Coruscant, we have a problem …

Hallo, mein Name ist Adrian Brooks, Sie kennen mich vielleicht aus der Kurzgeschichte „Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen“. Wie Sie dann wissen, gibt es dort eine Zeitlinie, in der ich selbst Star Wars erfunden habe. Tja, guter Witz. Denn das war leider nur die Short Story irgendeines Autors, der offenbar zu viele Filme schaut. In dieser Welt dagegen jobbe ich nach einigen beruflichen Fiaskos und gescheiterten Drehbüchern weiter als Pizzajunge (möchte aber bald in den administrativen Bereich aufsteigen, das hat mir der Filialleiter vor zwei Jahren versprochen.). Ansonsten wohne ich mit Mitte dreißig wieder bei meinen Eltern in San Francisco (habe gerade die Garage ausgebaut und hier unten mein hübsches kleines Reich) und bin Autor von giftigen Kolumnen für Filmzeitungen, von denen Sie unter Umständen aber noch nie gehört haben. Tagsüber. Nachts schreibe ich Artikel zu George Lucas und Star Wars. Meist sind das kurze Dinger, aber diesmal wollte ich doch etwas weiter ausholen. Ich hab mich sogar zusammengerissen und mal auf meine sogenannte „Sprache“ geachtet. Weniger Flüche also, versprochen. Denn das hier ist eine verdammte Trennungsgeschichte. Es geht um nicht weniger als die Gründe, wieso meine Kindheitsliebe zu Star Wars in den letzten Jahren erlosch. Und warum ich die handwerklich besser gemachten Disney-Sequels trotzdem noch viel schlimmer finde als die sch… berüchtigten Prequels.

Aber vor allem auch, wie man diese Fortsetzungen mit nur wenigen Entscheidungen ganz anders hätte erzählen können.

Denn vieles, was ich über Filmemachen zu wissen glaube, habe ich durch schlechte Star Wars-Filmen gelernt; Stichwort „preaching by negative example“. Ich möchte allerdings vorher noch eine Sache – … „Was, Mom? … Nein, ich hab keinen Hunger. Und ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst hier unten anklopfen, Herrgott noch mal!“ Unglaublich, nie hat man seine Ruhe …. – ‘Tschuldigung. Also, ich möchte vorher eine Sache klarstellen: Das Star Wars-Universum ist groß, und es ist deshalb Platz für Millionen von verschiedenen Meinungen. Dies hier ist nur meine, und es ist zudem eine bescheidene. Bin ich etwa so tief in diesem Franchise „drin“, dass ich mir irgendwelche X-Wing-Buchreihen und Klonkrieg-Cartoonserien reinziehe oder mich in Kinoschlangen als verdammter Ewok oder so verkleide? Nein. Schaue ich mir die Hauptfilme an und mache mir ein paar Gedanken darüber? Das schon.

Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Sie mit den Filmen was anfangen können, dass Sie zum Beispiel wissen, was die „Prequels“ sind (siehe Liste am Ende des Artikels). Denn sonst schlafen Sie hier binnen weniger Minuten ein, das garantiere ich Ihnen. Sehr empfehlen kann ich Ihnen auch die Videos, die ich im Text unterstrichen verlinkt habe. Lassen Sie sich bitte nicht täuschen, wenn manche erst mal komisch wirken, etwa der makabre Irre von Redletter-Media: Da lernt man wirklich was über die Essenz von Filmemachen und Figurenzeichnung, ernsthaft. Ging zumindest mir so.

Aber nun genug geredet, das Ding hier wird eh lang genug. Wenn sie also schon seit längerem Schlafprobleme haben oder ein Star Wars-Fan mit zu viel Zeit sind und zudem keine Spoiler fürchten – dann wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen:

 

PROLOG: EINE (OFT ENTTÄUSCHTE) NEUE HOFFNUNG

„Mit dreizehn ging ich ins Kino – danach war mein Leben nicht mehr das Gleiche …“ Okay, das ist reichlich übertrieben, aber ich weiß noch, wie meine Freunde mich in Das Imperium schlägt zurück schleppten. Star Wars war damals gerade zwanzig Jahre alt geworden, und zum Jubiläum 1997 liefen die alten Klassiker noch mal in restaurierter Fassung im Kino. Den ersten Teil (nun im Kanon der vierte) hatte ich allerdings verpasst, überhaupt wusste ich damals fast nichts über dieses Universum. Es schien irgendeinen Luke Skywalker zu geben, dazu Lichtschwerter, okay, und auch Darth Vaders asthmatisches Röcheln war mir bekannt. Viel mehr aber nicht. Ohne große Erwartungen ging ich also in die Vorstellung – und wurde überwältigt von dem, was ich sah. Und als Darth Vader schließlich Luke den Arm abschlug und ihm danach sein berühmtes „Nein … ich bin dein Vater“ entgegenschleuderte, da riss es mich in meinem Sitz herum.

Was! Für! Eine! Geschichte!

Auf dem Rückweg löcherte ich meine Freunde mit Fragen, sog binnen kürzester Zeit die Backstory und Familiengeschichte der Skywalkers auf, schaute auf einer alten VHS-Kassette noch schnell den ersten Teil nach – und war bereit, als Wochen später das große Finale im Kino lief: Episode VI: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Auch dieser Film packte mich, und ich erinnere mich, wie begeistert und zufrieden ich danach den Saal verließ. So musste ein Star Wars-Film sein, und waren nicht sogar schon drei komplett neue Teile angekündigt?

Was für herrliche Aussichten …

Hätte man mir damals, im Frühjahr des Jahres 1997 gesagt: „Setz dich mal kurz, mein junger Freund, ich muss dir etwas mitteilen – nie wieder wirst du nach dem Schauen eines Star Wars-Films so glücklich aus dem Kino kommen wie jetzt gerade. Nicht bei den Prequels, und schon gar nicht bei den Fortsetzungen von Disney. Nie. In den nächsten 24 Jahren wirst du dich stattdessen fast nur noch ärgern, bis deine Gefühle schließlich komplett abstumpfen!“ – Ich hätte es nicht geglaubt. Und wenn doch, wenn ich damals tatsächlich auch nur ansatzweise geahnt hätte, welche Enttäuschungen mir diese Reihe, in die ich so frisch verliebt war, noch zufügen sollte, dann hätte ich ungefähr so reagiert wie in diesem Video:

 

Nur, wie kam es eigentlich dazu? Wie wurde aus meiner kindlichen Liebe zu diesem Filmuniversum erst Enttäuschung und Frust (einfach zu erklären) – und am Ende sogar Gleichgültigkeit (schwieriger zu erklären)?

Es wäre zu simpel, alles auf die Prequels zu schieben, den vor rund zwanzig Jahren erschienenen Episoden I, II und III. Aber ich muss mit ihnen anfangen. Ich weiß, dass es Leute gibt, die sie im Licht der enttäuschenden Disney-Fortsetzungen verklären und nun nachträglich als verkannte Meisterwerke hinstellen. Und ich weiß, dass es Menschen gibt, die diese Filme immer schon geliebt haben, auch in meinem Umfeld – fair enough. Ich selbst gehöre allerdings nicht dazu. Und offenbar auch nicht George Lucas‘ Exfrau Marcia, die für ihn einst den Urfilm Eine neue Hoffnung geschnitten hatte (und dadurch erst rettete) – und die nach dem Schauen von Episode I vor Enttäuschung in Tränen ausbrach.

Und so kommen wir nicht drum herum, hier kurz auf ein paar Dinge zu schimpfen. Auf George Lucas kreative Alleingänge etwa (früher musste er sich gegen Studios durchsetzen und wurde von befreundeten Partnern wie Gary Kurtz oder seiner Frau kritisch hinterfragt, nun war er eine Art Gott). Auf sein fahrig-überladenes Storytelling und die oft hölzern und blass gezeichneten neuen Helden. Auf übertrieben kindische Figuren wie Jar Jar „Du se stecken in großes Kacka“ Binks – parallel montiert zu stinklangweiligen Erwachsenen-Diskussionen über irgendwelche Handelsbarrieren. Auf einen Overkill an Greenscreen und unausgereiftem CGI, was die Filme heute wie schlecht gealterte Computerspiele wirken lässt. Auf den Verrat am würdigen alten Yoda, der nie von seiner Kraft lebte, nun aber ebenfalls pflichtschuldig zum Schwanzverglei… Lichtschwertduell antreten musste und dabei wie ein zugekokster Flummi herumsprang. Auf die vielleicht schlimmsten Liebesdialoge der letzten zwanzig Jahre und eine Beziehung, die nie durch nachfühlbare Szenen bewiesen wurde – so dass die Beteiligten sie immer wieder durch Aussprechen ihrer Gefühle behaupten mussten (was im Übrigen auch für die Freundschaft zwischen Anakin und Obi-Wan gilt). Auf die letztlich nur acht Minuten, die es dauerte, bis aus dem guten Jedi Anakin Skywalker der kaltblütig Kinder-mordende Darth Vader wurde.

