Der 2. Blick in die Werkstatt – Das Überarbeiten eines veröffentlichten Romans

Seit dem Herbst 2018 ist eine nochmals überarbeitete Version von „Fast genial“ im Handel, passend zum damaligen Erscheinen des e-Books. (Es gibt sie aber auch in gedruckter Form seit der aktuellen Taschenbuchauflage, man erkennt sie an der ersten Zeile. Statt: „Ich werde fliehen“, heißt es jetzt: „Ich werde abhauen.“) Ich hatte überlegt, diese neue Fassung nicht groß zu kommentieren, da es mir selbst verrückt erscheint, wenn ein Autor gleich zweimal ein Buch überarbeitet. Andererseits wurde ich auf Lesungen öfters gefragt, wieso ich „Spinner“ und „Fast genial“ umgeschrieben habe und was genau sich dabei eigentlich veränderte. Und nicht zuletzt habe ich bei diesem Prozess vieles über das Schreiben gelernt. Und so liegt es in der Natur der Sache, dass ein Text über das Überarbeiten von Büchern vor allem ein Text über eigene Fehler ist – und leichte Spoiler enthält.

(Der 1. Blick in die Werkstatt findet sich hier).

Einen gedruckten Roman umzuschreiben klingt ungewöhnlich, doch in Wahrheit setzen sich viele Autoren noch mal an ihre Werke. Es gibt berühmte internationale Beispiele wie Lew Tolstoi, der gleich sechs Versionen von „Krieg und Frieden“ herausgebracht hat, die sich teils erheblich voneinander entscheiden (meine Lieblingsfigur hätte in der ersten Fassung überlebt). Evelyn Waugh hat „Brideshead Revisited“ überarbeitet – wir lesen die gelungene zweite Version. F. Scott Fitzgerald hat „Zärtlich ist die Nacht“ überarbeitet – wir bleiben trotzdem bei der schöneren ersten Version. Aber auch deutschsprachige Schriftsteller wie Wolfgang Herrndorf oder Daniel Kehlmann haben schon mal einem früher veröffentlichten Werk nachträglich den letzten Schliff gegeben oder ihm behutsam etwas hinzugefügt.

Totzdem wird dieses Vorhaben eher misstrauisch beäugt, schließlich entwickelt ein veröffentlichter Roman im besten Fall ein Eigenleben. Überarbeitet man ihn dann in aller Öffentlichkeit, hat es immer etwas von einer Operation am offenen Herzen. Man braucht also gute Gründe für diesen Schritt – und nicht selten hängen sie stark mit der Entstehungsgeschichte des jeweiligen Romans zusammen.

 

Teil I – „Spinner“

  1. Wie das Buch entstand

„Spinner“ war nicht das erste Buch, das ich schrieb, sondern das dritte. Das erste Buch schrieb ich mit achtzehn in den Sommerferien und es ist so schlecht, pseudo-moralisch und weinerlich, dass man mich glatt damit erpressen könnte.

Das zweite Buch schrieb ich in meinen ersten Wochen in Berlin, eine Dreiecksliebesgeschichte mit einem „Fight Club“-ähnlichen Twist (den ich zu meiner Ehrenrettung damals noch nicht gesehen hatte). Wenn man es nett formulieren möchte, war diese halbfertige Geschichte ein bisschen weird. Wenn man es nicht so gut mit mir meint, könnte man beim Lesen auf die Idee kommen, der Autor wäre in der winterlichen Einsamkeit seiner Berliner Bruchbude verrückt geworden. Dieses zweite Buch hat jedenfalls nur ein Mensch gelesen, er fand es sehr schlecht und damit immer noch besser als der Verfasser selbst.

Das dritte Buch war dann „Spinner“, das damals noch „Traumjäger“ hieß. Ich war noch immer neunzehn und schrieb mir darin meine Zeit in Berlin von der Seele, kämpfte mich durch hanebüchen schlechte erste Fassungen, ließ keinen Fehler eines Schreibanfängers aus, suchte mir Leute, die mich hart kritisierten, schrieb Fassung drei, vier, fünf, steigerte mich ein wenig, las John Irving und Nick Hornby, las Michael Chabon und J. D. Salinger, versuchte ihnen nachzueifern, verfehlte meine Idole, stieß dabei zufällig auf etwas anderes, nämlich meinen eigenen Ton, schrieb Fassung sechs, sieben, acht, kam der Sache langsam näher, hatte aber keine Ahnung, was diese Sache war. Spielte auch keine Rolle, denn es hagelte weiter Absagen, so dass ich mich irgendwann entnervt in mein zweites Buch flüchtete: Über einen Musiklehrer Ende dreißig in der Midlife-Crisis, ganz weit weg von mir. Und vor allem: Dieses Buch hatte – zumindest noch! – niemand abgelehnt. Herrlich.

„Spinner“ dagegen blieb auf scheinbar ewig in der Schublade, und ich weiß noch, wie ich Jahre später zu meiner damaligen Freundin sagte (die das Buch nicht mochte): „Vielleicht nehme ich auch einfach die besten Teile der Geschichte und mache damit was Neues, den Rest werfe ich weg; wie wenn man ein altes Auto auschlachtet und noch das Radio und die Felgen mitnimmt, bevor man es verschrottet.“

Ende 2007 kam ich jedoch zu Diogenes, die „Becks letzter Sommer“ gekauft hatten. Bei meinem ersten Besuch in Zürich brachte ich etwas verschämt auch „Spinner“ mit, das war ich diesem gebeutelten Ding irgendwie schuldig, und zu meiner Freude und Überraschung entschied der Verlag, es ebenfalls zu veröffentlichen. Wer hätte gedacht, dass mein guter alter Freund Jesper Lier doch noch gedruckt werden würde!

