es wichtig, das Ganze zu erzählen? Warum scheitern die so mächtigen Jedi wirklich, wieso erkannten sie die Gefahr der Sith so spät, und wie hängt das mit unserer Realität zusammen?

Doch trotz all dieser offengelassenen Fragen muss ich zugeben: Das Scheitern der Prequels beschäftigte mich damals durchaus – was man von den seelenlosen Disney-Sequels dann eher nicht behaupten kann. Gibt es eigentlich jemand, der die liebt, also so richtig, von „ganzem Herzen“? Falls ja, am besten jetzt aufhören zu lesen.  

An alle anderen: kurze Kaffeepause, würde ich sagen, dann geht’s weiter. Aber ich muss schon mal warnen: Hier gibt‘s noch deutlich mehr zu kritisieren – bevor dann am Ende wieder ein paar Klugscheißer-Vorschläge von yours truly Adrian Brooks kommen, wie man dieselbe Geschichte mit nur wenigen Kniffen auch anders hätte erzählen können.

Der Fotograf Pawel Kadysz erstellte eine Serie über das geheime Privatleben von Darth Vader. Und auch ich empfehle eine COFFEE BREAK, bevor es anschließend mit den Disney-Fortsetzungen weitergeht.

TEIL II: DIE SEQUELS

Eine Sache muss ich an dieser Stelle zugeben: Trotz der Enttäuschung mit den Episoden I, II und III blieb meine Zuneigung zur Saga damals ungebrochen. Ich schaute regelmäßig nach News und führte weiter leidenschaftliche Diskussionen, ob mit Bekannten, Verwandten oder Freunden (wie dem Autor des großartigen Romans Vincent). Ein trotziger Fan eben, getrieben von der Sehnsucht, wenigstens einmal als Erwachsener einen guten Star Wars-Hauptfilm im Kino zu sehen. Und als Jahre später der erste Star Trek-Reboot von J. J. Abrams rauskam, dachte ich insgeheim: So hätte man die Prequels erzählen müssen: Packend inszeniert und mit der blutjungen Crew um Spock, Uhura und Kirk auch extrem character driven. Kurz darauf erschien dann Abrams wunderbarer, die Serie Stranger Things schon vorwegnehmender Sci-Fi-Film Super 8, und ab da war ich wirklich überzeugt, dass er der Richtige für dieses Franchise gewesen wäre.

Und so kann man vielleicht meine Aufregung verstehen, als 2012 nicht nur verkündet wurde, dass George Lucas seine Firma an Disney verkauft hatte und eine neue Star Wars-Trilogie mit den Episoden VII, VIII und IX kommen würde – sondern auch tatsächlich J. J. Abrams als Regisseur fungieren sollte. Dazu würde der Oscargewinner Michael Arndt das Drehbuch schreiben, verantwortlich für Werke wie Little Miss Sunshine.

Das war einfach zu schön, um wahr zu sein.

Und das war es leider wirklich, denn Arndt stieg schon ein Jahr später wieder aus. Trotzdem war ich voller Vorfreude, als Das Erwachen der Macht schließlich 2015 ins Kino kam. Zumal die Rezensionen hymnisch waren und ein Meisterwerk der Nostalgie versprachen. Tagelang wartete ich darauf, endlich ein Ticket für gute Plätze zu kriegen. Dann sah ich den Film, und ich weiß noch, wie ich beim Rausgehen dachte: „Also, lag das jetzt an mir oder war der einfach nicht so gut, wie alle sagten, sondern, nun ja … nur ein lauwarmer Aufguss?“ Noch mal ein Wüstenplanet mit jungem Jedi? Noch mal eine versiffte Cantina-Bar? Noch mal ein Todesstern, nun als ganzer Planet und im Gegenzug fast lächerlich leicht zu zerstören? Noch mal eine Hologramm-Figur wie der Imperator mit Snoke? Noch mal mit Poe einen Han Solo-Verschnitt? Noch mal das Imperium riesig und die Rebellen winzig? Ich sah den Film ein zweites Mal, um sicher zu gehen – danach war ich ernüchtert. Beim Trailer noch Tränen in den Augen gehabt („Chewie, we’re home!“), nun fühlte ich eher Weltraumleere.

Aus tollen Fan-Trailern wie diesem nach dem siebten Teil spricht die Liebe der Zuschauer – schade nur, dass die angeteaserte Story um den Fund von Lukes Lichtschwert dann gar nicht mehr erzählt wurde.

Aber okay, handwerklich war das gut gemacht. Die neuen Figuren wirkten damals durchaus noch interessant, der Druck war zugegeben extrem gewesen, und bestimmt hatten sie einen großen Masterplan, wo das alles hinführen sollte. Die Mehrheit der Fans schien ohnehin glücklich, und an den Kassen funktionierte der Film auch: Abrams Episode 7 wurde einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Und als zwei Jahre später der Mittelteil Die letzten Jedi ins Kino kam, hofften alle auf ein neues Das Imperium schlägt zurück. Insgeheim hoffte ich das ebenfalls. Doch als ich das Kino verließ, war meine Star Wars-Liebe endgültig erkaltet und, ich kann‘s leider nicht weniger dramatisch sagen: mein Fanherz gebrochen. Denn diese zwei Disney-Filme allein hatten mir gezeigt, dass es noch etwas viel, viel Schlimmeres gab als die bei den Prequels erlittene Enttäuschung: Gleichgültigkeit.

Eher pflichtschuldig schaute ich dann zwei Jahre darauf noch den neunten und letzten Teil der „Skywalker-Saga“, der sich aber kampflos schnell als die befürchtete kreative Bankrotterklärung zu erkennen gab, mit dümmlich-egalem Plot, unzähligen MacGuffins, wirren Ideen und Leichenfledderei am Imperator. Jedes Wort darüber wäre eines zu viel, und wenn mir in dem Moment jemand gesagt hätte: „Hey, hast du schon gehört? Es sollen jetzt direkt noch drei weitere neue Filme kommen“, hätte ich mich vermutlich an der nächsten Straßenecke übergeben.

Wichtig: Auch hier gibt es Fans dieser Sequels, dies ist nur meine Meinung. Und ich würde schon sagen, es gab auch wirklich gute Szenen in diesen neuen Filmen. Es war schön, Mark Hamill wieder als Luke zu sehen, und Rian Johnson scheiterte für viele zwar in großem Format (allein die Rahmenhandlung einer langsamen (!) Verfolgungsjagd durchs All inklusive Casinoplanet-Abstecher einzelner Beteiligter mutet tatsächlich ein wenig dämlich an), war aber zumindest als Einziger hier ansatzweise mutig – und sein Die letzten Jedi sogar der visuell bisher schönste Star Wars-Film überhaupt, mit gleich mehreren optisch herausragenden Szenen (etwa der Kampf Luke gegen Kylo).

Auch die Chemie der jungen Darsteller von Rey, Finn und Poe stimmte vom siebten Teil an, Kylo Ren war für mich oft eine faszinierende Figur. Die Idee, endlich weitere starke Frauencharaktere einzuführen, war unabhängig von der Umsetzung überfällig und ein wichtiger Impuls für die Saga. Und gerade Johnson hatte neben vielen Patzern die Beziehungen zwischen Luke und Rey bzw. zwischen den Außenseitern Rey und Kylo auf wirklich interessante Weise vertieft. Dazu gab es unter ihm sogar einen der besten Star Wars-Momente überhaupt: Die Minuten, nachdem Kylo im Thronsaal General Snoke getötet hat, Rey die Hand reicht und für einen Augenblick alles stillsteht – und alles möglich scheint …

Aber abgesehen von diesen einzelnen Komponenten war die Sequel-Trilogie eine riesige Enttäuschung. Kommerziell, so dass alle schon geplanten weiteren Filme von Disney auf Eis gelegt wurden. Aber vor allem inhaltlich und storytechnisch. Es gab zudem gleich mehrere missratene, nicht zu Ende gedachte Ideen: Der lebende Fan-Lieferservice Maz Kanata und die Herkunft von Lukes Lichtschwert. Finn, der im letzten Teil ständig ruft, dass er Rey etwas Wichtiges sagen müsse – und am Ende erfahren wir es nicht im Film, sondern nur in einem Interview. Und natürlich der mächtige Imperator als Daddy von zwei Kindern, die aber „niemand“ sind – wenn es von diesem Familienleben bei den Palpatines je eine Sitcom gibt, würde ich sie mir sofort ansehen. (Und ja, manches Offene mag später noch in Comics oder Buchreihen hastig nachgereicht und erklärt worden sein, das ist für mich aber eher faules Drehbuchschreiben.)

