Playlist für den Sommer

In der Juli-Ausgabe des von mir (und Robert Beck) verehrten Rolling Stone Magazine erschien eine Playlist für den Sommer. Es fiel mir wahnsinnig schwer, mich auf zehn Songs zu beschränken. Deshalb habe ich noch zwei Bonus-Tracks in diese YouTube-Playlist geschmuggelt, ab Position 10.

 

Was das alles mit einer frühen Liebe zu Scarlett Johansson und “Lost in Translation” zu tun hat, wieso Jamie T mich ermutigt und auch einige Eighties-Titel dabei sind, die für den nächsten Roman eine Rolle spielen, erfährt man hier:

 

  1. You Only Live Once – The Strokes

Ein idealer Einstiegssong; schwer, da nicht mit dem Fuß zu wippen. Bei diesem Lied muss ich immer an das Strokes-Konzert 2006 in Berlin denken. Während die Band wie gewohnt mit ausgestellter Lässigkeit auf der Bühne stand, traf sie auf eine überraschend enthusiastische, fast glücksbesoffenene Zuhörerschaft. Das herumspringende Publikum machte einen solchen Lärm und sang derart begeistert mit, dass Julian Casablancas irgendwann innehielt und fragte: „Was ist denn nur los mit euch?“ Die Antwort ein lautes Gekreische und Jubel. Was er nicht wusste: das Konzert fand auf dem Höhepunkt des Sommermärchens statt. Letztlich gab die Band ihre übliche Reserviertheit auf und ließ sich mitreißen, ein erstaunliches Konzert.

 

  1. Inner City Blues – Marvin Gaye

In meiner Kindheit gab es eine Menge Gerüchte, die sich ohne Internet oft Jahre hielten. Mark Hamill sei bei einem Autounfall gestorben, sagte zum Beispiel ein Mitschüler von mir, deshalb habe man nach Star Wars nie wieder von ihm gehört. Und auch bei Bob Marley kannte er die Todesursache: Natürlich eine Überdosis Drogen. Heute weiß man, dass beides falsch ist. Hamill kämpfte erst kürzlich tapfer gegen ein durchwachsenes Star-Wars-Drehbuch an, und Marley – mit dessen Songs allein man diese Liste füllen könnte – starb, weil er ein Melanom an seinem Zeh entgegen dem Rat der Ärzte nicht aggressiv operieren ließ. Aus religiösen Motiven bevorzugte er alternative Heilmethoden, die ihn vermutlich jedoch das Leben kosteten.

Auch zu Marvin Gaye gab es tragische Gerüchte, nur leider sind sie wahr: Er wurde tatsächlich im Streit von seinem eigenen Vater erschossen, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag. Die Waffe hatte er seinem Vater selbst noch zu Weihnachten geschenkt. Was bleibt, ist diese unglaublich gute, lässige Musik, etwa sein „Inner City Blues“, der mich oft begleitet, wenn ich mit Kopfhörern in den Ohren durch die Stadt streife.

 

  1. Spider’s Web – Jamie T

Ein fabelhafter Song, der ein paar Durchgänge braucht, um richtig zu zünden, sich dann aber entfaltet und immer besser wird. Überhaupt ist Jamie T einer meiner Lieblingskünstler, auch sein „Sticks ’N’ Stones“ hätte gut in diese Liste gepasst. Das Album Kings & Queens habe ich damals unzählige Male gehört, es besteht aus tausend guten kleinen Ideen, die virtuos zusammengeschmissen wurden, so dass man die Musik nie auf eine bestimmte Richtung festlegen kann. Jamie T‘s Stil ist nicht Ska, nicht Singer/Songwriter und Folk, nicht Punk, nicht Hip Hop. Jamie T‘s Stil ist einzig und allein, er selbst zu sein. Das ist es, was ich an Künstlerinnen und Künstlern immer bewundert habe und was mich ermutigt, selbst verschiedenste Richtungen auszuprobieren.