An diesem Punkt hätte ich alles tun müssen, um diese Chance zu rechtfertigen und die Geschichte so gut wie nur möglich zu machen. Ich hätte wie ein Verrückter den Text überarbeiten müssen, ein; besser zwei Jahre lang. Stattdessen beschloss ich, kaum etwas zu verändern, da ich meinem neunzehnjährigen Ich nicht reinreden wollte. Das Buch sollte authentisch bleiben und fertig, entschied ich – aber da war ich noch ein anderer Autor.

Denn trotz nun zwei Veröffentlichungen wusste ich fast nichts vom Schreiben, außer den Dingen, die ich intuitiv gelernt hatte. Ich war vierundzwanzig, ungeduldig, ich hielt mich für jemanden, der in kurzen Abständen ein Buch nach dem anderen raushaut. Damals kannte ich mich weder als Mensch noch als Autor besonders gut, lief aber nach dem jahrelangen Misserfolg plötzlich auf Buchmessen herum. Ich erlebte den zu großen Hype um „Becks letzter Sommer“ genauso staunend wie den Flop mit „Spinner“ (den ich dringend nötig gehabt hatte und der sehr hilfreich war), ich war misstrauisch, sagte die meisten Anfragen ab, ließ mich aber ein paar Mal überreden – und gab dann als sogenannter „Jungautor“ teils haarsträubend bescheuerte Interviews.

Im Grunde fehlte mir eine Sprache für das, was da fast über Nacht mit meinem Leben geschehen war, ich wusste nur, dass ich aus diesem Trubel, diesem „Betrieb“ sofort wieder raus wollte. Mit einem Anruf beim Verlag verschob ich eigenmächtig „Fast genial“, dann zog ich nach Barcelona, wo ich über drei Jahre blieb. Ich studierte noch mal meine früheren Helden wie Chabon und Irving, ich las Carson McCullers, F. Scott Fitzgerald und weitere Bücher von Kazuo Ishiguro, der meine Ideen vom Schreiben stark veränderte. Es ging und geht nicht darum, ein perfektes Buch zu schreiben, meine Texte werden auch in Zukunft ihre Schwächen haben. Aber all diese Autoren lehrten mich Ernsthaftigkeit für meinen Beruf – und wie wichtig es ist, sich genügend Zeit zu nehmen. Damals arbeitete ich schon seit Jahren parallel an „Vom Ende der Einsamkeit“ und begriff, dass ich dieser Geschichte noch immer nicht gewachsen war, dass ich noch viel mehr lernen musste.

Ich freute mich auf diese Herausforderung, das Problem war eher: Als ich mit etwa achtundzwanzig endlich eine präzise, erwachsene Vorstellung hatte, was für ein Schriftsteller ich eigentlich sein wollte, hatte ich bereits drei Romane veröffentlicht.

 

  1. Die Überarbeitung

Vor allem zu „Spinner“ hatte sich mit der Zeit eine Hassliebe entwickelt. Einerseits war ich beim Schreiben des Kerns neunzehn gewesen, und es steckte so viel ehrliche Wut, Unsicherheit und Jugendgefühl von mir in diesem Text; nie mehr würde ich das so authentisch empfunden zu Papier bringen können.

Andererseits bereute ich längst, die Geschichte so unfertig veröffentlicht zu haben, denn es gab vieles, was mir an ihr missfiel. Ich hatte mich viel zu oft hinter Ironie und Pointen versteckt – und den Text einfach nicht sorgfältig genug überarbeitet. Mit neunzehn hatte ich mich nicht getraut, manche Stellen auch mal ernster und ruhiger zu schreiben und bei Figuren und Szenen stärker in die Tiefe zu gehen. Ich hatte damals Angst, das sei für den Leser langweilig und mich würde dann erst recht niemand veröffentlichen. Doch als überraschend der Vater eines guten Freundes starb, schämte ich mich dafür, wie oberflächlich ich mit diesem Thema im Buch umgegangen war.

Ich fing an, auf Lesungen abzuraten, wenn sich jemand „Spinner“ kaufen wollte; es störte mich, dass Menschen Geld für etwas ausgaben, bei dem der Autor schlichtweg seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Auf die Idee, mich tatsächlich noch mal an diese Geschichte zu setzen, kam ich jedoch erst bei der Suche nach einem Cover für „Vom Ende der Einsamkeit“. Ich klickte mich durch die Arbeiten der wunderbaren Künstlerin Elizabeth Peyton, und als ich ihre Schwarzweiß-Zeichnung vom jungen Marc Jacobs entdeckte, war mein erster Gedanke: „Das wäre eigentlich das ideale Cover für ‚Spinner‘ gewesen!“ Mein zweiter Gedanke war: „Na ja, aber das Cover wäre ehrlicherweise viel zu gut für den Roman, dann müsste ich vorher noch mal die Geschichte umschreiben.“

Kurze Stille in meinem Zimmer; in einem Comic wäre bei mir in diesem Moment eine Glühbirne im Kopf angegangen. Kurz darauf rief ich meinen Verleger Philipp Keel an und fragte ihn, ob ich das wirklich machen dürfe: Nicht nur ein neues Cover für „Spinner“, sondern gleich auch den ganzen Roman umschreiben …

Ich durfte.