Steht im Lexikon des “lazy writings” wohl direkt hinter „Es war alles nur ein Traum“: Jemand – in diesem Fall der Imperator – überlebt durch seinen eigenen Klon.

Es gab gleich einen Haufen unlogischer, dümmlicher Einzelszenen (mein persönliches „Highlight“: Finn und Rose werden im Casino wegen Falschparkens (!) gesucht), dazu oft schlecht getimter, forcierter Humor, cringe Momente, kaum Konsistenz – und auch nahezu null Konsequenz. Immer sprengen die Rebellen am Schluss etwas in die Luft oder schlagen ein Schnippchen, nach Episode 6 ist das gesamte Imperium zerstört, nach Episode 7 jagen sie mit der Starkiller Base sogar einen Planeten in die Luft – und am Anfang eines jeden neuen Films sind sie gefühlt trotzdem noch kleiner, noch aussichtsloser, passt der gesamte Widerstand in eine letzte Basis bzw. am Schluss von Die Letzten Jedi in ein einziges (!) Raumschiff.

Der ursprünglich mal spannende Finn dagegen ist in diesen drei Filmen im Grunde drei verschiedene und dadurch immer egalere Charaktere. Poe verharrt stets an der Grenze zwischen sympathischer, unwichtiger Nebenfigur (für mich seine Idealbestimmung) bzw. eigenständiger, aber dafür dann viel zu blasser Hauptfigur. Und die wichtige Rey bleibt trotz viel Screentime oft seltsam seelenlos, blass. Ohne wirklichen Character-Arc und mit unklarer Motivation, geschlagen mit einer ständig wechselnden Backstory. Doch auch Details stimmten bei ihr nicht. Luke etwa brauchte viele Jahre und eine Trilogie, um zu lernen, wie man mit dem Lichtschwert kämpft, und er bezahlte das Lehrgeld in einer ikonischen Szene, in der er seine Hand verlor. Rey dagegen besiegt aus dem Stand Kylo Ren im Duell, obwohl sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Lichtschwert in der Hand hält – und er von Kindheit an darin ausgebildet wurde. Wo ist da noch Potenzial für ihre weitere Entwicklung?

Jetzt kann man sagen, so eine einzelne Stelle ist doch nicht wichtig. Aber es stimmte eben weder das große Ganze, noch solche liebevollen Details, und dadurch wirkte es, als hätten die Macher Star Wars nie verstanden. Im Zweifel benutzten sie einfach die alten Helden und töteten sie, um auf diese Weise noch irgendwie die bitter benötigten Emotionen und großen Gefühlen hervorzukitzeln, die ihre eigenen, zunehmend lebloseren neuen Figuren leider nie zu wecken im Stande waren (und in die sie also selbst kein Vertrauen hatten). Ansonsten wärmten sie wahllos Fanlieblinge wie Lando auf oder zerstörten durch die Rückkehr von Palpatine mal eben das Ende des sechsten Teils. Chewbaccas „Tod“ dagegen entpuppte sich als billiger Schnellgriff in die Emotionskiste und wurde so vermutlich nicht mal von Kindern auch nur eine Sekunde gekauft. Vor allem aber begingen die Macher den schlimmsten Verrat, den man im Star Wars-Universum machen konnte: den an der Figur des Luke Skywalker.

Da spielt Mark Hamill im achten Teil noch mal beherzt auf, die Rolle seines Lebens. Und dann ließen sie die Figur etwas tun, was Luke nie getan hätte: Das Lichtschwert am Bett seines schlafenden Neffen zücken, dem Sohn seiner Schwester. Schwierig. Man denke an Luke, der nicht gegen Vader kämpfen will, den größten Massenmörder der Galaxis, weil er selbst bei diesem Typen noch irgendwo einen Konflikt spürt. Und da liegt also sein schlafender Neffe, noch halb ein Kind, und nur angesichts der Vision seines möglichen Falls auf die Dunkle Seite denkt er für einen Moment ernsthaft daran, ihn zu töten – und zückt schon mal sicherheitshalber am Bett das Schwert? … Hätte man es wenigstens damit begründet, dass die Dunkle Seite in Luke selbst kurz aufgeflackert ist, wäre es vielleicht noch plausibel und auch interessant gewesen, aber es wird hier nur mit seinem menschlichen Versagen erklärt. Nachvollziehbar also, dass Hamill gleich mehrfach äußerte, dass er mit seiner Figur nicht einverstanden war.

Das alles ist besonders schade, da ich den gebrochenen und an der Vergangenheit desinteressierten alten Luke ansonsten stark gezeichnet fand – und mich die leidenschaftliche Verkörperung von Mark Hamill berührte. Doch dieser für viele unverzeihliche Moment lenkte davon leider ab. Er machte es zudem Luke zu einfach, sich von allem abzuwenden. Und er machte es auch Kylo zu leicht, auf die Dunkle Seite zu wechseln. Kein Wunder, dass der unter diesen Umständen nichts mehr mit der Familie zu tun hatte, wenn schon der gutmütige Onkel mit der leuchtenden Mordwaffe am Bett lauert…

„Schlaf ruhig weiter, mein Junge, ich, äh, hatte nur gerade kein Licht und hab was gesucht …“

Ich weiß nicht, wie es für andere ist, aber für mich war das Herz von Star Wars immer das Diskutieren und die vielen Fragen, die man einfach beantwortet haben musste. Wie wird aus Anakin Darth Vader und sein Duell gegen Obi-Wan? Wie gelingt Palpatine der Aufstieg zur Macht? Kriegen sich Leia und Han, und vor allem: Was passiert nach dem offenen Ende des düsteren fünften Teils, wie geht es jetzt nur weiter, und: wacht Han Solo noch mal auf? Diese Diskussionen und Vorstellungen waren mir oft wichtiger als die Filme selbst. Bei den Sequels fehlten sie fast vollständig. Kylo Ren war interessant, aber ansonsten musste wohl niemand wissen, was nun mit Poe war. Oder wie es mit Finn im letzten Teil wohl weitergehen würde. Und auch bei Rey wurde ihre Herkunft immer egaler, je länger die Filme gingen. Man konnte sich zudem gar nicht erst lange überlegen, wie es zwischen Han Solo und Kylo weitergehen würde, weil Solo sofort starb. Man konnte sich auch nicht überlegen, wie Luke wohl auf dieses und jenes reagieren würde, weil er ebenfalls direkt starb. Und für den tragischen Tod der wunderbaren Carrie Fisher konnten die Macher nichts, aber ihre Figur hatten sie schon vorher nur mäßig spannend gestaltet. Im Ergebnis interessierte dann schon nach nur zwei Filmen niemanden mehr, wie es mit der Saga weiterging.