Und so weiter …

Mit den Prequels lernte ich, dass Star Wars für mich das Äquivalent zu einem einst ruhmreichen Fußballverein ist, dessen letzte Erfolge man in der Kindheit halb mitbekam – bevor man als Erwachsener nur noch frustriert den qualitativen Abstieg mitverfolgen konnte. Doch Fan bleibt Fan: leidensfähig, trotzig, kindisch und stets von naiver, flüchtiger Hoffnung verführbar. Und so ließ ich mich auch gern mit jeder weiteren Episode erneut enttäuschen. Redete mir nach dem Kinobesuch ein, dass das eben Gesehene doch eigentlich ganz gut war – bevor ich dann innerlich zusammenbrach und mir eingestand, dass ich die Filme schlimm fand.

“Du se stecken in große Drehbuchprobleme!”

Dabei ist es ein Jammer, denn die Prequels boten neben der grandiosen Musik von John Williams so viele starke Einzelszenen und Ideen. Und die Geschichte selbst hatte alles, um die erste Trilogie zu übertrumpfen. Ein im Kern düsteres Shakespeare-Drama, in dem fast nur die Negativismen siegen. Wir sehen den Untergang der Republik und der Jedi. Den Aufstieg des Imperators und der Sith. Den Fall von Anakin Skywalker, der sich vom unschuldigen Kind zum vielleicht ikonischsten Bösewicht der jüngeren Popkultur entwickelt. Die tragische Liebesgeschichte zu Amidala und die zerbrochene Freundschaft zu Obi-Wan … Auf dem Papier konnte da doch nichts schiefgehen. Man hätte es halt nur erzählen – und vor allem zeigen müssen.

Ehrlich gesagt hatte ich mir auch einen Haufen Gedanken gemacht, wie man das hätte anstellen können. Hatte schon einen Essay verfasst und mir sieben Grundänderungen für die ersten beiden Teile überlegt – um dann zu erzählen, wie sich Episode III dadurch verändert hätte. Doch am Ende habe ich mich entschieden, es hier erst mal rauszulassen. Weil ich mir schlicht nicht vorstellen kann, dass es auch nur einen Menschen interessiert. Und weil im Laufe der letzten fünfzehn Jahre bereits so viele Leute etwas Ähnliches dazu gemacht haben (hier zum Beispiel).

Doch vor allem hatte ich das Gefühl, dass die Sequels von Disney schlicht das spannendere Thema sein könnten. Ihr Scheitern. Die Frage nach den Gründen – und am Ende eben der Versuch, diese drei Frotsetzungen mit nur wenigen Änderungen zu retten.

Kurze Frage vorab: Gibt es eigentlich jemand, der die Disney-Sequels liebt, also so richtig, von „ganzem Herzen“? Falls ja, am besten jetzt aufhören zu lesen. An alle anderen: Machen wir uns auf die Reise.

 

TEIL I: DIE SEQUELS

Trotz der Enttäuschung mit den Episoden I, II und III blieb meine Zuneigung zur Saga ungebrochen. Ich schaute regelmäßig nach News und führte weiter leidenschaftliche Diskussionen, ob mit Bekannten, Verwandten oder Freunden (wie dem Autor des großartigen Romans Vincent). Ein trotziger Fan eben, getrieben von der Sehnsucht, wenigstens einmal als Erwachsener einen guten Star Wars-Hauptfilm im Kino zu sehen. Und als Jahre später der erste Star Trek-Reboot von J. J. Abrams rauskam, dachte ich insgeheim: So hätte man die Prequels erzählen müssen: Packend inszeniert und mit der blutjungen Crew um Spock, Uhura und Kirk auch extrem character driven. Kurz darauf erschien dann Abrams wunderbarer, die Serie Stranger Things schon vorwegnehmender Sci-Fi-Film Super 8, und ab da war ich wirklich überzeugt, dass er der Richtige für dieses Franchise gewesen wäre.

Und so kann man vielleicht meine Aufregung verstehen, als 2012 nicht nur verkündet wurde, dass George Lucas seine Firma an Disney verkauft hatte und eine neue Star Wars-Trilogie mit den Episoden VII, VIII und IX kommen würde – sondern auch tatsächlich J. J. Abrams als Regisseur fungieren sollte. Dazu würde der Oscargewinner Michael Arndt das Drehbuch schreiben, verantwortlich für Werke wie „Little Miss Sunshine“.

Das war einfach zu schön, um wahr zu sein.

Und das war es leider wirklich, denn Arndt stieg schon ein Jahr später wieder aus. Trotzdem war ich voller Vorfreude, als Das Erwachen der Macht schließlich 2015 ins Kino kam. Zumal die Rezensionen hymnisch waren und ein Meisterwerk der Nostalgie versprachen. Tagelang wartete ich darauf, endlich ein Ticket für gute Plätze zu kriegen. Dann sah ich den Film, und ich weiß noch, wie ich beim Rausgehen dachte: „Also, lag das jetzt an mir oder war der einfach nicht so gut, wie alle sagten, sondern, nun ja … nur ein lauwarmer Aufguss?“ Noch mal ein Wüstenplanet mit jungem Jedi? Noch mal eine versiffte Cantina-Bar? Noch mal ein Todesstern, nun als ganzer Planet und im Gegenzug fast lächerlich leicht zu zerstören? Noch mal eine Hologramm-Figur wie der Imperator mit Snoke? Noch mal mit Poe einen Han Solo-Verschnitt? Noch mal das Imperium riesig und die Rebellen winzig? Ich sah den Film ein zweites Mal, um sicher zu gehen – danach war ich ernüchtert. Beim Trailer noch Tränen in den Augen gehabt („Chewie, we’re home!“), nun fühlte ich eher Weltraumleere.

Aus tollen Fan-Trailern wie diesem nach dem siebten Teil spricht die Liebe der Zuschauer – schade nur, dass die angeteaserte Story um den Fund von Lukes Lichtschwert dann gar nicht mehr erzählt wurde.

Aber okay, handwerklich war das gut gemacht. Die neuen Figuren wirkten damals durchaus noch interessant, der Druck war zugegeben extrem gewesen, und bestimmt hatten sie einen großen Masterplan, wo das alles hinführen sollte. Die Mehrheit der Fans schien ohnehin glücklich, und an den Kassen funktionierte der Film auch: Abrams Episode 7 wurde einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Und als zwei Jahre später der Mittelteil Die letzten Jedi ins Kino kam, hofften alle auf ein neues Das Imperium schlägt zurück. Insgeheim hoffte ich das ebenfalls. Doch als ich das Kino verließ, war meine Star Wars-Liebe endgültig erkaltet und, ich kann‘s leider nicht weniger dramatisch sagen: mein Fanherz gebrochen. Denn diese zwei Disney-Filme allein hatten mir gezeigt, dass es noch etwas viel, viel Schlimmeres gab als die bei den Prequels erlittene Enttäuschung: Gleichgültigkeit.

Eher pflichtschuldig schaute ich dann zwei Jahre darauf noch den neunten und letzten Teil der „Skywalker-Saga“, der sich aber kampflos schnell als die befürchtete kreative Bankrotterklärung zu erkennen gab, mit dümmlich-egalem Plot, unzähligen MacGuffins, wirren Ideen und Leichenfledderei am Imperator. Jedes Wort darüber wäre eines zu viel, und wenn mir in dem Moment jemand gesagt hätte: „Hey, hast du schon gehört? Es sollen jetzt direkt noch drei weitere neue Filme kommen“, hätte ich mich vermutlich an der nächsten Straßenecke übergeben.

Wichtig: Auch hier gibt es Fans dieser Sequels, dies ist nur meine Meinung. Und ich würde schon sagen, es gab auch wirklich gute Szenen in diesen neuen Filmen. Es war schön, Mark Hamill wieder als Luke zu sehen, und Rian Johnson scheiterte zwar in großem Format (allein die Rahmenhandlung einer langsamen (!) Verfolgungsjagd durchs All inklusive Casinoplanet-Abstecher einzelner Beteiligter mutet dämlich an), war aber zumindest als Einziger hier ansatzweise mutig – und sein Die letzten Jedi sogar der visuell bisher schönste Star Wars-Film überhaupt, mit gleich mehreren optisch herausragenden Szenen (etwa der Kampf Luke gegen Kylo).