Ich ließ mir also Ende 2015 vom Verlag die Word-Datei des Textes zuschicken, las die ersten Zeilen – und dann kam dieser eigenartige Moment, in dem ich einfach etwas änderte. Als würde man in einem Museum mit einem feuchten Pinsel über ein (nicht sehr teures) Ölgemälde streichen. Anfangs fühlte es sich verboten an, aber bald fiel es mir leicht. Insgeheim bereitete es mir sogar großes Vergnügen, denn dieser Text war über zehn Jahre alt, und zum ersten Mal konnte ich ein eigenes Buch so lesen, als wäre es nicht von mir. Subjektiv als schlecht empfundene Sätze oder unlustige Pointen stachen mir nun sofort ins Auge, aber auch, wo für mich die Stärken lagen. Ich wollte auf keinen Fall den teils wilden Ton verändern, denn nie wieder würde ich so jung einen Text schreiben können. Stattdessen versuchte ich, meinem neunzehnjährigen Ich eine Art älteren Lektor zur Seite stellen und mit ihm das Manuskript immer und immer wieder durchzugehen.

Spinner in der 10-Year-Challenge, 2009 und 2019

Eine der Hauptbaustellen war dabei der Protagonist. So war Jespers Wut bisher oft nur behauptet gewesen, aber nicht richtig begründet. Ich gab der Geschichte um den Tod seines Vaters mehr Raum und Tiefe und versuchte diesem Thema nun besser gerecht zu werden. Durch viele kleinere Stellen wie den verlorenen Abschiedsbrief oder Gespräche mit der Mutter, aber auch durch die großen kursiven Rückblenden und den emotionalen Moment mit Jesper und seinen Freunden, als er ihnen endlich alles erzählt. Denn bisher erfuhr man die Hintergründe über den Tod von Jespers Vater direkt am Anfang, diesmal hatte ich das Blatt langsamer und bewusster ausgespielt.

Es ging beim Überarbeiten nie darum, den Protagonisten schlauer oder reifer zu machen, im Gegenteil. Ich wollte eher, dass man Jesper auch in seinen Unzulänglichkeiten besser versteht, und habe immer versucht, den übermütigen Sound des Buchs und seiner jungen Hauptfigur so zu lassen, ihn sogar teilweise subtil auszubauen. Wenn Jesper in einer Bar eine Sängerin entdeckt, die ihn rührt und seine Einsamkeit unterstreicht, wenn er in absurden Situationen nur noch seinen linken Schuh wegwerfen will oder „We all scream for ice cream“ ruft, wenn er über seine Mitschüler und ihre Angst vor Lücken im Lebenslauf nachdenkt, wenn er nach einem missglückten Flirt sein fünfzigjähriges alleinstehendes Ich vor sich sieht, das ihm höhnisch applaudiert, dann ist das alles und vieles weitere neu.

Im Gegenzug habe ich in meinen Augen nicht witzige oder unpassende Schlenker entfernt, schwache Sätze rausgeworfen, zähe oder schwammig beschriebene Stellen gekürzt und verdichtet, hölzerne überarbeitet, die überzeichnete Eva durch die vielleicht besser passende, stille Hannah ersetzt, die Freundschaftsmomente mit Gustav und Frank verstärkt und mehr in den Vordergrund gerückt, usw. Teilweise waren es auch hier größere Änderungen wie komplett neue Szenen, teilweise nur Details, wie die Spitznamen, die Gustav nun an seine Freunde vergab oder dass er Jesper in ihrem Streit – verbal – nun deutlicher ausknockt. Und mal salopp gefragt: Ist es wirklich gut, wenn der frisch geschiedene und stets mürrische Haller am Telefon auch noch jemanden fertigmacht oder wäre es nicht unerwarteter und ein schöner Kontrast für diesen Charakter, wenn er da plötzlich liebevoll spräche, nämlich mit seiner kleinen Tochter?

Wenn es hart auf hart kam, wenn ich an eine Stelle geriet, die mir nicht mehr gefiel, die ich aber mit neunzehn geliebt habe – dann habe ich sie gelassen. „Spinner“ ist auch jetzt nicht für jeden, der Roman ist bewusst nicht rund, ruckelt manchmal und hat nach wie vor seine story-technischen Flapsigkeiten (den Nebenplot mit den beiden Romanfiguren, die ihn verfolgen, würde ich heute sicher nicht mehr so machen). Man soll auch weiterhin spüren, dass er von einem Teenager geschrieben wurde. Hätte ich nur eine Sekunde lang das Gefühl gehabt, ich könne mich mit Anfang dreißig nicht mehr in die Sprache oder Denke von Jesper hineinversetzen oder würde meiner Hauptfigur etwas Fremdes, unpassend Älteres überstülpen, hätte ich das Projekt abgebrochen. Aber das war nie der Fall, und zu meiner Erleichterung konnte auch später fast niemand die neuen Szenen von den bisherigen unterscheiden (nahezu alle altklugen Gedanken von Jesper waren schon vorher drin).

