Über (Lieblings)-Buchhandlungen

Heute ist der 23. April, Welttag des Buches. Hier ein kleines Vorwort, das ich für Torsten Woywoods “In 60 Buchhandlungen durch Europa” schrieb (inzwischen ist das Projekt auf die ganze Welt ausgedehnt), und das auf einem Facebook-Post basiert:

 

Der Tag, an dem ich begriff, dass Buchhandlungen meine Verbündeten sind, war irgendwann im Jahr 1999. Ich kam in den Laden gerannt und stürmte die schon etwas altersschwache Treppe zur Kinderbuchabteilung hinauf. Gerade hatte ich die ersten beiden Harry Potter Romane gelesen und gehört, es gäbe noch einen dritten. Ich war süchtig und musste ihn haben, sofort, mein Leben hing davon ab. In dem Kaufhaus, wo ich es zuvor versucht hatte, hatten sie ihn nicht gehabt und auch noch nie von der Reihe gehört. („Potter? Wie buchstabiere ich das?“) Letzte Chance also die Buchhandlung Lehmkuhl in der Leopoldstraße. Und tatsächlich, da stand der ersehnte Band im Regal. Der Gefangene von Askaban. Ich griff danach wie Indiana Jones nach einer goldenen Statue, gepackt von Lesefieber und Vorfreude …

Damals war ich fünfzehn, und an diesem Tag wurde mir bewusst: eine Buchhandlung enttäuscht dich nie, sie ist dein Freund. Egal, mit welchem Wunsch ich in den folgenden Jahren den über hundert Jahre alten Laden in Schwabing betrat, ob Hornby, Irving, McCullers, Mulisch oder Chabon, das Buch wartete dort bereits auf mich. Die Mitarbeiter schienen zusätzlich auch über eine Art Geheimwissen zu verfügen, und manchmal weihten sie mich mit verschwörerischer Stimme ein; dann verließ ich das Geschäft mit einer grünweißen Tüte, in welcher der neue Ishiguro lag. Selbst als ich später nach Berlin zog, wartete ich mit dem Kauf von Büchern oft so lange, bis ich wieder in München war und im Laden vorbeischauen konnte. Und natürlich ist auch Robert Beck, die Hauptfigur aus Becks letzter Sommer, ein treuer Lehmkuhl-Kunde.

Im Laufe der Jahre und speziell auf Lesereisen lernte ich dann noch unzählige weitere tolle Buchhandlungen kennen, jede mit eigenen Ideen und Besonderheiten. Immer wieder war ich berührt von der Leidenschaft, mit der viele von ihnen geführt wurden, und wie findungsreich sie sich gegen große Online-Händler erwehrten. Ich habe versucht, mein Bestes zur Unterstützung beizutragen, in dem es zehn Jahre lang gar keine e-books gab – denn ein solches kauft man dann doch eher im Netz statt im Laden um die Ecke. (Auch in Zukunft wird es deshalb das jeweils aktuelle Hardcover immer nur als gedrucktes Buch geben.)

Leider erreichten mich in den vergangenen Jahren immer wieder Meldungen, dass Buchhandlungen, in denen ich gelesen hatte, schließen mussten. Deshalb kann ich auch in diesem Vorwort nur das wiederholen, was mir einmal ein guter Freund über Buchhandlungen sagte, und was mir damals durchaus die Augen geöffnet hatte: „Es bringt nichts, liebevoll an all die kleinen (und größeren) unabhängigen Buchläden zu denken oder sich beim Vorbeigehen daran zu erfreuen, dass es das Geschäft aus der Kindheit ja immer noch gibt – und dann aber seine Romane einfach irgendwo anders zu kaufen oder gleich bequem im Internet zu bestellen. Die unabhängigen Buchläden überleben auf Sicht nur, wenn man auch bei ihnen kauft, Punkt, aus.“

Ich hoffe, dass das Bewusstsein dafür weiter wächst. In diesem wunderbaren Buch kann man sehen, was sonst verloren gehen könnte.