Auch die Chemie der jungen Darsteller von Rey, Finn und Poe stimmte vom siebten Teil an, Kylo Ren war für mich oft eine faszinierende Figur. Die Idee, endlich weitere starke Frauencharaktere einzuführen, war unabhängig von der Umsetzung überfällig und ein wichtiger Impuls für die Saga. Und gerade Johnson hatte neben vielen Patzern die Beziehungen zwischen Luke und Rey bzw. zwischen den Außenseitern Rey und Kylo auf wirklich interessante Weise vertieft. Dazu gab es unter ihm sogar einen der besten Star Wars-Momente überhaupt: Die Minuten, nachdem Kylo im Thronsaal General Snoke getötet hat, Rey die Hand reicht und für einen Augenblick alles stillsteht – und alles möglich scheint …

Aber abgesehen von diesen einzelnen Komponenten war die Sequel-Trilogie eine riesige Enttäuschung. Kommerziell, so dass alle schon geplanten weiteren Filme von Disney auf Eis gelegt wurden. Aber vor allem inhaltlich und storytechnisch. Es gab zudem gleich mehrere missratene, nicht zu Ende gedachte Ideen: Der lebende Fan-Lieferservice Maz Kanata und die Herkunft von Lukes Lichtschwert. Finn, der im letzten Teil ständig ruft, dass er Rey etwas Wichtiges sagen müsse – und am Ende erfahren wir es nicht im Film, sondern nur in einem Interview. Und natürlich der mächtige Imperator als Daddy von zwei Kindern, die aber „niemand“ sind – wenn es von diesem Familienleben bei den Palpatines je eine Sitcom gibt, würde ich sie mir sofort ansehen. (Und ja, manches Offene mag später noch in Comics oder Buchreihen hastig nachgereicht und erklärt worden sein, das ist für mich aber eher faules Drehbuchschreiben.)

Steht im Lexikon des “lazy writings” wohl direkt hinter „Es war alles nur ein Traum“: Jemand – in diesem Fall der Imperator – überlebt durch seinen eigenen Klon.

Es gab gleich einen Haufen unlogischer, dümmlicher Einzelszenen (mein persönliches „Highlight“: Finn und Rose werden im Casino wegen Falschparkens (!) gesucht), dazu oft schlecht getimter, forcierter Humor, cringe Momente, kaum Konsistenz – und auch nahezu null Konsequenz. Immer sprengen die Rebellen am Schluss etwas in die Luft oder schlagen ein Schnippchen, nach Episode 6 ist das gesamte Imperium zerstört, nach Episode 7 jagen sie mit der Starkiller Base sogar einen Planeten in die Luft – und am Anfang eines jeden neuen Films sind sie gefühlt trotzdem noch kleiner, noch aussichtsloser, passt der gesamte Widerstand in eine letzte Basis bzw. am Schluss von Die Letzten Jedi in ein einziges (!) Raumschiff.

Der ursprünglich mal spannende Finn dagegen ist in diesen drei Filmen im Grunde drei verschiedene und dadurch immer egalere Charaktere. Poe verharrt stets an der Grenze zwischen sympathischer, unwichtiger Nebenfigur (für mich seine Idealbestimmung) bzw. eigenständiger, aber dafür dann viel zu blasser Hauptfigur. Und die wichtige Rey bleibt trotz viel Screentime oft seltsam seelenlos, blass. Ohne wirklichen Character-Arc und mit unklarer Motivation, geschlagen mit einer ständig wechselnden Backstory. Doch auch Details stimmten bei ihr nicht. Luke etwa brauchte viele Jahre und eine Trilogie, um zu lernen, wie man mit dem Lichtschwert kämpft, und er bezahlte das Lehrgeld in einer ikonischen Szene, in der er seine Hand verlor. Rey dagegen besiegt aus dem Stand Kylo Ren im Duell, obwohl sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Lichtschwert in der Hand hält – und er von Kindheit an darin ausgebildet wurde. Wo ist da noch Potenzial für ihre weitere Entwicklung?

Jetzt kann man sagen, so eine einzelne Stelle ist doch nicht wichtig. Aber es stimmte eben weder das große Ganze, noch solche liebevollen Details, und dadurch wirkte es, als hätten die Macher Star Wars nie verstanden. Im Zweifel benutzten sie einfach die alten Helden und töteten sie, um auf diese Weise noch irgendwie die bitter benötigten Emotionen und großen Gefühlen hervorzukitzeln, die ihre eigenen, zunehmend lebloseren neuen Figuren leider nie zu wecken im Stande waren (und in die sie also selbst kein Vertrauen hatten). Ansonsten wärmten sie wahllos Fanlieblinge wie Lando auf oder zerstörten durch die Rückkehr von Palpatine mal eben das Ende des sechsten Teils. Chewbaccas „Tod“ dagegen entpuppte sich als billiger Schnellgriff in die Emotionskiste und wurde so vermutlich nicht mal von Kindern auch nur eine Sekunde gekauft. Vor allem aber begingen die Macher den schlimmsten Verrat, den man im Star Wars-Universum machen konnte: den an der Figur des Luke Skywalker.

Da spielt Mark Hamill im achten Teil noch mal beherzt auf, die Rolle seines Lebens. Und dann ließen sie die Figur etwas tun, was Luke nie getan hätte: Das Lichtschwert am Bett seines schlafenden Neffen zücken, dem Sohn seiner Schwester. Schwierig. Man denke an Luke, der nicht gegen Vader kämpfen will, den größten Massenmörder der Galaxis, weil er selbst bei diesem Typen noch irgendwo einen Konflikt spürt. Und da liegt also sein schlafender Neffe, noch halb ein Kind, und nur angesichts der Vision seines möglichen Falls auf die dunkle Seite denkt er für einen Moment ernsthaft daran, ihn zu töten – und zückt schon mal sicherheitshalber am Bett das Schwert? … Hätte man es wenigstens damit begründet, dass die dunkle Seite in Luke selbst kurz aufgeflackert ist, wäre es vielleicht noch plausibel und auch interessant gewesen, aber es wird hier nur mit seinem menschlichen Versagen erklärt. Nachvollziehbar also, dass Hamill gleich mehrfach äußerte, dass er mit seiner Figur nicht einverstanden war.

Das alles ist besonders schade, da ich den gebrochenen und an der Vergangenheit desinteressierten alten Luke ansonsten stark gezeichnet fand – und mich die leidenschaftliche Verkörperung von Mark Hamill berührte. Doch dieser für viele unverzeihliche Moment lenkte davon leider ab. Er machte es zudem Luke zu einfach, sich von allem abzuwenden. Und er machte es auch Kylo zu leicht, auf die Dunkle Seite zu wechseln. Kein Wunder, dass der unter diesen Umständen nichts mehr mit der Familie zu tun hatte, wenn schon der gutmütige Onkel mit der leuchtenden Mordwaffe am Bett lauert…

„Schlaf ruhig weiter, mein Junge, ich, äh, hatte nur gerade kein Licht und hab was gesucht …“

Ich weiß nicht, wie es für andere ist, aber für mich war das Herz von Star Wars immer das Diskutieren und die vielen Fragen, die man einfach beantwortet haben musste. Wie wird aus Anakin Darth Vader und sein Duell gegen Obi-Wan? Wie gelingt Palpatine der Aufstieg zur Macht? Kriegen sich Leia und Han, und vor allem: Was passiert nach dem offenen Ende des düsteren fünften Teils, wie geht es jetzt nur weiter, und: wacht Han Solo noch mal auf? Diese Diskussionen und Vorstellungen waren mir oft wichtiger als die Filme selbst. Bei den Sequels fehlten sie fast vollständig. Kylo Ren war interessant, aber ansonsten musste wohl niemand wissen, was nun mit Poe war. Oder wie es mit Finn im letzten Teil wohl weitergehen würde. Und auch bei Rey wurde ihre Herkunft immer egaler, je länger die Filme gingen. Man konnte sich zudem gar nicht erst lange überlegen, wie es zwischen Han Solo und Kylo weitergehen würde, weil Solo sofort starb. Man konnte sich auch nicht überlegen, wie Luke wohl auf dieses und jenes reagieren würde, weil er ebenfalls direkt starb. Und für den tragischen Tod der wunderbaren Carrie Fisher konnten die Macher nichts, aber ihre Figur hatten sie schon vorher nur mäßig spannend gestaltet. Im Ergebnis interessierte dann schon nach nur zwei Filmen niemanden mehr, wie es mit der Saga weiterging.

Wobei es eine solche Stelle durchaus hätte geben können. Sie hätten bei Die Letzten Jedi auch anders aufhören können: Etwa, dass Rey und Kylo Ren sich nach Snokes Tod tatsächlich zusammentun und sie erstmal die Seite gewechselt hat – und sei es auch nur, um ihn zu retten. Am Schluss des achten Teils hätten wir dann beide als neue Herrscher gesehen, wie sie mit jeweils unterschiedlichen Gefühlen dem Aufmarsch der First Order Soldaten zusehen. Und Luke hätte sich zur gleichen Zeit im alten X-Wing doch noch mal von seinem Exil aufgemacht, um Rey zurückzuholen. Irgendetwas Spannendes, Neues, bei dem man sich spontan gefragt hätte: „Wie bitte, da hören die auf? Und was jetzt, ist sie wirklich böse? Und was passiert, wenn sie auf Luke trifft? … O Mann, noch zwei Jahre bis zum nächsten Film, ich kann es kaum erwarten!“

Aber so weit kam es leider nie. Denn am Ende war auch der so mutig-radikale Rian Johnson nicht mehr sonderlich mutig oder radikal und hatte Angst vor dem Sprung ins Ungewisse. Und so fiel ihm dann ebenfalls nichts anderes ein, als dass mal wieder der schwarzgekleidete Mann mit dem roten Lichtschwert der Böse war, die hellgekleidete mit dem blauen Lichtschwert die Gute, die First Order noch mächtiger, der Widerstand noch schwächer, und auch sonst blieb alles beim Alten. Nur, wieso sollte man es sich dann anschauen, wenn es das alles schon in so viel besser gab?