Und so hoffe ich, dass das Buch sich nun in jeder Hinsicht besser anfühlt als die alte Version. Für mich persönlich machte es jedenfalls einen riesigen Sprung, es entstand beim Überarbeiten sogar ein echtes Glücksgefühl und langersehntes Friedenschließen mit dieser Geschichte und den Figuren. Von meinen Testlesern, die explizit die Urfassung mögen mussten, kamen nur zustimmende Kommentare zu den Änderungen, und auch nach der Veröffentlichung war das Feedback zur neuen Ausgabe von „Spinner“ erheblich positiver als das zur alten Version.

Die Frage war also: Wenn das Überarbeiten bei „Spinner“ so glattging, wenn ich dort bereits nach einem halben Jahr mit der Arbeit durch war und mich nie mehr nach dieser Geschichte umdrehen musste – wieso war es beim zweiten Buch so schwierig?

 

Teil II – „Fast genial“

  1. Wie das Buch entstand

Auf die Story von „Fast genial“ stieß ich eher zufällig im Jahr 2006. Ich hatte damals verschiedene Nebenjobs, die mir das Schreiben finanzieren sollten, meist irgendetwas zwischen Kellner, Kinomitarbeiter oder Nachtportier. Etwas verblüffend arbeitete ich mit zweiundzwanzig jedoch bei einer politisch-gesellschaftlichen Fernsehsendung in der ARD. Ich fing als studentische Aushilfskraft auf zehn-Euro-Basis an, wobei mein Vorteil war, dass ich immer Zeit hatte, weil ich ja nie zur Uni ging (ich studierte laut Immatrikulationsschein u.a. Mathematik und Turkologie). In einem mir nie ganz nachvollziehbaren Prozess – der aber auf jeden Fall mit meinen Fähigkeiten am Kickertisch in der Redaktion zu tun hatte –, war ich irgendwann allein für die Mazen zuständig; die Einspielfilme, über die dann im Folgenden mit den Gästen diskutiert wurde. Mal sollte ich in einer Minute die Geschichte der Emanzipation zusammenfassen, mal alte Bundestags-Reden von Helmut Schmidt auftreiben. Das Sichten der Videos und Schreiben der Texte machte mir Spaß, genauso wie die oft brüllend komischen Redaktionssitzungen mit den Kollegen, doch das alles beeinflusste meine Arbeit an den Romanen kaum. Bis mir mein damaliger Chef einen SPIEGEL-Artikel in die Hand drückte: „Hier, vielleicht können wir daraus einen Beitrag für die Sendung über Prä-Implantationsdiagnostik machen.“

Ich las mir den Artikel durch, er hieß „Genies aus der Kälte“ und handelte von einem Projekt, das es in den Achtziger Jahren in Amerika gegeben hatte; der sogenannten Samenbank der Genies. Eine wirklich bizarre Story, von der ich noch nie gehört hatte. Und: ein faszinierender Stoff. Ich suchte eine Weile nach passendem Archivmaterial, aber dann kam schon die Ansage, dass wir den Beitrag doch nicht brauchen würden. Den Artikel warf ich erst auf den üblichen Stapel Papiermüll im Büro, dann nahm ich ihn instinktiv mit nach Hause und steckte ihn in eine Schublade – wo er jedoch blieb. Es war Juni 2006, ich schrieb gerade an der 1500-Seiten-Monumental-Fassung von „Becks letztes Jahr“, die WM begann, ich hatte anderes im Kopf.

Im Jahr darauf arbeitete ich noch immer als Redakteur, hatte aber beschlossen, im Sommer zu kündigen und ins Ausland zu gehen. Der Job war gut, ich hatte sogar endlich eine richtige Wohnung. Aber ich spürte, dass das alles zu früh kam und meinen Hunger für das Schreiben gefährdete. Denn die jahrelangen Ablehnungen der Verlage begannen mich zu zermürben, und die ständige Schreib-Nachtschicht nach der Arbeit machte aus mir einen dauermüden Zombie. Immerhin war so durch intensives Kürzen aus der 1500-Seiten-Fassung von „Becks letztes Jahr“ eine sperrige 600-Seiten-Version geworden, die „Becks letzter Sommer“ hieß. Sobald das Manuskript fertiggekürzt war, wollte ich es einem Agenten geben. Er hatte „Spinner“ abgelehnt – aber versprochen, auch mein zweites Buch zu lesen.

Und dann kam das Frühjahr 2007. Gerade hatte ich wieder einen geliebten Menschen in die Psychiatrie gebracht und dabei zum x-ten Mal seit der Kindheit dem Wahnsinn ins Gesicht geblickt. Ich ging durch die Flure mit den rührend unbeholfenen Zeichnungen der Patienten an den Wänden, aufgewühlt, erleichtert und wütend. Und auf einmal überkam es mich: So ähnlich würde mein nächster Roman beginnen. Mit der Hauptfigur in der Klinik, aber jünger als ich. Ein zynischer, fluchender Teenager. Aus dem Trailerpark in New Jersey! Und genau diesen verlorenen Typen würde ich mit der Story aus dem Artikel verbinden, die ich damals gelesen hatte: der Samenbank der Genies … Unzählige Ideen rasteten mit einem Klicken ineinander ein. Ich war wie elektrisiert, setzte mich noch am selben Tag hin und schrieb die ersten Kapitel.

In dieser ersten Fassung erzählte Francis noch alles selbst aus der Ich-Perspektive und hatte eine riesige Klappe, mit der er alles und jeden auseinandernahm: seine Nachbarn und Mitschüler, seinen besten Freund Grover, aber vor allem sich selbst. Ich schrieb mich tagelang in einen Rausch, bis mir dämmerte: Die Geschichte spielte in Amerika, ich war aber noch nie dort gewesen. Und ich hatte auch noch keinen Verlag. Außerdem musste ich erst mal mein zweites Buch fertigkürzen.