Wobei es eine solche Stelle durchaus hätte geben können. Sie hätten bei Die Letzten Jedi auch anders aufhören können: Etwa, dass Rey und Kylo Ren sich nach Snokes Tod tatsächlich zusammentun und sie erstmal die Seite gewechselt hat – und sei es auch nur, um ihn zu retten. Am Schluss des achten Teils hätten wir dann beide als neue Herrscher gesehen, wie sie mit jeweils unterschiedlichen Gefühlen dem Aufmarsch der First Order Soldaten zusehen. Und Luke hätte sich zur gleichen Zeit im alten X-Wing doch noch mal von seinem Exil aufgemacht, um Rey zurückzuholen. Irgendetwas Spannendes, Neues, bei dem man sich spontan gefragt hätte: „Wie bitte, da hören die auf? Und was jetzt, ist sie wirklich böse? Und was passiert, wenn sie auf Luke trifft? … O Mann, noch zwei Jahre bis zum nächsten Film, ich kann es kaum erwarten!“

Aber so weit kam es leider nie. Denn am Ende war auch der so mutig-radikale Rian Johnson nicht mehr sonderlich mutig oder radikal und hatte Angst vor dem Sprung ins Ungewisse. Und so fiel ihm dann ebenfalls nichts anderes ein, als dass mal wieder der schwarzgekleidete Mann mit dem roten Lichtschwert der Böse war, die hellgekleidete mit dem blauen Lichtschwert die Gute, die First Order noch mächtiger, der Widerstand noch schwächer, und auch sonst blieb alles beim Alten. Nur, wieso sollte man es sich dann anschauen, wenn es das alles schon in so viel besser gab?

Das wäre er gewesen, der Moment, der die Trilogie vielleicht ein Stück weit gerettet hätte: Rey nimmt Kylos Angebot an, sie beenden die Herrschaft der Sith und Jedi. Luke kriegt es mit und bricht am Ende auf, um sie zu retten – und wir als Zuschauer hätten vor dem Finale nicht gewusst, wie es weitergeht.

Ich war nach dem letzten und neunten Teil jedenfalls durch mit Star Wars. Und zwar auf eine andere Weise als nach den missratenen Prequels. Da hatte ich wenigstens echte Enttäuschung gefühlt, jetzt war es mir egal. Sollten sie ihre tausenden geplanten Serien und unzähligen Einzelfilme machen, über Boba Fett und Yodas schwierige Kindheit und das alles, es interessierte mich nicht mehr großartig. Mich interessierte ab da eigentlich nur noch:

When did it all go wrong – und wieso?

 

TEIL III: DAS ERWACHEN DER GIER (EIN MAKING OF DES SCHEITERNS)

Von außen betrachtet fing der Schlamassel für mich schon im Jahr 2012 an, kurz nach der Ankündigung einer neuen Star Wars-Trilogie: Damals gingen J. J. Abrams und Michael Arndt laut verschiedenen Artikeln zur Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy und Disney-Boss Bob Iger und baten um mehr Zeit. Zeit, die sie dringend brauchten, um sich eine wirklich neue, aufregende, gute Geschichte auszudenken. Und die sie von den Bossen nicht bekamen. Die Rechte an Lucasfilm hatten schließlich vier Milliarden gekostet, die sollten schnellstmöglich wieder eingespielt werden. Deshalb sollten nun auch nur noch zwei Jahre zwischen den einzelnen Hauptfilmen liegen, nicht mehr wie bisher immer drei. Tempo, tempo, time is money.

Entnervt warf Arndt kurz darauf das Handtuch. Der Drehbeginn dagegen rückte immer näher. Und näher. In seiner kreativen Not holte Abrams schließlich den Star Wars-Veteran Lawrence Kasdan als Drehbuchautoren an Bord. Und ab da war die Devise für Episode 7 klar: keine eigene, neue Geschichte mehr, sondern nur noch Nummer sicher. Am besten ein schnelles Best of und Quasi-Remake der bisherigen Filme, speziell aus Eine neue Hoffnung, um das alte Star Wars-Feeling noch mal aufleben lassen. Und vielleicht würde ja Abrams direkter Nachfolger Rian Johnson – zuständig für Episode 8 – noch etwas Gutes, Neues einfallen. Nicht, dass diese beiden wichtigsten kreativen Köpfe der Trilogie je viel miteinander geredet hätten …

Dabei gab es damals längst eine perfekte Anleitung, wie man es hätte anders machen können. Zu Beginn der 1990er-Jahre erschien eine Buchtrilogie von Timothy Zahn, die unter den Fans bald als inoffizielles Sequel galt und an der Spitze der New York Times-Bestsellerliste stand. Tatsächlich wird die Saga nach dem sechsten Teil hier gekonnt weitererzählt. Das Szenario ist geflippt: Die einstigen Rebellen sind nun die Anführer in der Galaxis, tun sich aber schwer. Wir erfahren, wie zäh es ist, die Republik neu zu errichten und dass viele Planeten mit dem Imperium eigentlich gar nicht so unglücklich waren. Leia stößt auf diplomatische Schwierigkeiten, sie und Han Solo sind zudem nun Eltern von Zwillingen, die ständig in Gefahr sind. Das zerstörte Imperium dagegen fühlt sich in der Underdog-Rolle erstaunlich wohl. Angeführt wird es nun vom großartig geschilderten, genialen Taktiker Großadmiral Thrawn – der im Dunkeln einen brillant-teuflischen Plan schmiedet, um die fragile Republik nach und nach zu zerstören und an die Spitze zurückzukehren. Wir erleben weitere faszinierende neue Figuren wie die Macht-affine, düstere Mara Jade, die von Luke zur hellen Seite bekehrt werden soll, den instabilen Jedi-Klon Joruus C‘baoth oder den windigen Geschäftsmann Talon Karrde. Wir bekommen aber auch immer wieder spannende neue Schauplätze und über drei Bände hinweg eine durchdachte, ausgefeilte Geschichte, die sich einerseits sehr nach Star Wars anfühlte, andererseits aber auch wirklich neu war. Als ich 2012 erfuhr, dass es eine neue Trilogie geben sollte, hatte ich also immer an diese Buchreihe gedacht, die für mich die benchmark setzte, wie man es machen könnte.

Die Thrawn-Trilogy von Timothy Zahn.

Denn eigentlich war das damals doch eine phantastische Ausgangsposition: Wir haben ein frischgekauftes Franchise, das von Millionen Menschen weltweit verehrt wird, die bedingungslos loyal sind – und notfalls jahrelang warten, weil sie das immer schon tun mussten. Okay, wir spüren natürlich jede Menge Druck, aber gerade deshalb wollen wir uns doch erst recht die Zeit nehmen, die wir brauchen. Um es richtig zu machen und diese Leute nicht zu enttäuschen. Und um mit diesen geliebten, ikonischen Figuren auf eine Weise umzugehen, die sie auch verdienen. Wir haben schließlich alle finanziellen Möglichkeiten der Welt, dazu ausgereifte Effekte, mit denen sich jede nur erdenkliche kreative Idee umsetzen lässt. Wir kriegen alle Schauspieler*innen, die wir wollen, denn damals hätten sich alle darum gerissen, in Star Wars mitzuspielen. Das gleiche gilt für Regie und Drehbuch. Wen wir auch rufen, sie werden kommen, jetzt, da der allmächtige Übervater George Lucas nicht mehr das Sagen hat und reinzufunken droht. Und die alten Stars machen sogar auch noch mit. Zudem haben wir bei der erwähnten Fortsetzungstrilogie von Timothy Zahn gesehen, was in diesem Universum erzählerisch noch alles möglich ist.

Und jetzt sind wir dran.

