Künstliche Kunst

Der folgende Text entstand 2024 aus einer Frage der dpa an mich, wie sehr Literatur durch KI bedroht würde. Nachtrag: 2025 veröffentlichte ich in der ZEIT einen Essay, der durchspielt, wie erschreckend manches davon in der Praxis aussehen könnte, man kann ihn hier lesen. 

Daniel Kehlmann hielt kürzlich eine lesenswerte Rede zum Thema Künstliche Intelligenz, ob in der Kunst oder im alltäglichen Leben. Er skizziert darin brillante Serien, die von Algorithmen binnen Minuten geschrieben werden, aber auch Programme, die mit uns reden und mit denen wir unsere Gedanken und Alltagssorgen besprechen können. Die allerdings auch finanziert werden müssen und uns deshalb neben Tipps für den Umgang mit der Tante auch erlesene Whiskeymarken empfehlen – oder je nachdem bestimmte politische Meinungen und Fake News …

Kehlmanns Rede hat mich sehr beschäftigt, denn tatsächlich sieht es so aus, als stünden uns schon in naher Zukunft drastische Veränderungen bevor; vermutlich bereits in diesen Neo-Zwanzigerjahren. Und doch habe ich gleich zwei naive Hoffnungen, wieso zumindest die von Menschen geschriebene Literatur auf lange Sicht überleben wird.

Vielleicht spreche ich hier nur für mich, aber ich glaube, was wir in Literatur suchen und auch finden, ist eine Wahrheit über uns selbst. Ein literarischer Text bietet stets auch Identifikation. Wir wollen wissen, wer wir sind, fühlen uns beim Lesen eines Buchs verstanden und gesehen oder manchmal auch abgestoßen. Aber für all das brauchen wir eine Art Beglaubigung: Das sichere Wissen, dass am anderen Ende ebenfalls ein Mensch saß, mit all seinen Stärken und Fehlern, und das Ganze in die Seiten tippte. Jemand, der wie wir gelitten, geträumt, geliebt und gelebt hat.

Wir suchen die Schöpfung aus dem Inneren – und nicht einen Algorithmus, der uns von außen makellos simuliert; der uns berührt, anregt oder ablenkt, ohne je einen Pulsschlag oder bewussten Gedanken gehabt zu haben; und auch, ohne jemals sterben zu müssen und somit das existenzielle Dilemma zu teilen, das uns Menschen in der Tiefe verbindet und das der Kunst zugrunde liegt.

Ich persönlich habe jedenfalls noch nie Chat GPT oder Ähnliches benutzt und kann für alle Zeiten (!) ausschließen, beim Schreiben Künstliche Intelligenz zu verwenden; egal wie oder bei was. Nicht mal zu einem Prozent oder nur beim Klappentext oder was weiß ich, niemals. Es wäre ein krasser Verstoß gegen alles, an das ich in der Kunst glaube, eher höre ich lieber auf. Und genauso bin ich auch entschieden dagegen, dass meine Werke zum Trainieren von Künstlicher Intelligenz verwendet werden (siehe dieser Post).

Ich möchte keine Bücher lesen, die nur im Entferntesten mit Hilfe dieser Tools generiert wurden. Ebenso wenig will ich einen künstlichen Song hören, der wie ein Patti-Smith-Song klingt oder besser, ich will wissen, dass sie selbst ihn geschrieben und gesungen hat, mit allen Eigenheiten und Fehlern. Die guten Alben bedeuten nur etwas, weil es auch die schwierigen, schwächeren gibt. Und auch ein Text kann noch so perfekt sein, das interessiert mich alles nicht, was mich interessiert, sind immer die Menschen. Die wirklichen Geschichten, nicht die generierten. Und die kreativen Denk- und manchmal auch Leidensprozesse dahinter.

So besteht eine Tragik auch darin, dass wir in Zukunft dem intuitiven Staunen beraubt werden. Uns immer fragen müssen: Sind diese berührende Nachricht von unseren Freunden, dieser neue Roman und dieses Foto wirklich authentisch – oder wurden sie nur mit Hilfe einer KI generiert? Wir werden vom Vertrauen ins Misstrauen geworfen.

Dabei droht jedes echte Gespräch, das wir in Zukunft durch ein Gespräch mit einem Programm ersetzen, die Wirklichkeit und unser Miteinander weiter auszuhöhlen. Und jedes Kunstwerk, das mit KI generiert wurde, führt tiefer in das Uncanny Valley; zu den wunderschönen toten Augen und der Leere eines perfekten künstlichen Lächelns.