Ich ließ diese ersten Kapitel also so stehen, doch kaum, dass ich im Sommer 2008 veröffentlicht war, fuhr ich mit dem Vorschuss und meinen beiden besten Freunden nach Amerika. Da ich Flugangst habe, überquerte ich den Ozean per Schiff, danach fuhren wir knapp drei Monate mit einem Mietwagen durchs Land, zehntausend Meilen, von der Ostküste bis nach Kalifornien und Tijuana – und zurück. Unterwegs dachte ich immer wieder über die Geschichte nach, die in groben Teilen schon stand – nur das Ende fehlte mir noch. Ich wollte etwas Fieses, Prägnantes, bestenfalls Unvergessliches. Und als ich in Las Vegas gedankenverloren im Bad stand, dämmerte es mir plötzlich, und ich kritzelte hastig mehrere Tagebuchseiten voll. O! Mein! Gott!

Jetzt hatte ich endlich alles, um dieses Buch schreiben zu können.

Unverändert schön: Das Cover von David Hockney

Nach meiner Rückkehr Ende 2008 machte ich mich euphorisch an die Arbeit, doch das erste große Problem kam schnell: der Ton. Die frühen Klinik- und Trailerpark-Kapitel mit dem zynischen Francis waren mit Abstand das Lustigste, was ich je geschrieben hatte. Ich hatte immer gedacht, der restliche Roman würde genauso werden; eine Art böse Satire, vielleicht im Stil von „Jesus von Texas“ von DBC Pierre – ein, Buch, das mich damals beeindruckt hatte. Nun merkte ich, dass es nicht funktionierte. Denn je weiter die Geschichte voranschritt, desto weniger passte der bissige, zynische Tonfall noch zu den emotionalen Ereignissen unterwegs und dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Und schon gar nicht passte er zum Schluss.

Letztlich hatte ich zwei Hälften, die erzählerisch völlig schief zusammengenagelt waren: Die lustigere erste Hälfte und die dramatischere, fast verzweifelte zweite.

Ich änderte daraufhin die Perspektive in die distanziertere dritte Person, änderte auch Francis selbst und schmiss schweren Herzens die meisten lustigen Stellen vom Anfang raus. Durch all das gab ich dem Buch einen deutlich kohärenteren, ernsteren Anstrich. Vielleicht: zu ernst. Denn auch wenn da drei eher desolate Jugendliche durch die Staaten fahren, ein bisschen Spaß darf es dann schon machen. Und man darf vielleicht auch fühlen, dass sie eben drei Teenager sind. So weit dachte ich damals aber nicht.

Stattdessen hatte ich ständig Angst, dass mir jemand den Stoff mit der Samenbank der Genies noch vor der Nase wegschnappen könnte. Und vor allem war ich damals – wie oben geschildert – weniger gründlich. Ich konzentrierte mich nur auf die Story, aber viele Stellen waren nicht gut genug ausgearbeitet, immer wieder fehlte den Charakteren die Tiefe und manchen Sätzen die Raffinesse; bewusst schlichter Erzählton hin oder her.

Die Lösung in solchen Fällen liegt oft in der Zeit, die man sich dann nimmt, und dass man auch mal Abstand zu einem Text gewinnt. Damals führte ich nach dem Flop mit „Spinner“ jedoch eine wackelige Existenz in Barcelona. Ich kellnerte irgendwann wieder und machte Schulden, um das Buch beenden zu können, hatte aber keine Krankenversicherung – und parallel mit „Vom Ende der Einsamkeit“ ein Projekt, das noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde und bei dem ich nicht wusste, wie ich es finanzieren sollte.

Unter diesem Druck feilte ich wie besessen an „Fast genial“, das mir hoffentlich Glück bringen würde. Ich klebte im Abgabestress so nah am Text, dass ich irgendwann das große Ganze nicht mehr sah und mir deshalb einreden konnte, das Buch sei fertig.

Erleichtert gab ich es ab – und die Urversion erschien im Herbst 2011.

 

  1. Die erste Überarbeitung – und ihre ungeahnten Probleme

Dass ich mit der frühen Veröffentlichung von „Fast genial“ einen Fehler gemacht hatte, begriff ich bei den ersten Lesungen. Zwar hatte mich der unerwartete Erfolg des Romans finanziell fürs Erste gerettet, und auch das Gerüst der Geschichte schien trotz der schwierigen Entstehung zu tragen. Aber dafür störte mich neben manchen sprachlichen Ungenauigkeiten – die mir beim Vorlesen vor Publikum besonders stark auffielen –, nun vor allem Francis‘ teilweise gnadenlose Sichtweise auf andere.

Natürlich ist er in manchen Beobachtungen und schnellen Urteilen auch jetzt noch fies, immer wieder auch unsicher und ungerecht, das wären sicher viele in seiner Situation, und vor allem: viele in seinem Alter. Aber der alte, zynische Francis der Ich-Perspektive hatte vor allem sich selbst aufs Korn genommen, das tat der Francis in der dritten Person nun kaum noch. Mit mehr Sorgfalt wäre es mir vermutlich aufgefallen – doch es war eben der letzte Roman, bevor ich das Schreiben so verstand, wie ich es später bei „Vom Ende der Einsamkeit“ gelernt hatte. Zudem hatte ich durch die jahrelange Arbeit am Drehbuch von „Fast genial“ viele schöne kleine Szenen und Dialoge im Kopf, bei denen ich mir oft dachte: Schade, dass sie nicht im Buch sind.