Wir können es kaum erwarten, pfeifen im Flur die alten Melodien von John Williams und suchen uns die besten Leute, eben Oscargewinner wie Michael Arndt und Lawrence Kasdan und aufregende junge Kreativköpfe. Wir erschaffen einen Writer‘s Room der Extraklasse, wie es ihn vielleicht noch nie gab. Und dann denken wir uns in Ruhe erst mal eine Geschichte über drei Teile aus; Zeit spielt keine Rolle, nur Qualität. Wir wollen nostalgisch sein, ja, aber auch wirklich überraschend, originell und neu. Wir geben unser Allerbestes, schreiben über Monate und Jahre alles x-mal um. George Lucas nannte diese schwierige Denkarbeit mal „bluten“, und genau das tun wir jetzt, bis wir nicht mehr können – und haben am Ende drei Treatments mit jeweils fünfzig Seiten. Das ist sie, die Essenz unserer Arbeit, das mühsam geschürfte, kreative Gold: unsere Geschichte für die neue Trilogie. O Mann, die Fans werden ausrasten, wenn sie das sehen. Die Treatments sind so gut, dass die Leute von Disney abwechselnd Gänsehaut und Tränen in den Augen bekommen. Allein der Twist im Mittelteil … und das Ende. Das wird alle umhauen! Wir können es kaum erwarten, loszulegen.

Als Nächstes schreiben wir das Drehbuch zu Episode 7. Michael Arndt führt aus, das geht nun erstaunlich schnell, denn wir wissen ja genau, wo wir hinwollen. Holen am Ende noch mal die besten Leute zum Polieren der Dialoge und Szenen, besetzen die Rollen mit den spannendsten Talenten, die es gerade auf dem Markt gibt. Und egal, wer bei den kommenden zwei Teilen Regie führen wird – sie können sich auf unsere verdammt großartige Basisgeschichte verlassen …

So haben sich das Millionen von Fans wohl ungefähr erhofft. Tja, und in Wahrheit ist dann in etwa das EXAKTE GEGENTEIL passiert.

Wer beim Schauen der Sequels befürchtete, dass es hier von Anfang an kein Gesamtkonzept oder irgendeine übergeordnete Geschichte für die drei Teile gab, hatte leider recht. Man schrieb stattdessen einfach Irgendetwas ins Blaue, warf mit losen Anfängen, Plots und Szenen um sich und hoffte dann das Beste. J. J. Abrams hat sogar in Interviews bestätigt, keine Ahnung gehabt zu haben, was sein Nachfolger Rian Johnson aus seinen Ideen machen würde. Wie sich herausstellte, war die verblüffende Antwort dann: gar nichts. Stattdessen zerstörte er fast lustvoll jede einzelne angelegte Storyline des Vorgängerfilms. Reys geheimnisvoll angeteaserte Herkunft? Gibt es in Wahrheit gar nicht, ihre Eltern sind niemand. Der mysteriöse General Snoke? Wird ersatzlos getötet. Luke Skywalker selbst? Wird am Schluss ebenfalls getötet. Das Lichtschwert, das Luke am Ende des siebten Teils noch so ehrfurchtsvoll überbracht wird? Er schmeißt es zu Beginn des achten Teils gleich mal weg (an sich starke Szene, btw). Die spannende neue Figur des Finn? Bekommt nur einen dämlichen Sideplot. General Hux? Zu einer simplen Comicfigur degradiert.

Letztlich wirkte dieser achte Film mitsamt dem Ende bereits wie ein Abschluss einer Trilogie. Was ein wenig ungünstig war, weil ja noch ein Film kommen sollte; hätte man Johnson bei Gelegenheit vielleicht mal mitteilen können. Und ungünstig war es auch, weil der für den neunten Teil vorgesehene Autor und Regisseur Colin Trevorrow inzwischen gefeuert und durch ausgerechnet Johnsons Vorgänger J. J. Abrams ersetzt wurde – der nun etwas irritiert vor den noch rauchenden Ruinen seiner ursprünglichen Storyideen gestanden haben muss. In seiner Hilflosigkeit holte er nun sogar den Imperator aus der Mottenkiste, mitsamt abstruser Klon-Backstory (oder wie es im Film an einer Stelle heißt: „Somehow Palpatine returned“). Luke Skywalker dagegen war unter ihm nun wieder jemand, der Lichtschwerter überaus würdig behandelte, Reys Familiengeschichte plötzlich doch sehr entscheidend. Im Grunde zeigten sich beide Autoren mit diesen Szenen jeweils den Mittelfinger, was ihnen wichtiger schien, als gute Filme zu machen.

“Partners” in Crime: J. J. Abrams und Rian Johnson. Beide nicht zu beneiden um die Tonnen von Fan-Erwartungen auf ihren Schultern.

Aber kritisieren ist auch hier wieder leicht. Die Frage ist: Was hätte man bei den Sequels denn nun anders machen müssen? Um eines klarzustellen: Ich glaube nicht, dass ich die richtige Antwort kenne. Aber wäre ich zufällig in besagtem Writer’s Room gesessen und nach meiner Meinung gefragt worden, hätte ich wohl – dann ganz kleinlaut geworden – das Folgende zur Diskussion gestellt. Ein bescheidenes zweites Experiment:

 

TEIL IV: DIE SEQUELS – ADRIAN BROOKS CUT

Wie schon erwähnt, bin ich überzeugt, dass man sich mit einem großartigen Team und in Ruhe eine komplett neue Geschichte hätte ausdenken sollen, wie von Timothy Zahn in seiner „Thrawn-Trilogie“ so glänzend vorgemacht. Das hätte Plan A, B und C sein müssen. Doch selbst unter der deutlich schwierigeren Prämisse, in etwa die jetzige Story zu erzählen, wäre ein anderer Weg möglich gewesen.

Und so schimpfe ich gern auf Episode VIII, weil dieser Film das Schicksal dieser schlechten Trilogie besiegelte. Aber in Wahrheit war für mich der wahre Totengräber der gefeierte siebte Teil. Weil der schon ein Universum etablierte, in dem erzählerisch kaum mehr große Sprünge drin waren – da er mit dem ideenlosen Aufguss der ewiggleichen Konstellation (hier die armen Rebellen, dort das übermächtige Imperium, nun: First Order) dieses enge Handlungsgerüst für die weiteren Filme vorgab. Und weil er bereits unentschieden war zwischen den alten Helden und den neuen Figuren.

Ich bin fast sicher, man hätte sich vor der Sequel-Trilogie für eines davon entscheiden müssen: Entweder klar der Fokus auf die neuen Charaktere, auf die dann aber erheblich tiefer geschriebenen und besser erzählten Finn, Rey, Poe und Kylo (was ich besser gefunden hätte) – oder man hätte andererseits die alten Figuren noch mal richtig nutzen können. In diesem Fall hätte man sogar gar nicht viel umschreiben brauchen. Nur viel mehr im ON zeigen müssen, statt im OFF darüber zu reden. Zum Beispiel: Nicht einfach für einen Twist (er ist in Wahrheit Hans Sohn!) im siebten Teil die Geschichte opfern, wie aus Ben Solo der böse Kylo Ren wurde – sondern sie tatsächlich erzählen. Und die Zuschauer*innen bei diesem tragischen Weg somit dabei sein lassen (die Technik, Schauspieler digital zu verjüngen, gab es da ja bereits schon, zumal sie gar nicht so viel jünger hätten sein müssen).

Im Grunde hätte man für dieses Szenario alles nur um einen Film nach hinten schieben müssen. Die letzten Jedi wäre dann das Ende geworden. Das Erwachen der Macht der Mittelteil. Und die neue siebte Episode hätte wiederum das gezeigt, was zuvor nur im OFF erzählt worden war. Unser Experiment wäre damit also bewusst nichts Neues. Sondern der Versuch, mit denselben Mitteln und Figuren die Geschichte der Sequels ein wenig anders zu erzählen.