 

  1. Champagne Coast – Blood Orange

Das Problem an solchen Playlists: man sollte die einzelnen Lieder eigentlich nicht danach aussuchen, ob sie am besten zum Thema passen (wie in diesem Fall Sommer), sondern, ob einem etwas dazu einfällt. Stünde hier ein Song von Arcade Fire, zum Beispiel „Keep The Car Running“, könnte ich viel dazu erzählen. Etwa von ihrem Konzert 2007 in Köln auf der „Neon Bible“-Tour, das für mich noch immer das musikalische Highlight meines Lebens war und vermutlich bleiben wird, und wie die Band dort zusammen mit dem Publikum in eine Art Ekstase geriet und aus den ohnehin schon langen, epischen Songs der ersten beiden Alben endlose Hymnen machte. Ich könnte aber auch schreiben, dass Arcade Fire ein gutes Beispiel dafür sind, dass ein zunehmend perfektioniertes Handwerk noch lange keine besseren Songs garantiert, und dass ich die aufrichtige Wut und das Gefühl der frühen Jahre vermisse. Ja, dass mir das letzte Album sogar ziemlich egal war, bis auf das schöne „We Don’t Deserve Love“ vielleicht. Aber dann wäre diese Sommer-Playlist nicht ehrlich. Und so habe ich stattdessen den Song „Champagne Coast“ ausgewählt, zu dem ich rein gar nichts sagen kann, außer: Gutes Lied!

 

  1. Space Age Love Song – A Flock of Seagulls

Lange bevor ich ein Buch anfange, erstelle ich den dazugehörigen Soundtrack, meist eine Playlist mit hunderten von Songs. Ein musikalischer Kompass, mit dem ich mir auf Spaziergängen schon mal erste Szenen ausdenke und überlege, was zu der Geschichte passen könnte oder welche Stimmung ich haben möchte, bevor dann das eigentliche Schreiben daran ansetzt. Ein alter Tick. Bereits als unveröffentlichter Autor habe ich beim Versenden der Manuskripte oft noch den Soundtrack in Form einer selbstgebrannten CD beigelegt, was für die absagenden Verlage doppelt Arbeit bedeutete – denn so mussten sie immer zwei Sachen wegwerfen. Musik gehört für mich jedenfalls dazu, für mich wird die Geschichte dadurch erst komplettiert. Genauso empfinde ich es auch bei Filmen, nach dem Schauen hole ich mir gern noch den Soundtrack, wenn ich noch etwas länger in der Welt der Geschichte bleiben möchte.

Der Roman, an dem ich gerade arbeite, spielt 1985 in Missouri. Ein langer Sommer, tragisch und beschwingt, im Stile eines John Hughes-Klassikers aus den Achtzigern oder Filmen wie „Stand By Me“ und „The Perks of Being a Wallflower“. Die ersten Songs, die mir dazu einfielen, waren „In A Drawer“ von Band of Horses und „Highway Patrol Stun Gun“ von Youth Lagoon – und eben dieses Lied von A Flock of Seagulls, das auf wunderbare Weise naiv, sehnsüchtig und euphorisch ist. Fällt nicht schwer, sich dazu einen Teenager vorzustellen, der zum ersten Mal verliebt ist und an einem lauen Sommerabend durch ein Kaff im Mittleren Westen schlendert und dabei – allen Problemen zu Hause zum Trotz – nur an sie denkt. Das Ganze geht aber auch noch eine Spur ausgelassener, nämlich:

 

  1. You Make My Dreams – Daryl Hall & John Oates

Ebenfalls ein bekannter Klassiker, aber schlicht unverzichtbar in dieser Liste. Ich mochte schon immer Eighties und New Wave, aber für den nächsten Roman hörte ich mich noch mal jahrelang intensiv hinein. Die ganze Dekade ist eine einzige musikalische Goldgrube, die immer wieder Nuggets wie „The Promise“ von When in Rome oder „Blind Pilots“ von Blancmange abwarf. Am meisten hat mich dabei jedoch die australische Band INXS überrascht. Ich kannte zuvor nur ihre drei, vier größten Hits, aber unglaublich gut sind auch die weniger bekannten Lieder, überhaupt gibt es kaum Musiker, die den Sound der Eighties besser eingefangen haben. Ich erzähle das übrigens, weil das Fiese an einer Playlist mit zehn Songs das Kürzen ist, und am Ende leider auch INXS dran glauben mussten.