Das wäre er gewesen, der Moment, der die Trilogie vielleicht ein Stück weit gerettet hätte: Rey nimmt Kylos Angebot an, sie beenden die Herrschaft der Sith und Jedi. Luke kriegt es mit und bricht am Ende auf, um sie zu retten – und wir als Zuschauer hätten vor dem Finale nicht gewusst, wie es weitergeht.

Ich war nach dem letzten und neunten Teil jedenfalls durch mit Star Wars. Und zwar auf eine andere Weise als nach den missratenen Prequels. Da hatte ich wenigstens echte Enttäuschung gefühlt, jetzt war es mir egal. Sollten sie ihre tausenden geplanten Serien und unzähligen Einzelfilme machen, über Boba Fett und Yodas schwierige Kindheit und das alles, es interessierte mich nicht mehr großartig. Mich interessierte ab da eigentlich nur noch:

When did it all go wrong – und wieso?

 

TEIL II: DAS ERWACHEN DER GIER (EIN MAKING OF DES SCHEITERNS)

Von außen betrachtet fing der Schlamassel für mich schon im Jahr 2012 an, kurz nach der Ankündigung einer neuen Star Wars-Trilogie: Damals gingen J. J. Abrams und Michael Arndt laut verschiedenen Artikeln zur Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy und Disney-Boss Bob Iger und baten um mehr Zeit. Zeit, die sie dringend brauchten, um sich eine wirklich neue, aufregende, gute Geschichte auszudenken. Und die sie von den Bossen nicht bekamen. Die Rechte an Lucasfilm hatten schließlich vier Milliarden gekostet, die sollten schnellstmöglich wieder eingespielt werden. Deshalb sollten nun auch nur noch zwei Jahre zwischen den einzelnen Hauptfilmen liegen, nicht mehr wie bisher immer drei. Tempo, tempo, time is money.

Entnervt warf Arndt kurz darauf das Handtuch. Der Drehbeginn dagegen rückte immer näher. Und näher. In seiner kreativen Not holte Abrams schließlich den Star Wars-Veteran Lawrence Kasdan als Drehbuchautoren an Bord. Und ab da war die Devise für Episode 7 klar: keine eigene, neue Geschichte mehr, sondern nur noch Nummer sicher. Am besten ein schnelles Best of und Quasi-Remake der bisherigen Filme, speziell aus Eine neue Hoffnung, um das alte Star Wars-Feeling noch mal aufleben lassen. Und vielleicht würde ja Abrams direkter Nachfolger Rian Johnson – zuständig für Episode 8 – noch etwas Gutes, Neues einfallen. Nicht, dass diese beiden wichtigsten kreativen Köpfe der Trilogie je viel miteinander geredet hätten …

Dabei gab es damals längst eine perfekte Anleitung, wie man es hätte anders machen können. Zu Beginn der 1990er-Jahre erschien eine Buchtrilogie von Timothy Zahn, die unter den Fans bald als inoffizielles Sequel galt und an der Spitze der New York Times-Bestsellerliste stand. Tatsächlich wird die Saga nach dem sechsten Teil hier gekonnt weitererzählt. Das Szenario ist geflippt: Die einstigen Rebellen sind nun die Anführer in der Galaxis, tun sich aber schwer. Wir erfahren, wie zäh es ist, die Republik neu zu errichten und dass viele Planeten mit dem Imperium eigentlich gar nicht so unglücklich waren. Leia stößt auf diplomatische Schwierigkeiten, sie und Han Solo sind zudem nun Eltern von Zwillingen, die ständig in Gefahr sind. Das zerstörte Imperium dagegen fühlt sich in der Underdog-Rolle erstaunlich wohl. Angeführt wird es nun vom großartig geschilderten, genialen Taktiker Großadmiral Thrawn – der im Dunkeln einen brillant-teuflischen Plan schmiedet, um die fragile Republik nach und nach zu zerstören und an die Spitze zurückzukehren. Wir erleben weitere faszinierende neue Figuren wie die Macht-affine, düstere Mara Jade, die von Luke zur hellen Seite bekehrt werden soll, den instabilen Jedi-Klon Joruus C‘baoth oder den windigen Geschäftsmann Talon Karrde. Wir bekommen aber auch immer wieder spannende neue Schauplätze und über drei Bände hinweg eine durchdachte, ausgefeilte Geschichte, die sich einerseits sehr nach Star Wars anfühlte, andererseits aber auch wirklich neu war. Als ich 2012 erfuhr, dass es eine neue Trilogie geben sollte, hatte ich also immer an diese Buchreihe gedacht, die für mich die benchmark setzte, wie man es machen könnte.

Die Thrawn-Trilogy von Timothy Zahn.

Denn eigentlich war das damals doch eine phantastische Ausgangsposition: Wir haben ein frischgekauftes Franchise, das von Millionen Menschen weltweit verehrt wird, die bedingungslos loyal sind – und notfalls jahrelang warten, weil sie das immer schon tun mussten. Okay, wir spüren natürlich jede Menge Druck, aber gerade deshalb wollen wir uns doch erst recht die Zeit nehmen, die wir brauchen. Um es richtig zu machen und diese Leute nicht zu enttäuschen. Und um mit diesen geliebten, ikonischen Figuren auf eine Weise umzugehen, die sie auch verdienen. Wir haben schließlich alle finanziellen Möglichkeiten der Welt, dazu ausgereifte Effekte, mit denen sich jede nur erdenkliche kreative Idee umsetzen lässt. Wir kriegen alle Schauspieler*innen, die wir wollen, denn damals hätten sich alle darum gerissen, in Star Wars mitzuspielen. Das gleiche gilt für Regie und Drehbuch. Wen wir auch rufen, sie werden kommen, jetzt, da der allmächtige Übervater George Lucas nicht mehr das Sagen hat und reinzufunken droht. Und die alten Stars machen sogar auch noch mit. Zudem haben wir bei der erwähnten Fortsetzungstrilogie von Timothy Zahn gesehen, was in diesem Universum erzählerisch noch alles möglich ist.

Und jetzt sind wir dran.

Wir können es kaum erwarten, pfeifen im Flur die alten Melodien von John Williams und suchen uns die besten Leute, eben Oscargewinner wie Michael Arndt und Lawrence Kasdan und aufregende junge Kreativköpfe. Wir erschaffen einen Writer‘s Room der Extraklasse, wie es ihn vielleicht noch nie gab. Und dann denken wir uns in Ruhe erst mal eine Geschichte über drei Teile aus; Zeit spielt keine Rolle, nur Qualität. Wir wollen nostalgisch sein, ja, aber auch wirklich überraschend, originell und neu. Wir geben unser Allerbestes, schreiben über Monate und Jahre alles x-mal um. George Lucas nannte diese schwierige Denkarbeit mal „bluten“, und genau das tun wir jetzt, bis wir nicht mehr können – und haben am Ende drei Treatments mit jeweils fünfzig Seiten. Das ist sie, die Essenz unserer Arbeit, das mühsam geschürfte, kreative Gold: unsere Geschichte für die neue Trilogie. O Mann, die Fans werden ausrasten, wenn sie das sehen. Die Treatments sind so gut, dass die Leute von Disney abwechselnd Gänsehaut und Tränen in den Augen bekommen. Allein der Twist im Mittelteil … und das Ende. Das wird alle umhauen! Wir können es kaum erwarten, loszulegen.

Als Nächstes schreiben wir das Drehbuch zu Episode 7. Michael Arndt führt aus, das geht nun erstaunlich schnell, denn wir wissen ja genau, wo wir hinwollen. Holen am Ende noch mal die besten Leute zum Polieren der Dialoge und Szenen, besetzen die Rollen mit den spannendsten Talenten, die es gerade auf dem Markt gibt. Und egal, wer bei den kommenden zwei Teilen Regie führen wird – sie können sich auf unsere verdammt großartige Basisgeschichte verlassen …

So haben sich das Millionen von Fans wohl ungefähr erhofft. Tja, und in Wahrheit ist dann in etwa das EXAKTE GEGENTEIL passiert.