 

Episode VII:

Der neue siebte Teil hätte dann also wie bei Timothy Zahn davon handeln können, wie schwer es ist, die Republik aufzubauen, während sich die Überbleibsel des Imperiums als Underdog im Geheimen neuformieren. Wir hätten sehen können, wie Leia im Alltag nach dem Triumph über das Imperium als Politikerin hadert und Fehler macht, vielleicht auch einen gutgeschriebenen diplomatischen Widersacher X hat, einen abgebrühten, machthungrigen Politiker, den wir alle leidenschaftlich hassen. Ihre Jedi-Ausbildung würde sie nur sporadisch absolvieren. Wir hätten gesehen, wie Luke seinen Neffen und die Schüler trainiert, dabei als gefeierter Jedi jedoch eine Spur zu selbstsicher auftritt, zumal er alles aufbauen muss und erst lernt (es gab ja lange keine Jedischulen mehr).

Und wir hätten miterlebt, wie Han Solo nie da – und ein schlechter Vater für Ben ist. Denn ich glaube persönlich zwar nicht, dass es nach Luke/Anakin schon wieder einen derart zentralen Vaterkonflikt gebraucht hätte (und habe deshalb auch immer Rian Johnsons radikalen Ansatz verstanden, aus Reyes Eltern einfach “Niemand” zu machen). Doch wenn man dieses Thema wie bisher schon zum gefühlt hundertsten Mal in diesem Franchise aufgreift, hätte man es auch ganz anders nutzen können.

Zudem wäre Han nun nicht mehr ein einfacher Schmuggler im bald Rentenalter gewesen, sondern hätte einen zu seinem Kriegsheldenstatus viel besser passenden Job gehabt, etwa als Casino-Eigentümer, wo er mit den ewig gleichen, alten Stories prahlt. (Und auch das Casino selbst dürfte gern etwas heruntergekommen sein, mit zwielichtigen Gestalten, denen er eventuell aus Wetten Geld schuldet).

“Chewie, we’re immer noch Schmuggler!” Würde Han seine Heldentaten als über 70jähriger Rentner nicht schlauer versilbern?

Wir hätten dann Ben Solo unbedingt früher kennenlernen müssen, als er noch nicht gefallen war. Ein zwölf- oder vierzehnjähriger, einsamer Junge, damals vielleicht gespielt von jemandem wie Finn Wolfhard. Hätten seine Stärken und gute Seiten sehen müssen, aber auch seine Seltsamkeit und Andersartigkeit, die düster und oft sogar gefährlich wirkt. Seine erste tiefere Reaktion darauf, wer Darth Vader wirklich war – und wie er für uns verstörend fasziniert von der Mythologie der Dunklen Seite und der Vergangenheit ist. In unbeobachteten Momenten sogar mit einer noch plumpen, rudimentären eigenen Maske spielt. So dass wir denken: Who is this strange emo kid? Anders als der Jedinachwuchs in den Prequels wäre er (es gibt ja eben keine Tempel und Institutionen mehr) auch nicht früh von seiner Familie getrennt worden, sondern ihnen immer noch nah. Ein Fehler, denn umso impulsiver reagiert er, wenn Onkel Luke ihn mal wieder auszubremsen scheint und andere junge Jedikinder bevorzugt behandelt. Wenn seine Mutter beruflich weg ist. Und wenn sein Vater ihm fremd wirkt – und sich für ihn als brütendes, seltsames Kind auch ein bisschen zu schämen scheint. Wir hören, wie andere Kinder ihn im Tempel ihn mal „Psycho“ nennen oder ihn zumindest meiden.

Der mysteriöse Snoke dagegen wäre kein, nun ja, Hologramm gewesen, das aussieht, als wäre es fünfzehn Mal überfahren worden. Sondern ein charismatischer Anführer wie der blauhäutige Großadmiral Thrawn in den Timothy-Zahn-Büchern. Listig, klinisch intelligent, aber auch durchaus witzig, gefährlich, charmant. Bewandert mit der dunklen Seite auf eine Weise, die uns und der Republik vollkommen neu ist, da sie offenbar aus dem sagenumwobenen Outer Rim hinter den Grenzen der Galaxis kommt.

Wir hätten dann zwingend sehen müssen, wie Snoke den jungen Ben (wie haben die beiden sich bisher eigentlich kennengelernt, in einer Bar?) mit Versprechen verführt. Bald schon ein Vater-Ersatz wird, weil der richtige Vater Han Solo sich nicht genug kümmert; die emotionale Schwachstelle von Ben. (Ein bisschen wie beim Spielberg-Film Hook und dem Sohn von Peter Pan). Stück für Stück erlangt Snoke so das Vertrauen des Jungen, nährt Bens Hass und führt ihn auf die Dunkle Seite. Bis dieser sich am Ende – ohne Lichtschwert-Drama am Bett mit Luke, aber nach einer heftig eskalierten Auseinandersetzung voller Hass auf ihn und den schlechten Vater Han – Snoke anschließt. Vielleicht sogar die ganze Jedischule zerstört und dabei unnötig noch die Mitschüler tötet, die ihm durch seinen Onkel bevorzugt vorkamen oder ihn mal verspotteten – eine Szene, die uns tief geschockt hätte. Der Junge ist doch erst zwölf, er ist selbst erschrocken und kann nicht glauben, was er getan hat – und was die Dunkle Seite ihm befahl. Aber davon gibt es scheinbar kein Zurück mehr. Auch Luke ist zu geschockt und lässt ihn ziehen. Ein paar der Jedikinder (die, die uns immer besonders unsympathisch waren), schließen sich Ben an; die späteren Knights of Ren.

Man kann sich gut vorstellen, wie das Kennenlernen vom jugendlichen Ben Solo und Snoke bisher ablief: Der vertrauenswürdige Onkel sprach den Teenager nach der Jedischule an: “Magst du nicht zu mir auf die Dunkle Seite kommen?”

Wir hätten Leias Schmerz über ihren abtrünnigen, fragilen Sohn gespürt, ihre trotzdem unzerstörbare Liebe, und vielleicht auch ihre möglichen Vorwürfe gegenüber ihrem abwesenden Ex-Mann und dem Bruder, der es nicht spürte und verhinderte. Eine extrem emotionale Diskussion, in der alle drei alten Helden ein letztes Mal in einer Szene zusammen sind. Sie werfen sich schlimme Dinge an den Kopf, irgendwann sagt Han etwas zu Luke wie: „Schieb’s nicht mir in die Schuhe. Du hast als sein Meister versagt. Es ist deine Schuld, was aus dem Jungen wurde. Du dachtest, du bist Yoda oder sonstwer, aber das bist du nicht.“ Wir sehen, wie sehr das alles Luke trifft. Es wäre eine schmerzhafte Szene für uns, mit diesen drei geliebten Helden, aber zugleich sehr wichtig. Denn sie würde etwas aufgreifen, was mir bisher zu kurz kam.

Als ich hörte, dass die alten Charaktere zurückkommen, hatte ich die Hoffnung, dass diese Trilogie auch etwas über sich selbst und damit unsere Zeit aussagen könnte. We live in nostalgic times, genau wie immer schon das Star War-Universum, in dem sich alles stets unvermeidbar wiederholte. Die Gefahren und Facetten dieser Verklärung hätte man mit der Rückkehr der ikonischen alten Helden zeigen können. Denn sind nicht auch auffallend viele andere Filme, Songs und Serien (und, ähm, 80s-Bücher) zuletzt nostalgisch gewesen? Nur: War diese Vergangenheit wirklich so toll – oder wäre sie nicht eher ernüchternd, würden wir sie mit heutigen Augen noch mal erleben? Und hatte nicht auch Mark Hamill selbst es irgendwann satt, auf ewig dieser ikonische Luke Skywalker zu sein – genau wie seine Figur Luke es satthaben musste?