 

  1. An Ocean In Between The Waves – The War On Drugs

Es wird immer Menschen geben, die mit dieser Band nichts anfangen können. Aber ich wage mal zu behaupten: Der Unterschied zwischen denen, die The War On Drugs lieben, und denen, die sie so lala finden, ist in der Regel nur, dass erstere die Band öfter gehört haben. Es ist unglaublich, wie sehr die Songs mit jedem Durchgang wachsen, wie sie einem anfangs häufig nur ein Schulterzucken entlocken, ehe man sie plötzlich liebt und süchtig nach ihnen wird. The War On Drugs haben kaum Hits, aber sie erschaffen mit ihren Alben Klangwelten, und dieses Lied hier ist nicht weniger als eine Sensation. Ich besitze kein Auto, aber wenn ich es höre, wünschte ich, ich hätte eins. Und dann denke ich daran, wie ich vor zehn Jahren durch Amerika fuhr, über die Rockys oder entlang der Westküste, und am liebsten würde ich das sofort wieder machen und dazu „An Ocean In Between The Waves“ hören und laut aufdrehen, vor allem beim mächtigen Finale. Und ja, das ist kitschig, sehr sogar, aber was spielt’s für eine Rolle. So gut ist dieser Song.

 

  1. One Of These Nights – Eagles

Ort: Eine nicht näher beschriebene Stadt. Zeit: Dämmerung; allmählich senkt sich die Nacht über die Häuser, es kühlt ab, auf den Straßen ist das nichtssagende Personal des Tages durch ein deutlich interessanteres ausgetauscht worden. Stimmung: Erwartungsvoll, man ist vielleicht verabredet, hat zumindest etwas im Sinn und freut sich auf die nächsten Stunden, hört unterwegs dieses Lied. Ergebnis: Knappe fünf richtig gute Minuten.

 

  1. Fare Thee Well, Miss Carousel – Townes Van Zandt

Gleiches Problem wie bei Blood Orange. Wenn das hier ein Bob-Dylan-Song wäre, könnte ich vermutlich ganze Seiten dazu schreiben. Etwa, wie Dylan sich bei „Becks letzter Sommer“ durch die Hintertür in die Geschichte schlich und am Ende das ganze Buch an sich riss und nebenbei auch meiner Hauptfigur Ratschläge erteilte. Es ist aber nun mal ein Townes-Van-Zandt-Song, zu dem mir leider deutlich weniger einfällt, außerdem habe ich das ohnehin abgedroschene Bild einer musikalischen Autofahrt bereits verbraucht. Dabei würde es auch hier sehr gut passen. Einer meiner besten Freunde hatte mich darauf gebracht, als wir von Berlin aus nach Norwegen fuhren; er meinte, er würde jede längere Reise mit diesem Song beginnen, es gäbe nichts Besseres dafür. Er hatte Recht.

 

  1. Mi Mujer – Nicolas Jaar (Bonus Track)

Der Titel fehlt in der Ausgabe des Rolling Stone, weil ich mich auf zehn beschränken wollte. Er erinnert mich an meine Zeit in Barcelona, an die Nächte dort. Gehört eigentlich noch hier rein, genau wie:

 

  1. Journey To Anyhwere – Ugly Duckling (Bonus Track)

Dieser entspannte, zweite Bonus Track hier. Er beginnt nach dem Intro bei 0:25.

 

  1. Just Like Honey – The Jesus and Mary Chain

Mit diesem Song schließen sich gleich mehrere Kreise. Zum einen diese Playlist, aber auch die Idee einer Sommernacht, denn dieses Lied ist der perfekte Ausklang für den Moment, wenn es schon wieder aufhellt und man in der Früh nach Hause trottet oder vom Dac1 eines Hauses auf die Stadt hinunterblickt. Es greift zudem das Thema Soundtracks auf, denn ich hörte den Song zum ersten Mal bei „Lost in Translation“, ein Film, der mich damals unglaublich traf. Ich war neunzehn und sofort verliebt in die gleichaltrige Scarlett Johansson, ich hörte den Soundtrack immer und immer wieder und hatte nur noch ein Ziel: Wenn schon nicht Scarlett treffen, dann wenigstens einmal nach Tokio reisen. Da ich Flugangst habe und seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr geflogen bin, schien es allerdings fast schon wieder wahrscheinlicher, doch noch irgendwo Scarlett Johansson kennenzulernen. Aber vor zwei Jahren war ich dann tatsächlich in Tokio, per Transsibirischer Eisenbahn, chinesischen Zügen und einer zweitägigen Schiffsreise. Doch das ist eine andere Geschichte, mit einem definitiv anderen Soundtrack.

 

Viel Spaß beim Durchhören!