Wer beim Schauen der Sequels befürchtete, dass es hier von Anfang an kein Gesamtkonzept oder irgendeine übergeordnete Geschichte für die drei Teile gab, hatte leider recht. Man schrieb stattdessen einfach Irgendetwas ins Blaue, warf mit losen Anfängen, Plots und Szenen um sich und hoffte dann das Beste. J. J. Abrams hat sogar in Interviews bestätigt, keine Ahnung gehabt zu haben, was sein Nachfolger Rian Johnson aus seinen Ideen machen würde. Wie sich herausstellte, war die verblüffende Antwort dann: gar nichts. Stattdessen zerstörte er fast lustvoll jede einzelne angelegte Storyline des Vorgängerfilms. Reys geheimnisvoll angeteaserte Herkunft? Gibt es in Wahrheit gar nicht, ihre Eltern sind niemand. Der mysteriöse General Snoke? Wird ersatzlos getötet. Luke Skywalker selbst? Wird am Schluss ebenfalls getötet. Das Lichtschwert, das Luke am Ende des siebten Teils noch so ehrfurchtsvoll überbracht wird? Er schmeißt es zu Beginn des achten Teils gleich mal weg (an sich starke Szene, btw). Die spannende neue Figur des Finn? Bekommt nur einen dämlichen Sideplot. General Hux? Zu einer simplen Comicfigur degradiert.

Letztlich wirkte dieser achte Film mitsamt dem Ende bereits wie ein Abschluss einer Trilogie. Was ein wenig ungünstig war, weil ja noch ein Film kommen sollte; hätte man Johnson bei Gelegenheit vielleicht mal mitteilen können. Und ungünstig war es auch, weil der für den neunten Teil vorgesehene Autor und Regisseur Colin Trevorrow inzwischen gefeuert und durch ausgerechnet Johnsons Vorgänger J. J. Abrams ersetzt wurde – der nun etwas irritiert vor den noch rauchenden Ruinen seiner ursprünglichen Storyideen gestanden haben muss und in seiner Hilflosigkeit sogar den Imperator aus der Mottenkiste holte. Luke Skywalker dagegen war unter ihm nun wieder jemand, der Lichtschwerter überaus würdig behandelte, Reys Familiengeschichte plötzlich doch sehr entscheidend. Im Grunde zeigten sich beide Autoren mit diesen Szenen jeweils den Mittelfinger, was ihnen wichtiger schien, als gute Filme zu machen.

“Partners” in Crime: J. J. Abrams und Rian Johnson. Beide nicht zu beneiden um die Tonnen von Fan-Erwartungen auf ihren Schultern.

Aber kritisieren ist leicht. Die Frage ist: Was hätte man bei den Sequels denn nun anders machen müssen? Um eines klarzustellen: Ich glaube nicht, dass ich die richtige Antwort kenne. Aber wäre ich zufällig in besagtem Writer’s Room gesessen und nach meiner Meinung gefragt worden, hätte ich wohl – dann ganz kleinlaut geworden – das Folgende zur Diskussion gestellt. Ein bescheidenes Experiment:

 

TEIL III: DIE SEQUELS – ADRIAN BROOKS CUT

Wie schon erwähnt, bin ich überzeugt, dass man sich mit einem großartigen Team und in Ruhe eine komplett neue Geschichte hätte ausdenken sollen, wie von Timothy Zahn in seiner „Thrawn-Trilogie“ so glänzend vorgemacht. Das hätte Plan A, B und C sein müssen. Doch selbst unter der deutlich schwierigeren Prämisse, in etwa die jetzige Story zu erzählen, wäre ein anderer Weg möglich gewesen. Und so schimpfe ich gern auf Episode VIII, weil dieser Film das Schicksal dieser schlechten Trilogie besiegelte. Aber in Wahrheit war für mich der wahre Totengräber der gefeierte siebte Teil. Weil der schon ein Universum etablierte, in dem erzählerisch kaum mehr große Sprünge drin waren – da er mit dem ideenlosen Aufguss der ewiggleichen Konstellation (hier die armen Rebellen, dort das übermächtige Imperium, nun: First Order) dieses enge Handlungsgerüst für die weiteren Filme vorgab. Und weil er bereits unentschieden war zwischen den alten Helden und den neuen Figuren.

Ich bin fast sicher, man hätte sich vor der Sequel-Trilogie für eines davon entscheiden müssen: Entweder klar der Fokus auf die neuen Charaktere, auf die dann aber erheblich tiefer geschriebenen und besser erzählten Finn, Rey, Poe und Kylo (was ich besser gefunden hätte) – oder man hätte andererseits die alten Figuren noch mal richtig nutzen können. In diesem Fall hätte man sogar gar nicht viel umschreiben brauchen. Nur viel mehr im ON zeigen müssen, statt im OFF darüber zu reden. Zum Beispiel: Nicht einfach für einen Twist (er ist in Wahrheit Hans Sohn!) im siebten Teil die Geschichte opfern, wie aus Ben Solo der böse Kylo Ren wurde – sondern sie tatsächlich erzählen. Und die Zuschauer*innen bei diesem tragischen Weg somit dabei sein lassen (die Technik, Schauspieler digital zu verjüngen, gab es da ja bereits schon, zumal sie gar nicht so viel jünger hätten sein müssen).

Im Grunde hätte man für dieses Szenario alles nur um einen Film nach hinten schieben müssen. Die letzten Jedi wäre dann das Ende geworden. Das Erwachen der Macht der Mittelteil. Und die neue siebte Episode hätte wiederum das gezeigt, was zuvor nur im OFF erzählt worden war. Unser Experiment wäre damit also bewusst nichts Neues. Sondern der Versuch, mit denselben Mitteln und Figuren die Geschichte der Sequels ein wenig anders zu erzählen.

 

Episode VII:

Der neue siebte Teil hätte dann also wie bei Timothy Zahn davon handeln können, wie schwer es ist, die Republik aufzubauen, während sich die Überbleibsel des Imperiums als Underdog im Geheimen neuformieren. Wir hätten sehen können, wie Leia im Alltag nach dem Triumph über das Imperium als Politikerin hadert und Fehler macht, vielleicht auch einen gutgeschriebenen diplomatischen Widersacher X hat, einen abgebrühten, machthungrigen Politiker, den wir alle leidenschaftlich hassen. Ihre Jedi-Ausbildung würde sie nur sporadisch absolvieren. Wir hätten gesehen, wie Luke seinen Neffen und die Schüler trainiert, dabei als gefeierter Jedi jedoch eine Spur zu selbstsicher auftritt, zumal er alles aufbauen muss und erst lernt (es gab ja lange keine Jedischulen mehr). Und wir hätten miterlebt, wie Han Solo nie da und ein schlechter Vater ist. Nur wäre er jetzt nicht mehr ein einfacher Schmuggler im bald Rentenalter gewesen, sondern hätte einen zu seinem Kriegsheldenstatus viel besser passenden Job gehabt, etwa als Casino-Eigentümer, wo er mit den ewig gleichen, alten Stories prahlt. (Und auch das Casino selbst dürfte gern etwas heruntergekommen sein, mit zwielichtigen Gestalten, denen er eventuell aus Wetten Geld schuldet).

“Chewie, we’re immer noch Schmuggler!” Würde Han seine Heldentaten als über 70jähriger Rentner nicht schlauer versilbern?

Wir hätten dann Ben Solo unbedingt früher kennenlernen müssen, als er noch nicht gefallen war. Ein zwölf- oder vierzehnjähriger, einsamer Junge, damals vielleicht gespielt von jemandem wie Finn Wolfhard. Hätten seine Stärken und gute Seiten sehen müssen, aber auch seine Seltsamkeit und Andersartigkeit, die düster und oft sogar gefährlich wirkt. Seine erste tiefere Reaktion darauf, wer Darth Vader wirklich war – und wie er für uns verstörend fasziniert von der Mythologie der Dunklen Seite und der Vergangenheit ist. In unbeobachteten Momenten sogar mit einer noch plumpen, rudimentären eigenen Maske spielt. So dass wir denken: Who is this strange emo kid? Anders als der Jedinachwuchs in den Prequels wäre er (es gibt ja eben keine Tempel und Institutionen mehr) auch nicht früh von seiner Familie getrennt worden, sondern ihnen immer noch nah. Ein Fehler, denn umso impulsiver reagiert er, wenn Onkel Luke ihn mal wieder auszubremsen scheint und andere junge Jedikinder bevorzugt behandelt. Wenn seine Mutter beruflich weg ist. Und wenn sein Vater ihm fremd wirkt – und sich für ihn als brütendes, seltsames Kind auch ein bisschen zu schämen scheint. Wir hören, wie andere Kinder ihn im Tempel ihn mal „Psycho“ nennen oder ihn zumindest meiden.

