Wieso mein Text für die Dylan-Anthologe eine Frechheit ist, aber sein musste (Eine Beichte und zugleich Wir-sind-Helden-Huldigung)

Ich muss kurz auf die sensationelle Anthologie „Look Out Kid“ zu sprechen kommen, die anlässlich von Bob Dylans 80. Geburtstags nächsten Monat erschienen ist. Als mich der Herausgeber Maik Brüggemeyer fragte, ob ich auch einen Text beisteuern möchte, wollte ich zunächst absagen. Zum einen habe ich ja mit „Becks letzter Sommer“ zu Dylan gefühlt schon einen ganzen Roman geschrieben, der mit A-Seite und B-Seite wie ein Album aufgebaut ist. Dazu statt Kapiteln einzelne Tracks, die alle nach einem Bob Dylan-Song benannt wurden. Aber damit nicht genug, hatte auch der litauische Schüler Rauli für mich immer etwas vom musisch genialischen (und auch genial flunkernden) jungen Dylan, während Robert Beck seinen Vornamen nicht zufällig erhalten hatte. Und am Schluss tauchte Robert Zimmerman dann auch noch selbst in einem drogengeschwängerten Kapitel auf, um meiner Hauptfigur einen Schubser in die richtige Richtung zu geben.

Vor allem aber habe ich irgendwann gemerkt, dass all meine persönlichen Texte für Anthologien immer ein wenig klingen wie ein Aufsatz aus der Kategorie „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Ich wollte also schon absagen, da dachte ich: Halt, nein, ich mach‘s doch – aber nur auf Dylan-Art. Eine Art Anti-Beitrag also, eine Verweigerung. Und so ist diese nun tatsächlich im Buch gelandet: Ein dreist-kurzer Nichttext (der sich seltsamerweise trotzdem auch wieder wie ein Aufsatz über „Mein schönstes Ferienerlebnis“ liest …)

Viel wichtiger aber: Die Texte der anderen. Ich bin noch nicht ganz durch, aber schon jetzt kann ich sagen: es ist eines der besten Bob Dylan-Bücher, die ich je gelesen habe, einschließlich seiner „Chronicles“. Die Anthologie ist lustigerweise gleich aufgebaut wie „Becks letzter Sommer“, also auch in zwei Hälften und einzelne Dylan-Lieder unterteilt. Und ein echtes Highlight ist für mich direkt „Ballad of a Thin Man“ von Tom Kummer, eine superbe Kurzgeschichte über Dylans Wandel in den 60ern und ein fiktives Gespräch zwischen seinem Manager Albert Grossman und dessen Ehefrau Sally, bis hin zur Frage: Wer ist dieser im Song erwähnte Mr. Jones? (Eine Antwort gibt vielleicht Jan Brandt in seiner Geschichte). Es finden sich aber auch die surreale Anekdote über ein Schachspiel zwischen Bobby Fisher und Dylan von Michael Köhlmeier oder ein erhellendes Interview von Eric Pfeil mit seiner achtzehnjährigen, Dylan-verehrenden Tochter Polly Roche. Tino Hanekamp wiederum war in Mexiko auf der Suche nach einer möglicherweise letzten, noch unentdeckten Dylan-Story, Norman Ohler erzählt unter anderem, wie Dylan einst den Beatles das Kiffen beibrachte und Ringo dabei etwas falsch verstand, Marion Brasch lässt einen Song lebendig werden, und Frank Goosen schildert in einer hinreißenden, mit Zeitkolorit gefärbten Geschichte seine erste Begegnung mit „Bob Dülahn“, aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes.

Und, und, und …

Und dann ist da noch die „Geschichte“ von Judith Holofernes. Ich weiß gar nicht, was ich mit Anfang zwanzig öfter gehört habe, Dylan oder Wir sind Helden. Eine Band, die für mich essentiell wichtig war, die mit „Die Reklamation“ meinen Abitursoundtrack schrieb, mit „Die Ballade von Wolfgang und Brigitte“ später selbst einen mitreißenden und zärtlich von Dylan angehauchten Song veröffentlichte, die mir mit „Kaputt“ eines der für mich persönlich wichtigsten Lieder schenkte und mit „Bring mich nach Hause“ einen Text, bei dem ich tausendmal an Alva aus „Vom Ende der Einsamkeit“ denken musste. Für mich gehört Judith Holofernes zu den besten Poet*innen in diesem Land, ihre Song-Booklets von gestern sind Reclam-Meisterwerke von morgen. Kaum jemand versteht es so mit der deutschen Sprache zu spielen wie sie: Während die meisten deutschen Worte in den Händen von anderen zu sperrigen, schweren Felsbrocken werden, wirken sie bei ihr, als würde sie mit federleichten Orangen jonglieren. Kein Wunder, dass ihre Übersetzung eines Dylan-Liedes so gelungen ist.

Und wenn ich dachte, dass ich mit meinem Verweigerungstext den Geist von Dylan halbwegs erfasst hätte, dann nur so lange, bis ich zu ihrem Beitrag kam. Denn der ist noch näher dran, da schimmert wirklich das erratisch-verwirrende, nie zu erwischende und nur durch ein Absperrgitter zu beobachtende Wesen von Dylan durch. Kongenial mitgespielt von Maik Brüggemeyer, der im Übrigen selbst sehr kluge und fulminante Texte beisteuerte.

Ach, wie schön, dass es dieses Buch gibt. Dylan wird darin auf vielfache Weise erkannt, nicht zuletzt als weniger Geschichtenerzähler, denn ewiger „Geschichtenermöglicher“ – und genau das passiert in dieser Anthologie, die dadurch sehr die Lust weckt, noch mal genauer in sein Werk einzutauchen. Und wie tröstlich sind in diesen dunklen Zeiten seine Songs …

Trotzdem ist Bob Dylan heute nicht in meinem „Gästemix“ in der von mir innig geliebten Sendung ZÜNDFUNK auf Bayern 2 (Vielen Dank an Niklas Schenk für die sehr schöne Moderation, man kann die Sendung hier anhören.) Statt dem Nobelpreisträger von 2016 kommt dafür u.a. ein ebenfalls mythischer Künstler, der im Grunde anderthalb der besten Dylan-Alben aufgenommen hat. Kleiner Tipp: Von ihm sind heute die Zeilen:

 

‘Cause my heart’s become a crooked hotel full of rumours

But it’s I who pays the rent for these fingered-face out-of-tuners

And I make 16 solid half hour friendships

Every evening

(…)

While the rain drank champagne

My Estonian Archangel came

And got me wasted

‘Cause the sweetest kiss I ever got

is the one I’ve never tasted