Und so setzte ich mich 2016 noch mal dran.

Neben dem Wunsch, Francis nun besser auszutarieren und auf dem Road Trip etwas mehr Jugendgefühl und Spaß hineinzubringen, hatte ich mir zwei Dinge vorgenommen: Ich wollte die Geschichte deutlich szenischer und subtiler erzählen, da viele Stellen doch etwas grob und „holzhammermäßig“ daherkamen; erstaunlich oft hatte ich etwa das mir sonst fremde Plusquamperfekt verwendet, um die eher dramatischen Ereignisse etwas karger und nüchterner runterzuerzählen – passend zur inzwischen ebenfalls eher verschlossenen, distanzierten Hauptfigur.

Mein anderer Plan: ich wollte Grover – im Buch dünn, linkisch und in sich gekehrt –, durch den Grover ersetzen, den ich damals für das Drehbuch schrieb; ein dickerer, lauter, fröhlicher, aber auch unsicherer Typ, vielleicht ein bisschen wie eine der frühen Rollen von Jonah Hill. Im Drehbuch funktionierte er wunderbar, waren er und Francis ein Team, das sich auf dem Weg durch die USA immer wieder neckte, überhaupt war ihre Freundschaft hier tiefer – wieso also nicht auch im Roman?

Das Ergebnis nach einigen Monaten: Die Fassung mit dem szenischeren Erzählen und dem neuen Grover war ein Desaster. Ich spürte es sofort, fast physisch, aber erklären konnte ich es mir erst nach einiger Zeit.

Das Problem am szenischeren, subtileren Erzählen: Ich hatte den Roman – angelehnt an Francis‘ Musikgeschmack – immer als eine Art leicht übertriebenen Rapsong konzipiert (eine schwierige Metapher, ich weiß). Die Geschichte hatte oft etwas Märchenhaftes, auch wenn sie auf wahren Begebenheiten basiert. Und obwohl ich bei der Urfassung vieles intuitiv gemacht und keine große Ahnung vom Schreiben gehabt hatte, waren es gerade die seltsame Erzählform und der ab und zu geschwungene Holzhammer, die die Geschichte am Ende vielleicht sogar retteten und trugen.

Im Drehbuch etwa gibt es eine Szene, in der Francis Besuch von einem der Liebhaber seiner Mutter bekommt. Das Setting ist sein Trailer. Es ist nachts, in der Küche ist es stockdunkel; sie konnten die Stromrechnungen mal wieder nicht zahlen. Er ist siebzehn und allein, seine Mutter gerade in der Psychiatrie. Da klopft es an der Tür. Francis ist in dieser Szene geladen und verletzt, denn er wurde kurz zuvor von seinem Stiefvater abserviert, und nun steht dieser betrunkene Mann aus dem Trailerpark vor der Tür und verlangt aggressiv nach der Mutter, die er sehen will. Francis – bis hierhin trotz seiner Wut den ganzen Film über zurückhaltend und beherrscht – nimmt nun auch die hämischen, verächtlichen Worte dieses Typen über seine Mom nur tatenlos hin, macht am Ende die Tür zu. Eine Weile steht er nun allein in der dunklen Küche, aufgewühlt, zitternd. Beat. Plötzlich rennt er dem Mann nach und schlägt ihn zusammen, all sein Frust entlädt sich. Denn dieser Typ ist alles, wovor er Angst hat – und nicht zuletzt vermutet er, genau so jemand könne sein leiblicher Vater sein.

Diese Szene war für mich eine der stärksten im ersten Akt des Drehbuchs, sie beschreibt Francis nicht nur, sie zeigt ihn, also versuchte ich sie umgehend in den Roman einzubauen – doch es fühlte sich einfach nur falsch an. Ähnlich ging es mir mit anderen dramatischen Szenen wie mit der Mutter, aber auch mit den ausgelasseneren Szenen mit Grover. Es las sich einfach nicht mehr gut, das Tempo stimmte nicht mehr, der Roman war mal viel zu schwer und düster, dann wieder zu langsam oder unpassend fröhlich. Als hätte ich einen straffen, magischen Knoten zerschlagen, fiel die Geschichte mit den neuen, teils besseren Szenen erzählerisch auseinander.

Ich war verblüfft.

Bei „Spinner“ war es mir noch mühelos gelungen, in die alte Geschichte einzudringen, sie war eher lose konstruiert und dadurch auf eine gewisse Weise noch immer „offen“. Als hinge um den Roman nur ein simples Fahrradschloss, das leicht aufzuknacken war. Bei „Fast genial“ dagegen war der Autor bereits einige Jahre älter und erfahrener gewesen, was Handwerk und Technik anging, er hatte sein Buch komplexer aufgebaut und deutlich besser geschützt, auch wenn es noch immer viele Schwachstellen hatte.