Der mysteriöse Snoke dagegen wäre kein, nun ja, Hologramm gewesen, das aussieht, als wäre es fünfzehn Mal überfahren worden. Sondern ein charismatischer Anführer wie der blauhäutige Großadmiral Thrawn in den Timothy-Zahn-Büchern. Listig, klinisch intelligent, aber auch durchaus witzig, gefährlich, charmant. Bewandert mit der dunklen Seite auf eine Weise, die uns und der Republik vollkommen neu ist, da sie offenbar aus dem sagenumwobenen Outer Rim hinter den Grenzen der Galaxis kommt.

Wir hätten dann zwingend sehen müssen, wie Snoke den jungen Ben (wie haben die beiden sich bisher eigentlich kennengelernt, in einer Bar?) mit Versprechen verführt. Bald schon ein Vater-Ersatz wird, weil der richtige Vater Han Solo sich nicht genug kümmert; die emotionale Schwachstelle von Ben. (Ein bisschen wie beim Spielberg-Film Hook und dem Sohn von Peter Pan). Stück für Stück erlangt Snoke so das Vertrauen des Jungen, nährt Bens Hass und führt ihn auf die dunkle Seite. Bis dieser sich am Ende – ohne Lichtschwert-Drama am Bett mit Luke, aber nach einer heftig eskalierten Auseinandersetzung voller Hass auf ihn und den schlechten Vater Han – Snoke anschließt. Vielleicht sogar die ganze Jedischule zerstört und dabei unnötig noch die Mitschüler tötet, die ihm durch seinen Onkel bevorzugt vorkamen oder ihn mal verspotteten – eine Szene, die uns tief geschockt hätte. Der Junge ist doch erst zwölf, er ist selbst erschrocken und kann nicht glauben, was er getan hat – und was die Dunkle Seite ihm befahl. Aber davon gibt es scheinbar kein Zurück mehr. Auch Luke ist zu geschockt und lässt ihn ziehen. Ein paar der Jedikinder (die, die uns immer besonders unsympathisch waren), schließen sich Ben an; die späteren Knights of Ren.

Man kann sich gut vorstellen, wie das Kennenlernen vom jugendlichen Ben Solo und Snoke bisher ablief: Der vertrauenswürdige Onkel sprach den Teenager nach der Jedischule an: “Magst du nicht zu mir auf die dunkle Seite kommen?”

Wir hätten Leias Schmerz über ihren abtrünnigen, fragilen Sohn gespürt, ihre trotzdem unzerstörbare Liebe, und vielleicht auch ihre möglichen Vorwürfe gegenüber ihrem abwesenden Ex-Mann und dem Bruder, der es nicht spürte und verhinderte. Eine extrem emotionale Diskussion, in der alle drei alten Helden ein letztes Mal in einer Szene zusammen sind. Sie werfen sich schlimme Dinge an den Kopf, irgendwann sagt Han etwas zu Luke wie: „Schieb’s nicht mir in die Schuhe. Du hast als sein Meister versagt. Es ist deine Schuld, was aus dem Jungen wurde. Du dachtest, du bist Yoda oder sonstwer, aber das bist du nicht.“ Wir sehen, wie sehr das alles Luke trifft. Es wäre eine schmerzhafte Szene für uns, mit diesen drei geliebten Helden, aber zugleich sehr wichtig. Denn sie würde etwas aufgreifen, was mir bisher zu kurz kam.

Als ich hörte, dass die alten Charaktere zurückkommen, hatte ich die Hoffnung, dass diese Trilogie auch etwas über sich selbst und damit unsere Zeit aussagen könnte. We live in nostalgic times, genau wie immer schon das Star War-Universum, in dem sich alles stets unvermeidbar wiederholte. Die Gefahren und Facetten dieser Verklärung hätte man mit der Rückkehr der ikonischen alten Helden zeigen können. Denn sind nicht auch auffallend viele andere Filme, Songs und Serien (und, ähm, 80s-Bücher) zuletzt nostalgisch gewesen? Nur: War diese Vergangenheit wirklich so toll – oder wäre sie nicht eher ernüchternd, würden wir sie mit heutigen Augen noch mal erleben? Und hatte nicht auch Mark Hamill selbst es irgendwann satt, auf ewig dieser ikonische Luke Skywalker zu sein – genau wie seine Figur Luke es satthaben musste?

Ihr wolltet also die tollen alten Helden von früher? Nun, das habt ihr davon. Sie sind gar nicht so toll wie in der Erinnerung, stattdessen menschlich und fehlbar. Han Solo war der Typ, der sich irgendwie in den Krieg hineinziehen ließ, aber er ist auch unwirsch und früh getrennt von Leia und längst wieder dem Geld hinterher. Leia ist tough, aber als begabte Jedi einfach zu ungeduldig, als Mutter genau wie Han als Vater überfordert, dazu wächst sie noch immer in die Rolle der diplomatischen Politikerin hinein und kämpft mit den Widrigkeiten. Und Luke geißelt sich selbst, wurde den hohen Erwartungen nicht gerecht. Alle wollten etwas von ihm, dem strahlenden Jedi, doch er hat keine Kraft und Lust mehr, auf ewig dieses Symbolbild zu sein. Er ent-täuscht sich und uns. Hat den Kontakt zum Jungen aus Tatooine verloren.

Am Ende vom neuen Episode 7 hätten wir dann erlebt, wie die First Order mit Snoke, dem kindlichen, aber finsteren Ben – nun erstmals Kylo Ren – in Uniform bei einer Schlacht triumphiert, während Luke flieht und alles zurücklässt. Für immer.

 

Episode VIII:

Im nächsten Film – mindestens zehn Jahre später – wäre Luke wie gehabt aufgrund seines Scheiterns schon lange verschollen. Er gilt vielen sogar als tot, sein Ruf ist ebenfalls ruiniert. Alle in der Galaxis wissen inzwischen um sein Versagen als Meister von Ben Solo, und so ist er, der einst für Hoffnung stand, vergessen.

Ach, Luke! Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Der erwachsene Kylo Ren dagegen (jetzt ein älterer Schauspieler wie Adam Driver) ist als neuer Bösewicht omnipräsent. Seine Macht wächst und wächst, seine Knights of Ren sind ebenfalls gefürchtet und unermesslich brutal. Manchmal spürt er, wie seine Mutter mit ihren Fähigkeiten an ihn denkt, aber er ignoriert es. Die First Order wurde unter der Leitung von ihm und Snoke immer stärker, und man munkelt, dass sie bald im Besitz einer nie dagewesenen Waffe aus dem Outer Rim sein könnte. Ein Planet nach dem anderen schließt sich ihnen an. Noch ist die First Order klar unterlegen, aber die mächtige Republik bröckelt an vielen Enden, und sie weiß nicht, wie sie den immer grausameren Kylo Ren und den genialen, wendigen und überlegen intelligenten Snoke bekämpfen soll.

Doch eine Hoffnung gibt es: Wir sehen in einigen Szenen zum ersten Mal ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen auf einem nicht-Wüstenplanet: die vermüllten, heruntergekommenen Straßen des einstigen Regierungsplaneten Coruscant etwa oder etwas ganz Neues. Sie ist allein, hat außer einer ramponierten Droidenpuppe niemanden, träumt von einer Familie. Sie ist nicht glatt geschrieben, sondern hat Ecken und Kanten, lügt, kann laut werden, klaut, wir lernen sie gut kennen. Auch ihre Schwächen und Unsicherheiten. Außen rau, glaubt sie insgeheim, nicht gut genug zu sein, weil sie von ihrer Familie verlassen wurde.

Als man sie beim Klauen zu erwischen droht, wird sie von einer Straßengang gerettet, bestehend aus lauter Misfits, armen Alienjugendlichen, kaputten Robotern und Droiden. Wir mögen diese verlorene Schar sofort (vielleicht kommen sie im letzten Teil noch mal im Finale vor). Auch das Mädchen fühlt sich dort wohl, doch als sie später bei einer Patrouille von marodierenden Ex-Sturmtrupplern sieht, wie man ihre neuen Freunde angreift, geschieht etwas Seltsames. Denn wie wir nun erfahren, hat dieses Mädchen offenbar die Macht, und zwar auf eine Weise, die wir so noch nicht kannten: und wir begreifen: diese Rey wird noch eine wichtige Rolle spielen. Zugleich schlägt ihr „Erwachen der Macht“ große Wellen. Wir sehen, wie sowohl Snoke als auch Leia davon erfahren – und sich beide auf die Suche nach ihr machen.

In diesem Film erleben wir zudem auch erstmals Finn. Ein junger Stormtrooper, der mit der First Order und ihrem faschistoiden Wesen hadert. Sie retteten ihn einst als Jungen aus der Armut, weil sie damals noch geschwächt waren und dringend Leute rekrutieren mussten, deshalb ist er loyal. Aber er ringt immer mehr mit sich.