Ihr wolltet also die tollen alten Helden von früher? Nun, das habt ihr davon. Sie sind gar nicht so toll wie in der Erinnerung, stattdessen menschlich und fehlbar. Han Solo war der Typ, der sich irgendwie in den Krieg hineinziehen ließ, aber er ist auch unwirsch und früh getrennt von Leia und längst wieder dem Geld hinterher. Leia ist tough, aber als begabte Jedi einfach zu ungeduldig, als Mutter genau wie Han als Vater überfordert, dazu wächst sie noch immer in die Rolle der diplomatischen Politikerin hinein und kämpft mit den Widrigkeiten. Und Luke geißelt sich selbst, wurde den hohen Erwartungen nicht gerecht. Alle wollten etwas von ihm, dem strahlenden Jedi, doch er hat keine Kraft und Lust mehr, auf ewig dieses Symbolbild zu sein. Er ent-täuscht sich und uns. Hat den Kontakt zum Jungen aus Tatooine verloren.

Am Ende vom neuen Episode 7 hätten wir dann erlebt, wie die First Order mit Snoke, dem kindlichen, aber finsteren Ben – nun erstmals Kylo Ren – in Uniform bei einer Schlacht triumphiert, während Luke flieht und alles zurücklässt. Für immer.

 

Episode VIII:

Im nächsten Film – mindestens zehn Jahre später – wäre Luke wie gehabt aufgrund seines Scheiterns schon lange verschollen. Er gilt vielen sogar als tot, sein Ruf ist ebenfalls ruiniert. Alle in der Galaxis wissen inzwischen um sein Versagen als Meister von Ben Solo, und so ist er, der einst für Hoffnung stand, vergessen.

Ach, Luke! Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Der erwachsene Kylo Ren dagegen (jetzt ein älterer Schauspieler wie Adam Driver) ist als neuer Bösewicht omnipräsent. Seine Macht wächst und wächst, seine Knights of Ren sind ebenfalls gefürchtet und unermesslich brutal. Manchmal spürt er, wie seine Mutter mit ihren Fähigkeiten an ihn denkt, aber er ignoriert es. Die First Order wurde unter der Leitung von ihm und Snoke immer stärker, und man munkelt, dass sie bald im Besitz einer nie dagewesenen Waffe aus dem Outer Rim sein könnte. Ein Planet nach dem anderen schließt sich ihnen an. Noch ist die First Order klar unterlegen, aber die mächtige Republik bröckelt an vielen Enden, und sie weiß nicht, wie sie den immer grausameren Kylo Ren und den genialen, wendigen und überlegen intelligenten Snoke bekämpfen soll.

Doch eine Hoffnung gibt es: Wir sehen in einigen Szenen zum ersten Mal ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen auf einem nicht-Wüstenplanet: die vermüllten, heruntergekommenen Straßen des einstigen Regierungsplaneten Coruscant etwa oder etwas ganz Neues. Sie ist allein, hat außer einer ramponierten Droidenpuppe niemanden, träumt von einer Familie. Sie ist nicht glatt geschrieben, sondern hat Ecken und Kanten, lügt, kann laut werden, klaut, wir lernen sie gut kennen. Auch ihre Schwächen und Unsicherheiten. Außen rau, glaubt sie insgeheim, nicht gut genug zu sein, weil sie von ihrer Familie verlassen wurde.

Als man sie beim Klauen zu erwischen droht, wird sie von einer Straßengang gerettet, bestehend aus lauter Misfits, armen Alienjugendlichen, kaputten Robotern und Droiden. Wir mögen diese verlorene Schar sofort (vielleicht kommen sie im letzten Teil noch mal im Finale vor). Auch das Mädchen fühlt sich dort wohl, doch als sie später bei einer Patrouille von marodierenden Ex-Sturmtrupplern sieht, wie man ihre neuen Freunde angreift, geschieht etwas Seltsames. Denn wie wir nun erfahren, hat dieses Mädchen offenbar die Macht, und zwar auf eine Weise, die wir so noch nicht kannten: und wir begreifen: diese Rey wird noch eine wichtige Rolle spielen. Zugleich schlägt ihr „Erwachen der Macht“ große Wellen. Wir sehen, wie sowohl Snoke als auch Leia davon erfahren – und sich beide auf die Suche nach ihr machen.

In diesem Film erleben wir zudem auch erstmals Finn. Ein junger Stormtrooper, der mit der First Order und ihrem faschistoiden Wesen hadert. Sie retteten ihn einst als Jungen aus der Armut, weil sie damals noch geschwächt waren und dringend Leute rekrutieren mussten, deshalb ist er loyal. Aber er ringt immer mehr mit sich.

Der uns schon bekannte diplomatische Widersacher X aus Episode 7 dagegen macht Leia das Leben inzwischen zur Hölle und hat immer mehr Befürworter für seine – wie wir fürchten – zu riskanten Pläne. Nach einer weiteren Niederlage gegen eine viel kleinere, aber taktisch wieder mal genial von Snoke geführte Division der First Order liegen die Nerven endgültig blank. Irgendwann wirft Widersacher X Leia im Streit vor, sie wäre eine schlechte Mutter gewesen und Kylo deshalb auf die Dunkle Seite geraten und nun dieses Problem für alle, ihr verdammter Sohn. Oder deutet süffisant an, dass sie sich nicht um den Job als Kanzlerin kümmern könne, weil sie genug trouble zu Hause habe. Es kommt zum Eklat, wir hassen diesen Kerl und seine Vorwürfe: Was für ein Arschloch. Und sehen zugleich: Kylo ist Leias größte Wunde. Es ist niederschmetternd, aber auch eine Hoffnung für den letzten Teil: Denn sie scheint wiederum seine zu sein.

Han Solo dagegen hat sich vom selbstgefälligen Casinobesitzer des Vorgängerfilms noch mal aufgerappelt. Er ist nicht mehr mit Leia zusammengekommen, zu viele alte Vorwürfe und Wunden. Aber als hochdekorierter, legendärer Captain hat er sich dem Kampf gegen die First Order angeschlossen, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Rührend das erste Wiedersehen seit langem mit Chewie im Millenium Falcon und seine Bemerkung, dass sie zu Hause sind. Bevor er feststellt, dass sie zu alt für diesen Mist wären und er „ein ganz mieses Gefühl“ habe. Doch er muss seinen Sohn finden, egal um welchen Preis. Als er sich vor dem Aufbruch zu dieser gefährlichen Mission in einer emotionalen Szene von Leia verabschiedet, gibt er ihr auch eine Hologramm-Botschaft: „Für deinen Bruder, falls du je von ihm hörst.“ Sie reden aber auch noch mal über Ben. Wie liebevoll er als Kind sein konnte. Dass es ihre Schuld war, was aus ihm wurde – und ihre Verantwortung. „Was immer mir passiert; gib ihn nicht auf.“

Daneben hätte man auch noch einiges aus dem alten Episode 7 bringen können, was funktionierte. Und wir hätten endlich mehr über den geheimnisvollen Snoke und das Outer Rim erfahren, das einst laut Palpatine die wahre Quelle der Macht sein sollte und aus dem sich auch die irritierende neue Stärke der First Order speist … Wer ist Snoke wirklich? Etwa der legendäre dunkle Meister Darth Plagueis selbst? Immer mehr nimmt er die Vaterrolle für Kylo ein, der bedingungslos auf ihn hört.