Denn obwohl ich mir bei der Urversion von 2011 keine grundsätzlichen Gedanken über das Schreiben gemacht und oft auf das Plusquamperfekt zurückgegriffen hatte: Es trug mich entgegen jeder Wahrscheinlichkeit sicher durch den Anfang und passte perfekt zum ruhigen Ton des Erzählens am Lagerfeuer, den ich damals für die Geschichte im Sinn gehabt hatte. Eher beiläufig trottete man mit Francis durch seinen tristen Alltag, wurde immer wieder ironisch auf Distanz gehalten und rauschte im besten Fall nur so durchs Buch – bis mit dem Brief der Mutter plötzlich die Handlung in den zweiten Akt kippte und Francis einem immer näher rückte. Das „schlechtere“ Erzählen erwies sich hier als das überlegene, zumindest bei dieser Geschichte.

Beim neuen Drehbuch-Grover wiederum war es so, dass der Roman ihn schlicht nicht annahm, ja, ihn sogar verweigerte. Er passte in beinahe keine einzige der Szenen, die jedoch so miteinander verzahnt waren, dass ich sie nicht mehr ändern konnte. Vor allem aber passte er auch nicht zum teils düsteren Ton der Ereignisse auf der Reise und der bisherigen Chemie meiner drei Figuren. Würde der fröhlichere Grover, der sich besser mit Francis versteht, wirklich das am Grand Canyon tun, was er bisher tat? Würde er das tun, was er am Ende tut? Würde das Buch dann überhaupt noch so ausgehen?

Als ich die Geschichte das erste Mal schrieb, ließ ich mich von der Gruppendynamik mitreißen. Diese drei Figuren verhielten sich oft nicht so, wie es vielleicht richtig und sympathisch gewesen wäre, sondern ständig so, wie sie sich nun mal verhalten wollten, und sie waren alle drei beim besten Willen keine perfekten Menschen. Aber gerade diese unterwegs so entfesselten, manchmal destruktiven Figuren waren immer etwas, was das Buch für mich insgeheim ausmachte, denn so entstand ein eigentümlicher Drive. Für den Autor und hoffentlich auch für einige Leser.

Ich änderte beim Überarbeiten also die Erzählform zurück: weniger szenisch, dafür wieder mehr Lagerfeuer-Ton, dazu holte ich auch den alten Grover zurück, den ich jedoch näher heranzoomte. Ich gab ihm viele kleine schöne neue Szenen, so durfte er nun zum Beispiel – auf der Feuertreppe am Ende – die vielleicht schlauesten Worte zu Francis sagen, die dieser auf der ganzen Reise zu hören kriegt (und die in der Urfassung gar nicht im Buch gewesen waren). Überhaupt änderte ich einige Szenen, brachte mehr Spaß in die Reise, hoffentlich auch mehr Tiefe in die Figuren, machte es Francis zudem nicht mehr ganz so leicht, an Informationen zu kommen (etwa beim Tumult vor Andy Kinnears Haus), dann gab ich das Buch im guten Gefühl ab, es deutlich besser gemacht zu haben.

Das stimmte vermutlich auch. Und trotzdem ließ mich der Roman noch immer nicht los. Denn fast alles, was ich jetzt schreibe, begriff ich so richtig erst danach. Vor allem wurde mir erst da auch klar, was mein eigentliches Problem mit diesem Text gewesen war: „Fast genial“ ist bis heute die einzige Geschichte, die nicht aus mir selbst heraus entstanden ist, sondern eben auf einem Artikel basierte. Trotz einigen sehr persönlichen Stellen fühlte sie sich deshalb oft fremd an. Als wäre ich beim Schreiben des Romans und der Figuren immer hinter einer Glasscheibe gestanden, die ich nicht zerbrechen konnte.

 

  1. Die zweite und finale Überarbeitung von „Fast genial“

Ich stellte mir deshalb vor dem letztmaligen Überarbeiten einen Haufen Fragen: War ich bisher wirklich nah genug an dieser Glasscheibe gewesen oder ging es noch näher, gerade bei Francis? In der Szene mit der Katze etwa wollte ich immer bewusst von außen auf seinen Schmerz draufblicken, aber derart kühl? Und was war mit vielen anderen kleinen Stellen, konnte man da nicht überall noch ein bisschen was tun? Wenn es bisher etwa hieß, dass Grover erst nicht den Fahrer spielen wollte und sich dann überreden ließ – ging das nur nüchtern erzählt oder konnte man da nicht vielleicht noch eine Neckerei, ein winziges verbales Ping-Pong einbauen? Wenn sie im Whirlpool sitzen, kann man da nicht noch einen schöneren Dialog bringen, können sie danach nicht noch zu dritt nebeneinander auf dem Balkon sitzen? Und könnte man nicht noch eine Szene reinbringen, die schildert, wie Francis schon als Kind diese fast manische, besessene Art hatte, an einer fixen Idee festzuhalten, die ihm dann später vielleicht – oder vielleicht auch nicht – zum Verhängnis wird?

Mit diesem Gefühl setzte ich mich 2018 ein letztes Mal an die Geschichte. Ich wollte wie bei „Spinner“ meinem jüngeren Ich nichts ausreden oder Szenen, die mir damals wichtig waren, rausnehmen. Und so sind noch immer Stellen drin, die ich heute vielleicht nicht mehr so erzählen würde. Vermutlich würde ich die Figuren sogar ganz anders und sympathischer zusammenstellen, wäre ich erst jetzt auf die Geschichte gestoßen. Und vielleicht wäre das schon ein Fehler.

Denn so gehören Francis, Anne-May und Grover für mich nun mal in diese Geschichte, die „Fast genial“ eben ist –  vor allem zu diesem Schluss.