Der uns schon bekannte diplomatische Widersacher X aus Episode 7 dagegen macht Leia das Leben inzwischen zur Hölle und hat immer mehr Befürworter für seine – wie wir fürchten – zu riskanten Pläne. Nach einer weiteren Niederlage gegen eine viel kleinere, aber taktisch wieder mal genial von Snoke geführte Division der First Order liegen die Nerven endgültig blank. Irgendwann wirft Widersacher X Leia im Streit vor, sie wäre eine schlechte Mutter gewesen und Kylo deshalb auf die dunkle Seite geraten und nun dieses Problem für alle, ihr verdammter Sohn. Oder deutet süffisant an, dass sie sich nicht um den Job als Kanzlerin kümmern könne, weil sie genug trouble zu Hause habe. Es kommt zum Eklat, wir hassen diesen Kerl und seine Vorwürfe: Was für ein Arschloch. Und sehen zugleich: Kylo ist Leias größte Wunde. Es ist niederschmetternd, aber auch eine Hoffnung für den letzten Teil: Denn sie scheint wiederum seine zu sein.

Han Solo dagegen hat sich vom selbstgefälligen Casinobesitzer des Vorgängerfilms noch mal aufgerappelt. Er ist nicht mehr mit Leia zusammengekommen, zu viele alte Vorwürfe und Wunden. Aber als hochdekorierter, legendärer Captain hat er sich dem Kampf gegen die First Order angeschlossen, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Rührend das erste Wiedersehen seit langem mit Chewie im Millenium Falcon und seine Bemerkung, dass sie zu Hause sind. Bevor er feststellt, dass sie zu alt für diesen Mist wären und er „ein ganz mieses Gefühl“ habe. Doch er muss seinen Sohn finden, egal um welchen Preis. Als er sich vor dem Aufbruch zu dieser gefährlichen Mission in einer emotionalen Szene von Leia verabschiedet, gibt er ihr auch eine Hologramm-Botschaft: „Für deinen Bruder, falls du je von ihm hörst.“ Sie reden aber auch noch mal über Ben. Wie liebevoll er als Kind sein konnte. Dass es ihre Schuld war, was aus ihm wurde – und ihre Verantwortung. „Was immer mir passiert; gib ihn nicht auf.“

Daneben hätte man auch noch einiges aus dem alten Episode 7 bringen können, was funktionierte. Und wir hätten endlich mehr über den geheimnisvollen Snoke und das Outer Rim erfahren, das einst laut Palpatine die wahre Quelle der Macht sein sollte und aus dem sich auch die irritierende neue Stärke der First Order speist … Wer ist Snoke wirklich? Etwa der legendäre dunkle Meister Darth Plagueis selbst? Immer mehr nimmt er die Vaterrolle für Kylo ein, der bedingungslos auf ihn hört.

Am Ende hätten wir dann ein zweigeteiltes Finale gehabt: Snoke hat Rey erfolgreich aufspüren lassen, sie wird überrumpelt und gefangen genommen – von u.a. Finns Elitetruppe. Dieser ringt noch immer mit sich, doch als er sieht, wie seine Kollegen Rey angehen, wendet er sich gegen seine Leute und befreit sie. Am Ende auch mit Hilfe der Misfits, die zu ihr halten. Allerdings ist es nur ein kurzer Triumph, denn auf ihrer Flucht landen sie schließlich in einer Sackgasse, umgeben von den übermächtigen Wachen aus dem Thronsaal von Snoke, darunter auch zwei brutale Knights of Ren. Das war’s, denn auch Rey ist in der Macht noch zu unkontrolliert und hat ihnen (noch) nichts entgegenzusetzen. Und bald soll das Schiff von Snoke ankommen …

Parallel dazu hätten wir das Wiedersehen zwischen Han Solo und seinem gefallenen, nun erwachsenen Sohn erlebt. Wie bisher treffen sie auf einer Brücke aufeinander. Lange Blicke, kurze Worte. Han wirft seinen Blaster in den Schacht. Sagt, es tut ihm leid, er wäre ein schlechter Vater gewesen. Kylo dagegen schwankt, er wird doch nicht etwa …

Schnitt zurück zur Szene mit Rey. In dem Moment, in dem alles in der Sackgasse aussichtlos scheint, werden die Thron-Wachen wie von Zauberhand und in dramatischen Bildern beseitigt, von einer offenbar mächtigen Figur, die wir aber nicht sehen können. Eine Gestalt mit Kapuze, ein Jedi? Doch Luke, wie wir zunächst hoffen, kann es nicht sein, die Figur ist irgendwie schmaler. Sie wirkt schon etwas älter, fegt aber über die Gegner hinweg, wirft sogar einen Knight of Ren nur mit Gedankenkraft an die Wand. Am Ende tritt sie ins Licht, schlägt die Kapuze zurück: Leia. Vielleicht nicht die fleißigste Schülerin in der Macht, aber eben auch eine Jedi. Sie hat das Rennen um Rey gewonnen, und auch Finn schließt sich der Republik an. Die Bande um die Misfits dagegen bleibt vorerst zurück, sie alle wollen mit der Republik genauso wenig zu tun haben wie mit dem Imperium. Kurz bevor Snoke ankommt, fliegt das Schiff mit Leia, Rey und Finn in den Hyperraum. Gerettet. Doch anstatt erleichtert zu sein, wird Leia blass, denn:

Schnitt zurück auf die Brücke, zu Han und Kylo. Hier der echte Vater, der bereut und sich ohne Blaster nicht wehrt, egal, was kommt. Dort der Sohn, der nicht verzeihen kann, die Worte des Ersatzvaters Snoke noch im Ohr hat. Schließlich das Lichtschwert zückt – und Han niederstreckt. Durch egal welchen Aufbau über zwei Filme hätte dieser Tod viel mehr bedeutet.

Bisher haben Vater und Sohn an diesem Punkt nur genau eine Szene miteinander – eben die, in der Han Solo stirbt.

Schnitt zu: Ein ferner, karger, bergiger Planet, den wir noch nie gesehen haben. Auf einem Stein meditiert der vergessene, altgewordene Luke Skywalker und spürt die Erschütterung … Er murmelt erschrocken „Han“ – und ist innerlich zerrissen zwischen bleiben oder zurückkehren. Wir sehen es in seinen Augen – und enden damit.

 

Episode IX:

Hier stößt mein Gedankenspiel der simplen Änderungen an seine Grenzen, denn hier hätte man sich auch bei der Version mit den alten Figuren natürlich in Ruhe wirklich neue, großartige Sachen fürs Finale ausdenken müssen. Die emotionalen Metadaten aber sind klar: Ein letztes Hurra für die Ur-Helden und zugleich eine möglichst mitreißende Staffelübergabe für die neuen Helden, die nun zum ersten Mal tragende Rollen einnehmen. Hier Finn als beherzter Typ, der nun als Kämpfer für die Republik mehrmals über sich hinauswächst und der Held seines eigenen Lebens wird (und sich vielleicht in Rey oder den abgebrühten Piloten Poe verguckt hat, ein Szenendieb als Nebenfigur). Und dort Rey, die – mit jetzt knapp zwanzig Jahren – besser in der Macht trainiert ist, immer vielschichtiger wird und bei der lange nicht klar ist, ob sie mit ihren eigenartigen Fähigkeiten (die auch Snoke gern in seinem Besitz hätte und auf seltsame Art fürchtet) sogar eine Gefahr ist, statt einer Hoffnung.

Um das herauszufinden, sucht sie den alten Luke in seinem Exil auf. Er ist gebrochen, weil er weiß, dass sein bester Freund Han tot ist und sie sich nie mehr aussprechen konnten. Weil er nicht verhinderte, dass Kylo böse wurde. Und zugleich spürt er in der jungen Rey etwas Besonderes, eine Verbindung zu den Machtquellen von Snoke, die ihn besorgt, aber auch der Schlüssel für einen Sieg sein könnte. Er trainiert sie, aber sie bleibt auch ihm ein Rätsel.

Könnte man eventuell drauf verzichten: Die Szene mit Luke und der Space Cow.

Es hätte am Ende ein Wettrennen um eine Waffe aus dem Outer Rim geben können oder auch etwas ganz anderes, das mehr mit Rey selbst zu tun hat. Man hätte auf jeden Fall das Geheimnis von Snoke und der Dunklen Seite lüften und alle bisherigen Storylines um die alten und neuen Charaktere zusammenführen können, dazu wäre am Ende ein bisschen etwas von Die letzten Jedi gekommen. Es hätte einen emotionalen Moment mit Rey und Kylo geben müssen, in dem man erfährt, ob sie nicht doch noch gefährlich ist. Und er nicht doch noch zu retten. Und vielleicht hätten wir hier auch den großartigen Moment im Thronsaal nach Snokes möglichem Tod gesehen, nur mit anderem Ausgang.