Am Ende hätten wir dann ein zweigeteiltes Finale gehabt: Snoke hat Rey erfolgreich aufspüren lassen, sie wird überrumpelt und gefangen genommen – von u.a. Finns Elitetruppe. Dieser ringt noch immer mit sich, doch als er sieht, wie seine Kollegen Rey angehen, wendet er sich gegen seine Leute und befreit sie. Am Ende auch mit Hilfe der Misfits, die zu ihr halten. Allerdings ist es nur ein kurzer Triumph, denn auf ihrer Flucht landen sie schließlich in einer Sackgasse, umgeben von den übermächtigen Wachen aus dem Thronsaal von Snoke, darunter auch zwei brutale Knights of Ren. Das war’s, denn auch Rey ist in der Macht noch zu unkontrolliert und hat ihnen (noch) nichts entgegenzusetzen. Und bald soll das Schiff von Snoke ankommen …

Parallel dazu hätten wir das Wiedersehen zwischen Han Solo und seinem gefallenen, nun erwachsenen Sohn erlebt. Wie bisher treffen sie auf einer Brücke aufeinander. Lange Blicke, kurze Worte. Han wirft seinen Blaster in den Schacht. Sagt, es tut ihm leid, er wäre ein schlechter Vater gewesen. Kylo dagegen schwankt, er wird doch nicht etwa …

Schnitt zurück zur Szene mit Rey. In dem Moment, in dem alles in der Sackgasse aussichtlos scheint, werden die Thron-Wachen wie von Zauberhand und in dramatischen Bildern beseitigt, von einer offenbar mächtigen Figur, die wir aber nicht sehen können. Eine Gestalt mit Kapuze, ein Jedi? Doch Luke, wie wir zunächst hoffen, kann es nicht sein, die Figur ist irgendwie schmaler. Sie wirkt schon etwas älter, fegt aber über die Gegner hinweg, wirft sogar einen Knight of Ren nur mit Gedankenkraft an die Wand. Am Ende tritt sie ins Licht, schlägt die Kapuze zurück: Leia. Vielleicht nicht die fleißigste Schülerin in der Macht, aber eben auch eine Jedi. Sie hat das Rennen um Rey gewonnen, und auch Finn schließt sich der Republik an. Die Bande um die Misfits dagegen bleibt vorerst zurück, sie alle wollen mit der Republik genauso wenig zu tun haben wie mit dem Imperium. Kurz bevor Snoke ankommt, fliegt das Schiff mit Leia, Rey und Finn in den Hyperraum. Gerettet. Doch anstatt erleichtert zu sein, wird Leia blass, denn:

Schnitt zurück auf die Brücke, zu Han und Kylo. Hier der echte Vater, der bereut und sich ohne Blaster nicht wehrt, egal, was kommt. Dort der Sohn, der nicht verzeihen kann, die Worte des Ersatzvaters Snoke noch im Ohr hat. Schließlich das Lichtschwert zückt – und Han niederstreckt. Durch egal welchen Aufbau über zwei Filme hätte dieser Tod viel mehr bedeutet.

Bisher haben Vater und Sohn an diesem Punkt nur genau eine Szene miteinander – eben die, in der Han Solo stirbt.

Schnitt zu: Ein ferner, karger, bergiger Planet, den wir noch nie gesehen haben. Auf einem Stein meditiert der vergessene, altgewordene Luke Skywalker und spürt die Erschütterung … Er murmelt erschrocken „Han“ – und ist innerlich zerrissen zwischen bleiben oder zurückkehren. Wir sehen es in seinen Augen – und enden damit.

 

Episode IX:

Hier stößt mein Gedankenspiel der simplen Änderungen an seine Grenzen, denn hier hätte man sich auch bei der Version mit den alten Figuren natürlich in Ruhe wirklich neue, großartige Sachen fürs Finale ausdenken müssen. Die emotionalen Metadaten aber sind klar: Ein letztes Hurra für die Ur-Helden und zugleich eine möglichst mitreißende Staffelübergabe für die neuen Helden, die nun zum ersten Mal tragende Rollen einnehmen. Hier Finn als beherzter Typ, der nun als Kämpfer für die Republik mehrmals über sich hinauswächst und der Held seines eigenen Lebens wird (und sich vielleicht in Rey oder den abgebrühten Piloten Poe verguckt hat, ein Szenendieb als Nebenfigur). Und dort Rey, die – mit jetzt knapp zwanzig Jahren – besser in der Macht trainiert ist, immer vielschichtiger wird und bei der lange nicht klar ist, ob sie mit ihren eigenartigen Fähigkeiten (die auch Snoke gern in seinem Besitz hätte und auf seltsame Art fürchtet) sogar eine Gefahr ist, statt einer Hoffnung.

Um das herauszufinden, sucht sie den alten Luke in seinem Exil auf. Er ist gebrochen, weil er weiß, dass sein bester Freund Han tot ist und sie sich nie mehr aussprechen konnten. Weil er nicht verhinderte, dass Kylo böse wurde. Und zugleich spürt er in der jungen Rey etwas Besonderes, eine Verbindung zu den Machtquellen von Snoke, die ihn besorgt, aber auch der Schlüssel für einen Sieg sein könnte. Er trainiert sie, aber sie bleibt auch ihm ein Rätsel.

Und vielleicht wirft der alte Luke auch noch mal ein anderes Licht auf die Jedi selbst. Stellt etwa die Frage, ob ihre ewige Angst vor der Angst wirklich so sinnvoll war, dieses dogmatische Setzen auf Vereinzelung, Entsagung und Trennung von Freunden und Familie, statt auf Loyalität, Liebe und Miteinander. Und ob man mit letzterem nicht sowohl Kylo noch retten könnte und, weiter ausgeholt, damit auch Anakin womöglich vor vielem bewahrt hätte, etwa nach dem Verlust seiner Mutter.

Könnte man eventuell drauf verzichten: Die Szene mit Luke und der Space Cow.

Es hätte am Ende ein Wettrennen um eine Waffe aus dem Outer Rim geben können oder auch etwas ganz anderes, das mehr mit Rey selbst zu tun hat. Man hätte auf jeden Fall das Geheimnis von Snoke und der Dunklen Seite lüften und alle bisherigen Storylines um die alten und neuen Charaktere zusammenführen können, dazu wäre am Ende ein bisschen etwas von Die letzten Jedi gekommen. Es hätte einen emotionalen Moment mit Rey und Kylo geben müssen, in dem man erfährt, ob sie nicht doch noch gefährlich ist. Und er nicht doch noch zu retten. Und vielleicht hätten wir hier auch den großartigen Moment im Thronsaal nach Snokes möglichem Tod gesehen, nur mit anderem Ausgang.

Und man hätte vor allem vom alten Luke erzählen können, der am Ende doch noch auf seinem Exil zurückgekehrt war und nun (für einen besseren Zweck als bisher) tatsächlich gestorben ist – aber dessen Tod den Menschen Mut macht. Er, der begreift, dass die Idee von ihm immer größer sein wird als er selbst, was ihm erst schwer fiel zu akzeptieren. Aber nun macht er seinen Frieden damit. Die schmerzende Wunde aus dem neuen Episode 7 – als wir ihn vor unseren Augen fehlen sahen – wäre nun endlich verheilt, sein ramponierter Ruf durch seine selbstlose Tat wiederhergestellt. Ein letztes Mal hat er der Galaxis zumindest kurzzeitig Frieden gebracht (Snoke muss ja nicht tot sein, es reicht, wenn seine Waffe entschärft ist. Und auch Widersacher X kann entweder einen qualvollen Tod sterben oder nun nach einem politischen Aufstieg eine echte Gefahr darstellen, je nachdem, ob es mit den Filmen weitergehen hätte sollen). Vor seinem Tod aber hat Luke in der Hologramm-Botschaft gesehen, dass Han Solo ihm verziehen hat und zugibt, dass auch er Schuld an allem hatte. Und vor allem: dass Luke es nur gut meinte, und er ihn wie einen Bruder liebt. Von seiner Schwester Leia weiß er das eh – wie wir in einer Abschiedsszene als Geist sehen.