Stattdessen habe ich – auf der Basis der ersten Überarbeitung – versucht, an vielen unterschiedlichen Schrauben zu drehen und dabei meiner Hauptfigur und der Geschichte so nahe zu kommen, wie das mit der Glasscheibe eben möglich war. Der Plan war, an manchen Stellen mehr Substanz hineinzubringen, mehr Wärme, Witz, Tiefe und Flair, und an anderen zu verdichten, um das Tempo zu erhöhen, oder sie schlicht besser zu schreiben. Es sind gefühlt tausende kleine Änderungen, von manchen komplett neuen Szenen mit Francis abgesehen.

Diese Fassung ist im Herbst 2018 erschienen.

Ich muss jedoch ganz klar sagen: ich kann niemandem den Kauf des Buchs empfehlen, der es schon gelesen hat, denn das Gerüst ist ja trotzdem das Gleiche, und dafür gibt es zu viele gute ungelesene Bücher da draußen. Und „Fast genial“ wird auch jetzt noch der Roman von mir bleiben, der nicht aus meinem Innern kam und sich deshalb immer etwas anders anfühlen wird als die anderen. Im Guten wie im Schlechten.

Wer jedoch schon immer mal neugierig um das Buch herumgestrichen ist, dem kann ich versprechen, dass ich mein Bestes gegeben habe, um es so gut zu machen, wie es mir mit diesen Figuren – und auf den vor über zehn Jahren gelegten Schienen der Urfassung – nur möglich war.

Gleichzeitig war es mir wichtig, die ursprüngliche Geschichte zu beschützen. Wäre das Feedback der Testleser auf diese neueste, finale Version von “Fast genial” zum Beispiel nicht so positiv gewesen, hätte ich es nicht veröffentlicht. Und selbstverständlich habe ich den fiesen Schluss, diese letzten fünfzig Seiten, die einst in Las Vegas im Bad geboren wurden und die ich dann irgendwann im Frühjahr 2009 wie ein Verrückter an einem Tag runtergetippt habe, auch jetzt unangetastet gelassen.

 

   Epilog: Und wann ist ein Buch nun fertig?

Als ich damals die Überarbeitungen ankündigte, schlug mir immer wieder Skepsis entgegen: “Wieso machst du das?” Oder auch: “Warum quälst du dich mit dem alten Zeug?” Dieser Text ist eine Antwort. Er muss nicht für alle die richtige sein, aber er ist meine. In diesen frühen Büchern steckt sehr viel Persönliches, sie bedeuten mir noch immer viel. Ich wollte sie nicht einfach abschenken, sondern sagen können: egal, wie jemand sie in Zukunft findet, ich habe alles für diese Geschichten getan.

(Davon abgesehen gibt es die ersten Versionen ja weiterhin im Antiquariat, auf Plattformen wie eBay und kostenlos in manchen Leih-Bibliotheken.)

Mir wurde bei diesem Projekt jedenfalls klar, wie wichtig für einen Autor Zeit und sein subjektives Empfinden sind. Eine Veröffentlichung mag für die Außenwelt der Moment sein, in dem der Schreibprozess abgeschlossen wurde. Aber ist sie auch wirklich der Moment, in dem die Geschichte für einen selbst fertig ist? Hier hilft einem nur eine Art innerer Kompass, wann das Buch langsam “zu” macht; ab wann es kaum noch neue Sätze, Emotionen oder Szenen annimmt und man an jeder Ecke schon mehrmals war.

Das Endspiel beim Schreiben ist eine einsame Angelegenheit. Nur man selbst spürt, ob eine Geschichte trotz nahender Deadline für das nächste Verlagsprogramm noch Zeit braucht – oder ob sie wirklich schon fertig ist. Und man verantwortet diese Entscheidung letztlich immer allein. Man kann wie hier beschrieben einen Roman unter finanziellem Druck und Abgabestress zu früh veröffentlichen und Jahre später zähneknirschend noch mal überarbeiten. Oder man kann diesen Roman noch Jahre für sich behalten und die exakt gleichen Änderungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen, bevor man abgibt (nur ist man eben nicht immer in der glücklichen Lage dazu). In beiden Fällen spielt der Zeitpunkt des offiziellen Erscheinens bloß nach außen eine Rolle. Er ist die sichtbare Ziellinie des Verlags und der Leser, aber nicht unbedingt die eigene, denn die ist unsichtbar.

Die ist ein Gefühl, mehr nicht.

“Vom Ende der Einsamkeit” ist sicher kein perfektes Buch, aber dort habe ich zum ersten Mal erlebt, wie es ist, von innen an das natürliche Ende eines Schreibprozesses zu stoßen. Wie es ist, trotz möglicher Schwächen und Kritik von außen nichts mehr verändern zu wollen, weil man alles so erzählt hat, wie man es wollte, und über jeden Satz nachgedacht hat. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf das Schreiben verändert.

Es ging für mich deshalb nie darum, diese beiden frühen Romane immer wieder neu zu überarbeiten und zu verbessern, je älter ich werde, oder sie dem jeweiligen Bewusstseinsstand anzupassen – sondern nur um dieses innere Gefühl, sie endlich wirklich fertiggeschrieben zu haben. Ich bin glücklich und meinem Verlag dankbar, dass ich das machen durfte.

Es darf aber auch sehr gern das letzte Mal gewesen sein …

Becks letzter Sommer erhielt zwar ebenfalls ein neues Cover, blieb inhaltlich aber so gut wie unverändert. Dafür könnte es sein, dass ich eine Fortsetzung schreibe.