Und man hätte vor allem vom alten Luke erzählen können, der am Ende doch noch auf seinem Exil zurückgekehrt war und nun (für einen besseren Zweck als bisher) tatsächlich gestorben ist – aber dessen Tod den Menschen Mut macht. Er, der begreift, dass die Idee von ihm immer größer sein wird als er selbst, was ihm erst schwer fiel zu akzeptieren. Aber nun macht er seinen Frieden damit. Die schmerzende Wunde aus dem neuen Episode 7 – als wir ihn vor unseren Augen fehlen sahen – wäre nun endlich verheilt, sein ramponierter Ruf durch seine selbstlose Tat wiederhergestellt. Ein letztes Mal hat er der Galaxis zumindest kurzzeitig Frieden gebracht (Snoke muss ja nicht tot sein, es reicht, wenn seine Waffe entschärft ist. Und auch Widersacher X kann entweder einen qualvollen Tod sterben oder nun nach einem politischen Aufstieg eine echte Gefahr darstellen, je nachdem, ob es mit den Filmen weitergehen hätte sollen). Vor seinem Tod aber hat Luke in der Hologramm-Botschaft gesehen, dass Han Solo ihm verziehen hat und zugibt, dass auch er Schuld an allem hatte. Und vor allem: dass Luke es nur gut meinte, und er ihn wie einen Bruder liebt. Von seiner Schwester Leia weiß er das eh – wie wir in einer Abschiedsszene als Geist sehen.

Die jungen Helden dagegen sind etabliert und warten auf neue Abenteuer. Als Schlussbild hätte man dann ebenfalls das aus Episode 8 mit dem Jungen und dem Besen nehmen können, der in die Sterne blickt. Ein Zeichen, dass die Geschichte der alten nostalgischen Filme und Figuren endgültig vorbei ist – und nun neue kommen.

Fade Out.

Na ja, keine Ahnung, ob das alles wirklich so viel besser ist, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß nicht, ob diese Trilogie tatsächlich zu retten gewesen wäre oder ob man dafür nicht alles neu und mehr wie bei der Thrawn-Trilogie hätte erzählen müssen … Und es ist auch leicht, in der Rückschau schlau daherzureden (auch wenn es Spaß macht). Denn man unterschätzt dabei die Leistung, sich Figuren wie Kylo Ren überhaupt ausgedacht zu haben. Oder die Schwierigkeit, unter hohem Erwartungs- und Zeitdruck an solch einer Story zu arbeiten. Und dabei dann oft gestresst Drehbuchfassung drei zu verfilmen statt vielleicht Nummer sechs oder sieben – in der die gleiche Geschichte von den gleichen Leuten viel ausgereifter und durchdachter gewesen wäre.

Es ist leicht, hier nerdmäßig rumzusabbeln und schlau zu tun. Und es ist weiterhin nur eine Meinung von Millionen.

Es spielt aber auch alles keine Rolle, denn am Ende bekamen wir mit den Sequels, was wir bekamen. Keine simple Enttäuschung, sondern einen Trennungsgrund. Doch vielleicht ist auch das wieder falsch. Vielleicht ist Star Wars immer schon vor allem für Kinder und Jugendliche gewesen, nur will man das als Erwachsener einfach nicht wahrhaben. Lädt die Figuren und Filme mit Bedeutungen auf, die sie nie hatten. Und vermisst dann Gefühle in den Fortsetzungen, die man selbst nicht mehr in sich hat. Andererseits hat der kindliche Star Wars-Fan in mir weiß Gott lange genug überlebt.

Und so denke ich auch jetzt wehmütig an das Ende von Die Rückkehr der Jedi-Ritter, das so wunderbar rund war, dass ich mir beim Schauen der neuen Episoden oft dachte, dass ich das alles eigentlich gar nicht sehen wollte; wie die geliebten Helden von einst alt wurden und starben. Es ist die Stärke von märchenhaften Filmen wie Star Wars, dass sie in Momenten abblenden können, an denen das wirkliche Leben weitergehen muss; an denen uns der Alltag mit Vehemenz einholt und gnadenlos zeigt, dass es deshalb nie ein echtes Happy End geben kann.

Nun aber ist Han tot, Leia ist tot, Luke ist tot, und sie starben noch nicht mal für eine großartige neue Erzählung, sondern nur für die unfertigen Pläne ihrer überforderten Macher. Drastischer formuliert: Diese ikonischen Figuren durften weder für immer in unseren Köpfen jung weiterleben, noch bekamen sie zumindest das gutgeschriebene Ende, das sie verdienten. Stattdessen wurden sie ohne großen Plan und aus simpler Geldgier getötet.

Blickt man jetzt auf diese neun Filme, fällt umso mehr auf, dass das ganze Star Wars-Universum im Prinzip bloß von einem guten (der vierte) und einem sehr guten (der fünfte) Teil zusammengehalten wird. Und im Kern nur von einem einzigen gigantisch guten Twist (Darth Vader als Lukes Vater), während schon der nächste – Leia und Luke sind in Wahrheit Geschwister! – insgeheim längst nicht mehr so überzeugen konnte. Der viel größere Rest der Filme und Geschichten aus diesem Universum konnte da zumindest für mich nicht mithalten und war am Ende, nüchtern bilanziert, oft nicht mehr als unerfüllte Sehnsucht, unzerstörbare Hoffnung auf weitere solche Erlebnisse und eben Nostalgie.

George Lucas dagegen mag bei den Prequels als Drehbuchautor und Regisseur für nicht wenige Fans gescheitert sein, aber er war immer ein Schöpfer. Klaute sich zwar zugegeben für Star Wars auch einiges zusammen, revolutionierte das Kino aber immer wieder, ob mit American Graffiti im Coming-of-Age-Genre oder mit Indiana Jones im Abenteuerfach. Ein mutiger Visionär, der mit fast kindlicher Neugier neue Welten und Stories erforschte. Der auf der Höhe seines Schaffens Figuren erfand, die von Millionen von Menschen auf der Welt seit Generationen geliebt wurden, und dessen Geschichten man deshalb instinktiv nie in Frage stellte. Was passiert, wenn sich Leute ohne großen Masterplan, ohne Mut und ohne die nötige Zeit an seinen Charakteren versuchen, Leute, die vielleicht handwerklich talentiert sind, aber eben keine Schöpfer, das sahen wir mit der neuen Trilogie: solide gemachte, aber uninspirierte, maximal mittelmäßige (und in Teilen sogar dümmliche) Fan-Fiction.

Und doch fürchte ich, dass das Scheitern der Star Wars-Fortsetzungen in meinem Fall sogar noch mehr war: eine Metapher für das eigene Erwachsenwerden und damit auch das Loslassen alter Kindheits-Illusionen und Gefühle. Denn wie im Fußball, wo ich trotz Kommerzialisierung und einer korrupten WM in Katar (die ich als Fan weitgehend boykottieren werde) ein gutes Einzelspiel noch irgendwie schätzen kann, weiß ich auch eine starke Episode von The Mandalorian oder das Ende von Rogue One zu würdigen. Aber beides bedeutet mir nicht mehr viel, die Leidenschaft ist erkaltet. Und so reisen wir am Schluss ein allerletztes Mal in das Schicksalsjahr 2012 zurück, als Disney – wie die Kinder mit den Süßigkeiten im berühmten „Marshmallow-Experiment“ – nach dem Kauf von Star Wars zwei Wahlmöglichkeiten hatte. Sie konnten die ausgegebenen vier Milliarden entweder gierig jetzt sofort einspielen, aber mit einer enttäuschenden und schnell  zusammengeschusterten Trilogie und dem Ergebnis, dass danach erst mal keiner mehr einen Star Wars-Hauptfilm sehen will. Oder sie hätten noch zwei, drei Jahre länger warten können, um sich erst mal in Ruhe eine gute Geschichte auszudenken, die dieser Saga und den Figuren wirklich würdig ist, und dann eventuell on the long run sogar das Doppelte einzuspielen.

Und vielleicht haben sie sich ja irgendwo genau so entschieden. Vielleicht gibt es diese guten neuen Filme irgendwo, und mit ihnen eine Version von mir, die diese Reihe noch immer liebt und sich wie ein Kind weiter auf neue Teile freut. Wenn schon leider nicht in dieser Welt, dann doch an einem anderen Ort.

In einer weit, weit entfernten Galaxis.


PREQUELS

Episode I: Die dunkle Bedrohung (1999)

Episode II: Angriff der Klonkrieger (2002)

Episode III: Die Rache der Sith (2005)

 

UR-TRILOGIE

Episode IV: Eine neue Hoffnung (1977)

Episode V: Das Imperium schlägt zurück (1980)

Episode VI: Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983)

 

SEQUELS:

Episode VII: Das Erwachen der Macht (2015)

Episode VIII: Die letzten Jedi (2017)

Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers (2019)

 

 

P.S. Wer mehr über den Autor Adrian Brooks erfahren möchte und wie er George Lucas einst die Idee zu Star Wars stahl – sein Zuhause ist die Short Story “Die Wahrheit über das Lügen”.