Die jungen Helden dagegen sind etabliert und warten auf neue Abenteuer. Als Schlussbild hätte man dann ebenfalls das aus Episode 8 mit dem Jungen und dem Besen nehmen können, der in die Sterne blickt. Ein Zeichen, dass die Geschichte der alten nostalgischen Filme und Figuren endgültig vorbei ist – und nun neue kommen.

Fade Out.

Na ja, keine Ahnung, ob das alles wirklich so viel besser wäre, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß nicht, ob diese Trilogie tatsächlich zu retten gewesen wäre oder ob man dafür nicht alles neu und mehr wie bei der Thrawn-Trilogie hätte erzählen müssen … Und es ist auch leicht, in der Rückschau schlau daherzureden (auch wenn es Spaß macht). Denn man unterschätzt dabei die Leistung, sich faszinierende Figuren wie Kylo Ren überhaupt ausgedacht zu haben. Oder die Schwierigkeit, unter hohem Erwartungs- und Zeitdruck an solch einer Story zu arbeiten. Und dabei dann oft gestresst Drehbuchfassung drei zu verfilmen statt vielleicht Nummer sechs oder sieben – in der die gleiche Geschichte von den gleichen Leuten viel ausgereifter und durchdachter gewesen wäre. Zudem schrieb mir jemand neulich etwas Schönes: Dass diese Fortsetzungen und Prequels, egal wie gut oder schlecht, doch nichts anderes wären als Wegweiser für die Urtrilogie.

Es ist leicht, hier nerdmäßig rumzusabbeln und schlau zu tun. Und es ist weiterhin nur eine Meinung von Millionen.

Und dennoch fühlten sich die letzten Disney-Filme, wenn ich ganz ehrlich bin, für mich ein bisschen wie ein Ende an. Keine simple Enttäuschung, sondern eher ein Trennungsgrund. Nur: vielleicht ist auch das wieder falsch. Vielleicht ist Star Wars immer schon vor allem für Kinder und Jugendliche gewesen, nur will man das als Erwachsener einfach nicht wahrhaben. Lädt die Figuren und Filme mit Bedeutungen auf, die sie nie hatten. Und vermisst dann Gefühle in den Fortsetzungen, die man selbst nicht mehr in sich hat. Andererseits hat der kindliche Star Wars-Fan in mir weiß Gott lange genug überlebt.

Und so denke ich auch jetzt wehmütig an das Ende von Die Rückkehr der Jedi-Ritter, das so wunderbar rund war, dass ich mir beim Schauen der neuen Episoden oft dachte, dass ich das alles eigentlich gar nicht sehen wollte; wie die geliebten Helden von einst alt wurden und starben. Es ist die Stärke von märchenhaften Filmen wie Star Wars, dass sie in Momenten abblenden können, an denen das wirkliche Leben weitergehen muss; an denen uns der Alltag mit Vehemenz einholt und gnadenlos zeigt, dass es deshalb nie ein echtes Happy End geben kann.

Nun aber ist Han tot, Leia ist tot, Luke ist tot, und sie starben noch nicht mal für eine großartige neue Erzählung, sondern nur für die unfertigen Pläne ihrer überforderten Macher. Drastischer formuliert: Diese ikonischen Figuren durften weder für immer in unseren Köpfen jung weiterleben, noch bekamen sie zumindest das gutgeschriebene Ende, das sie verdienten. Stattdessen wurden sie ohne großen Plan und aus simpler Geldgier getötet.

Blickt man jetzt auf diese neun Filme, fällt umso mehr auf, dass das ganze Star Wars-Universum im Prinzip bloß von einem guten (der vierte) und einem sehr guten (der fünfte) Teil zusammengehalten wird. Und im Kern nur von einem einzigen gigantisch guten Twist (Darth Vader als Lukes Vater), während schon der nächste – Leia und Luke sind in Wahrheit Geschwister! – insgeheim längst nicht mehr so überzeugen konnte. Der viel größere Rest der Filme und Geschichten aus diesem Universum konnte da zumindest für mich nicht mithalten und war am Ende, nüchtern bilanziert, oft nicht mehr als unerfüllte Sehnsucht, unzerstörbare Hoffnung auf weitere solche Erlebnisse und eben Nostalgie.

George Lucas dagegen mag bei den Prequels als Drehbuchautor und Regisseur für nicht wenige Fans gescheitert sein, aber er war immer ein Schöpfer. Klaute sich zwar zugegeben für Star Wars auch einiges zusammen, revolutionierte das Kino aber immer wieder, ob mit American Graffiti im Coming-of-Age-Genre oder mit Indiana Jones im Abenteuerfach. Ein mutiger Visionär, der mit fast kindlicher Neugier neue Welten und Stories erforschte. Der auf der Höhe seines Schaffens Figuren erfand, die von Millionen von Menschen auf der Welt seit Generationen geliebt wurden, und dessen Geschichten man deshalb instinktiv nie in Frage stellte. Was passiert, wenn sich Leute ohne großen Masterplan, ohne Mut und ohne die nötige Zeit an seinen Charakteren versuchen, Leute, die vielleicht handwerklich talentiert sind, aber eben keine Schöpfer, das sahen wir mit der neuen Trilogie: solide gemachte, aber uninspirierte, maximal mittelmäßige (und in Teilen sogar dümmliche) Fan-Fiction.

Und doch fürchte ich, dass das Scheitern der Star Wars-Fortsetzungen in meinem Fall sogar noch mehr war: eine Metapher für das eigene Erwachsenwerden und damit auch das Loslassen alter Kindheits-Illusionen und Gefühle. Denn wie im Fußball, wo ich trotz Kommerzialisierung und einer korrupten WM in Katar (die ich als Fan weitgehend boykottieren werde) ein gutes Einzelspiel noch irgendwie schätzen kann, weiß ich auch eine starke Episode von The Mandalorian oder das Ende von Rogue One zu würdigen. Aber beides bedeutet mir nicht mehr viel, die Leidenschaft ist erkaltet. Und so reisen wir am Schluss ein allerletztes Mal in das Schicksalsjahr 2012 zurück, als Disney – wie die Kinder mit den Süßigkeiten im berühmten „Marshmallow-Experiment“ – nach dem Kauf von Star Wars zwei Wahlmöglichkeiten hatte. Sie konnten die ausgegebenen vier Milliarden entweder gierig jetzt sofort einspielen, aber mit einer enttäuschenden und schnell zusammengeschusterten Trilogie und dem Ergebnis, dass danach erst mal keiner mehr einen Star Wars-Hauptfilm sehen will. Oder sie hätten noch zwei, drei Jahre länger warten können, um sich erst mal in Ruhe eine gute Geschichte auszudenken, die dieser Saga und den Figuren wirklich würdig ist, und dann eventuell on the long run sogar das Doppelte einzuspielen.

Und vielleicht haben sie sich ja irgendwo genau so entschieden. Vielleicht gibt es diese guten neuen Filme irgendwo, und mit ihnen eine Version von mir, die diese Reihe noch immer liebt und sich wie ein Kind weiter auf neue Teile freut. Wenn schon leider nicht in dieser Welt, dann doch an einem anderen Ort.

In einer weit, weit entfernten Galaxis.


PREQUELS

Episode I: Die dunkle Bedrohung (1999)

Episode II: Angriff der Klonkrieger (2002)

Episode III: Die Rache der Sith (2005)

 

UR-TRILOGIE

Episode IV: Eine neue Hoffnung (1977)

Episode V: Das Imperium schlägt zurück (1980)

Episode VI: Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983)

 

SEQUELS:

Episode VII: Das Erwachen der Macht (2015)

Episode VIII: Die letzten Jedi (2017)

Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers (2019)

 

 

P.S. Wer mehr über den Autor Adrian Brooks erfahren möchte und wie er George Lucas einst die Idee zu Star Wars stahl – sein Zuhause ist die Short Story Die Wahrheit über das Lügen.