Ich glaube an die unabhängige Wahrheit der eigenen Gefühle, egal, woher sie kommen und durch was sie ausgelöst werden. Aber auch daran, dass es am Ende eine Rolle spielen wird, ob sich beim Heben des Vorhangs auf der anderen Seite ein Mensch befindet – oder nur ein cleveres Programm. Noch dazu eines, das uns auf dieser Gefühlsebene sogar effektiv manipulieren könnte.

Und genauso glaube ich, dass Literatur auch in Zukunft etwas haben wird, das sie von allen anderen Kunstformen unterscheidet: Sie ist noch nicht fertig produziert zum Konsumieren, sondern entsteht erst in uns. Ein Text ist nur ein schwarzweißer Architekturplan, die Gebäude errichten die Menschen, die ihn lesen. Die Farben und Emotionen kommen von ihnen selbst, sie füllen die Lücken zwischen den Zeilen mit eigenen Erlebnissen und Emotionen. Eine Geschichte fühlt sich immer anders an und sieht auch anders aus, je nachdem, wer sie liest, denn die Leinwand ist die jeweilige Fantasie.

Als Gegenleistung verlangt ein Roman Entschleunigung, Geduld und Konzentration. Am Ende ist es eine Zusammenarbeit zwischen der Person, die den Text geschrieben hat, und der Person, die ihn liest. Erneut kann ich nur für mich sprechen, aber ich möchte als Leser lieber mit einem Menschen zusammenarbeiten.

Und ich denke, es ist dieser Wunsch nach menschlichen Verbindungen, der uns auch ins Theater und auf Konzerte, Lesungen und Vernissagen gehen lässt. Der dafür sorgt, dass wir noch immer Podcasts und Radiosendungen hören – und lieber Schachduelle zwischen fehleranfälligen Menschen ansehen, statt zwischen überlegenen Computerprogrammen.

Jeder noch so beunruhigende und zynische Gedanke scheint heute realitätsnah. Etwa auch, dass Verlage sich bei der Auswahl neuer Stoffe bald nicht mehr auf ihre Erfahrung oder die Qualität eines Texts verlassen, auch nicht auf ihr Gespür für das Potenzial der möglichen Autorin – sondern unter dem Profitdruck nur noch auf eine KI, die immer sicherer mögliche Bestseller prognostiziert. Oder auf eine, die die Bücher so umschreibt, dass sie statistisch am erfolgreichsten sind.

Vielleicht sehe ich das alles eines fernen Tages anders, falls die KI wirklich eigenständig denkt und fühlt und selbst schöpferisch tätig ist; also ein außergewöhnlich hohes Level erreicht wie in Filmen wie Her oder Blade Runner, wo es wiederum humanistisch wäre, diese Gefühle ernstzunehmen und zu achten. (Wobei mit einer solchen Verselbstständigung auch exponentiell die Gefahren künstlicher Intelligenz steigen würden, die ebenfalls schon in Kinofilmen wie Terminator oder Geschichten von Philip K. Dick verhandelt wurden.)

Doch das ist die Zukunft. Und generell hänge ich sehr an den Werken, die wir selbst erschaffen.

Wer Kunst macht, hat immer ein Warum. Einen schmerzhaften oder manchmal auch schnöden, einen triftigen oder herzzereißend tiefen Grund, sich an ein Werk zu setzen. Und genau dieses Warum ist ein fundamentaler Unterschied zur Künstlichen Intelligenz.

Was wären etwa ein Film, ein Musikalbum oder ein Roman ohne seine Entstehung? Mal ist sie ein leichtfüßiger Tanz, mal ein schwerfälliges und jahrelanges Ringen, aber immer ist sie einzigartig. Genau wie der jeweilige Blick auf die Welt. Es ist nicht das Generische, das uns wirklich berührt. Es ist das Persönliche.

Kunst gehört für mich zu den schönsten und tröstlichsten Dingen, wie wir als Spezies hervorbringen können. Selbst in den finstersten Zeiten von Krieg, Hunger und Elend gab es Menschen, die geschrieben, gemalt, gedichtet oder musiziert haben. Die ihre Zeit festhielten, ihr Leid und ihren Schmerz, aber auch ihre Hoffnung und Liebe.

Deshalb konnten manche Romane, Lieder oder Filme wirklich etwas verändern: Sie konnten uns und unsere Sicht auf die Welt prägen und Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Ländern miteinander verbinden, manchmal durch alle Jahrhunderte hindurch.

Diese Gabe uns selbst wegzunehmen und Algorithmen (und somit Techfirmen) zu überlassen, halte ich für gefährlich. Als Menschheit stürzen wir uns da in Entwicklungen, deren Auswirkungen wir nicht im Entferntesten abschätzen können. Wir müssen wirklich aupfassen, dass geliebte Orte, künstlerische Jobs und generell viele menschliche Begegnungsmöglichkeiten nicht einfach so verlorengehen und wir irgendwann dasitzen und uns fragen, wie das nur passieren konnte.

In „Good Will Hunting“ gibt es einen Monolog, der für mich erstauntlich gut zur Diskussion passt. Er fängt an mit: „Wenn ich dich also nach Kunst fragen würde, würdest du mir mit einem Vortrag zu allen Büchern zu diesem Thema kommen. Michelangelo? Du wirst alles wissen. Sein Lebenswerk kennst du, seine politischen Ansichten, sein Verhältnis zum Papst, seine sexuellen Neigungen, einfach alles, richtig? Aber ich wette, du kannst mir nicht sagen, wonach es in der Sixtinischen Kapelle riecht. Du bist nie dagewesen und hast diese wunderschönen Decke gesehen … Dort oben.“ Der Rest hier als Text oder im Video.

Inzwischen häufen sich die Artikel, die vorschlagen, man solle AI in der Kunst lieber gleich umarmen, da es ja ohnehin unvermeidbar sei. Ich halte diese Idee für grundfalsch und aus der Kategorie „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“. Die Währung der Gegenwart und Zukunft ist: Aufmerksamkeit. Sie ist es, die alle Techfirmen und Konzerne von uns wollen, ebenso alle, die an der Schleuse drehen, um den Markt mit ihren KI-Produkten zu fluten.

So ist es wahrscheinlich, dass es bald eine unendliche Zahl von perfekten Songs, Filmen, Bildern und Büchern geben wird, die mit Hilfe oder ganz allein von Künstlicher Intelligenz kreiert und kuratiert wurden. Aber die wichtigere Frage ist, ob wir unsere Aufmerksamkeit auch darauf richten werden – oder doch weiter auf das, was von uns Menschen geschaffen wurde. Wir sind in der Verantwortung, nun klug zu handeln, uns manchen Entwicklungen zu widersetzen und beherzt um das Menschliche zu kämpfen. In der Literatur etwa auch für die Buchhandlungen und die Jobs von Übersetzerinnen, Lektor:innen und Illustratoren.

Bisher sind noch fast alle darin gescheitert, die Zukunft richtig vorherzusagen; niemand hat sie schon geschrieben, auch keine Künstliche Intelligenz, vielmehr bleibt sie immer offen. Und so habe ich bereits jetzt die Hoffnung auf eine Renaissance nach der uns wohl bevorstehenden KI-Welle: Auf die kollektive Sehnsucht nach dem Echten und die Rückkehr zum Menschlichen im Kino, in der Musik, in der Literatur.

Eine Welt ohne eine solche Kultur wäre eine triste, schale Welt, vielleicht sogar unerträglich. Und sie wäre weniger geschützt. Nicht umsonst zensieren Diktaturen oft als Erstes die menschliche Kunst und lassen ihre Schöpfer:innen verstummen.

Am Ende liegt es immer auch an uns selbst, wie wir mit diesen Themen umgehen, was wir privat im Alltag machen, um was wir kämpfen und ob wir resignieren – oder ob wir trotzig bleiben. Und diese täglich neue Wahl ist bei allen beunruhigenden Szenarien und Entwicklungen ein Trost.

Berühmt der Monolog eines Sterbenden aus „Blade Runner“. Wie viele andere künstlerische Zeugnisse – von Höhlenmalereien über antike Schriften und Musik zu Fotografie und Film – sind auch diese letzten Worte im Kern ein „Wir waren hier“ oder „Ich war hier“. Nur spricht in diesem Fall kein Mensch, sondern ein Replikant … Die Frage nach der Zukunft einer von Menschen perfektionierten Künstlichen Intelligenz führt deshalb auch an ferne philosophische Küsten wie einst die Frage nach dem Schiff des Theseus. Meine Abschlussfragen dagegen sind simpler: Kann es sein, dass in Zeiten von Deepfakes, KI-Chats und künstlich generierten Bildern/Videos unser Interesse an der Wirklichkeit und dem persönlichen Austausch schwindet? Und dass mit diesem abnehmenden Interesse an der Wirklichkeit auch unser Interesse an Wahrheit, Differenzieren und Fakten sinkt? Brauchen wir in der Kunst in Zukunft eine Deklarationspflicht, wie ein Werk erschaffen wurde? Und davon abgesehen: Ist es überhaupt gut für uns Menschen, dass wir die KI so stark und unberechenbar wachsen lassen? Und wenn nicht, wie können wir uns dagegen sinnvoll wehren oder damit umgehen?